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Über Menschen und Unmenschlichkeiten - »Meat - Lust auf Fleisch«

Meat - Lust auf Fleisch (Vlees)Über Menschen und Unmenschlichkeiten
»Meat - Lust auf Fleisch«

Wenn man per Film einen richtig schönen Skandal in die Wege leiten will, dann kombiniert man am besten Nahrungsmittel mit sexuellen Handlungen. Das klappte schon im französisch-italienischen Film DAS GROSSE FRESSEN von 1973 unter der Regie von Marco Ferreri recht gut. Vielleicht mag es am Kontrast irgendwo zwischen dem verschlingen und dem kopulieren liegen, wenn beides unmissvertändlich aufeinandertreffen sollte.

Meat - Lust auf Fleisch (Vlees)Wenn dann noch insbesondere Fleisch zur tragenden Delikatesse wird, wobei der Metzger und seine nicht wirklich treue Ehefrau im Kühlraum zwischen Rinder- und Schweinehälften aufs wildeste dem lüsternen Drang nachkommen, dann wird es zumindest Zeit für die Vegetarier bzw. Hardcore-Veganern, beide Augen fest zu schließen und auf baldige Erlösung zu hoffen.

Dabei bekam man den Film MEAT/VLEES seitens der niederländischen  Regie unter Maartje Seyferth und Victor Nieuwenheuijs damals zuerst auch nur in Berlin auf dem Pornofilmfestival zu sehen. Dies zeigt eigentlich ebenso schön auf, wie ein bewusst eher experimenteller Film mit einigen Nacktszenen und wenigen Genitalien gleich in die Ecke der Pornographie rutschen kann, während es sich für den Zuschauer recht schnell herausstellt, womit er es hier gerade bei diesem Festival eben nicht zu tun bekommt. Denn irgendwie erotisch anregend dürften selbst die wenigen eindeutigen Szenen nicht wirklich herüber kommen. Allerdings sollte man auch die Pflicht des mitdenken hier nun nicht wirklich überbewerten.

Meat - Lust auf Fleisch (Vlees)Lust, Fleisch und die Leiche des Metzgers:
Worum geht es aber nun in dem Film MEAT - LUST AUF FLEISCH? Nun, der Film spaltet sich zu Beginn in zwei Erzählstränge auf, die mit dem Handlungsverlauf immer mehr zusammengeführt werden.

Zuerst haben wir da einen Metzger, bei dem selbst der eigentliche Verkaufsraum wenig Appetit auf Fleisch, Wurst und diverse Innereien macht. Diese Räumlichkeiten haben zudem einen nicht zu übersehenden schmutzigen Charakter. Dabei ist der alte Metzger auch nicht der Herr im Hause, denn eigentlich ist selbst er nur ein Angestellter, mit dessen Ehefrau der eigentliche Chef ganz ohne Heimlichtuerei regelmäßig eine Runde wilde Maus spielt, während der brave Ehemann im Laden Knochen zerschlägt, Fleisch schneidet und auch schon mal fertige Frikadellen selbst verputzt.

Unterstützt wird er dabei an den Samstagen von der 17-jährigen Aushilfe Roxy, die geradezu obsessiv menschliche Eigenarten wie auch diverse fleischliche Auslagen mit einer kleinen Kamera filmisch festhält. Roxy ist nicht nur eine junge wie hübsche Blondine, sondern auch die alternative Muse des Metzgers und Schlachters, der sich dem Mädchen auf ziemlich penetrante Art und Weise nähert, während er selbst gerade mal wieder nach Strich und Faden von seiner Frau betrogen wird.

Dessen Annäherungsversuche bei dem jungen Ding könnte man ohne große rechtliche Kentnisse durchaus schon als sexuelle Nötigung bezeichnen. Aber Frechheit siegt hier, und so kommt es nach einer kleinen Feier in den Räumlichkeiten der Schlachterei zwischen dem alten Metzger und dem jungen Mädchen zum Sex unter der Dusche, was letztere natürlich ebenfalls wieder mit der Kamera festhält. Am Ende eines ereignisreichen Lustspiel zwischen Schweinebraten und Lammkeule bleibt allerdings am Boden die ausgestreckte nackte Leiche des Metzgers zurück. Roxy macht sich indessen auf um in der Nacht von ihrem sogenannten "Freund" und dessen Kumpel in der freien Wildnis quasi vergewaltigt zu werden.

Meat - Lust auf Fleisch (Vlees)Der zweite Handlunsverlauf stellt uns indessen einen Kriminalinspektor vor, der in seinem recht kleinen Büro (irgendwie Marke Abstellkammer) seine wenigen Zimmerpflanzen gießt und ansonsten eigentlich damit beschäftigt ist, seinen Mitarbeitern wie auch der Arbeit zu entkommen. So ganz nebenbei hat er auch noch eine Freundin, die geradezu abgöttisch in ihn verliebt ist (warum auch immer), während er ihr gerade klar machen will, wie wenig ihm eigentlich an ihr liegt. Sie reagiert ziemlich heftig auf seinen Versuch, die Beziehung mit ihr zu beenden, landet aber doch recht bald in ihrer Wohnung wieder mit ihm im Bett. Doch ihr Versuch, ihn mittels Sex halten zu wollen misslingt völlig.

Als er auch jetzt eher ihre Liebesbezeugungen zurückweist und so auch ihre Wohnung verlässt, kommt es zu einer Kurzschlussreaktion ihrerseits auf diese Trennung. Denn während er unten vor dem Mietshaus noch steht, stürzt sie sich unvermittelt zu Tode und schlägt dabei nur knapp neben ihm auf der Rasenfläche auf. Hierauf reagiert unser Kriminalinspektor jedoch alles andere als normal. Ziemlich emotionslos und scheinbar völlig ungerührt, lässt unser Kriminalinspektor die Leiche seiner Freundin dann einfach liegen  und zieht seiner Wege.

Wieder in seinem Büro liegt natürlich die Akte über die Leiche des Metzgers im Kühlhaus, da man diesen Fall eben unserem Kriminalinspektor übertragen hatte. Der macht sich auch recht bescheiden hinsichtlich der Einsatzfreude an den Fall, weshalb bald Roxy zwecks einer Aussage bei ihm vorstellig werden muss. Dabei zeigt sich aber auch recht bald bei den Untersuchungen, dass unser Inspektor ein recht seltsames wie auffälliges Interesse an der jungen Roxy hat, die eigentlich ja unter Mordverdacht steht.

Meat - Lust auf Fleisch (Vlees)Experimentierfreude, die leider irgendwie verpufft:
Mit den jeweiligen Bildern wusste man bei dem Film MEAT - LUST AUF FLEISCH, der natürlich alles, nur eben kein Porno ist, durchaus an nicht einmal wenigen Stellen fasst zu überzeugen. Die gesamte Atmosphäre wirkt schlicht (aber auch gewollt) recht surrealistisch und mitunter auch schon mal alptraumhaft. Doch es gelingt ihm irgendwie nie wirklich provokant zu sein.

Der durch den experimentellen Look gewünschte finstere Blick auf den Menschen und seine Abgründe verpufft leider recht schnell immer wieder, oder löst sich an manchen Stellen einfach irgendwie in Luft auf. Vergleiche zum Beispiel mit Filmen wie MULHOLLAND DRIVE von David Lynch verbietet sich daher schon irgendwie.

MEAT - LUST AUF FLEISCH hat zwar durchaus in Sachen surrealer Atmosphäre und bedrohlicher Stimmungen so seine recht positiven Momente. So lässt beispielsweise die schnelle Bildfolge bei der Autofahrt von Roxy mit ihrem türkischen Freund und dessen Kumpel wirklich nicht Gutes hoffen. Nur gelingt es den bald darauf folgenden Szenen dann doch wieder, hier den gut aufgebauten Faktor einer Bedrohung, sich fasst wieder vollständig verflüchtigen zu lassen.

Um es hierbei vorweg zu sagen. Roxy erwacht zwar Stunden später wieder nach der Vergewaltigung dort, wo man sie einfach in der Landschaft liegen gelassen hatte. Nur scheint es ihr nicht wirklich viel ausgemacht zu haben, weshalb sie späterhin auch wieder die Nähe zu ihrem sogenannten "Freund" sucht. Dies hat durchaus einen recht gut platzierten, misogynen wie auch bizarren Charakter, der durchaus gut beschreibt, in welcher geringen Wertigkeit dieses noch recht junge Mädchen sich selbst sieht. Doch es sind eben die Szenen zwischendurch, die die Luft aus dem Ballon recht schnell wieder herauslassen und so auf ein Hauptproblem hinweisen, welches sich im gesamten Film offensichtlich abarbeitet. Dieses Problem liegt schlicht bei aller experimentellen Freude in der offensichtlichen Unentschlossenheit vieler weiterer Plots, welche sich leider ebenfalls wie ein roter Faden durch die gesamte Filmhandlung ziehen.

Meat - Lust auf Fleisch (Vlees)Meine Filmkritik:
Experimentelle Filme, und erst recht dann, wenn sie mit offen surrealistischen und düsteren Elementen angereichert werden, haben in meinen Augen immer etwas, was man eigentlich nur schwer beschreiben kann.

Es ist hierbei nicht die Spannung, welche die Handlung im Gesamtverlauf interessant macht. Vielmehr leben solche Filme von der Atmosphäre, die sich schleichend unter die Haut des Zuschauers schiebt und so eine recht eigene Faszination beim Betrachter auslöst.

Den Film MEAT - LUST AUF FLEISCH nun als einen guten Vertreter solcher experimentellen Filme zu bezeichnen, würde nun wahrlich zu weit gehen. Er ist kein guter Film und doch gelingt es ihm irgendwie trotz so mancher Unbeholfenheit in seiner Umsetzung, mich als Zuschauer doch noch bei der Stange zu halten. Die durchaus eingestreuten, provokanten Sex-Szenen machen den Film zwar noch längst nicht zu einem handelsüblichen Porno, aber wenn man diese Szenen schlicht auf Porno reduzieren will, dann sind diese Szenen nicht als erotisch sondern eher als schmierig und mitunter sogar abstoßend zu betrachten, die eben nicht wirklich Lust auf mehr machen. Damit man mich hier aber nun nicht falsch verteht, denn in einem Film experimenteller Art, welcher auch den Akt des Zwischenmenschlichen mit einbezieht um hierbei die Moral schlicht als Absurdum zu führt, hat etwas fesselndes. Man könnte es vergleichen mit der Angst bei einem Horrorfilm. Niemand hat gerne Angst und doch hat die Angst in solchen Filmen eben eine für sich stehende, wieder faszinierende Wirkung.

So hat MEAT - LUST AUF FLEISCH eben auch eine für sich stehende, faszinierende Wirkung, der man sich dann nicht wirklich entziehen mag. Doch vieles wirkt bei genauer Betrachtung dann doch leider etwas erzwungen und dann in manchen Szenen eben wieder nur halbherzig umgesetzt. An anderen Stellen wiederum, quasi als Kontrast hierzu, setzt man in manchen Szenen zu surrealen wie finsteren Höhenflügen an, welche man aber leider nicht bereit ist, zumindest konstant über die gesamte Handlung hinweg als tragendes Element beizubehalten.

MEAT - LUST AUF FLEISCH lässt mich daher irgendwie gespalten zurück. Auf einer Seite hält er mich erfolgreich vom Abschalten ab und von der anderen Seite her, mag man aber auch nicht das Füllhorn des Lobes über ihn auskippen wollen. So bleibt mir bei der Gesamtbewertung schlicht auch nur eine krumme Zahl von 2,5 Punkten bei insgesamt 5 Punkten als Höchstbewertung. Es sind eben nur bestimmte Szenen die bei diesem experimentellen Film aufgrund ihrer kompromisslosen Art zu fesseln wissen, bevor die Handlung dann irgendwie wieder zwischendurch in gähnende Langeweile zu versinken droht. So würde ich auch, wenn am Ende ganze drei Leichen zu verzeichnen sind, in Sachen Genre die angegebene Bezeichung Thriller wirklich nur mit einer gewissen Zurückhaltung unterschreiben wollen.

Wer den Film allerdings doch mal selber kritisch unter die Lupe nehmen möchte, dem sei hier schon einmal verraten, dass die Rolle des Metzgers/Schlachters und die des Kriminalinspektors in einer Doppelrolle von Titus Muizelaar gespielt wird.

Meat - Lust auf Fleisch (Vlees)Meat - Lust auf Fleisch
(Vlees)
mit Titus Muizelaar, Nellie Brenner, Wilma Bakker, Elvira Out, Hugo Metsers, Gürkan Kücüksentürk, Ali Sultan, Frans Bakker, Taco Schenkhuizen, Jasper van Beusekom, Elise Hoff, Rietje Janssens, Jan Willem Bijl u.a.
Regie: Victor Nieuwenhuijs, Maartje Seyferth
Drehbuch: Maartje Seyferth, Stan Lapinski
Produktion: Rene Goossens, Annemiek van Gorb, Michiel van Meegdenburg u.a.
Musik: Willem Cramer
Genre: Drama/Thriller
Laufzeit: 84 Minuten
DVD/FSK: 18 Jahre
Vertrieb: Alive/Donau Film
Niederlande 2010









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