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Jack Ketchum's EVIL - Der Film, der auf einem realen Kriminalfall basiert

EvilJack Ketchum's EVIL
Der Film, der auf einem realen Kriminalfall
und einem guten Buch basiert

Würde man mich gerade fragen, welches Buch mir im letzten Jahr sehr gut gefallen hat, dann würde es mir durchaus schwerfallen hier ein bestimmtes zu nennen - und dann, nach einer gewissen Zeit, würde ein Name fallen.

Würde man mich aber fragen, welches Buch aus dem letzten Jahr bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen hat, dann würde dieser Name auch fallen.

 

EvilEs handelt sich in beiden Fällen um das Buch EVIL von Jack Ketchum. Die Frage, die sich mir aber stellte, war die: Kann die Verfilmung aus dem Jahr 2007 das schaffen, was dem Buch mit einem Schlag gelang? Würde er ebenso schockieren und sich einprägen?

Solche Momente, in denen sich ein Buch oder ein Film so einprägen, wie es eben das Buch EVIL von Jack Ketchum getan hat, sind bei mir äußerst selten. Schließlich hat es nicht nur etwas damit zu tun, ob das Buch oder der Film bestens unterhalten hat, sondern auch damit, ob das, was man dort gesehen oder gelesen hat, einen nachhaltig berührt und über das reine Lesen oder Sehen hinaus beschäftigt. Ich kann mich hier eigentlich nur an einen Film erinnern, der mich in sehr jungen Jahren nachhaltig beschäftigt und gleichsam verstört hatte. Dabei handelte es sich um den Film HERR DER FLIEGEN nach einem Roman von William Goldings, in dem eine Gruppe sechs- bis zwölfjähriger Kinder auf einer Insel stranden, sich in zwei Lager spalten und in den Strudel eines blutigen Konflikts geraten. 

Auch in dem Buch EVIL nehmen Kinder bzw. Jugendliche eine zentrale Rolle ein, in dessen Geschehen sich das Grauen langsam Bahn bricht, bis dass die Handlung in eine schockierende Richtung abgleitet, die man nur als wirklich beängstigend bezeichnen kann! Ein Buch entfacht ja auch immer das berühmt-berüchtigte Kopfkino, und je mehr eine Geschichte zu fesseln weiß, um so mehr arbeitet eben das Kopfkino auf Hochtouren. Und da ich eine ausgeprägte Fantasie habe, lief mir bei dem Roman von Jack Ketchum spätestens nach der Hälfte des Romans die Gänsehaut über den gesamten Rücken.

SzenenfotoDer Film: Jack Ketchum's EVIL
Der Film beginnt im Sommer 1958 in einer amerikanischen Vorstadt, wo der 12-jährige David mit seinen Eltern lebt. Die Nachbarin Ruth ist selbst Mutter dreier Söhne und hat gerade noch zwei junge Mädchen in ihre Obhut genommen, deren Eltern bei einem Unfall verstorben sind. Die 16-jährige Megan freundet sich schnell mit David an und schnell entwickelt sich von Seiten des Jungen ein Gefühl der Zuneigung. Doch bald fällt David auf, dass Ruth immer neue Vorwände findet, die 12-jährige Susan, die durch Krücken und Beinstützen eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit ist, und insbesondere auch ihre ältere Schwester Megan zu bestrafen. Als die Demütigungen und Misshandlungen immer häufiger und brutaler erfolgen, wendet sich Megan hilfesuchend an einen Polizisten.

Doch statt Hilfe zu erhalten, gerät die Situation nun vollständig außer Kontrolle. Doch nicht nur Ruth quält Megan; auch ihre eigenen Söhne (und damit auch Davids bester Freund) und einige der Nachbarskinder sind in die unvorstellbar grausamen Folterspiele im Keller involviert. David, von Ruth und den anderen eingeschüchtert, sieht dem Martyrium von Megan erst hilflos zu. Doch dann entschließt er sich, Megan aus dieser Hölle zu helfen. Ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt ist.

SzenenfotoUnterlassungen und Veränderungen
Man muss vorweg schicken, dass es kaum möglich ist, ein Buch in seiner Gesamtheit und Komplexität 1:1 in einen Film mit einer Laufzeit von 91 Minuten zu pressen. Dass man also an manchen Ecken einfach Abstriche machen muss, sollte durchaus verständlich sein. Und doch fielen mir im Laufe des Films Szenen aus dem Buch ein, die hier keine Verwertung gefunden haben. Dies ist jedoch nicht negativ zu verstehen. Einiges jedoch wurde gegenüber der Romanversion verändert. So sind die psychischen Misshandlungen von Megan im Roman weitaus grausamer als im Film, was jedoch verständlich ist. Hätte man diese hier umgesetzt, wären Filme wie die SAW-Reihe in Sachen Härte schon fast etwas für Geburtstagsfeiern. Auch wird Ruth im Buch nicht von David mit einer von Susans Krücken erschlagen, sondern von der Treppe gestoßen. Auch die Polizei kommt nicht wie im Film durch das von David gelegte Feuer, denn im Buch sorgt das Verschwinden von David selbst für den Polizeieinsatz. Diese Liste ließe sich noch um einige weitere Punkte erweitern, dennoch muss man sagen, dass der Film sich im Wesentlichen korrekt am Roman orientiert. Die Veränderungen sind hier eher der filmischen Umsetzung geschuldet, ohne die Handlung an sich grob zu verfälschen.
»Das ist die düstere Version von "Stand by me."«
 (Zitat: Stephen King/DVD-Cover)
Sylvia Marie LikensWas den Film so schockierend macht
Schockierend ist der Film gerade auch deshalb, weil er eben nicht eine fiktive Handlung in einem realen Umfeld behandelt, sondern weil das ganze auf einem authentischen Fall aus dem Jahre 1965 basiert.

Eigentlich handelt es sich nämlich um die reale Geschichte der 16-jährigen Sylvia Marie Likens und ihrer 15-jährigen Schwester Jenny (Jenny litt tatsächlich an Kinderlähmung). Sylvia wuchs als eines von fünf Kindern eines Schausteller-Ehepaares auf, bis sie mit ihrer Schwester Jenny in die Obhut von Gertrude Baniszewski gegeben wurde.

Die an Depressionen, Asthma und Unterernährung leidende Gertrude ließ bevorzugt ihren Zorn an Sylvia und weniger an Jenny aus und körperliche Züchtigungen waren an der Tagesordnung. Die Misshandlungen steigerten sich noch, als Gertrude ihre Kinder in die Brutalitäten an Sylvia mit einbezog. So wurden Demütigungen und Gewalt über die Zeit immer intensiver, bis auch Nachbarskinder in die Folterungen an Sylvia mit einbezogen wurden. Gertrude Baniszewski, die immer mehr den Bezug zur Realität verlor, versteifte sich in ihre Behauptungen, Sylvia sei eine Hure und wäre schwanger, nur weil Sylvia selbst einmal angab, schon einen Freund zu haben. Als Sylvia Marie Likens ahnte, dass man ihren Tod plante, wollte sie fliehen, was ihr aber mißlang. Am 24. Oktober 1965 gingen Gertrude und ein Nachbarsjunge mit einem Stuhl bzw. einem Besenstiel auf Sylvia los und schlugen sie bewußtlos. Zwei Tage später verstarb Sylvia Marie Likens an ihren schweren Verletzungen.

Ich könnte hier auch noch einige eindringlichere Dinge aus dem Fall berichten, doch so wie sich Jack Ketchum in einem Kapitel seines Roman weigert, das unaussprechliche Grauen zu schildern, so weigere ich mich hier, detaillierter auf die Folterungen einzugehen! Wer hier mehr wissen möchte, den verweise ich auf die WIKIPEDIA. Hier findet man unter "Mordfall Sylvia Likens" weitere Informationen zum realen Fall. 

An American CrimeDie Verfilmung: AN AMERICAN CRIME
Ein weiterer Film über das scheußliche Verbrechen an Sylvia Likens wurde im Jahr 2007 von Tommy O'Haver umgesetzt, wobei auch hier einige Grausamkeiten im Film ausgespart bleiben, die den Rahmen für den Betrachter sprengen würden. Der Film unter dem Titel AN AMERICAN CRIME nimmt sich im Wesentlichen des realen Falles an, ohne Ort oder Namen zu verfremden, wie es in JACK KETCHUM'S EVIL (THE GIRL NEXT DOOR) passiert. Während Ellen Page die Rolle der Sylvia Likens übernimmt, spielt Catherine Keener die Rolle der Gertrude Baniszewski.

Eigentlich hatte Catherine Keener die Rolle der Gertrude abgelehnt, doch dann entschied sie sich anders. Trotz der FSK-16-Freigabe (DVD/92 Minuten) legt auch dieser Film eine Intensität an den Tag, die vom Zuschauer erst einmal verdaut werden muss. Eine verwirrende Schlüsselszene dürfte darin liegen, dass Sylvia im Film zwar die Flucht durch die Hilfe der Baniszewski-Tochter Paula scheinbar gelingt, sie jedoch bei der Rückkehr in das Haus von Gertrude in der Leiche nicht ihre Schwester, sondern sich selber sieht. Unterbrochen wird der Film immer wieder durch Einschübe von Zeugenaussagen, bis zuletzt Gertrude Baniszewski selbst in den Zeugenstand muss, in dem sie behauptet, von allem nichts gewusst zu haben. Als letztes kehrt der Film dann an die Anfangs-Szene zurück, wo Sylvia Likens auf einem Kinderkarussell sitzt.

SzenenfotoFazit
Es gibt gute Bücher, die schlecht verfilmt wurden und es gibt schlechte Bücher, deren Verfilmungen jedoch genial sein können. Die Verfilmung des Buches THE GIRL NEXT DOOR von Jack Ketchum gehört zu keinem der beiden Beispiele. Auch wenn der Film aufgrund seiner Spieldauer an manchen Punkten gerafft erscheint (wenn man das Buch bereits gelesen hat, bleibt dies nicht aus), gelingt es ihm bei mir den gleichen bleibenden Eindruck zu hinterlassen wie es bereits das Buch tat.

Hierbei sind besonders die Leistungen der zumeist jungen Schauspieler hervor zu heben. Es handelt sich hier nicht um Jungstars bzw. Schauspielerinnen, die in Hollywood von einem Film zum nächsten durchgereicht werden, was die Sache aufgrund ihrer relativen Unbekanntheit noch beklemmender macht. Es fällt mir aber auch aufgrund des realistischen Hintergrund schwer, diesen Film hier als massentauglich zu befinden. Der Film verstört, schockiert, ja, er macht Angst und damit steht er dem Buch in nichts nach.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf kann ich jedenfalls nur empfehlen, das der oder die Betrachter mit dem, was in diesem Film an Härte geboten wird, auch umgehen können müssen. Denn es ist bei Filmen mit hohem Härtegrad immer eine Sache, wenn man weiß, dass das, was ich sehe fiktiv ist, aber es ist eben eine andere Sache, wenn man weiß, dass das, was man sieht, einen realen Hintergrund hat (da wird einem dann doch etwas anders in der Magengegend). Die FSK-18-Freigabe für den Film "Jack Ketchum's EVIL" ist deshalb völlig berechtigt und man sollte den Film wirklich nicht Kindern zugänglich aufbewahren. Alle denen, die aber bereits das Buch EVIL mit Spannung gelesen haben, kann ich die Verfilmung nur empfehlen.
Evil
Jack Ketchum's EVIL
(The Girl Next Door)

USA/2007

Besetzung:
Megan Loughlin - Blythe Auffarth
David Moran - Daniel Manche
Ruth Chandler - Blanche Baker
Willi Chandler - Graham Patrick Martin
Donny Chandler - Benjamin Ross Kaplan
Ralphie "Woofer" Chandler - Austin Williams


Regie: Gregory M. Wilson
Drehbuch: Daniel Farrands, Philip Nutman
Produktion: William M. Miller, Andrew van den Houten
Musik: Ryan Shore
Kamera: William M. Miller

91 Minunten
FSK-Freigabe ab 18 Jahre
Nach dem Roman THE GIRL NEXT DOOR (EVIL) von Jack Ketchum
Sprache: Deutsch/Englisch
Bonusmaterial: Making of, Audiokommentare, Interviews mit Cast & Crew
DVD in Metallbox

GALILEOMEDIEN AG
 
kTM

Kommentare  

#1 horror1966 2011-03-03 18:14
Für mich persönlich ist der Film einer der härtesten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Zudem gibt es wirklich nur sehr wenige filmische Umsetzungen einer Geschichte, die sich so nah an der literarischen Vorlage orientieren, wie es hier der Fall ist. Natürlich bleibt die Sache mit den diversen Abstrichen nicht ganz aus, dennoch ist Ketchum's Buch wirklich extrem gut verfilmt worden.
#2 Jonas Hoffmann 2011-03-03 19:13
Ich habe nur das Buch gelesen, aber für mich ist es eines der härtesten das ich kenne! Wer S. King mag, der findet hier einen Schritt zu noch größerem Horror, der aber jeder Zeit auch beim Nachbarn auftreten kann. Das ist das erschütternde daran. Jeder kennt Natascha Kampusch und ihre Geschichte. Diese hier ist noch eine Spur härter in meien Augen. Einfach nur blanker Horror, schlicht krass!
#3 Laurin 2011-03-04 09:57
Man muß hinzufügen, dass das Buch ja schon einige Jahre auf dem Buckel hat, aber immer noch als Geheimtipp die Runde macht und läuft wie geschnitten Brot. Man kann eigentlich dem Heyne Verlag nur zur Herausgabe dieses Buches beglückwünschen. Ich hätte da auch nichts dagegen wenn dieses Buch als Hardcover auf den Markt käme, so wie man es bereits bei "Brennen muß Salem" von Stephen King gemacht hat. Ich halte es zumindest für eines der wenigen Bücher, die man nach dem lesen eben nicht gleich an Seite legt und zur Tagesortnung übergeht.

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