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Ein Filmklassiker - Von der Kritik am Kapitalismus und dem Tod durch überfressen

Ein FilmklassikerFolge 11
Von der Kritik am Kapitalismus und dem Tod durch überfressen

In dieser Reihe DER FILMKLASSIKER werde ich ein wenig meine Schatzkammer in Sachen DVDs öffnen, in der sich neben mehr oder weniger aktuellen Filmen eben auch mitunter manche Klassiker des Films tummeln. Wir werden hierzu einen Streifzug unternehmen, in dem wir uns z.B. von manchen Actionfilmen über Western bis hin zu besonderen Romanzen einen Einblick gewähren werden.

Das große Fressen (La grande Bouffe)In manchen Filmen gibt es sogar recht seltsame Tode.

Das große Fressen (La grande Bouffe)

Selbstmord ist eigentlich nicht lustig. Zumindest die üblichen Standartformen, wenn Mensch versucht aus dem Leben zu scheiden. Dabei könnte man eigentlich jede Menge Spaß dabei haben. Stellen wir uns nur mal vor, wie die ungeliebte Schwiegermutter unsere Leiche vorfindet und frontal aus den Latschen kippt um sich dann noch einzukotzen, weil wir schon länger da liegen und schon mal angefangen haben, vor uns hin zu schimmeln (und bestialisch zu stinken). Das wäre doch mal ein Bild für die Götter. Oder man stelle sich vor, man habe vorher einen Kredithai jede Menge Geld aus der Weste gelabert, was wir danach ordentlich auf den Kopf hauen bevor wir abtreten. Der Schläger, den er uns auf den Hals schickt, kann uns nicht mehr weh tun, das Geld bekommt der Kredithai auch nicht mehr wieder und sein wirklich dummer Blick wäre absolut unbezahlbar.

Die Sache hat nur einen kleinen Haken, von dem Spaß danach bekommen wir leider nichts mehr mit, weil wir nämlich Tod sind. Aber man muss ja erstens nicht alleine und zweitens daher auch nicht ohne Spaß vorher aus dem Leben scheiden. Man sollte nur damit klar kommen, das der angestrebte Spaß davor dann auch der letzte sein wird.

"Verhungern geht schneller, aber Tod durch Überfressen ist auch eine zuverlässige Methode."

(Zitat: Erwin Koch, deutscher Aphoristiker, geboren 1932)

Ja ihr Lieben, essen oder besser gesagt fressen kann tödlich sein. Wie das geht? Nun, ihr werdet jetzt sagen, dass sich wohl jeder schon mal überfressen hat. Doch dann fühlt man sich nur, als würde man gleich platzen und ist für die nächsten Stunden recht müde und träge. Im Grunde ist der Magen ja im leeren Zustand etwa nur so groß wie eine Faust. Der Magen ist schließlich ein Muskel der sich locker auch ausdehnt. Er vergrößert sich also mit der Menge der Nahrung, die wir zu uns nehmen. Da kann es dann irgendwann auch flott mal zu Sodbrennen kommen, was auch nicht gerade ein netter Zug des Magens ist. Und das man sich träge und müde fühlt liegt einfach daran, weil der Magen nun sehr viel körpereigene Energie verbraucht, um diese Menge an Nahrung überhaupt verarbeiten zu können. Doch sterben kann man durchaus, wenn man ihm einfach weiter Nahrung zuführt ohne mal eine längere Pause zu gönnen. Es ist zwar nach meiner Recherche bisher relativ selten vorgekommen, aber der Magen kann durchaus platzen, was eben dann doch kein Witz ist. Und wenn es nicht der Magen ist, dann nehmen wir mal eine gerissene Speiseröhre, die genauso zum Tode führen kann. In beiden Fällen (ich habe mich da mal etwas schlau gemacht) ist im günstigsten Fall eben eine Notoperation angesagt und im schlechtesten Fall die Holzkiste samt Träger oder wahlweise eine Urne. Ob das aber nun vorher Spaß macht, lasse ich einfach mal dahin gestellt. Es soll ja auch Masochisten geben, die auf so etwas tierisch abfahren.

Das große Fressen (La grande Bouffe)Einmal Kino und Übelkeit bitte:
Ja, heute kann man den Film DAS GROSSE FRESSEN durchweg mit einem gewissen Schmunzeln betrachten, doch damals, als der Film am 08. September 1973 offiziell in den Kinos startete, waren die Besucher bzw. Zuschauer noch aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Da waren solche derben Sexszenen wie im Film noch eher der privaten Phantasie geschuldet, kamen in den Kinofilmen oder gar im Fernsehen so allerdings noch nicht alle Nase lang vor. Und auch die Art und Weise, sich das Fressen in diesen Mengen in die offene Brotluke zu schieben, konnte beim zusehen damals noch zur Übelkeit bei den Zuschauern führen. Doch halten wir mal kurz inne, denn hier spielt uns die Erinnerung oder besser gesagt, unser Gehirn einen kleinen Streich. Denn über den gesamten Film hinweg stehen die Tische voll von Essen, werden Schweineköpfe recht schön ins Bild gesetzt und mitunter sitzt die Dame auch mal mit dem blanken Hintern in einer Art Torte, doch nie sehen wir einen der Darsteller wirklich übermäßige Mengen an Lebensmitteln in sich rein stopfen. Und wer doch meint, solche Szenen zu sehen, der verwechselt dies einfach damit, das diese selbstmörderische Truppe nicht gerade nach den feinen Sitten sich etwas Essbarem zuwendet. Dies mag gerade nicht wirklich appetitlich aussehen, hat aber mit übermäßigen Mengen nichts zu tun. Im Grunde suggeriert uns die Bildabfolge und das unappetitliche Benehmen der Darsteller, hier würden sie wirklich extreme Mengen an Nahrung zu sich nehmen. Dieses filmische Prinzip ist recht einfach. Als Gegenbeispiel gehen sie doch mal mit einem Menschen im Restaurant essen, der Magersüchtig ist. Dieser, wenn er oder sie es gut überspielen will, redet angeregt mit ihnen und stochert beziehungsweise schaufelt im Essen auf dem Teller herum. Macht diese Person dies geschickt, dann fällt ihnen zwar auf, das auf dessem Teller immer noch eine Menge Essen liegt, aber sie werden danach nicht mit Bestimmtheit sagen können, ob die Person vor ihnen nichts davon gegessen hat (eine solche Szene kann man übrigens in der ersten Staffel der Serie SKINS, zu deutsch HAUTNAH aus dem Jahre 2007 mit den Schauspielern Mike Bailey als "Sid" und Hannah Murray als "Cassie" sehr schön beobachten). Man sieht also, mit einigen Tricks bzw. der richtigen Bildwahl gelingt es sehr gut, dem Zuschauer ein X für ein U vorzumachen.

Das große Fressen (La grande Bouffe)Und so mancher Zuschauer nahm diese Tricks in der eigenen Magengegend damals so richtig übel. So verließen zahlreiche Zuschauer bei der Premiere des Films DAS GROSSE FRESSEN bei dem Filmfestival in Cannes (25. Mai 1973) schon während der Vorstellung den Filmsaal. Gelangweilt waren sie nicht, aber manche Szenen schlugen ihnen gehörig auf den Magen und zu allem Überfluss waren dann ja noch die damals skandalösen Sexszenen. Diese Mischung konnte in den 70ern noch die stärksten Bullen umhauen. Und wer es dann etwas länger ausgehalten hatte, der wurde mit der Szene belohnt, in dem der Schauspieler Michel Piccoli unter Magenschmerzen erst herum furzte bevor er sichtbar ziemlich eingeschissen das Zeitliche segnete. Manche mögen sogar geschimpft haben, dass dieser Film zynisch, obszön und geradezu dekadent sei, womit sie den Nagel aber wohl auch auf den Kopf getroffen hatten, denn genau das hatte man mit dem Film ja bezweckt. Im Grunde ist der Film DAS GROSSE FRESSEN eine einzige Kritik am Kapitalismus und der Überflussgesellschaft an sich, in der der eigentliche Sinn des Lebens verloren geht und dessen Verlust sogar am Ende zu einer erstrebenswerten Möglichkeit werden kann.

Aber auch wenn danach in den Kinos so manche Menschen durch die für damalige Verhältnisse obszönen Sexszenen schockiert waren oder angeekelt in Ohnmacht fielen bzw. sich erst einmal im nächsten Hauseingang übergeben mussten, so wurde der Film an sich auch in Deutschland heiß diskutiert und war recht schnell in wirklich aller Munde. Das alles brachte dem Film die Nominierung für die Goldene Palme ein. In Cannes gewann der Film dann noch den FIPRESCI-Preis der Federation internationale de la Presse Cinematographique und die Goldene Leinwand kam dann noch oben als Sahnehäubchen (mein kleines Wortspiel auf den Film) dazu.

Das große Fressen (La grande Bouffe)Kritiken zwischen Gänsekeule und Sahnetorte:
Für viele Kritiker war der Film DAS GROSSE FRESSEN am Anfang der 70er Jahre wohl schlicht ein Skandal, was sie mitunter auch dann in entsprechender Form veröffentlichten. Derbe Sexszenen, eine bizarre Völlerei und die hörbare wie sehbare Schwelgerei in Blähungen und Fäkalien lief damals eigentlich allem zuwider, was man vom Kino der 60er Jahre her so gewohnt gewesen war.

Hinzu kam, das diese bitterböse und gewollt provozierende Satire auf das kapitalistische System vielen irgendwie nicht wirklich schmeckte. Besonders dann, wenn man noch ein Nutznießer eben dieses Systems war und nicht mit diesen eher überzogenen Bildern den Spiegel der eigenen Dekadenz vorgehalten bekommen will. Schließlich gehört es ja noch heute in bestimmten Kreisen zum guten Ton, manche edle Speise noch mit Blattgold etwas mehr zu veredeln, was jedoch geschmacklich absolut keinen Sinn ergibt. Zumindest kann man die eigene Dekadenz nicht besser zur Schau stellen, während man anderes lieber unter dem Deckmantel (z.B. Sexskandale) der Verschwiegenheit abzieht, wie man es gerade aus Hollywood so mitbekommt.

Doch es gab auch nicht wenige Kritiker, die diesen Film äußerst interessant und in geradezu perfekten Bildern umgesetzt sahen. Einer der Kritiker verglich späterhin den Film DAS GROSSE FRESSEN sogar mit dem Skandalfilm von Pier Paolo Pasolini - DIE 120 TAGE VON SODOM (basierend auf dem Buch des Marquis de Sade und in der Filmhandlung in das faschistische Italien übertragen) aus dem Jahre 1975. Dabei bezog sich dieser Kritiker allerdings wohl alleine auf die Zurschaustellung von Fäkalien sowie einiger derben Sexszenen in beiden Filmen, denn wenn einem schon von dem Film DAS GROSSE FRESSEN schlecht wurde, der sollte dann absolut den Skandalfilm von Pasolini meiden.  Zumindest wenn man heute, viele Jahrzehnte später, über den Film DAS GROSSE FRESSEN schmunzeln kann, so dürften einem bei Pasolinis DIE 120 TAGE VON SODOM jedes Schmunzeln noch heute im Gesicht erstarren (übergeben inbegriffen).

Doch kommen wir nun zur Handlung des Film DAS GROSSE FRESSEN selbst, dessen Handlung eigentlich trotz aller damaligen Schockelemente eigentlich ziemlich schlicht und gradlinig war. Dabei trägt dieser Film durchaus den Titel FILMKLASSIKER zu Recht wenn es darum geht, gesellschaftliche Kritiken dem Zuschauern mit dem Holzhammer ins Hirn zu hämmern. Die Zeiten haben sich mittlerweile zwar um einiges geändert und die inhaltliche Kritik wird heute von jüngeren Zuschauern wohl nicht mehr wirklich so intensiv wahrgenommen. Auch dürften viele ältere Leser diesem Film nunmehr ja eher mit einem Lächeln begegnen, trotzdem kann man nach der ersten Sichtung dieses Skandalfilm auch heute nicht so ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen.

Das große Fressen (La grande Bouffe)Fressen, saufen, ficken und der ersehnte Tod:
Die vier Freunde Michel, Ugo, Philippe und Marcello haben es eigentlich im Leben zu allem gebracht und könnten mit sich und eben ihrem Leben zufrieden sein. Doch dem ist leider nicht so. Alle sind dem Leben, so wie es ist überdrüssig, da es scheinbar keine erstrebenswerte Ziele mehr für sie gibt, die sie erreichen könnten. Also haben sie sich abgesprochen, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden.

Doch ein schneller Tod durch vergiften, erhängen oder erschießen kommt für sie nun auch nicht in Frage. Wenn man schon freiwillig stirbt, dann bitte mit Genuss und Freude. Also finden sie sich im Spätherbst des Jahres in dem ansonsten unbewohnten Stadthaus des Gerichtsdirektor Philippe am Rande der Stadt ein, um dort ungestört dem köstlichen Suizid durch übermäßiges Schlemmen zu fröhnen.

Philippe ist übrigens der, den barocke Körperformen gerade beim weiblichen Geschlecht erregen. Michel hingegen, der seine Manie eher gerne als eine Form des persönlichen Narzissmus abtut, fröhnt als Fernsehproduzent den täglichen Balettübungen. Der Restaurantbesitzer Ugo gefällt sich in diesem Punkt eher darin, Don-Vito-Corleone-Imitationen zum Besten zu geben und ist stolz auf seine umfangreiche Messersammlung. Michels bester Kumpel Marcello ist hingegen ein gutausehender Flugkapitän. Seine optischen Reize setzt er dabei liebend gerne bei gerade jüngeren Frauen ein, die dem Sexbesessenen auch scheinbar willenlos zu verfallen scheinen.

Das große Fressen (La grande Bouffe)So ist es auch Marcello, dem die traute Gemeinsamkeit seiner selbstmörderischen Freunde bald etwas zu langweilig wird. Schließlich will man mit Spaß aus dem Leben scheiden und so holt er recht schnell noch das Einverständnis seiner Mitverschworenen ein, noch drei Prostituierte mit hinzuzuziehen. Und als wäre es damit nicht schon genug der tödlichen Freuden, gesellt sich auch noch Andrea, eine Lehrerin dem erweiterten Kreis hinzu. Gerade ihre üppigen Kurven scheinen Philippe wie magisch anzuziehen, doch traut er sich zu Anfang nicht wirklich so direkt, ihr seine Zuneigung offen zu gestehen.

Andrea indessen fühlt sich in der Gesellschaft der vier Selbstmörder bald richtig heimisch und auch Philippe springt bald über seinen Schatten, so das die beiden den anderen schnell mal ihre Verlobung bekannt geben. Doch das hält Andrea nicht wirklich davon ab, auch mit den drei anderen Freunden sexuell zu verkehren, was Philippe eigentlich aufgrund der näheren Zukunftsaussichten nicht viel auszumachen scheint. Aber auch die drei Prostituierten sind von der dekadenten Art ihrer "Gastgeber" zuerst sichtlich angetan und haben auch nichts dagegen, wenn Marcello sich ihnen schon mal auf höchst obszöner wie auch derber Art annimmt. Die übermäßige Fresserei ekelt die Damen des schlüpfrigen Gewerbes jedoch bald irgendwie so sehr an, dass sie bald vereinzelt diese, im selbstmörderischer Fresssucht vernarrte Gesellschaft verlassen.

Michel, in seiner Kindheit wohl sehr streng erzogen, war es so bisher gewohnt, seine Darmwinde immer zu unterdrücken, was sich bei ihm nicht gerade positiv auf seine Verdauung auswirkte. Als seine Freunde dies bemerken, fordern sie ihn dazu auf, sich endlich von diesem anerzogenen Makel zu befreien und seinen Fürzen nunmehr freien Lauf zu lassen. Dabei gelingt es ihnen schon recht bald bei allen diesen Freiheiten, eine Toilettenanlage geradezu explodieren zu lassen, worauf hin die verstopfte Toilette die gesamten Exkrementen in einem Hausbereich gut verteilt.

Das große Fressen (La grande Bouffe)Marcello macht sich indessen, mangels der jungen Prostituierten an Andrea heran, kommt allerdings durch ihre Leibesfülle nicht zu einer wirklich befriedigenden Erektion. Und da er von dieser gescheiterten sexuellen Erfahrung zutiefst frustriert ist, beschließt er, sich von der Selbstmord-Truppe abzusetzen und das Anwesen zu verlassen. Hierzu setzt er sich in den gerade erst von ihm selbst wieder restaurierten Bugatti Type 37 A und gedenkt, durch den mittlerweile eingeschneiten Garten das Anwesen zu verlassen. Nur leider kommt er in der eisigen Kälte nicht wirklich weit.

Als man am nächsten Tag seine erfrorene Leiche im Wagen findet, schafft man ihn kurzerhand in die Kühlkammer des Hauses. Aber auch Michel geht es immer schlechter, was seine Verdauung angeht. Als er zur Freude der anderen gerade ein Klavierstück zum Besten gegeben hat, überkommen ihn äußerst schmerzhafte Blähungen auf dem Balkon, die ihm am Ende förmlich den Darmausgang zerreißen, worauf er sich faktisch im Todeskampf auch noch gehörig einscheißt. Also schafft man auch seine Leiche in die Kühlkammer der Lebensmittel und setzt ihn hier Geruchsneutral sogleich neben den eingefrorenen Marcello.

Man könnte nun meinen, die übrig gebliebenen würden angesicht des Todes ihrer Freunde zur Vernunft kommen, doch dem ist nicht so. Ugo bereitet sofort danach aus verschiedenen Pasteten eine übergroße Torte vor, von der jedoch Philippe und Andrea nicht wirklich etwas essen mögen. Also beschließt Ugo, diese Köstlichkeit ganz alleine zu verputzen, wobei ihn bald Philippe auf dem Küchentisch damit stopfen muss wie eine Weihnachtsgans. Um zumindest einen rundum glücklichen "Abgang" zu haben, bittet er dabei Andrea, ihn hierbei sexuell zu befriedigen, so das er mit einem Orgasmus völlig überfressen aus dem Leben scheidet.

So leben am nächsten Morgen nur noch Philippe und Andrea, die ihm sogleich, da sie die Dekadenz der vier Freunde schon völlig verinnerlicht hat, einen Pudding in der Form ihrer üppigen weiblichen Brüste im Garten serviert. Und während sich Philippe über den Pudding hermacht, wird bereits die nächste Lieferung an Fleisch angeliefert, die Andrea im gesamten Garten verteilen lässt. Philippe, nunmehr selbst durch die übermäßige Völlerei am Ende, stirbt bald darauf in ihren Armen.

Das große Fressen (La grande Bouffe)Meine Filmkritik:
Machen wir uns nichts vor, auch wenn so manche Szenen des Films durchaus auch noch heute einen ekligen Beigeschmack für manche haben mag, so reicht es nicht mehr wirklich dazu, die Zuschauer heute  wesentlich zu schockieren. Die Welt hat sich seit den 70ern schließlich weiter gedreht und will man die Kinobesucher heute schocken, dann muss man sich seitens der Filmschaffenden schon ordentlich ins Zeug legen.

Auch die offen vorgetragene Kapitalismuskritik kommt vielleicht nicht mehr so wirklich eindringlich herüber wie in den 70ern, auch wenn diese an Aktualität nicht wirklich viel verloren hat. Damals schaffte es dieser Film jedoch ohne weiteres, schnell durch die Mundpropaganda in aller Munde zu sein. Wer also altersmäßig konnte, der ging bei dem Film in die Kinos und zog sich DAS GROSSE FRESSEN rein, egal ob es einem dann auf den eigenen Magen schlug oder nicht. Bei nicht wenigen blieben auch eher die Sexszenen im Kopf hängen, die absolut nichts mit dem zu tun hatten, was man durch die Blume vielleicht von den Eltern oder der Schule gerade zur körperlichen Liebe und Anstand beigebracht bekam. Das galt besonders in Sachen Umgang unter den Geschlechtern um an das ersehnte Ziel zu gelangen. Wer diesen Film sah, bei dem hatten die letzten Reste vom Klapperstorch und den Bienen und Blümchen, die vielleicht noch irgendwo im Hinterkopf sich festgesetzt hatten, absolut keine Chance mehr. Mit Romantik hatte der Film nämlich nun wirklich keine Verträge. Dieses Gesamtergebnis führte dann auch dazu, das man in Irland den Film gleich für alle Kinos direkt auf die rote Liste setzte und ein völliges Aufführungsverbot erließ. In diesem Punkt waren die Deutschen dann zumindest doch noch etwas offener gestrickt, wenn man auch darauf achtete, das man mindestens Volljährig war um ins Kino zu kommen.

Trotzdem schaffte es der Film, die heile filmische Welt aus den 60er Jahren völlig auf den Kopf zu stellen und so in den 70ern auch in diesem Medium eine heftige Zeitenwende einzuläuten.

Der Film DAS GROSSE FRESSEN mag heute eher bei manchen Szenen ein mitleidiges Lächeln statt Ohnmachtsanfälle auslösen, doch sieht man ihn im Kontex seiner Zeit, so kommt man einfach nicht daran vorbei, ihn einen typischen Filmklassiker zu nennen. Da beißt die Maus irgendwie keinen Faden ab, egal wie man selbst persönlich zum Inhalt des Films nun stehen mag. Da ich damals, als er die Kinos füllte, leider noch viel zu jung war um ihn sehen zu können, hatte ich diesen Film dann auch recht bald irgendwie aus den Augen verloren und bin erst vor knapp zwei Jahren wieder auf ihn gestoßen. So fand der Film also sehr spät den Weg als BD in meine persönliche Filmsammlung. Bereut habe ich es persönlich jedoch nicht und ab und an landet der Film dann auch in meinem Player, weil er doch irgendwie immer noch eine gewisse Faszination besitzt, der man sich nur schwer entziehen kann. Doch auch auf dem deutschen Markt scheint der Film wohl etwas gekürzt zu sein bei seiner FSK-16-Freigabe. So findet man im Internet eine Spielzeit des Kinofilms von 135 Minuten angegeben. Meine BD gibt hier 131 Minuten an und es gibt auch DVDs mit einer Angabe von sogar nur 125 Minuten, wobei alle Versionen (BD wie DVD) wohl seitens ARTHAUS vertrieben werden.

Das große Fressen (La grande Bouffe)Für Freunde von Filmen, die zumindest eine sympathische Identifikationsfigur ihr Eigen nennt, dürfte der Film allerdings eher unbefriedigend sein. Denn der Film DAS GROSSE FRESSEN besitzt bewußt keine Figur innerhalb der Handlung, mit der man sich nun identifizieren möchte oder in die man sich zumindest hineinversetzen könnte. Sollte man zumindest ein Fan eines der vier Darsteller sein, so muss dies im Hinblick auf diesen Film also ausreichen. Schlechter macht es diesen Film jedoch damit nicht. Aber auch Fans eines Happy End können sich irgendwie einen Blick in den Film sparen, denn auch diesen letzten Zipfel Hoffnung wollte man seitens Drehbuch und Regie dem Film mit dieser Gesellschaftskritik nicht antun. Und ehrlich gesagt, hätte es diesem Film wohl auch alles andere, aber bestimmt nicht gut getan, wäre man wieder in ein solches Klischee zurückgefallen.

Von mir erhält der Film DAS GROSSE FRESSEN jedenfalls auch heute noch, trotz das er mich persönlich nun nicht mehr wirklich schockieren konnte, die vollen fünf von insgesamt fünf Punkte.  Ganz einfach auch deshalb, weil dieser Film eine gewisse Größe des europäischen Films aufzeigt, die man heute auf unserem Kontinent nur noch selten findet.

Ausblick:
Stellt euch mal vor: Eine völlig neue Stadt in der sich jeder Hippie wohlfühlen würde. Ein Großvater bei dem ihr einzieht und der jedem Althippie Konkurenz machen könnte. Und ein Comic-Shop, bei dem man wirklich seltsame Bekanntschaften schließen kann.

Da kommt doch glatt Freude auf, oder? Nun ja, die Stadt hat auch ihre Schattenseiten, denn bisher sind jede Menge, zumeist junge Menschen hier bereits spurlos verschwunden und werden wohl auch lebend nicht mehr wieder zurückkehren.

Und dann merkst du, wie ein Familienmitglied immer mehr wegen einem geheimnisvollen Mädchen der Normalität entrückt. Das kann eigentlich nicht gut gehen und so muss man etwas dagegen tun. Nur leider ist man in den meisten Augen der anderen noch ein Kind, was ja auch irgendwie noch der Realität entspricht. Aber eben damit noch nicht genug, findet die eigene Mutter nicht nur eine neue Arbeitsstelle, sondern schleppt den eigenen Chef sogar mit zum heimischen Abendessen. Dabei sind die seltsamen neuen,  sogenannten Freunde der festen Meinung, es bei diesem Chef mit dem absoluten Bösen zu tun zu haben. Das Problem ist nur, wie man ihn nun aus der Reserve locken soll, damit er sein wahres und eben nicht mehr so nettes Gesicht offenbart?

Ja, das sind eure Hinweise auf den nächsten Beitrag zu DER PHANTASTISCHE FILMKLASSIKER. Der Film selbst ist übrigens nicht schlecht gemacht und will sich auch nicht immer selbst so intensiv ernst nehmen, was aber den spannenden Aufbau an sich nicht wirklich stört. Was allerdings etwas nervt, ist dieser junge Hauptdarsteller, aber das muss man ja nun bei ihm irgendwie hinnehmen.

Aber wie gesagt, ist meine persönliche Meinung die man nicht teilen muss und bei der ich gerade auch nicht mehr weiß, wo ich sie hier im ZAUBERSPIEGEL schon mal losgelassen hatte (hoffentlich merkt keiner, das ich gerade die Finger hinter meinem Rücken gekreuzt habe). Aber bestimmt kommt ihr jetzt recht bald auf den Titel des Films, den ich gleich mal für euch rausgesucht hatte. vielleicht hilft es euch aber auch, wenn ihr wisst, das der Titelsong des Films eine Coverversion ist und von der englischen Band ECHO & THE BUNNYMEN eingespielt wurde. Nun ja, ist zumindest einen Versuch wert, euch noch eine kleine Hilfestellung zu geben.

Das der Film übrigens in den 80er Jahren gedreht wurde, merkt man ihm eigentlich gleich an. Also ... wer weiß jetzt als erster, wo ein "Stern" einem jungen Mann den Kopf verdreht und ihn fasst für immer in eine Welt der Dunkelheit stürzt? Ich wünsche euch zumindest schon einmal viel Spaß bis zum nächsten mal, wenn ich euch wieder einen Einblick in mein Filmarchiv gebe.

Das große Fressen (La grande Bouffe)Das große Fressen
(La grande Bouffe)
mit Michel Piccoli, Ugo Tognazzi, Philippe Noiret, Marcello Mastroianni, Andrea Ferreol, Florence Giorgetti, Monique Chaumette, Bernard Menez, Solange Blondeau, Michele Alexandre, Henri Piccoli u.a.
Regie: Marco Ferreri
Drehbuch: Francis Blanche, Rafael Azcona
Produktion: Vincent Malle, Jean-Pierre Rassam
Genre: Drama/Komödie
Laufzeit: 131 Minuten
DVD/FSK: 16 Jahre (früher 18 Jahre)
Vertrieb: Arthaus
Frankreich/Italien 1973

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Kommentare  

#1 Friedhelm 2017-10-28 11:29
Macht ja immer wieder Laune - dann mal los...

Wie bereits letzte Woche erwähnt, habe ich den Film nur mal im TV gesehen. Ich stimme dir zu - das Ding ist irgendwie (teilweise) jenseits des guten Geschmacks (der Siebziger..) Und ja, heute würde das niemanden mehr vom Hocker hauen. Da müsste dann wohl (noch) härterer Toback kommen. Und der findet sich ja meistens im neuzeitlichen Horrormovie - wenn ich da an diese unsäglichen "Tortureporn-Movies" ("Hostel" oder die "Saw-Reihe" ) denke.
Jedenfalls hätte der Film als DVD bei mir Null Chance..
Ich bin allerdings auch immer noch überrascht, dass Ferreri solche Größen wie Piccoli, Noiret oder Matroianni dafür gewinnen konnte. Andrea Ferreol ist mir allerdings auch später nie richtig aufgefallen..

Zum Ausblick: Erstmal ein kleiner, eingeklammerter , Signalsatz ("......,dass ich gerade die Finger gekreuzt habe...) Aha, das Kreuz, also geht's um Vampire. Und ein nerviger Hauptdarsteller - den hatten wir ja schon im "Tarkermills"-Werwolf. Ist wohlmöglich der gleiche Darsteller. Leider sagt mir die Band gar nix - dafür aber die Sache mit dem Comic-Shop". Und dann die Mutter, die ihren Chef-eigentlich der Ober-Vampi"?...- zum Abendessen ranschleppt. Ich würde einfach mal auf einen Film tippen, dessen Titel in deutscher Übersetzung eher auf Sozialdrama tippen liesse.

Freunde... ab heute dürft ihr mich "Sherlock" nennen. (Klar, warum einfach, wenn's auch umständlich geht...)
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#2 Laurin 2017-10-28 13:27
@ Friedhelm:
Nun ja, Grenzüberschreitungen gerade auch in Romanen/Büchern oder eben auch Filmen mag ich ja. Da fallen dann auch Filme wie HOSTEL darunter. SAW weniger, weil hier zwar die Todesfolgen und die Mittel dazu wechseln, aber der Handlungsablauf bzw. Aufbau der Filme gleich bleibt mit eben nur wechselnden Opfern. Da fängt es für mich persönlich dann an, etwas langweilig zu werden. Bei HOSTEL hatte man sich da für mich durchaus mehr Mühe gegeben. Und was DAS GROSSE FRESSEN angeht, das war dann, als ich wieder auf ihn gestoßen bin, ein must have Film für meine Sammlung. Andrea Ferreol ist mir allerdings wie dir, ansonsten (vorher wie nachher) nie wirklich aufgefallen.

Zum Ausblick: "Vampire" ist hier nicht verkehrt, aber wenn man die Finger hinter dem Rücken kreuzt, heißt das eigentlich, das man gerade etwas flunkert. :lol:
Aber die 100 Punkte hat "Sherlock", denn du scheinst den Film wirklich gut zu kennen, den ich demnächst hier bespreche. ;-)
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#3 Friedhelm 2017-10-28 15:49
Jo, die Anspielung auf die gekreuzten Finger war auch eher ein (passender) Scherzversuch. Du hast allerdings nicht erwähnt, dass dieses "hinter deinem Rücken geschah".. Na, egal, was den Ausblick betrifft: den Film habe ich tatsächlich einmal auf DVD gesehen - danach nochmals im TV. Fand ich gar nicht so schlecht -drum ist er wohl auchin meinem Schädel hängengeblieben.. Was übrigens "SAW" betrifft, da stimme ich dir auf ganzer Linie zu. Den neuen Teil werde ich denn auch im Kino übergehen.
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#4 Laurin 2017-10-29 08:46
@Friedhelm:
Ja, die Sache mit "hinter dem Rücken" hatte ich wohl im Kopf, nur fand dieser Hinweis dann im Eifer der Tastenquälerei irgendwie doch nicht den Weg über meine Finger in den Text. Das passiert dann, wenn man bereits beim zweiten Schritt ist (also bildlich gesprochen), während der erste Schritt noch in der Luft hängt. :sigh:

Ich habe es denn jetzt mal im Text nachträglich ausgebügelt. Danke übrigens für den Hinweis. Wäre mir nicht einmal mehr selber aufgefallen. :-)
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#5 Erlkönig 2017-10-29 20:32
Hab den Film "Das grosse Fressen" damals im Kino gesehen. Der Saal war "brechend" voll. Abgänge gab es aber keinen. :-) Ich fand den Film insgesamt ansehbar aber viel zu lang geraten.

Ausblick

Nachdem ich das Buch zum Film gelesen hatte, habe ich auf eine Filmansicht lieber verzichtet.
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#6 Laurin 2017-10-30 10:04
@ Erlkönig:

Zitat:
Hab den Film "Das grosse Fressen" damals im Kino gesehen. Der Saal war "brechend" voll. Abgänge gab es aber keinen. :-) Ich fand den Film insgesamt ansehbar aber viel zu lang geraten.

Da kannst du mal sehen, was deutsche Kinobesucher doch einen robusten Magen haben. Also nix Weichei sondern Sauerkraut mit Haxe und Knödel. :lol:

Zitat:
Nachdem ich das Buch zum Film gelesen hatte, habe ich auf eine Filmansicht lieber verzichtet.

Ehrlich gesagt, von einem Buch zum Film weiß ich zumindest nichts. Ist irgendwie an mir vorbei gegangen. Das danach das Thema in Comics abgearbeitet wurde wusste ich, aber ein Buch? :sigh:
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#7 Erlkönig 2017-10-30 20:34
Laurin

Ich habe angenommen, bei dem Film handelt es sich um "LB". Da kam ein Taschenbuch zum Film von Bastei. Geschrieben von C.S. Gardner. Inhalt: Clevere Kiddies gegen das gefährliche, verlockende Böse in Vampyrform. Wenn "LB" natürlich nicht der gesuchte Film ist, dann sorry.
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#8 Friedhelm 2017-10-30 21:13
Es gibt tatsächlich einen Roman zum Film - der wurde wohl von "Warner Brothers" zum Filmstart in Auftrag gegeben. Der Autor ist -wie bereits vom Erlkönig angegeben- ein gewisser Craig Shaw Gardner.
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#9 Laurin 2017-10-30 21:47
@ Erlkönig & Friedhelm:

Ich glaube euch das durchaus mit dem Buch zum Film, keine Frage. Nur ist das dann wohl damals schon an mir vorbei gegangen. Bei der Recherche im Internet wurde dann auch nur auf diverse Comics zum Film hingewiesen (was ich aber schon wusste), während man zu einem Buch zum Filmstart absolut schweigt.
Aber ich kann ja auch nicht alles wissen und bin für jede weitere Info dankbar. ;-)

Nachtrag:
So, habe jetzt einfach mal "Buch" und den Titel des Films in die Suchoption für Bilder bei Google eingegeben und bin in Sachen Buch zum Film fündig geworden. Der Autor laut dem dort gezeigten TB-Cover ist, wie Erlkönig bereits schrieb Craig Shaw Gardner und die Übersetzung kam als Taschenbuch bei Bastei Lübbe heraus. :-)
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