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Massenhysterie, bedenkliche psychologische Methoden und der Hass - Regression

RegressionMassenhysterie, bedenkliche psychologische Methoden und der Hass
Regression

In vielen Gesellschaften spielt die Religion eine intensive Rolle. Schnell kann aus diesem Glauben somit auch ein Element der Manipulation daraus werden. Diese finden wir nicht nur im nahen Osten, sondern auch in den USA, wo manchmal nur ein Funke genügt, um eine wahre Hysterie auszulösen. Diesem Thema nimmt sich der Film REGRESSION an.


SzenenfotoRegression – Die Hintergründe:
Der Film REGRESSION beruht dabei durchaus auf realen Begebenheiten aus den USA. Die Religion tritt hier nicht nur in recht vielfältiger Form auf und bedient sich oftmals äußerst fragwürdiger Formen, sie hat auch längst in manchen bizarren Formen Einzug in die US-Politik gehalten und wenn sie hier auch nicht offen zur Show getragen wird, so offenbart sie in ihrer Anhängerschaft oftmals ein durchaus fragwürdiges Weltbild, dass mit Wissenschaft und Erkenntnis nichts mehr gemein hat. Einerseits kann so etwas belustigend auf aufgeklärte Menschen wirken, doch dieses Element, über das wir dann im allgemeinen den Kopf schütteln, kann auch brandgefährlich werden. Und das nicht nur mit Blick auf die Weltpolitik, sondern auch im Inneren der Gesellschaft. Manchmal genügt ein Funke und es wird etwas losgetreten, dass recht bald schon in eine Hysterie umschlagen kann.

In diesem Sinne ist der Film REGRESSION nicht nur eben ein Film, der sich diese Umstände in seiner Handlung zunutze macht, sondern er beruht durchaus auf Tatsachen. Handlungen also, die vor noch nicht so langer Zeit in ähnlicher Form stattgefunden haben und die zu eben diesem Film inspirierten.

SzenenfotoDie wahre Geschichte hinter REGRESSION:
Religiöser Aberglaube und eine ebenso religiöse Radikalisierung sorgten in in den 80er und 90er Jahren in den nordamerikanischen Kleinstädten dafür, dass es zu einer Serie von seltsamen Vorfällen kam.

Dabei mehrten sich auch die Vorfälle, die ab den 80er Jahren bei den möglichen Opfern dieser Vorfalle dafür sorgten, dass diese zunehmend bizarre Anschuldigungen erhoben. Diese reichten vom sexuellen Missbrauch durch dubiose Tätergruppen, die scheinbar Landesweit vernetzt zu sein schienen. Des weiteren machten Aussagen über Entführungen von Babys und deren ritueller Tötung bis hin zum Kannibalismus die Runde. Schnell war in den stark religiös geprägten Gemeinden auch diese angeblich weit vernetzte Tätergruppe stigmatisiert als eine über die kleinstädtischen Grenzen hinweg agierende Sekte von Satanisten, der man kaum Herr werden konnte. Schließlich offenbarten diese ja nicht öffentlich ihre Hinwendung zum Teufel, sondern lebten getarnt innerhalb der Gemeinden als „brave Bürger“.

Schnell kreisten so Gerüchte, dass diese Satanisten sich in abgelegenen Gegenden oder Scheunen des Nachts trafen um neben Tieren auch mit entführten Babys blutige Rituale zu vollführen, während sie sich gleichsam am Tage hinter ihrer bürgerlichen Existenz verbargen.

Ähnlichkeit zum Film REGRESSION hatte dabei ein Fall aus den Jahren 1992/1993. In der kanadische Kleinstadt Martensville kam es zu einem „Sexskandal“ bei dem eine Tagesmutter beschuldigt wurde,  ein Baby missbraucht zu haben. Die Polizei nahm die Ermittlungen auf und es dauerte nicht lange bis weitere Anschuldigungen seitens Dritter erfolgten. Diese Anschuldigungen führten wiederum dazu, dass hinter dem Ganzen eine satanische Sekte mit dem Namen „The Brotherhood of the Ram“ stecken sollte. Es folgten polizeiliche Ermittlungen und selbst das FBI soll sich zwischenzeitlich wohl eingeschaltet haben. Die Ermittlungen selbst wurden jedoch später aufgrund fehlender Beweise gänzlich wieder eingestellt.

SzenenfotoDer Dominoeffekt der Regressionstherapie:
Wirklich gefährlich wurde es in solchen Fällen jedoch wohl eher ungewollt durch die oftmals eingesetzten Psychologen. Denn diese wandten im guten Glauben  und festhaltend an der Unfehlbarkeit der Wissenschaft bei den betreffenden Personenkreisen die Regressionstherapie an. Hierbei führt man die betreffenden Personen in ein langsames „Zurück-Gehen“ in ihre eigene Vergangenheit, damit verborgene bzw. verdrängte Erinnerungen wieder hervorgeholt werden können (übrigens sehr schön dargestellt im Film). Das Resultat war damals enorm. Sprunghaft stieg die Zahl von Bekenntnissen wie auch Anklagen gegen weitere Personen, ganze Familienzusammenhänge wurden zerstört und es kam zu einer gesellschaftlichen Hysterie und allgemeinem Chaos.

In manchen Fällen zog dies sogar beträchtliche strafrechtliche Konsequenzen nach sich. Die Frage blieb jedoch gänzlich unbeantwortet, ob diese Menschen wirklich von satanischen Sekten missbraucht wurden oder nicht. Die Regressionstherapie selbst gilt heute als äußerst umstritten, denn statt Licht in das Dunkle zu bringen, löste sie wohl eher einen Dominoeffekt aus, der dem Verfolgungswahn und der allgemeinen Hysterie in stark religiös geprägten Gegenden nur noch mehr in die Hände spielte. Ein wirklicher Beweis für die Existenz solcher satanischen Gruppierungen ist indessen bis heute nicht aufgetaucht. Zwar gibt es laut der gesetzlichen Religionsfreiheit in den USA durchaus die Church of Satan als anerkannte Glaubensgemeinschaft, doch wer sich nur halbwegs einmal mit dieser Gruppierung beschäftigt hat, der wird feststellen, dass deren Anhänger weit davon entfernt sind, Tieropfer zu bringen oder gar kleine Babys zu entführen, um diese blutigst zu opfern.

SzenenfotoWeitere inspirativ-filmische Einflüsse:
Doch nicht nur die reale Form von religiösen Wahnvorstellungen und die gefährliche Beeinflussung waren Inspiration zu dem recht düster gehaltenen Film REGRESSION. Inspiration dürfte der Dreh- und Angelpunkt jeglicher künstlerischen Kreativität sein. Nicht anders ergeht es daher dem Regisseur Alejandro Amenabar.

Insgesamt fünf Kultfilme wirkten sich bei der Umsetzung des Films REGRESSION positiv aus und beeinflussten ihn in der einen oder anderen Weise. Sei es nun die düstere Atmosphäre, die Form Spannung zu erzeugen, Angst fühlbar und nachvollziehbar zu vermitteln oder die Art, wie man dem Geheimnis letztendlich auf den Grund geht. Für Amenabar kann man hier folgende Filme als wesentlich wichtige Inspirationsquelle nennen, um REGRESSION zu dem machen zu können, was dieser Film letztendlich ist – eine düstere, Gänsehaut  schaffende Story.

Als erstes wäre der Psychothriller ROSEMARY'S BABY aus dem Jahre 1968 zu nennen. Hinzu kommen DER EXORZIST (1973), DER MARATHON-MANN (1976), DAS OMEN (1976) und DIE UNBESTECHLICHEN (1976). Allerdings sollte man hier auch den Film THE OTHERS (2001) berücksichtigen, bei dem der Regisseur Alejandro Amenabar selbst nicht nur Regie führte und das Drehbuch schrieb, sondern auch gleich Kamera und Musik für den Film in die eigenen Hände nahm.

Eine kurze Randbemerkung für die Fans von HARRY POTTER:
In weiteren Hauptrollen neben Ethan Hawke wirken hier auch Emma Watson und David Thewlis mit, die jeder wohl aus den HARRY POTTER Filmen als Hermine Granger und Professor Remus Lupin kennen dürfte. Doch kommen wir jetzt zur eigentlichen Handlung des Films REGRESSION.

Szenenfoto1990 – Eine kleine Stadt in Minnesota:
Die junge Angela Gray (Emma Watson) bezichtigt ihren eigenen gottesfürchtigen Vater des sexuellen Missbrauchs und lebt seit dem unter der Obhut von Reverend Beaumont. Als sich Detective Bruce Kenner (Ethan Hawke) des Falles annimmt und John Gray, den Vater von Angela im Gefängnis befragt, gibt dieser eher unerwartet an, sich überhaupt nicht an die Tat erinnern zu können, bekennt sich aber gleichzeitig für schuldig, eben diese Tat begangen zu haben. Das seine Tochter Angela nämlich lügen könnte, ist für ihn unvorstellbar da Angela sehr gläubig sei und zu keiner Lüge fähig. Vielmehr glaubt John, dass andere, böse Mächte ihn wohl zu dieser schändlichen Tat verleitet hätten.

Gleichsam laufen durch die Medien immer wieder neue Berichte über landesweit agierende Gruppen von Satanisten, die möglicherweise sogar untereinander vernetzt sein könnten und sich hinter ihrer bürgerlichen Fassade verbergen.

Um dem Fall „Angela Gray“ auf den Grund zu gehen, zieht man indessen den renommierten Psychologen Kenneth Raines (David Thewlis) hinzu, um die von John wohl verdrängte Erinnerungen mit Hilfe der Regressionstherapie wieder hervorzuholen.

Im Zusammenspiel von Angelas weiteren Aussagen und den Erinnerungen ihres Vaters treten allmählich weitere Geheimnisse ungeahnten Ausmaßes zutage.

Angela scheint nicht nur ein Opfer ihres Vaters, sondern darüber hinaus der gesamten satanischen Sekte geworden zu sein, der auch Kenners Polizeikollege George Nesbitt angehören soll. Dieser soll Angela sogar mit dem Vorsatz vergewaltigt haben, sie zu schwängern damit das Baby späterhin möglicherweise innerhalb eines Rituals geopfert werden kann.

Kenner bringt Nesbitt hinter Gittern, was ihn nicht gerade bei seinen Kollegen beliebt macht. Gleichsam laufen die weiteren Ermittlungen in eine Richtung, die Bruce Kenner bald um den Verstand zu bringen scheinen. Immer mehr wird er geplagt von Alpträumen und Wahnvorstellungen, so das er bald Realität und Fiction nicht mehr wirklich voneinander trennen kann. Auch der Psychologe Raines als auch der Reverend ist hierbei für ihn keine wirkliche Hilfe mehr. Bald stellt sich für Kenner die eigentlich bestimmende Frage, wer hier sein böses Spiel treibt und aus welchen Gründen.

„Eine emotional traumatisierte junge Frau zu spielen, die behauptet, unter schrecklichem Missbrauch von Satanisten gelitten zu haben“, sagt Emma Watson, sei „eine äußerst anspruchsvolle Herausforderung.“

(Zitat: Filmtipp)

SzenenfotoMeine Filmkritik:
Dieses Zitat (siehe oben) von Emma Watson könnte den Filmfreund irgendwie schon im Vorfeld mächtig aufs Glatteis führen. In Wirklichkeit ist nämlich nichts so, wie es auf den ersten Blick erscheint und daran ist Emma Watson als Angela Gray nicht ganz unschuldig.

Sie spielt die zerbrechliche junge Frau nämlich mit verdammt viel Herzblut, der man selbst als Zuschauer jedes auch nur geflüsterte Wort ohne mit der Wimper zu zucken abnehmen würde. Doch auch die anderen Darsteller punkten durch ein intensives und glaubwürdiges Spiel und lassen bei den Hintergründen um den Fall viele Möglichkeiten zum Rätsel raten offen. Was am Ende jedoch Wahrheit ist welches Ziel verfolgt wird und was eine blanke Lüge darstellt, dürfte den Zuschauer indessen am Ende überraschen.

Die alles entscheidende Antwort wird im laufe des Films sogar ganz offen in knappen Sätzen während eines Dialoges mit Ethan Hawke als Detective Bruce Kenner genannt, jedoch vergisst man diese eigentlich so schnell wieder, wie man sie gehört hatte. Erst am Ende kommt dann ein gewisses „Aha“-Gefühl auf und man mag sich in Erinnerung dieser Szene vielleicht selbst in den Hintern beißen dafür, ihr nicht mehr Beachtung geschenkt zu haben.

Dieses kleine Spiel mit dem Zuschauer entbehrt nicht einer gewissen hintergründigen Raffinesse seitens des Regisseurs und des Drehbuches an sich (beides Alejandro Amenabar).

Überhaupt spielen die Darstellerinnen und Darsteller in diesem Film auf wirklich höchstem Niveau um alles so glaubwürdig zu gestalten, dass der unbedarfte Zuschauer selbst mitfiebert und beginnt, selbst mögliche Lösungsansätze des Falles zu erörtern. Wirklich einfach macht man es ihm hierbei jedoch nicht.

Auch Ethan Hawke füllt seine Rolle wahrlich aus und schenkt der Figur des Detective Kenner eine eindrucksvolle Tiefe, die man sich öfter von manchen Schauspielern in anderen Filmen wünschen mag.

Hinzu kommt diese permanent düstere und unheilschwangere Stimmung, die von Bildern getragen wird, die irgendwie sogar mitunter recht schmutzig wirken, ähnlich einem eher trostlosen Umfeldes, kurz nachdem sich schwere Gewitterwolken darüber aufziehen.

Sehr intensiv hierbei sind auch die jeweiligen Szenen, in denen man die Satanisten bei ihrem treiben sieht. Gerade diese sorgen allerdings auch wiederum dafür, den Zuschauer ordentlich in Verwirrung zu führen, weil sie fasst schon greifbar real erscheinen und doch erst einmal nur in der Vorstellung des Detective Kenners Gestalt annehmen, der sich eben einen möglichen Ablauf vorzustellen versucht, um endlich etwas greifbares in dem Fall zu finden.

Insgesamt darf der Zuschauer hier ein sehr intensives Spiel erwarten, dass man nur eher selten geboten bekommt und dessen Ende äußerst überraschend daher kommt. Dabei aber auch in Abgründe blicken lässt, die man gerade dieser Person innerhalb der Handlung niemals zugetraut hätte, die daraus kaltblütig ihren Nutzen zieht. Diese Person muss dabei eigentlich nicht wirklich viel tun, außer glaubwürdig zu erscheinen und jede Situation aus dem Umfeld schamlos auszunutzen um das eigene Ziel zu erreichen. Und hierin liegt das wirklich abgründige Böse des gesamten Films.

Der Film selbst ist eigentlich eher ein in ruhigen Gewässern verlaufender Psychothriller, der einige Spitzen aufweist, die direkt in den Bereich des Horror verweisen. Einem Horror jedoch, dem man ohne weiteres glaubt, auch in der Realität stattfinden zu können. Das diese Sichtweise nicht täuscht, wurde oben ja bereits hinlänglich beschrieben.

Gesamt gesehen sorgt die intensiv düstere Stimmung des Films und das ebenso intensive Spiel der Darsteller für ein unbestimmtes kribbeln im Nacken und jede Menge Spannung, die über die vielleicht eine oder andere eher holprige Szene mehr als gut hinweg sehen lässt.

Von mir gibt es dafür jedenfalls volle fünf von fünf erreichbaren Punkten, auch wenn man thematisch noch einiges mehr aus dem Stoff und seinen realen Hintergründen hätte herausholen können.
Regression
Regression
(Regrssion)
mit Ethan Hawke, Emma Watson, David Thewlis, David Dencik, Dale Dickey, Lothaire Bluteau, Aaron Ashmore, Devon Bostick, Peter McNeill, Kristian Bruun, Adam Butcher, Mackenzie Kerfoot, Alli McLaren, Vanessa Spencer, Aaron Abrams u.a.
Regie und Drehbuch: Alejandro Amenabar
Genre: Thriller
Laufzeit: 103 Minuten
DVD/FSK: 16 Jahre
Vertrieb: WVG Medien GmbH
Kanada/Spanien 2015
 

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