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Der finstere Schrecken des Realitätsverlust - »Ekel«

EkelDer finstere Schrecken des Realitätsverlust
»Ekel«

Carole Ledoux ist 20 Jahre jung, bildhübsch, lebt zusammen mit ihrer älteren Schwester Helene in einem Londoner Appartment und arbeitet als Maniküre in einem Schönheitssalon. Das Leben könnte daher eigentlich recht schön, oder doch zumindest normal verlaufen. Doch Carole ist mehr als nur eine schüchterne Schönheit und das eher spartanisch eingerichtete Appartment dient ihr daher eher als ein Rückzugsraum, in dem sie sich in Sicherheit glaubt.

EkelUnd Sicherheit ist für die junge Belgierin mehr als nur sehr wichtig. Helene ist da eigentlich das genaue Gegenteil. So tritt sie durchaus selbstbewusst und moralisch etwas lockerer in Erscheinung und hat auch schon seit einiger Zeit einen attraktiven Engländer an ihrer Seite, der so ganz nebenher allerdings auch noch verheiratet ist.

Ein Umstand, der bei dem Gefühlsleben von Carole wohl kaum im Rahmen der Möglichkeiten liegen dürfte. Denn andere Menschen und ganz besonders Männer lösen bei ihr Ekel aus und wenn sie von ihnen berührt wird, gleicht dies für sie wie ein Gang durch die Hölle. So sind denn auch die Annäherungsversuche und Berührungen ihres Verehrers Colin ihr eher mehr als nur unangenehm. Als Colin ihr z.B. einen Kuss gibt, putzt sich Carole direkt danach geradezu zwanghaft ihre Zähne.

Diese zwanghafte Psychose von Carole gerät jedoch bald völlig aus den Fugen, als Helene mit ihrem verheirateten Geliebten Michael in eine Art Liebesurlaub nach Italien aufbricht und sie so alleine im Appartment zurück bleibt.

Denn kaum alleine, fühlt sich Carole auch schon bald verfolgt und auch das Appartment, welches sich für sie bisher als sicherer Rückzugsort erwiesen hatte, scheint sich plötzlich immer mehr gegen sie zu wenden.

So bekommen die Wände, die bisher für Carole als "Schutzwall" empfunden wurden, mächtige Risse aus denen sich menschliche Arme zwängen, um aus der Mauer heraus nach ihr zu greifen. Aber auch im Spiegel erblickt sie plötzlich einen Mann, der scheinbar ohne ihr Wissen in die Wohnung eingedrungen zu sein scheint. Dabei nimmt mit jedem Augenblick aber auch der Schrecken ihrer Wahnvorstellungen immer mehr Fahrt auf, welches scheinbar nur noch in einer Katastrophe enden kann.

EkelAus der Banalität heraus direkt in einen Höllen-Trip:
Der Film EKEL aus dem Jahre 1965 ist nicht nur die erste englischsprachige Filmproduktion des noch recht jungen Regisseur Roman Polanski, sondern auch der erste Film seiner sogenannten "Mieter-Trilogie", welche späterhin mit dem Film ROSEMARIES BABY (1968) fortgeführt und dann im Jahre 1976 mit DER MIETER vollendet wurde und in der jeweils eine Wohnung zum Schauplatz einer ganz eigenen Horrorgeschichte wird. Gleichsam markierte der Film EKEL aber auch seinen Durchbruch als Regisseur in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Gleiches galt übrigens als französische Schauspielerin auch für die damals noch recht junge Catherine Deneuve.

Dabei hatte es Polanski erst nicht wirklich einfach gehabt, den Film EKEL (Originaltitel: REPULSION) zu verfilmen, denn ein entsprechendes Studio zu finden, war schon eine gewisse Nagelprobe. Schließlich, da das Drehbuch neben Gewalt auch Nacktszenen vorsah, sowie eine versuchte Vergewaltigung und als Sahnehäubchen noch Orgasmus-Laute oben drauf kamen, waren ihm so einige Ablehnungen in der damaligen Zeit geradezu garantiert gewesen. Dabei handelt es sich, wenn man den Film einmal selbst nüchtern betrachtet, heute um Szenen, die locker mit einer Altersfreigabe ab 16 Jahren bedacht werden. Im Jahre 1965 sah da aber die Welt noch ganz anders aus, da man zu dieser Zeit noch wesentlich verklemmter an so manche Thematik bzw. Darstellung heran ging. Wer also 1965 in Deutschland nicht im volljährigen Alter war (was man zu dieser Zeit auch erst mit 21 Jahren wurde), der konnte damals auch den Besuch des Kino für den Film EKEL schlicht negativ erst einmal wieder zu den Akten legen.

EkelDabei beginnt das Prinzip von EKEL allerdings zuerst einmal mit einer scheinbar banalen Geschichte um ein schüchternes Mädchen an. Roman Polanski nutzte für die Gesamthandlung von EKEL jedoch durchaus recht geschickt stilbildende Elemente sowohl des Horrorfilm als auch des Film-Noir und ehe man sich als Zuschauer versieht, wandelt sich so diese zuerst eher banale Geschichte immer mehr zu einer grotesken Achterbahnfahrt des psychologischen Schreckens.

Sicherlich nicht ganz Unschuldig daran dürfte allerdings auch der Kameramann Gilbert Taylor gewesen sein, der mit gezielten Einstellungen und einem sicheren Gespür für außergewöhnliche Blickwinkel bei EKEL für die perfekte Atmosphäre sorgte. Dies kam aber auch nicht aus einer plötzlich auftauchenden filmischen Wundertüte, denn nur ein Jahr vorher setzte Taylor bereits sehr gekonnt die fantastischen Elemente im Film DR. SELTSAM, ODER WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN um.

Ulrich Behrens fasste die Handlung von EKEL in seiner längeren Filmrezension dann auch recht schön und (wie hier zusammengfasst) in wenigen kurzen Sätzen bereits zusammen, wenn er schrieb:

"Immer mehr zieht Polanski den Zuschauer in die inneren Abgründe Caroles hinein, die zwischen Wirklichkeit und Wahn nicht mehr unterscheiden kann. [...] Polanski und Taylor ziehen uns in diesen Strudel, einen Strudel der Angst, des Widerwillens, des Widerwärtigen und einer schier unfassbaren Attraktion des Todes, ausgelöst durch etwas, das wir nicht kennen, von dem wir nur wissen, dass es länger zurückliegen muss, wahrscheinlich in der Kindheit."

(Ulrich Behrens, 2004/filmzentrale.com)

Wer genau aufpasst, dem dürfte eigentlich bei dem Film EKEL auch auffallen, dass hier nicht immer alles in der Handlung wirklich so ganz schlüssig für den Zuschauer rüber kommt. Das sollte allerdings nicht wirklich stören, denn trotz allem ist Polanski mit EKEL durchaus ein düsteres, geradezu gruseliges psychologisches Drama gelungen, welches man durchweg als einen der besten Filme der 1960er Jahre betrachten kann. Zudem kommt man schließlich an so manche Kunstgriffe auch nicht vorbei, wenn man einerseits hintergründig auch aufzeigen will, wie oberflächlich und gefühlskalt die Gesellschaft eigentlich sein kann, welche den persönlichen Wahnsinn andererseits widerum geradezu befeuert. So treffen hier nicht nur gegensätzliche Moralvorstellungen und tiefliegende Ängste, sondern auch völlig unterschiedliche Empfindungen und  Lebensweisen eher unversöhnlich aufeinander.

Der Film EKEL bedient sich in seiner Ausgestaltung allerdings auch einiger symbolhafter Elemente, wie etwa einem toten Hasen, der seitens Carole nicht etwa in der Backröhre als schmackhafter Braten endet, sondern während des Films immer mehr Verwesungserscheinungen aufweist. Da mag Polanski durchaus etwas bei Luis Bunuels Kurzfilm EIN ANDALUSISCHER HUND aus dem Jahre 1929 abgeschaut haben. Auffällig wird dies dann durchaus auch im Vorspann, in dem man das leinwandfüllende Auge von Catherine Deneuve sieht, während die entsprechenden Schriftzüge des Vorspann wechselseitig ihre Pupille kreuzen. Dies assoziiert natürlich unweigerlich die bekannte Szene aus EIN ANDALUSISCHER HUND, in der ein Auge mittels einer Rasierklinge zerschnitten wird.

EkelDer Schrecken zieht den Zuschauer schnell in seinen Bann:
Der Schwarzweiß gedrehte Film EKEL von Roman Polanski ist in erster Line - und damit im Gegensatz zu seinem späteren Erfolgsfilm ROSEMARIES BABY aus der Mieter-Trilogie - eigentlich zum Großteil ein psychologisches Drama, in dem die Stadt als ein bedrohlicher Ort für eine junge hübsche Frau erscheint, während die Abgeschlossenheit des Appartment für die junge Frau eher als ein sicherer Rückzugsort wahrgenommen wird, Wäre da eben nicht auch ihre älter Schwester, die moralisch keinerlei Probleme damit zu haben scheint, ebenfalls in diesem gemeinsamen Appartment ein Verhältnis zu einem verheirateten Mann zu pflegen.

Das Gefühl von Sicherheit und einer gewissen Geborgenheit durch das Appartment fängt dann jedoch gerade in dem Augenblick seelische wie scheinbar auch sichtbare Risse in den Wänden zu bekommen, als Carole sich wirklich alleine in der Wohnung befindet. Hier beginnen sich Realität und Wahnsinn bei der jungen Frau immer mehr zu mischen, wobei diese Szenen durchaus Elemente eines Horrorfilm transportieren, die natürlich auch die allgemeine Atmosphäre innerhalb der Handlung für den Zuschauer immer bedrohlicher erscheinen lässt.

Der Film EKEL weiß daher durchaus zu fesseln, auch wenn er wohl der erste Film ist, mit dem Roman Polanski wirklich  weltweit für Aufsehen sorgen konnte. Und auch die Darstellerinnen und Darsteller wissen zu überzeugen. Allen voran natürlich die junge Catherine Deneuve, die recht bald zu einer der ganz großen weiblichen Schauspielerinnen Frankreichs werden sollte. EKEL gilt zudem ganz berechtigt heute auch als einer der größten filmischen Klassiker seitens Polanski, auch wenn dieser Film, wie auch DER MIETER aus dem Jahre 1976 immer irgendwie bei den Zuschauern im Schatten von ROSEMARIES BABY aus dem Jahre 1968 - hinsichtlich seiner Mieter-Trilogie - stand, wie aber wohl auch noch immer steht. Allerdings sollte man sich eigentlich die visuell intensive Kraft diese Frühwerk von Polanski nun wirklich nicht entgehen lassen.

EkelEkel
(Repulsion)
mit Catherine Deneuve, Yvonne Furneaux, John Fraser, Ian Hendry, Patrick Wymark, James Villiers, Renee Houston, Helen Fraser, Valerie Taylor, Hugh Futscher, Maxwell Craig u.a.
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Roman Polanski, Gerard Brach
Produktion: Gene Gutowski
Musik: Chico Hamilton
Genre: Psychologisches Drama
Laufzeit ca. 105 Minuten (BD)
DVD/FSK: 16 Jahre
Vertrieb: STUDIOCANAL
Großbritannien 1965

Kommentare  

#1 Estrangain 2021-01-16 10:14
Ein Film, der unter die Haut geht. Einer meiner ewigen Favoriten!
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