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Das wahre Böse stirbt nie – Bryan Smith: Herrin des Blutes

BlutherrinDas wahre Böse stirbt nie
Bryan Smith: Herrin des Blutes

Die Hölle im „Unten“, wie die Gepeinigten es nannten, ist nicht mehr. Der Meister ist Tod. Sein Reich, entstanden aus der Manipulation der physischen Welt, existiert nicht mehr. Zeit also für Chad und Dream, wieder in die Normalität zurück zu finden und an einer besseren, gemeinsamen Zukunft zu arbeiten. Doch die Schatten, die das Ende des Romans HAUS DES BLUTES geworfen hat, sind lang und das Böse stirbt nicht, es lauert nur auf eine weitere, bessere Gelegenheit.


BlutherrinErst im Verlauf der grausamen Ereignisse wurde sich Chad Robbins über seine wahren Gefühle für Dream Weaver bewusst. Zeit also, um sich ein neues Leben aufzubauen, weit ab von dem durchlebten Grauen und fern der Medien, die immer noch über die rätselhaften Ereignisse berichten, zu denen selbst die höheren Stellen der ermittelnden Polizei tunlichst schweigen. Doch alles was passiert, hinterlässt auch seine Spuren auf der Seele, ähnlich den Narben auf der Haut. Und so ist das scheinbare Happy End für Chad und Dream nur eine kurze Verschnaufpause. Schon nach einer gewissen Zeit trennen sich ihre Wege daher wieder. Während Chad mit der hübschen Allyson Vanover eine neue intensive Beziehung beginnt, befindet sich Dream auf einem gefährlichen und selbstzerstörerischen Weg durch die USA.

Und plötzlich taucht Jim, den alle in der Hölle des Meisters nur ehrfürchtig Lazarus nannten, wieder bei Chad auf. Und Jim traut Allyson nicht. Sein Misstrauen scheint sich zu bestätigen, denn Allyson hegt einige Geheimnisse, die Chad niemals erfahren sollte. So mag es Chad auch erst einmal wie ein Schlag in die Magengrube vorkommen, als sich herausstellt, das Allyson in ihrem früheren Leben ihr Geld als Pornodarstellerin verdient hatte. So jedoch tröpfelt Dank Lazarus die Wahrheit nun Scheibchenweise heraus, während man sich auf den Weg gemacht hat, einen neuen und sicheren Platz aufzusuchen, den sich die Gepeinigten von damals geschaffen haben. Denn längst haben sich kaltblütige Häscher aufgemacht, die aus der Hölle des Meisters Entflohenen ausfindig zu machen und zu jagen. Ach wüsste Chad nur, was Allyson ihm noch verschweigt.

Sie senkte die Spitze ihren Absatzes gerade so weit, dass sie den Augapfel des Jungen berührte. Terry kreischte auf und versuchte, sich aus dem Griff seiner Häscher zu befreien. Aber es war sinnlos. Es gelang den Schülern, ihn festzuhalten, während Miss Wickman den Druck zunehmend erhöhte. Sie sah mit atemloser Spannung zu, wie der Absatz ein Grübchen in die Oberfläche seines Augapfels presste und das Gewebe rundum hervorzuquellen begann.

(Bryan Smith: Herrin des Blutes / Seite 56)

Alkohol, schneller Sex und Gewalt prägen das Leben von Dream Weaver, seit sie sich von Chad Robbins wieder getrennt hatte. Die vergangenen Ereignisse haben ihr Leben scheinbar für immer aus der Bahn geworfen. Und irgendwie beginnen die unheilvollen Kräfte in Dream, die seit ihrem Zusammentreffen mit dem Meister begonnen haben, zu wachsen und alptraumhafte Nebeneffekte zu zeitigen. Alicia Jackson, ihre beste Freundin, die von der sadistischen Miss Wickman zu Tode gefoltert worden ist, taucht plötzlich wieder bei ihr auf. Zuerst scheint nur Dream sie, die nun aussieht wie ein übel zugerichteter Zombie, sehen und hören zu können. Doch was passiert, wenn Alicia keine Einbildung ihres kranken und durch Alkohol vernebelten Geistes ist? Ein weiterer Fehler von Dream könnte sein, das sie die junge Ellen brutal in der Toilette zusammengeschlagen hat, denn Ellens ältere Schwester Marcy und ihre Bande sehen das als einen unverzeihlichen Fehler an. Besonders für Marcy, die bereits das Leben eines Obdachlosen auf dem Gewissen hat, kann nur ein langsamer Tod eine halbwegs brauchbare Bestrafung darstellen. Vielleicht hätte die kleine Ellen diesen Rachefeldzug nicht in Gang gesetzt, hätte sie gewusst, welche vernichtenden Kräfte sich in Dream Weaver gerade zur höchsten Blüte entwickeln.

Sie presste ihr Gesicht gegen die andere Frau und starrte in deren hervorquellende Augen, während ihre suchenden Finger die pochende Muskelmasse fanden. Sie hielt den Blick der anderen noch einen Moment lang fest und weidete sich an der Qual und der Todesangst der Massenmörderin. Dann schloss sie ihre Hand um das Herz, drehte es unsanft herum und riss es aus dem Körper heraus. Ihre rot triefende Hand tauchte mit einem nassen Ploppen aus dem Loch unter dem Brustbein der Frau auf.

(Bryan Smith: Herrin des Blutes / Seite 156)

Irgendwo dort draußen verwandeln sich durch unglaubliche magische Kräfte, die grauenhaften Illusionen von Miss Wickman in pure Materie. Längst hat die Sadistin damit begonnen, im Geiste ihres getöteten Meisters eine neue Hölle zu errichten. Größer, bizarrer und tödlicher als je zuvor. Selbst Giselle, die Schülerin des Meisters und selbst magisch begabt, fristet nun ein elendes Dasein in einem Käfig mitten in der unaussprechlichen Dunkelheit. Und nichts bereitet Miss Wickman mehr Freude, als die bildschöne Giselle, die zur Verräterin am Meister wurde, für ihre Verfehlungen auf qualvolle Art zu foltern. Damit Giselle keine Chance mehr hat, ihre Magie gegen Miss Wickman einsetzen zu können, nimmt man sie nicht nur durch einen Trick gefangen und belegt sie mit einem Bann, sondern verstümmelt sie auch, indem man ihr die Hände nimmt. Die einzige Erlösung für Giselle wäre der eigene Tod, doch so einfach wird es ihr Miss Wickman nicht machen. Nur einer der Todesgötter könnte Giselles Schicksal noch einmal wenden, doch würde es ihr wirklich gelingen, Azaroth Hilfe noch einmal erflehen zu können, und wenn ja, um welchen Preis?

Auf der anderen Seite hat Miss Wickman längst ihre menschlichen Bluthunde ausgesendet, um die ehemaligen Sklaven der unterirdischen Hölle zu jagen, um sie nunmehr in ihre neue Hölle zurück zu schleifen. Die Freiheit sollte für die Befreiten nie von Dauer sein und Sicherheit ist nur eine weitere teufliche Illusion für die ehemals Gepeinigten. Doch auch Miss Wickman muss ihre Lektion lernen, denn es gibt immer einen Gegner, und wehe, dieser ist grausamer als man selbst.

In den Gewehrläufen, die auf das Motelzimmer gerichtet waren, flammte Mündungsfeuer auf. Dream bündelte ihren Willen und die Kugeln stoben in alle Richtungen auseinander. Dann begann das eigentliche Feuerwerk. Schließlich waren sämtliche Polizisten tot und ihre Autos hatten sich in qualmende Wracks verwandelt. Dream und ihre Begleiterinnen verschwanden in der Nacht, bevor die Verstärkung eintraf.

(Bryan Smith: Herrin des Blutes / Seite 270-271)

Hier ist er nun, die Fortsetzung des Roman HAUS DES BLUTES, und schon zu Beginn merkt der Leser, das es zu neuen stürmischen Höhen geht. Zwar ist der Meister im ersten Roman getötet worden, doch man sollte auch in diesem Punkt niemals von gesicherten Erkenntnissen ausgehen. Das Böse kann man bekämpfen. Vielleicht kann man es auch für den Moment besiegen. Doch dieser Sieg wird nie von Dauer sein, denn in Wahrheit stirbt, das Böse jedoch nie. Eine Erkenntnis, die auch der Leser am Ende des Roman HERRIN DES BLUTES machen muss.

TodesgeilDas Tempo ist rasend, auch wenn es zwischenzeitlich immer wieder den einen oder anderen Moment gibt, in denen man mit den einzelnen Figuren kurz verschnaufen kann. Ohne das geringste Mitleid des Autors musste der Leser in HAUS DES BLUTES lernen, dass selbst Figuren, die vielleicht im ersten Moment nicht sympathisch sein mögen dann doch irgendwie einem ans Herz wachsen können. Denn in der Hölle gibt es keine Pluspunkte für Menschlichkeit und Moral, wie sie der Normalbürger als selbstverständlich annimmt. Und hat man erst einmal Verständnis für das Verhalten der Figur aufgebaut, weil sie doch menschliche Schwächen zeigt, schlägt das Böse unerbittlich zu und beseitigt diese Figur wieder. Und auch wenn das Happy End in HAUS DES BLUTES einen (gewollt) bitteren Beigeschmack hinterlässt, so überlebten Chad und Dream als scheinbar zukünftiges Traumpaar, das nun eigentlich glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende hätte leben können.

Aber auch diese Rechnung durchkreuzt uns der Autor gleich zu Beginn der Fortsetzung HERRIN DES BLUTES. Ja, ein Friede-Freude-Eierkuchen-Ende wäre wirklich die übelste Illusion des ganzen ersten Romans gewesen, denn in der Realität steckt man grausame Tiefschläge nie einfach weg. Viel eher haben sie Konsequenzen, zeitigen Reaktionen und verändern Menschen nachhaltig und nicht immer zum besseren. Schon der Roman HAUS DES BLUTES musste wegen der schon nahe an der realitätsnahen Sichtweise auf den Menschen und seine offensichtlichen moralischen Mängel, z.B. auf Amazon, einige Kritiken einstecken. Der Durchschnittsleser liebt nun mal selten realistischere Grautöne und vermisst seinen strahlenden,  Sympathie versprühenden Helden, der bei genauer Betrachtung jedoch eher steril und impotent sich jedem Anflug von mehr Realitätsnähe im Phantastischen sträubt. Dabei übersieht der geneigte Leser der über seine literarische Linsensuppe nicht hinaus kommt, wie Bryan Smith gerade in diesen zwei Romanen seinen Figuren eine Tiefe verleiht, die man ihm bisher nicht zugetraut hätte. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail, und man zeige ihm im realen Leben einen durch und durch sympathischen Menschen, so wird er dir gnadenlos dessen emotionale Defizite präsentieren. Und genau das macht Bryan Smith hier geradezu Meisterhaft. Er zeigt die Zerissenheit seiner Figuren auf. Zeichnet sie damit vielleicht nicht sympathisch, dafür aber in erschütternder Weise um so realistischer. Dagegen ist der stets sympathische, unerschütterliche und moralisch (fasst) einwandfreie Held so realistisch wie Donald Duck am Schalter der Dresdner Bank.

Damit wir uns da nun nicht falsch verstehen, auch solche Helden  darf es in der Spannungsliteratur geben, aber man sollte auch nach Seiten offen sein, die schon mal zum nachdenken anregen und leider auch weniger beliebte Tatsachen zur menschlichen Natur thematisieren. Das reale Leben kennt nun mal kein dauerhaftes Happy End. Es beginnt mit Schmerz und endet im Schmerz, und genau das ist es, was uns der Autor hier geradezu in Perfektion in einer phantastischen Story verpackt, offenbart. Da wird eine noch ängstliche Hauptfigur nicht zum heldenhaften Überflieger, sondern kann durchaus als Reaktion der Psyche zum Mörder werden. Ebenso kann eine von Grund her böse Figur, durchaus positiv für die Geknechteten agieren, sofern dies den eigenen Interessen nutzt.

Gewarnt seien aber auch hier wieder die Leser, die z.B. mit  Darstellungen von Brutalität und Sexualität eher Gefahr laufen, schlaflose Nächte zu erhalten. Wer aber einen außergewöhnlichen und intensiven Roman genießen will, der ohne jeglichen übertriebenen Heldenepos auskommt, der die reale Natur der Gattung Mensch nicht hinter moralischen Feigenblättern verschleiert und trotzdem  gnadenlos an der Spannungsschraube dreht, der ist nach HAUS DES BLUTES mit der Fortsetzung HERRIN DES BLUTES mehr als bestens bedient. Für mich ist dieser Zweiteiler (HAUS DES BLUTES sowie HERRIN DES BLUTES) von Bryan Smith jedenfalls eine phantastische Offenbarung, die nur schwer zu toppen ist.
Blutherrin
Daten zum Roman:
Herrin des Blutes
(Queen of Blood)
von Bryan Smith
Genre: Horror
Übersetzung ins Deutsche: Doris Hummel
Erstveröffentlichung: 2008 / Dorchester Publishing Co. Inc
Deutsche Erstausgabe: Mai 2013
ISBN: 978-3-86552-196-5
Seitenanzahl: 400 Seiten / Paperback / Umschlag Lederoptik
Preis: 13,95 Euro
FESTA Verlag

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