Leit(d)artikel KolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Der Tod kommt aus dem Nichts - Graham Masterton – Grauer Teufel

Graham Masterton – Grauer TeufelDer Tod kommt aus dem Nichts
Graham Masterton – Grauer Teufel

Jerry macht das, was viele werdende Väter wohl so tun. Sie kümmern sich um das zukünftige Kinderzimmer, streichen die Decke und bringen die Tapeten an die Wand. Schließlich soll der Nachwuchs nicht nur behütet, sondern auch in einem schönen und liebevollen Umfeld aufwachsen. Und dann passiert es, er hat sich scheinbar verletzt und die Wunde ist nicht gerade klein. Doch war dies wirklich nur seine Ungeschicklichkeit?


Alison, seine hübsche und hochschwangere Frau ruft ihn gerade zum Essen, doch Jerry bemerkt in diesem Moment, dass die Verletzung eben kein denkbarer Unfall ist. Er verliert nun immer mehr Blut aus immer mehr Verletzungen die er sich nicht erklären kann. Und als Alison den Krankenwagen rufen will, scheint das Telefon nicht richtig zu funktionieren.

Panik macht sich breit bei Alison, denn Jerry scheint es immer schlechter zu gehen und er verliert einfach zu viel Blut. Dann, als endlich Hilfe eintrifft und Alison zur Tür eilen will, schlägt das unsichtbare Böse erneut zu. Sie wird die Tür nicht erreichen und noch eher sterben als ihr Mann Jerry.

 Unten schlug die alte Standuhr in der Diele dreimal. Eins. Pause. Zwei. Pause. Drei. Es klang, als zählte sie melancholisch nach, wie viele Leben vor dem nächsten Schlag verloren gingen.

(Graham Masterton: Grauer Teufel, Seite 5)

Graham Masterton – Grauer TeufelVom Helfer zum Getriebenen:
Decker Martin ist Polizist mit einem recht eigenwilligen Hang zum Humor, den er mitunter bei den Befragungen von Zeugen an den Tag legt. Im Grunde ist dieser recht blutige Fall für ihn auch klar. Es muss ein Familienstreit gewesen sein, denn niemand hätte sich von außen Zutritt in das innere des Hauses verschaffen können und nirgendwo findet man auch nur den kleinsten Beweis dafür, dass sich eine dritte Person im Haus aufgehalten haben könnte. Trotzdem würde eine Verurteilung des selbst schwer verletzten Mörders nur anhand von Indizien möglich sein, denn die Waffe ist seltsamer Weise nirgendwo zu finden. Weder im Haus noch davor.

Decker Martin ist privat eher dem weiblichen Geschlecht zugetan, als sich die Zeit mit irgendwelchen mysteriösen Mordfällen herum schlagen zu müssen. Die Wochenenden verbringt er so denn auch lieber im Bett der Frau seines afroamerikanischen Chefs, die in Sachen Sex mehr als nur unbefriedigt erscheint. Und auch eine andere junge Dame seines Reviers eröffnet ihm gerade mal, dass sie vielleicht schwanger von ihm ist. Und wenn es ein Fall so mit sich bringt, dass er auf eine attraktive Schönheit trifft, so gilt sein Augenmerk wohl eher erst einmal den rassigen Kurven der jungen Dame als dem gerade vorliegenden Fall.

Decker ist also nicht gerade ein Polizist wie er im Lehrbuch steht. Ein Schürzenjäger der gerne auch mal abseits der normalen Wege geht, wenn es ihm in einem seiner Fälle etwas nützt. Doch Decker war nicht immer so. Einmal war er sogar völlig anders. Jedenfalls zu der Zeit, als er noch mit der Frau zusammen war, die für ihn die Liebe seines Lebens gewesen ist. Doch Cathy ist tot, aus dem Leben gerissen und ermordet, ohne das er die wahre Schuldige hierfür hätte hinter Gittern bringen können. Queen Ache, eine Frau, die ihre Macht in der Unterwelt der Santeria-Religion und ihrer Kräfte verdankt.

“Ich bin jetzt 15“, brachte Michael zu seiner Verteidigung vor.
„15? Echt jetzt? 15. Gott … als ich in deinem Alter gewesen bin, war ich auch mal 15. Kannst du dir das vorstellen?“

(Graham Masterton: Grauer Teufel, Seite 166)

Und dann sind da noch die Träume von Decker, in denen er sich nicht nur immer wieder in einer brennenden Hölle im Kampf der Süd- gegen die Nordstaatler befindet, sondern auch immer wieder auf seine tote Liebe Cathy trifft, die ihn vor der Rache der heiligen Barbara warnen will. Doch was hat die Heilige Barbara mit einer tödlichen Rache an ihm zu tun? Und warum sollte sie sich an ihm überhaupt rächen wollen?

Weitere interessante Charaktere:
Hicks, Deckers Partner ist hingegen ein völlig bodenständiger Polizist, der hier in der Küstenstadt Richmond im Süden der USA  endlich mal richtige Verbrecher jagen will, anstatt in seinem Heimatstädtchen nur Betrunkene von der Straße aufzulesen. Seine Frau Rhoda jedoch fühlt sich in der neuen Umgebung nicht wirklich wohl. Vielleicht mag es auch daran liegen, dass sie irgendwie einen Draht zu Dingen besitzt, die nicht gerade im Bereich dessen liegen, was ihr Mann als Normal bezeichnen würde.

Die ältere Dame Eunice Plummer und die kleine Sandra werden indessen bald zu wichtigen Menschen für Decker Martin. Denn Sandra, selbst ein behindertes Mädchen mit Downsyndrom ist scheinbar in der Lage den wahren Mörder zu sehen, den sonst niemand sehen kann. Doch in welcher Gefahr schwebt sie, wenn das Böse erst einmal Kenntnis davon nimmt, dass sie sehen kann, was den normalen Menschen verwehrt bleibt.

Als letztes ist noch Queen Ache zu nennen. Sie zelebriert nicht nur den Glauben des Santeria, sondern ist mit dieser Religion und ihren Kräften zu einer der wohl gefährlichsten Gegner, nicht nur für Decker Martin geworden. Doch eventuell ist Decker sogar auf diese teuflische Frau und ihre Kräfte angewiesen, wenn er den „grauen Teufel“ davon abhalten will, weitere bestialische Morde zu begehen. Schließlich scheint auch Decker selbst auf der Liste möglicher weiterer Opfer des Bösen zu stehen.

„Oh, es gibt noch weitaus schlimmere Torturen als diese. Manchen Konvertiten des Christentums hat man den Bauch aufgeschnitten und mit Mais gefüllt, damit sich die Schweine daran laben konnten und gleichzeitig die Innereien der armen Opfer verschlangen.“

(Graham Masterton: Grauer Teufel, Seite 269)

Graham Masterton – Grauer TeufelNicht einfach ein Monster:
Graham Masterton ist ein Schriftsteller der den Leser, wie Steve Gerlach es zu sagen pflegt, mit Schilderungen vermeintlich normaler Ereignisse völlig aus der Fassung bringen kann. Längst hat für mich daher Graham Masterton in Sachen Horror dem späteren Stephen King den Rang abgelaufen.

Auch hier zeigt sich bei allen Freiheiten die sich der Autor für die Handlung seines Roman nimmt, dass er verdammt gut recherchiert hat. Man braucht nur einmal – und dies habe ich aus reiner Neugierde auch gemacht – im Internet als Suchbegriff die Bezeichnung „Santeria“ einzugeben und wird mit jeder Menge interessanter Hintergrundfakten geradezu überhäuft. Diese Religion, die aus einer Mischung aus afrikanischem Götterglauben und dem Christentum besteht, ist dabei nicht so handzahm wie man es von dem heutigen katholischen Glauben her kennt.

Im Grunde entstammt sie der spanischen Sklavenhaltung, bei der die afrikanischen Sklaven, die nach Kuba verbracht wurden, zwangsweise christianisiert wurden. So wurden die mitgebrachten Riten und Götteranbetungen weiterhin unter dem Deckmantel der katholischen Religionsausübung betrieben. Denn eines hatten die Sklaven schnell herausgefunden. Die katholische Religion mit ihren Heiligen und heilig gesprochenen Menschen ließen sich grob gesehen recht schnell und unkompliziert auf ihre oberen und niederen Götter übertragen. Genau dieses Informationen nutzt Graham Masterton in dem vorliegenden Horrorroman vorzüglich und äußerst interessant für seine Handlung.

Doch Masterton geht noch weiter, indem er auch eine Querverbindung zum amerikanischen Bürgerkrieg der Nord- und Südstaaten zieht und so den Schrecken genial in die Realzeit transportiert. Bereits zu beginn des Romans, den ich oben nur im Ablauf recht bruchstückhaft angerissen habe, bringt der Autor den Leser auf ein Spannungslevel, dass förmlich mitreißt und den Leser Seite um Seite weiter treibt. Man sollte allerdings auch darauf gefasst sein, dass manche Szenen nicht unbedingt für sanfte Gemüter geschrieben sind.

Doch halt. Einen dauerhaft in Blut und Gedärm triefenden Splatter-Roman kreiert uns Graham Masterton deshalb hier noch lange nicht. Vielmehr bleibt er durchaus in der Tradition des klassischen Horrors mit einigen wenigen drastischen Schilderungen aber dafür reichlich düsterer Atmosphäre verhaftet. Im Kopfkino läuft die Handlung daher auch ab wie ein sehr gut gemachter Horrorfilm mit interessanten Wendungen und dunklen Elementen.

Rundum kann man ohne Übertreibung daher sagen, dass dieser Roman GRAUER TEUFEL im weiteren Verlauf nicht nur das hohe Level an Spannung halten kann, sondern den Leser geradezu an das Buch bis zur letzten Seite zu fesseln versteht.

Positiver Weise unterlässt es Masterton auch hier, sich zu weit vom eigentlichen Thema der Handlung zu entfernen, indem er zu weit abschweift oder Nebensächlichkeiten einen zu großen Raum überlässt. Letzteres sorgt ja wie bekannt bei Stephen King stets für eine hohe Seitenzahl bei seinen Büchern, was durchaus mitunter etwas an Seitenschinderei erinnert. Ein Umstand übrigens, der bei Kings Kurzgeschichten nicht zum tragen kommt, weshalb wohl auch nicht wenige gerade seiner Kurzgeschichten erfolgreich verfilmt wurden.

Masterton hält indessen die rote Linie in der Handlung perfekt ein, schweift nicht ab und schreibt doch so intensiv und bildhaft, dass es einem manchmal die sprichwörtliche Gänsehaut auf die Oberarme treibt. Dabei sorgt er aber auch sehr wohl dafür, dass seine Charaktere nicht zu blass und unfertig wirken, sondern glaubwürdig und absolut menschlich herüber kommen und so der Handlung ein rundes Bild verschaffen. Wer jedoch den knackigen wie unrealistischen Heldencharakter sucht, an dem alles abperlt was nicht moralisch einwandfrei ist, der sollte sich doch auf ein höheres Niveau einstellen, als er es in diversen Heftromanen geboten bekommt. Nicht umsonst hat Graham Masterton im FESTA Verlag längst den Titel „Englands Großmeister der Angst“ verliehen bekommen, was schlicht den Nagel auf den Kopf trifft.

Von mir erhält der Roman GRAUER TEUFEL von Graham Masterton daher wieder einmal die volle Punktzahl und eine absolute Leseempfehlung.
Graham Masterton – Grauer Teufel
Grauer Teufel
(The Devil in Gray)
von Graham Masterton
Erstveröffentlichung: 2004
Verlag: Leisure Books, USA
Genre: Horror
Seitenanzahl: 416 Seiten
ISBN: 978-3-86552-409-6
Deutsche Erstveröffentlichung: August 2015
Übersetzung: Alexander Rösch
Titelbild: Arndt Drechsler
Preis: 13,95 Euro
Ausführung: Paperback/Umschlag in Lederoptik
FESTA

Kommentar schreiben

Probehalber öffnen wir wieder den Gästezugang für Kommentare. Wir werden sehen, wie lang es dauert. Da diese nicht automatisch publiziert werden, kann es eine Weile dauern, bis diese freigeschaltet werden

Please notice: If you are not a registered user, your comments have to de moderated. It may be last some time till it appears ...

- Bitte nehmt Rücksicht auf andere und kommentiert zum Thema und bleibt sachlich...
- Rassistische und diskriminierende Kommentare werden nicht zugelassen
- Kommentare werden begutachtet und dann - unverändert - frei geschaltet.


- Nur noch Administratoren [SuperUsern] ist es gestattet Kommentare zu editieren - bitte den Zusatz mit einem geeigneten Wort wie "Edit" kennzeichnen - oder zu löschen

- Wer Kommentare entfernt haben möchte, wende sich bitte via Kontaktformular oder Mail an den Administrator. Dann wird darüber entschieden.

Sicherheitscode
Aktualisieren

Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Wir verwenden Cookies, um Inhalte zu personalisieren und die Zugriffe auf unsere Webseite zu analysieren. Indem Sie "Akzeptieren" anklicken ohne Ihre Einstellungen zu verändern, geben Sie uns Ihre Einwilligung, Cookies zu verwenden.