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Die deutschen TV-Straßenfeger: DAS HALSTUCH

Die deutschen TV-StraßenfegerDas Halstuch

In dem Ort Littleshaw wird auf der verdeckten Ladefläche eines Ackerwagens die Leiche des Fotomodells Fay Collins gefunden. Die junge Frau wurde mit einem Halstuch erwürgt.

Der ermittelnde Kriminalinspektor Harry Yates (Heinz Drache) stellt fest, dass Fay in ihren Taschen ein Telegramm hatte, in dem sich ein gewisser Terry für den Schal bedankt. Dieser Terry hat, wie der Musiklehrer Edward Collins (Hellmut Lange), der Bruder der Ermordeten, aussagt, Fay außerdem ein teures Armband geschenkt.


Aber wer verbirgt sich hinter dem Namen Terry?

Marian Hastings (Margot Trooger), die Braut des Gutsbesitzers Alistair Goodman (Erwin Linder), identifiziert auf einem Foto in der Zeitung Clifton Morris, den reichen Zeitungsverleger, als jenen Mann wieder, den sie am Tatabend mit Fay Collins gesehen hat. Kurze Zeit später wird im Geigenkasten des Schülers Gerald Quincey (Christian Doermer) die Tatwaffe entdeckt: das Halstuch.

Zudem wendet sich der Maler John Hopedean (Dieter Borsche) an die Polizei, der seit einiger Zeit anonyme Drohbriefe erhält, in denen er als Mörder von Fay Collins bezeichnet wird. Er gibt zwar zu, vor einiger Zeit ein Verhältnis mit der ermordeten Fay Collins gehabt zu haben, bestreitet aber, etwas mit dem Mord zu tun zu haben.

Unterdessen gibt die Nachtklubtänzerin Kim Marshall (Erica Beer), die Clifton Morris mit einem Brief und Tonbandaufnahmen erpresst, dem Zeitungsverleger ein Alibi. Während sich Morris bei Kim Marshall aufhält, schlägt der Halstuchmörder erneut zu. In der Wohnung von Clifton Morris wird die Modejournalistin Diana Winston ermordet aufgefunden, die Clifton ebenfalls ein Alibi für die Tatzeit geben wollte.

Nach dem Mord lässt Kim Marshall das Alibi für Clifton Morris platzen, nachdem ihr Inspektor Yates gut zugeredet hat. In Littleshaw geschieht unterdessen ein Mordanschlag auf Marian Hastings, die aus einem fahrenden Auto heraus beschossen wird. John Hopedean meldet sich zudem bei der Polizei und belastet Clifton Morris auf das Schwerste ...

Nachdem ES IST SOWEIT in der ARD einen soliden Erfolg verbuchen konnte, stellte der Durbridge-Mehrteiler DAS HALSTUCH alles bisher da gewesene in den Schatten.

Der Sechsteiler fegte sozusagen zwischen dem 3. und 17. Januar 1962 Deutschlands Straßen leer, denn fast die gesamte westdeutsche Nation saß damals vor den vorhandenen Schwarz-Weiß-Bildschirmen.

"Die Straßen waren wirklich leer und dabei wurde der Begriff des Straßenfegers geprägt. Keine Autos, keine Fahrräder. Man hätte wirklich in jede Wohnung einbrechen können. Keiner hätte es bemerkt. Das war ganz anderes Fernsehen als heute. Es ging auch keiner auf die Toilette. Es war wie ein Hochamt. Die Leute saßen mit großen Augen davor. Alle dachten, dass hier etwas ganz besonderes passiert und wir sind dabei. Diese körperliche Spannung in einem Krimi gab es vorher noch nie. Also das war wirklich neu. Die Leute wurden mitgenommen und litten. Alle trieb die eine Frage: Habe ich irgendetwas gesehen, was die anderen nicht gesehen haben? Bin ich schlauer?" (1)

Wer selbst kein Fernsehgerät besaß, ging zu Nachbarn oder in die nächste Kneipe. So erreichte DAS HALSTUCH seinerzeit Einschaltquoten zwischen 89% und 90%.

Zwei Tage vor der letzten Folge kam es allerdings zu einem der größten Skandale in der Fernsehgeschichte. Der Kabarettist Wolfgang Neuss, der das Publikum lieber in seinem Kinofilm GENOSSE MÜNCHHAUSEN sehen wollte, ließ die Nation per Zeitungsanzeige wissen:

"Ratschlag für morgen: Nicht zu Hause bleiben, denn was soll's: Der Halstuch-Mörder ist Dieter Borsche. Also: Mittwochabend ins Kino."

Die Leute waren über diese vorzeitige Enthüllung des Mörders so enttäuscht, dass der Kabarettist Neuss sogar Morddrohungen erhielt und die Bild-Zeitung ihn in einem Artikel gar als Vaterlandsverräter bezeichnete. Später gab Neuss an, den Mörder lediglich richtig erraten zu haben.

Doch trotz der Enthüllung fesselte der sechste Teil von DAS HALSTUCH noch immerhin über 20 Millionen Zuschauer an den Bildschirm, während Neuss' Kinofilm vor leeren Rängen lief.

Aus Kostengründen fanden die Außenaufnahmen des Durbridge-Sechsteilers nicht in England statt, sondern wurden in der Stadt Remscheid gedreht, der als fiktiver Ort Littleshaw herhalten musste. Eigens für DAS HALSTUCH wurde der dortige Marktplatz entsprechend umdekoriert.

"Der Aufwand nach England zu fahren war zu groß. Deshalb haben wir so lange gesucht bis etwas Adäquates gefunden. Ich glaube das ist vom Publikum auch angenommen worden. Der Marktplatz spielte in unserer Fernsehserie ‚'Das Halstuch' eine ganz wichtige Rolle. Dort liefen die Fäden zusammen und manchmal hat es auch ganz schön geknallt." (2)

Der Mehrteiler DAS HALSTUCH basiert auf dem Drehbuch zum britischen Sechsteiler THE SCARF, der von der BBC 1959 ausgestrahlt wurde. Francis Durbridge schrieb nach der Ausstrahlung im britischen Fernsehen einen gleichnamigen Roman, der 1960 veröffentlicht wurde und 1962 in der BRD erstmals im Dörner-Verlag erschien.

Durch den Durbridge-Sechsteiler DAS HALSTUCH gelang HEINZ DRACHE der Durchbruch als Schauspieler, der u. a. 1960 bereits in dem Edgar Wallace-Film DER RÄCHER einen Privatdetektiv gespielt hatte. DAS HALSTUCH machte Drache 'über Nacht' zum Star.

Auch sonst war der TV-Mehrteiler ausgezeichnet besetzt. ALBERT LIEVEN, der in dem Durbridge-Mehrteiler DER ANDERE noch den Guten gespielt hatte, war in DAS HALSTUCH einer der Verdächtigen.

Hinzu kamen HORST TAPPERT, MARGOT TROOGER, DIETER BORSCHE, der sich als der Halstuchmörder entpuppte, HELLMUT LANGE, der in einer etwas sehr unsympathischen Rolle zu sehen war, sowie EVA PFLUG als eines der Opfer des Halstuchmörders.

Aufgrund der ausgezeichneten Schauspieler, der atmosphärisch dichten Handlung, in der die Zuschauer aufgefordert wurden, selbst herauszufinden, wer der Halstuchmörder sein könnte, sowie der guten Regie hat DAS HALSTUCH selbst heute nichts von seiner Faszination verloren.

DAS HALSTUCHDAS HALSTUCH
BRD 1961

Regie: Hans Quest

Darsteller
Heinz Drache als Kriminalinspektor Harry Yates
Albert Lieven als Clifton „Terry“ Morris
Eckart Dux als Sergeant Jeffreys
Horst Tappert als Vikar Nigel Matthews
Margot Trooger als Marian Hastings
Erwin Linder als Alistair Goodman
Erica Beer als Kim Marshall
Dieter Borsche als John Hopedean
Hellmut Lange als Edward Collins
Christian Doermer als Gerald Quincey
Gardy Granass als Jill Yates
Eva Pflug als Diana Winston
Alf Marholm als Inspektor Rowland

  • Teil 1: Mittwoch, 03.01.1962, 20.20 Uhr
  • Teil 2: Freitag, 05.01.1962, 20.20 Uhr
  • Teil 3: Sonntag, 07.01.1962, 20.15 Uhr
  • Teil 4: Mittwoch, 10.01.1962, 20.25 Uhr
  • Teil 5: Samstag, 13.01.1962, 20.20 Uhr
  • Teil 6: Mittwoch, 17.01.1962, 20.20 Uhr

(1) Kölner Krimi Fan Bodo Land
(2) Regieassistent Manfred Brückner

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© by Ingo Löchel

 

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2013-07-12 10:15
Zitat:
Aufgrund der ausgezeichneten Schauspieler, der atmosphärisch dichten Handlung, in der die Zuschauer aufgefordert werden, selbst herauszufinden, wer der Halstuchmörder sein könnte, sowie der guten Regie hat DAS HALSTUCH selbst heute nichts von seiner Faszination verloren.
Na ja, das würde ich so nicht stehen lassen. :lol: Ich habe es erst vor einigen Wochen gesehen, wurde auf arte wiederholt.

Es ist richtig, dass die Schauspieler ausgezeichnet sind und es ist atmosphärisch.

Aber von der Krimihandlung her machen zu viele Szenen nicht den geringsten erzählerischen Sinn. Cliffhanger bedeuteten Durbridge alles, dafür hat er jede Logik geopfert. Außerdem ist es für die wirre Story viel zu lang.

Das Zeitkolorit ist aber toll. Die Fraktion der hysterischen Antiraucher dürfte beim Ansehen Zustände kriegen; da wird mehr gequalmt als bei Philip Marlowe, es gibt keine Szene, in der nicht einer einen Glimmstengel in der Hand hält. Und die Mode ist natürlich toll. Es war halt eine beschaulichere Zeit, als ein Hutgeschäft für Damen unverzichtbar war :D Wenn man sich die "Roben" der Damen ansieht, kapiert man, warum kurz darauf Oswald Kolle so einen Erfolg hatte. :D :D
#2 G. Walt 2013-07-12 10:47
Hhmm, also mich hat dieser Krimi auch nie vom Hocker gerissen. Und ich weiß auch nicht warum meine Eltern immer so scharf darauf waren. Nunja, andere Zeit eben. Mich störten vor allem die ellenlangen Szenen: Mann geht zu seinem Auto, steigt ein, startet den Motor, fährt aus der Garage, Garagentor zu, nächste Szene. Würde man heute nie so drehen.
#3 Valerius 2013-07-12 17:32
Andreas, ich wusste gar nicht, dass Du auf Oswald Kolle stehst. :-*
Über Geschmack lässt sich bekanntlich doch streiten.
Wenn man die Raucherei im Mehrteiler sieht, müsste die zuständigen Leute in Brüssel eigentlich einen Schlaganfall bekommen und das HALSTUCH sofort verbieten oder die Szenen mit den Glimmstengeln zensieren. Da würde sich jeder miltante Nichtrauchter bestimmt drüber freuen.
#4 Laurin 2013-07-12 17:53
Lach... :lol: ...das kriegen die Anti-Raucher-Terroristen auch noch hin. :eek:

Und Oswald Kolle, der war doch okey. Jedenfalls um Längen interessanter als Dr. Sommer von der BRAVO. :P
#5 Andreas Decker 2013-07-12 22:48
@3+4

Kolle fiel mir als Erster zu 61 ein, Lederhosenfilme waren mir zu 70er. Oder Hans Bilian :D

Dabei fällt mir ein, ich habe glaube ich nie einen Kolle gesehen Lol. Waren die auch so auf pseudodokumentarisch gemacht?
#6 Valerius 2013-07-13 10:28
Jetzt weiß ich auch, warum ARD und ZDF keine alte Serien, Filme etc. mehr bringt. Darin wird zu viel geraucht. Das verdirbt die Jugend. Deshalb hat ARD und ZDF die Mär in die Welt gesetzt, dass diese Sachen nicht mehr zu den Sehgewohnheiten der Fernsehzuschauer passen.

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