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Vierter Stock Herbsthaus - Der Schrecken einer Nacherzählung

Vierter Stock Herbsthaus»Vierter Stock Herbsthaus«
Der Schrecken einer Nacherzählung

Lena ist Studentin und möchte durch ein Medizinstudium ganz groß herauskommen. Doch zwischendurch muss sie auch mal etwas Geld verdienen. Selbiges tut sie daher für eine gewisse Zeit in einem Schlaflabor. Und wäre da nicht der Angestellte Alex, dann würden die Nachtschichten vor den Monitoren durchaus etwas gruselig sein. Wie gruselig es aber wirklich noch werden wird, ahnt Lena in diesem Moment noch nicht einmal ansatzweise.

Vierter Stock HerbsthausIn dieser Nacht jedenfalls zeigt der Patient Schlechter in seinem Zimmer des Schlaflabor einige recht seltsame Verhaltensweisen, die bald darauf in einem äußerst bizarren und blutigen Selbstmordversuch gipfeln.

Lena scheint diese schreckliche Nacht sogar am besten verkraftet zu haben, dennoch macht sich Dr. Strauss scheinbar über sie erhebliche Gedanken. Was Lena jedoch von seiner Seite aus als eine Art Fürsorgepflicht betrachtet, hat weitaus andere Gründe, die sie zu diesem Zeitpunkt nicht einmal erahnen kann. Dafür gibt es von unerwarteter Seite für Lena Hilfe bei der Wohnungssuche. Doch auch hier ahnt sie nicht einmal im Ansatz, dass Dr. Strauss hier durchaus auch seine Finger mit im Spiel haben könnte.

Ihr letzter Satz klang wie ein Befehl. Allerdings klingen viele der Sätze, die dieses Monstrum von Krankenschwester im Laufe einer Schicht sagt, wie Befehle. Diese Stimme passt zum Körper, in dem sie wohnt.

(Oliver Susami: Vierter Stock Herbsthaus / Seite 48)

Das Angebot für Lena und ihre Lebensgefährtin Paula in Sachen bezahlbare Wohnung scheint im ersten Augenblick jedenfalls schöner zu sein, als sie sich es hätte träumen lassen.

Das seltsam geformte Haus steht im Prinzip fasst leer. Nur eine Familie und eine alte Dame bewohnen diesen gewaltigen Bau über mehrere Stockwerke noch, welches man eigentlich unter dem Namen "Herbsthaus" her kennt.

65 Quadratmeter samt Balkon im vierten Stock und das ganze dann auch noch für nicht mehr als 200 Euro Miete. Da lassen sich Lena und Paula nicht wirklich lange bitten. Selbst der Haken an der Sache kann die zwei jungen Frauen nicht wirklich abschrecken. Denn für diesen günstigen Mietpreis sollen sie täglich einen Rundgang durch das alte und fasst verlassene Haus machen um nachzusehen, ob alle Türen verschlossen, alle Fenster intakt sind, das Licht funktioniert und kein Müll herumliegt.

Doch es dauert nicht wirklich lange für Lena und ihr stehen einige Vorkommnisse und Begegnungen im "Herbsthaus" bevor, die es nach den Gesetzen der Vernunft eigentlich nicht geben kann ... nicht geben darf.

Mir kamen diese Projekte mehr als obskur vor, Schubert hatte auf seine alten Tage, möglicherweise unter dem Eindruck seines eigenen körperlichen Niederganges, angefangen, sich für Parapsychologie zu interessieren, für Geistererscheinungen, Berichte aus dem Jenseits, Gegenstände, die sich nur durch Gedankenkraft bewegen, solche vermeintlich verrückten Dinge eben ... nichts, mit dem sich Wissenschaftler befassen, denen noch an ihrer Reputation gelegen ist.

(Oliver Susami: Vierter Stock Herbsthaus / Seite 198)

Oliver SusamiDas Grauen schleicht sich heimlich an:
Da löst ein Kleid bereits Panikattacken aus, welches Paula im Keller findet und direkt zu Beginn scheint es für Lena auch gerade so, als gäbe es den Ausgang aus dem vierten Stock des Herbsthauses plötzlich nicht mehr.

Bald hat sie sogar Panik davor, im eigentlichen Schlafzimmer zu schlafen, was nicht nur daran liegt, dass dicke Fliegen aus irgend einem seltsamen Grund stets nur dieses Zimmer aufsuchen, um dann darin tot auf dem Boden zu landen. Der wahre Schrecken für Lena besteht allerdings bald darin, dass sie eines Nachts zwischen Tür und Schrank eine Art aufrechtstehendes Tier in der Dunkelheit sieht, welches sie einfach nur anstarrt, bei Licht betrachtet aber verschwunden zu sein scheint.

Die Angstzustände von Lena machen indessen Paula immer größere Sorgen, wobei sie allerdings auch bald immer ungehaltener auf Lenas Angstzustände reagiert. Paula verschließt in diesem Punkt lieber die Augen, hält sich an das was sie als Realität definiert und zwingt Lena geradezu, sich ärztliche Hilfe eines Psychologen zu suchen.

Die Worte kommen leise, flach, ohne jede Betonung. Etwa zehn Sekunden vergehen, bevor Strauss nachhakt.
"Wer ist das denn, ihre Geliebte?"
Schlechter hebt den Kopf und lächelt. Es ist ein böses, ein tückisches Lächeln, ein Lächeln, von dem mir kalt wird. Mit diesem Mann ist etwas ganz und gar falsch. Ein Mann, der so lächelt, ist zu allem fähig.
"Halt dein Maul", zischte Schlechter. Wieder vergehen einige Sekunden, bevor Strauss spricht.

(Oliver Susami: Vierter Stock Herbsthaus / Seite 208)

Dies macht Lena auch und sucht ihrerseits wiederum Dr. Strauss aus dem Schlaflabor auf. Doch damit wird die Sache nur noch verworrener. So erfährt sie von Strauss, dass ein verstorbener Freund und Kollege von ihm bis zu seinem Tode über die unheimlichen Fälle im vierten Stock des Herbsthauses Fakten und Hinweise sammelte. Aber sie erfährt ebenso, dass der Patient mit Namen Schlechter, der im Schlaflabor Selbstmord begehen wollte, ebenfalls vorher im Herbsthaus gelebt hatte. Ja, Dr. Strauss scheint alles mit dem ihm bekannten Vermieter sogar eingefädelt zu haben, nur damit Lena gemeinsam mit Paula in die Wohnung einzieht. Hierfür trug Dr. Strauss sogar einen Teil der eigentlich geforderten Miete für die Wohnung bisher heimlich mit.

Strauss bietet Lena nunmehr zusätzliches Geld, wenn sie im Herbsthaus wohnen bleibt und weiterhin Nachforschungen hinsichtlich der übernatürlichen Ereignisse darin sammelt. Denn Strauss, welcher selbst unheilbar an Krebs erkrankt ist, will Gewissheit darüber erlangen, ob nach dem Tod alles vorbei ist und das Leben so eigentlich keinen tieferen Sinn besitzt, oder ob das Leben doch in einer anderen Form fortbesteht.

Lena geht auf das Angebot von Dr. Strauss ein, zumal dieser ihr glaubhaft versichert, dass die bisherigen übernatürlichen Erscheinungen niemals das Leben von Frauen ernsthaft bedroht hätten. Dabei ahnt Lena nicht einmal im Ansatz, in welchem erschreckenden Maße die Vorkommnisse im Herbsthaus ihr weiteres Leben noch verändern werden.

S3Von "S3" in den vierten Stock des Herbsthaus:
Wer sich hier nun fragt, was es mit der Bezeichnung "S3" auf sich hat, den möchte ich hier nur einmal kurz an meine Rezi zum entsprechenden Buch erinnern, welches im Zauberspiegel unter dem Titel Ein Einblick in das Unheimliche – Oliver Susami: S3 bereits seit längerem nachzulesen ist.

In "S3" gelingt es dem Autor Oliver Susami nämlich geradezu perfekt, den Leser bis zur letzten Seite im Zweifel zu lassen, ob diese Geistererscheinungen im Bibliothekstrakt S3 der Universität nun eine erfundene Geschichte darstellt, oder diese nicht doch auf realistischen Erfahrungen basieren. Dabei gibt es bei Susami keine Helden, die sich in die Gefahren des Übernatürlichen stürzen und es gibt keine Leichen und keine ausufernden phantastischen Szenen, wie man sie sich aus üblichen Gruselromanen vorstellen könnte. "S3" kommt eher wie eine Tagebuchaufzeichnung oder mitunter wie eine Sammlung von Eindrücken absolut sonderbarer Vorkommnisse daher. So gelingt es dem Leser nie, wirklich an einem gewissen Punkt der Geschichte nun mit Gewissheit sagen zu können, ob das dort beschriebene nun der Phantasie des Autors entsprungen ist, oder es sich doch um reale Schilderungen handelt, welche er hier schriftlich mit seinen eigenen Eindrücken aus "S3" verbindet.

Genau an diesem Punkt macht hier im Buch VIERTER STOCK HERBSTHAUS der Autor Oliver Susami weiter. Denn auch hier spricht er im Vorwort nicht von einer sehr gut ausgearbeiteten, aber dennoch erfundenen Gruselgeschichte, sondern von einer "Nacherzählung" die auf Tatsachen beruhe. Diese Geschichte nämlich (so bringt es uns Susami im Vorwort ja bereits näher) soll auf einen Bericht einer jungen Frau basieren, die ihrerseits eben sein Buch "S3" gelesen hatte und sich daher entsprechend mit ihrer "wahren Begebenheiten" nun vertrauensvoll an ihn wendet. Es bleibt also auch hier wiederum dem Leser selbst überlassen, ob er am Ende glaubt, was ihm hier vorgetragen wird, oder ob er diese Geschichte für ein reines, aber durchweg spannendes Phantasieprodukt hält, mit dem der Autor ihn versucht, aufs Glatteis zu führen.

Auch in VIERTER STOCK HERBSTHAUS sollte man sich von allem trennen, was man aus gängigen Gruselromanen so kennt und entsprechend lieben gelernt hat. Denn nichts in dieser Geschichte klingt an einem gewissen Punkt unlogisch oder etwa dem Spannungsaufbau entsprechend an den Haaren herbeigezogen. Lena und ihre Lebensgefährtin Paula wirken von ihrem ganzen Wesen her z.B. so unterschiedlich, dass es schon fasst wieder logisch erscheint, dass diese zwei jungen Frauen eine gleichgeschlechtliche Beziehung eingehen könnten in der eine der Frauen (in diesem Fall Paula) den eher männlich anmutenden, durchsetzungsfähigeren Part einnimmt. Aber auch Dr. Strauss wirkt hier in keinster Weise unlogisch. Sein Leben mag bisher auf Fakten und wissenschaftlichen Grundlagen basiert haben, doch der unabwendbare Tod durch eine unheilbare Krankheit lässt ihn sich durchaus an so manchen Strohhalm klammern, wenn es plötzlich um die Frage des tieferen Sinn des Lebens (und gerade des eigenen) geht.

Auch die Vorkommnisse, die Lena immer mehr in Angst und Schrecken versetzen, erscheinen im ersten Moment eher wie pure Zufälle der Orientierungslosigkeit oder als Ausgeburten einer viel zu lebhaften Fantasie der jungen Frau. Es sind jedoch die vielen Kleinigkeiten wie etwa das Schlafzimmer, in dem die Fliegen sich scheinbar zum sterben zusammenfinden oder der Fahrstuhl den man besser nicht mehr benutzen sollte, die dann den Leser im Hinterkopf eindringlichst davor warnen, die Visionen von Lena als pure Spinnerei abzutun.

Das einzige, wohl blutige Element dieser Geschichte bekommen wir als Leser gleich zu Beginn geboten. Es handelt sich hierbei um den Patienten Schlechter, der sich in der Nacht im Schlaflabor mehr als recht seltsam verhält und dann plötzlich einen äußerst grauenvollen Selbstmordversuch unternimmt, den Lena und eben auch ihr Mitarbeiter miterleben müssen.

Es sind weniger die plötzlich auftauchenden Momente des Schreckens, die diesen Roman (oder vielleicht doch eine reale Nacherzählung?) wirklich spannend und gruselig erscheinen lassen. Denn mit wirklich vielen Elementen des plötzlichen Schreckens wird man als Leser nicht gerade in der Handlung reich konfrontiert. Viel eher kommt hier der Schrecken auf sehr leisen Sohlen, schleicht sich beim lesen heimtückisch von hinten an um dann kalt und unangenehm langsam über den eigenen Rücken des Lesers zu kriechen.  Es sind die kleinen Dinge, die den Leser ähnlich wie Lena in der Geschichte selbst, in eine Art diffuse Angst versetzen, welche man nicht greifen oder genau beschreiben könnte, bei der man aber jeden Moment damit rechnet, dass etwas uns direkt aus der finsteren Ecke des Raumes her anspringen könnte.

Und am Ende wird eben das Böse oder Übernatürliche nicht mit einem Kreuz, Silberkugeln oder Weihwasser besiegt werden, sondern man zieht eher nur seine Lehren aus dem erlebten, egal ob es hierbei um Lena aus der Geschichte oder eben aus der Warte des Lesers selbst geht. So bekommt man am Schluss eben auch kein Happy End geboten, eher aber eine Warung vor etwas, an das wir an normalen Tagen nicht glauben (mögen). An etwas, welches wir nicht mit rationalen Erklärungen wirklich erfassen können und an die Dinge, die es zwischen Himmel und Erde zu geben scheint, selbst wenn wir sie ansonsten mit einem mitleidigen Lächeln in das Reich einer überspannten Phantasie verschieben möchten. Und selbst am Ende lässt sich das, was hier für eine Menge Gänsehaut verantwortlich ist ... oder zu sein scheint ... nicht einmal wirklich als das gesicherte Böse kennzeichnen, nur weil wir es aus einer unbestimmten Angst heraus gerne in diese Schublade stopfen möchten.

Mit VIERTER STOCK HERBSTHAUS gelingt es Oliver Susami jedenfalls (egal ob nun wirklich nur reine Phantsie des Autors oder doch mit realistischen Hintergründen) wieder ein Buch vorzulegen, welches mitunter Angst machen kann, ohne dabei knietief im Blut diverser Opfer waten zu müssen. Die Geschichte selbst kommt nämlich mit allem so intensiv realistisch daher, dass sie auf die üblichen Elemente diverser gruseliger Groschenromane locker verzichten kann. Dabei muss ich hier aber auch die Warung für Leserinnen und Leser aussprechen, dieses Buch nicht kurz vor dem einschlafen zu lesen. Zumindest gerade dann nicht, wenn man eher geneigt ist, etwas gelesenes gerne in seine Träume mit einzubauen. Dies könnte nämlich zu gehörigen Albträumen führen, die einen erholsamen Schlaf mehr als nur ruinieren können. Ansonsten kann ich jedoch VIERTER STOCK HERBSTHAUS eigentlich nur jedem empfehlen, welcher mal wieder gerne etwas schleichend-schauriges lesen möchte, was allerdings dem üblichen Mainstream des Genre nicht so wirklich folgen mag.

Vierter Stock HerbsthausEventuell auch, weil sich eine solche Geschichte vielleicht gerade auch im Nachbarhaus ereignen könnte. Weil das Geschilderte sich einfach auch als sehr realistisch auf uns herabsenkt, kann ich diesem Buch hier locker alle fünf von insgesamt fünf Geistererscheinungen als positive Bewertung verleihen.

Vierter Stock Herbsthaus - Eine Nacherzählung
von Oliver Susami
Genre: Moderne Schauerliteratur
Seitenanzahl Printausgabe: 454 Seiten
ISBN: 978-1495491443
Taschenbuch mit Samtumschlag
Erstveröffentlichung: Februar 2014
Preis/Printausgabe: 13,99 Euro
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Kommentare  

#1 Andreas Decker 2018-03-29 12:41
Das Cover ist schon gruselig genug ;-)
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#2 Laurin 2018-03-29 19:38
Ja, das Cover ist nicht gerade ein Hauptgewinn, da gebe ich dir recht, Andreas Decker. Der Roman darin allerdings war es. Eben halt nicht das übliche und doch fesselnd. :-)
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