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Miriam kann sehen wann du sterben wirst - Chuck Wendig: Blackbirds

BlackbirdsMiriam kann sehen ...  wann du sterben wirst
Chuck Wendig: Blackbirds

Miriam Black ist ein junges, hübsches Ding mit dem Hang zu Zigaretten, Alkohol und einer vulgären Ausdrucksweise. Damit kommt man nur leider nicht immer weit, wenn man eigentlich auf dem Highway lebt. Und zudem hat Miriam eine ziemlich üble Gabe. Wenn sie deine Haut berührt, kann sie dir sagen wann, wo und wodurch du sterben wirst. Keine positive Information, wenn man sich gerade in einen Trucker verliebt, der ziemlich grausam und sehr bald sterben wird.


BlackbirdsDoch zuerst einmal erleben wir Miriam Black in eben einem Motel-Zimmer (wie so oft in ihrem Leben). Der Typ bei ihr hat Familie, doch das hindert ihn nicht daran, mit anderen Frauen ins Bett zu gehen. Und er hat dabei noch ein Hobby. Er schlägt gerne diese Frauen. Ein ziemlich übler Typ also, den Miriam sich da an Land gezogen hat. Das blaue Auge das sie von ihm kassiert eingeschlossen. Nun gut, sie hat ihn gereizt, denn ihr Mundwerk ist schon Waffenscheinpflichtig und manche Männer stehen eben nicht auf ihre vulgäre Art, sich auszudrücken.

Doch der Mann dürfte bald schon ein viel leichtes Problem haben, denn in kürze wird er wieder einen Anfall bekommen, wie er ihn schon öfter hatte. Sein größtes Problem besteht jedoch darin, das er dieses mal an seiner eigenen Zunge ersticken wird. Ein Umstand, der Miriam Black nun wirklich nicht verborgen geblieben ist.

Der Tod kommt plötzlich...

Sein drahtiger Körperbau gibt nach, der Kopf neigt sich in einem üblen Winkel, die Wange knallt auf den Boden. Dann, als sei es noch nicht genug, kommt die Kakerlake unter dem Bett hervorgeflitzt. Sie benutzt Dels verzerrte Oberlippe als Trittleiter und zwängt ihren fetten kleinen Körper in sein Nasenloch, bevor sie verschwindet.

(Chuck Wendig: Blackbirds / Seite 15)

Gut, wenn man als Mädchen quasi auf der Straße lebt, muss man ab und zu essen und einen Platz zum schlafen benötigt man ja auch. Und da die Toten ihr Bargeld und andere unwichtige Kleinigkeiten nicht mehr benötigen, liefern sie Miriam damit zumindest wieder ein paar Tage ohne größere Probleme. Den Tod zu verhindern, ihm womöglich ins Handwerk zu pfuschen hat Miriam längst aufgegeben. Egal was sie auch macht, der Tod gewinnt immer und überall. Der Tod lässt sich nicht austricksen.

Eine weitere Erfahrung von Miriam besteht darin, den Ort schnellstens zu verlassen, wo der Tod seine Ernte eingeholt hat. Und so trifft sie am Rande des Highway auf den Trucker Louis. Louis ist ein Riese mit gewaltigen Muskelpaketen, weshalb Miriam ihn insgeheim den Namen Frankenstein verpasst. Doch Louis ist eher feinfühlig statt grob und weiß Miriam immer mehr zu beeindrucken. Sie entwickelt sogar richtig Gefühle für Louis, bis das sie ihn berührt. Louis wird nicht lange mehr leben. Er wird sogar auf grausamste Weise durch die Hand eines teuflichen Killers sterben und...Miriam wird aus irgendeinem Grund bei seinem Tod anwesend sein.

Die Hellseherin ...

Nancy greift unter ihre Strickjacke und fischt die zwei Zwanziger aus ihrem Hemd heraus. Sie knüllt das Geld zu kleinen Felsbrocken zusammen und wirft sie Miriam zurück. „Nehmen Sie es. Ich will ihr Blutgeld nicht. Ihnen folgt der Tod, und Sie haben irgendein Monster – irgendeine Präsenz – im Herzen und im Verstand. Ich will  nichts davon abkriegen. Machen Sie, dass sie hier rauskommen.“

(Chuck Wendig: Blackbirds / Seite 197f)

Ein weiteres Problem für Miriam Black ist der Bursche mit dem hübschen weiblichen Vornamen, Ashley Gaines. Er scheint Miriams Gabe zu kennen, denn er verfolgt sie bereits eine ganze Weile. Ashley will sich ihre Gabe zunutze machen um schnell und leicht Kohle zu machen. Dafür setzt er Miriam auch gehörig unter Druck. Doch Ashley hat noch ein anderes Geheimnis, und das liegt in einem Metallkoffer verborgen. Und genau dieser Inhalt ist es, der das Böse erst auf Miriam und damit auch auf Louis aufmerksam macht. Dabei hat Miriam auch keine wirklich große Hoffnung, Ashley Gaines bald los zu werden, denn sie kennt seinen Tod und der wird ihn erst holen, wenn er ein hohes Alter erreicht hat.

Die Helfer des Todes ...

Glatze schüttelt den Kopf, während Harriet ihre Finger in schwarze Handschuhe quetscht. „Es ist langweilig , dass du das immer wieder sagst. Fick dies, fick das, fick mich, fick dich. So ein ungezogenes kleines Mädchen. Harriet, ich sehe die letzten Reste eines Veilchens um ihr Auge herum. Bitte, würdest du das mal etwas auffrischen?“ Harriet tritt an den Rand der Badewanne heran und versetzt Miriam mit ihrer Handschuhfaust einen Schlag aufs Auge. Miriams Kopf zuckt zurück.

(Chuck Wendig: Blackbirds / Seite 238)

Harriet und Frankie geben sich schon mal gerne als Bundesagenten des FBI aus, doch so sehr ihr Auftreten auch dazu passt, sie sind keine Agenten, sondern höchst gefährliche und eiskalte Geschöpfe, vor denen sogar jeder Psychopath Respekt bekommt. Und diese zwei sind wie Bluthunde wenn es darum geht, Ashley Gaines aufzuspüren. Doch sie arbeiten nicht auf eigene Rechnung, denn hinter ihnen steht Mr. Ingersoll. Und Mr. Ingersoll ist ein Teufel in Menschengestalt. Eine Bestie die bald neben dem aufspüren von Ashley und dem Metallkoffer, samt Inhalt, noch ein weiteres Interesse verfolgt. Er will Miriam um ihre besondere Gabe für seine Zwecke nutzbar zu machen.

Nun, einige der ersten Kritiken die es zum Roman BLACKBIRDS gibt, drehen sich um die vulgäre Ausdrucksweise seitens Miriam in dem Buch. Gut, wer damit nicht umgehen kann, der sollte das Buch schleunigst zu machen. Doch dann verpasst er eine Story, die zunehmend wie eine Fahrt auf einer Achterbahn wird, die man unter dem Einfluss von Speed angetreten hat. Und irgendwie ist es genau dieses lose Mundwerk, das einem Miriam Black mit der Zeit immer sympathischer macht. Oder anders gesagt, im realen Leben habe ich schon Menschen getroffen, die in ihrer Ausdrucksweise Miriam doch schon recht nahe kommen, bzw. sogar schon eine Spur heftiger sind. Und seien wir ehrlich, genau diese Art ist es, die Miriam am realistischsten erscheinen lässt, denn sie lebt quasi auf der Straße und verbringt ihre Nächte in irgendwelchen Motels am Rande der Highways. Auch die phantastische Grundidee ist durchaus beachtlich vom Autor Chuck Wendig genutzt worden. Ein Mädchen das durch die Berührung über die Haut den Tod und seinen Zeitpunkt via Visionen sehen kann, ist zwar nicht unbedingt neu. Doch Wendig weiß genau, wie er diese Gabe spannend in der Handlung aufbauen muss. Jeder Versuch, dem Tod seine Opfer von der Schippe zu holen, scheiterten für Miriam bisher immer kläglich und haben so auch tiefe Narben auf ihrer Seele hinterlassen. Schnell stellt man als Leser daher fest, das die vulgäre Art von Miriam letztendlich eher ihrem Selbstschutz geschuldet ist, um den Schrecken nicht zu nahe an sich ran zu lassen.

BlackbirdsGeradezu unmerklich feinfühlig spinnt Wendig dabei einige rote Fäden um die verschiedenen Figuren, um diese dann am Ende gekonnt zu verknüpfen. Der Leser bekommt vom Autor beim abschließenden Finale dann noch einen ordentlichen Adrenalinschub verpasst, das es geradezu eine Freude ist. Das es am Anfang etwas schwierig ist, überhaupt Sympathien für das Mädchen Miriam zu entwickeln, kann man dabei nicht wirklich abstreiten. Der Tod anderer scheint sie kalt zu lassen und das sie ihren Lebensunterhalt mit der Barschaft der Verstorbenen bestreitet, macht diesen Schritt des Lesers hin zu Miriam auch nicht gerade leichter. Doch je mehr man hinter die harte Fassade des Mädchens blickt, um so mehr entwickelt man Verständnis für ihr Verhalten und beginnt sie unmerklich ins Herz zu schließen. Dazu tragen auch die zwischengeschobenen Kapitel bei, in denen Miriam einem Jungen mit dem Namen Paul ein Interview über sich und ihre schreckliche Gabe, aber auch ihrer nicht unproblematischen Jugendzeit gibt.

Fazit: BLACKBIRDS hat etwas heftiges, ungeschöntes, und lässt den Leser, wenn er sich erst einmal darauf eingelassen hat, nicht mehr aus den Klauen. Geradezu in Perfektion bekommt man eine rotzfreche Hauptfigur geliefert, die durchaus vulgär sein kann, gleichsam aber dem Leser auch immer wieder ein erheiterndes Lächeln auf's Gesicht zaubert. Insgesamt spult der Roman hierbei kompromisslos eine pure Dosis Spannung ab, wie man es nur selten so perfekt geliefert bekommt. Wobei Wendig auch nicht davor zurück schreckt, durchaus heftige Gewaltszenen quasi locker aus der Hüfte abzuschießen. Der Vergleich mit einem Road-Movie kommt daher nicht von ungefähr und trifft den Nagel sogar recht treffend auf den Kopf. Was Chuck Wendig mit BLACKBIRDS abgeliefert hat, ist perfektes Kino für Hirn und Herz mit einem gelungenen Spritzer Phantastik. Da wird einem die Zeit fasst schon zu lange, bis Miriam Black sich in ihr nächstes Abenteuer stürzen kann, das unter dem Titel BLACKHEARTS (Erscheinungstermin voraussichtlich November 2013) bereits angekündigt ist. In diesem Sinne ist Chuck Wendig mit seinem Roman BLACKBIRDS eine der großen Neuentdeckungen im Bereich der Urban Fantasy und dem Thriller gleichermaßen.
Blackbirds
Daten zum Roman:
Blackbirds
von Chuck Wendig
Deutsche Erstausgabe: April 2013
Genre: Mystery Thriller
ISBN: 978-3-404-20710-7
Preis: 12,00 Euro/Paperback
Original bei: Angry Robot, A member of the Osprey Group/2012
Seitenanzahl: 303 Seiten

Bastei Lübbe 

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