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DIE TV - STRASSENFEGER - Das Halstuch

StraßenfegerTeil 2
Das Halstuch

 Vom  3. Januar 1962 bis 17. Januar 1962 flimmerte mit dem Sechsteiler „DAS HALSTUCH“ wohl der erfolgreichste Krimi – Mehrteiler über die bundesdeutschen Fernsehbildschirme.

Das vom WDR produzierte TV – Ereignis des Jahres 1962 schrieb Fernsehgeschichte und machte den Schauspieler Heinz Drache zum Star.

In dem kleinen Ort Littleshore in der Nähe von London wird eine junge Frau tot aufgefunden, die mit einem Schal erwürgt wurde. Inspektor Harry Yates (Heinz Drache) übernimmt den Fall. Aber wer ist die Tote?
Gutsbesitzer Alistair Goodman (Erwin Linder) kann die Leiche identifizieren. Bei der Toten handelt sich um  um Faye Collins, die Schwester des gehbehinderten Musikers Edward Collins (Hellmut Lange).
Wie Inspektor Yates herausfindet, hat Marian Hastings (Margot Trooger), die Verlobte des reichen Goodmans,  Faye Collins am Abend vor ihrer Ermordung angeblich mit einem unbekannten Herrn gesehen.
Ein paar Tage später erkennt sie ihn auf einem Zeitungsfoto wieder. Es ist der Londoner Verleger Clifton Morris (Albert Lieven).

Die Ereignisse überstürzen sich, als ein Geigenschüler von Edward Collins in seinem Geigenkasten die Mordwaffe findet und eine weitere junge Frau erdrosselt aufgefunden wird …

Heinz Drache und Dieter Borsche in DAS HALSTUCHNachdem „Es ist soweit“ bereits erfolgreich in der ARD gelaufen war, stellte „DAS HALSTUCH“  alles bisher da gewesene in den Schatten.
Der Sechsteiler fegte im Januar 1962 Deutschlands Straßen leer, denn die ganze Nation saß vor den schwarz-weißen Bildschirmen.

"Die Straßen waren wirklich leer und dabei wurde der Begriff des Straßenfegers geprägt. Keine Autos, keine Fahrräder. Man hätte wirklich in jede Wohnung einbrechen können. Keiner hätte es bemerkt.
Das war ganz anderes Fernsehen als heute. Es ging auch keiner auf die Toilette. Es war wie ein Hochamt. Die Leute saßen mit großen Augen davor. Alle dachten, dass hier etwas ganz besonderes passiert und wir sind dabei."  (1)

Die Zuschauer fiebern jeder neuen Folge entgegen. Wer selbst kein Fernsehgerät besaß, ging zu Nachbarn oder in die nächste Kneipe.

"Diese körperliche Spannung in einem Krimi gab es vorher noch nie. Also das war wirklich neu. Die Leute wurden mitgenommen und litten. Alle trieb die eine Frage: Habe ich irgendetwas gesehen, was die anderen nicht gesehen haben? Bin ich schlauer?"  (2)

„DAS HALSTUCH“ erreichte Seinerzeit eine  Einschaltquote von 89% bis 90%, eine Zahl die später nie mehr erreicht wurde.

Aus Kostengründen fanden die Außenaufnahme des Sechsteilers nicht in England statt. Stattdessen wurde Remscheid für dem fiktiven Ort Littleshore ausgewählt. Auf dem dortigen umdekorierten Marktplatz war damals richtig was los.

"Der Aufwand nach England zu fahren war zu groß. Deshalb haben wir so lange gesucht bis etwas Adäquates gefunden. Ich glaube das ist vom Publikum auch angenommen worden. Der Marktplatz spielte in unserer Fernsehserie ‚das Halstuch’ eine ganz wichtige Rolle. Dort liefen die Fäden zusammen und manchmal hat es auch ganz schön geknallt." (3)

Nachdem die ersten Folgen des Sechsteiler gesendet waren, wurden die Fernsehzuschauer langsam unruhig. Sie wollen endlich wissen, wer der Mörder war.

"Ich kam von einer Produktion nach Hause und entdeckte meine Frau mit ihrer Freundin auf dem Boden über den Manuskripten. Ich habe sie gefragt, was sie da machen. Sie wollten wissen, wer der Mörder ist!"  (4)

„Ganz große Klasse, dieser Durbridge! Unsere ganze Familie schloss Wetten ab, wer der Mörder war. Deshalb sind wir Ihnen auch besonders dankbar, dass Sie in Ihren Artikeln zur Sendung den Täter nicht verraten haben. -Otto B. aus H.“ (5)

„Bin ich froh, das das "Halstuch" zu Ende ist. Bei uns im Büro sprachen die Kollegen von fast nichts anderem.
Wir haben Wetten abgeschlossen, wer der Mörder ist. Unser Chef war manchmal richtig böse, weil dabei die Arbeit zu kurz kam. Sigrid N. aus S.“ (6)

Wolfgang Neuss, der "Vaterlandsverräter"Zwei Tage vor der letzten Folge kam es allerdings zu einem der größten Skandale in der Fernsehgeschichte.
Der Kabarettist Wolfgang Neuss, der das Publikum lieber in seinem Kinofilm "Genosse Münchhausen" sehen wollte, ließ die Nation per Zeitungsanzeige wissen:

"Ratschlag für morgen: Nicht zu Hause bleiben, denn was soll's: Der Halstuch-Mörder ist Dieter Borsche. Also: Mittwochabend ins Kino."

Die Leute waren darüber sehr enttäuscht und die Entrüstung über diese vorzeitige Enthüllung war sehr groß.

Szenenfoto aus DAS HALSTUCH"Das Problem war nicht, dass der Neuss den Mörder verraten, sondern den Leuten das Lebensgefühl genommen hat" (7)

Der Kabarettist Neuss erhielt sogar Morddrohungen und die Bild-Zeitung bezeichnete ihn in einem Artikel gar als Vaterlandsverräter. Später gab Neuss an, den Mörder lediglich richtig erraten zu haben.

„Wir haben diese Reihe bis zur 5. Folge mit viel Freude und Spannung verfolgt, bis der unfaire Herr Neuss den "Halstuch"-Mörder durch ein Inserat bekanntgeben ließ. Wahrscheinlich hat er es dringend nötig, sich auf diese Weise in den Vordergrund zu drängen. Das Fernsehen wird uns künftig wohl mit dem Anblick des Herrn Neuss verschonen. B.K. aus Hamburg.“ (8)

Heinz Drache ermittelt in DAS HALSTUCHDoch nichtsdestotrotz fesselte das große Finale noch immerhin über 20 Millionen Zuschauer an den Bildschirmen, und eines der größten deutschen Fernsehereignisse fand ein gutes Ende, während Neuss' Kinofilm vor leeren Rängen lief.

„Was sich Neuss mit seinem "Halstuch"-Schildbürgerstreich leistete, war weder Berliner Humor (wir sind selber Berliner) noch Humor eines echten Kabarettisten. Wir wollen ihn erst dann wieder sehen und hören, wenn er sich zu echtem Humor bekennt. K.R. aus Düsseldorf.“ (9)


Ausriss aus einer ProgrammzeitschriftTermine der Erstausstrahlung

1. Teil: Mittwoch, 3. Januar 1962
2. Teil: Freitag,    5. Januar 1962
3. Teil: Sonntag,  7. Januar 1962
4. Teil: Mittwoch, 10. Januar 1962
5. Teil: Samstag, 13. Januar 1962
6. Teil: Mittwoch, 17. Januar 1962

„Diese Fernseh-Krimi-Serie war sehr spannend und bis zuletzt nervenzerreißend. Wir waren völlig hingerissen. Ein Lob dem Deutschen Fernsehen und allen Beteiligten. -H.W. aus Frankfurt/Main.“ (10)

 Stab
Regie: Hans Quest
Drehbuch: Marianne de Barde
Produktion: Westdeutscher Rundfunk

Besetzung
Heinz Drache: Kriminalinspektor Harry Yates
Albert Lieven: Clifton "Terry" Morris
Eckart Dux: Sergeant Jeffreys
Horst Tappert: Vikar Nigel Matthews
Margot Trooger: Marian Hastings
Erwin Linder: Alistair Goodman
Erica Beer: Kim Marshall
Dieter Borsche: John Hopedean
Hellmut Lange: Edward Collins
Christian Doermer: Gerald Quincey
Gardy Granass: Jill Yates
Eva Pflug: Diana Winston
Alf Marholm: Inspektor Rowland
Alwin Joachim Mayer: Kommissar Nash

 


(1) Kölner Krimi – Fan Bodo Land
(2) Kölner Krimi – Fan Bodo Land
(3) Regieassistent Manfred Brückner
(4) Regieassistent Manfred Brückner
(5) TV Hören und Sehen" Nr. 5 / 1962, S. 19
(6) TV Hören und Sehen" Nr. 5 / 1962, S. 19:
(7) Kölner Krimi – Fan Bodo Land
(8) HörZu Nr. 5 / 1962, S. 63
(9) HörZu Nr. 5 / 1962, S. 63
(10) HörZu Nr. 5 / 1962, S. 63

 

© 2008 by Ingo Löchel

Bilder: Archiv des Autors

Kommentare  

#1 Mainstream 2008-09-12 10:26
:lol:
Ein wunderbarer Rückblick,
der ebenso schöne Erinnerungen weckt.
Wie zum Beispiel mein Vater gerne und
immer wieder von diesem Fernsehereignis
erzählt hat.
Da konnte man die heute nicht mehr
nachvollziehbare Einschaltquote richtig miterleben.
:lol:
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#2 G. Walt 2008-09-12 14:34
Obwohl mich spätere Krimimehrteiler àla Durbridge sehr begeistert haben (u.a. Melissa,Der Tod läuft hinterher), konnte mich Das Halstuch bei den Wiederholungen im TV in den letzten Jahren gar nicht überzeugen.

Möglicherweise lag es daran, dass der Krimi schon 1962, also sehr lange vor meiner Geburt. Ich finde ihn einfach zu antiquiert.

Dennoch toller Rückblick
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#3 Mainstream 2008-09-12 19:05
:-*
Naja, ob die ganzen Sachen so allgemein große Filmkunst waren,
darf wohl heftigst diskutiert werden.

Aber vielleicht kann man das Gefühl von damals,
mit der übergreifenden Euphorie von der WM 2006 vergleichen.

Im Übrigen nannte die Bild-Zeitung Neuss ja wie richtig bemerkt, einen Vaterlandsverräter. Aber es war die Bild-Zeitung, die den Mörder von Laura Palmer in 'Twin Peaks' vorweg nahm. Die alte Schmierfinken. :-x
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