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Wilder Überlebenswille und unscheinbare Monster - Jack Ketchum's & Lucky McKee's Beuterausch

BeuterauschWilder Überlebenswille und
unscheinbare Monster

Jack Ketchums & Lucky McKees Beuterausch

Sie hatten gedacht, dass es endlich vorbei wäre, dass die Menschen an der Ostküste der USA endlich wieder sicher wären vor der Kannibalen-Sippe, die von "Älteste" geführt wurde. Niemand hatte von diesem Stamm überlebt, der in den Wäldern und Höhlen hauste und Menschenfleisch zu ihrer Beute erhoben. So hatten sie jedenfalls gedacht, doch schwer verletzt überlebte "Älteste" und ihr Überlebenswille scheint unbändig und wild.

 

Beuterausch "Älteste" ist verletzt, doch sie weiß sich zu helfen, denn sie kennt die Natur und sie kennt den Weg der Heilung. Doch nun ist sie alleine. Niemand aus ihrem Stamm ist mehr am Leben. Und selbst das "Vieh" fiel ihr in den Rücken und stellte sich quasi gegen sie. Gut, das "Vieh" war kein wirkliches Mitglied der Sippe. Er war ein Gefangener, sozusagen der Deckhengst um den Fortbestand der Sippe zu sichern. Ob es eine Zukunft gibt, weiß sie nicht, aber sie wird um ihre Zukunft kämpfen.
Da ist der Schmerz, der von der Schulter bis zum Knie durch ihren Körper pulsiert, so wie die Wellen auf die Küste schlagen. Aber Schmerzen kann man ertragen. Und es ist nichts im Vergleich zu den Schmerzen der Geburt. Schmerz bedeutet nur eines. Leben.
(Beuterausch / Seite 12)
In einem kleinen Städtchen haben indes die Menschen ihre eigenen Probleme und für manche ist der Anwalt Christopher "Chris" Cleek die letzte Anlaufstelle. Chris führt scheinbar ein glückliches und sehr abgeschiedenes Leben mit seiner Familie. Eines Tages macht Chris wieder einen Jagdausflug. Doch vor seine Flinte kommt kein Wild, sondern eine fast nackte und verwilderte Frau, die sofort seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht.
"Du bist ein Vertreter des Gesetzes! Sie ist ein menschliches Wesen! Weißt du, was mit uns allen passiert, wenn du erwischt wirst? Schon die Sache mit den gottverdammten Hunden da draußen würde reichen, um dich ins Gefängnis zu bringen!"
(Beuterausch / Seite 187 / 188)
Dass bei den Cleek's nicht alles rund läuft, ahnt jedoch niemand wirklich. Christopher's Ehefrau Belle ist längst schon ein Mensch, deren Wille gebrochen scheint. Sein Sohn Brian zeigt immer mehr Wesenszüge seines Vaters an sich, und die sind nicht die besten. Auch seine hübsche Tochter Peggy fällt in den letzten Wochen auf und ihre Lehrerin, Miss Raton, ist davon überzeugt, dass das Mädchen ungewollt schwanger ist. Doch wer käme als Vater in Frage? Nur die kleine Darleen versteht noch nicht wirklich, was in dieser Familie vor sich geht. Und auch eine andere Frage steht im Raum: Haben Chris und Belle noch ein Kind, das sie jedoch aus einem bestimmten Grund der Öffentlichkeit verschweigen?

"Älteste" jedenfalls gerät in die Falle von Chris Cleek, der sie in seinem Keller fesselt und mit sadistischen Mitteln quält. Chris hat sich in den Kopf gesetzt, diese Wilde zu zähmen und macht dabei durch seine Schreckensherrschaft über die Familie alle mit zu Komplizen des Bösen. Das "Älteste" gefährlich ist, bekommt er schnell zu spüren, als sie ihm ein Stück vom Finger abbeißt und verspeist. Doch Chris scheint dies nur noch mehr auf zu stacheln, weshalb er den Missbrauch noch intensiviert.
Die Frau gräbt Daumen und Zeigefinger in diese Augen, und sie platzen hervor wie Kerne aus reifem Obst und rollen über die Wangen. Sie beugt sich herab und verschlingt schnell das eine, dann das andere.
 (Beuterausch / Seite 213)
Nicht nur Chris' sadistisches Verhalten erzeugt langsam Widerspruch bei Peggy und Belle. Auch die Grausamkeiten des jungen Brian werden immer offensichtlicher. Doch Chris schätzt keinen Widerspruch und die Sache eskaliert. Zu allem Unglück taucht dann noch Genevieve Raton, Peggys Lehrerin, an der Haustüre auf und will wegen Peggy mit den Eltern reden. Ein geradezu folgenschwerer Fehler. Und ehe man sich versieht, ist "Älteste" frei und ein blutiges Inferno nimmt seinen Lauf.

BeuterauschDer Roman fängt eher sehr ruhig an, weiß aber die Spannung recht schnell zu steigern (obwohl die Vielzahl der Namen erst etwas verwirrt). Eine Eigenschaft, die ich gerade bei Jack Ketchum sehr schätze. Etwa zur Hälfte des Romans beginnt jedoch der eigentliche Horror, wobei sich die eine oder andere Ähnlichkeit zur Handlung im Roman EVIL von Jack Ketchum zuerst aufdrängen. Doch dies gilt eigentlich nur für den ersten Eindruck, denn "Älteste" ist kein hilfloses Mädchen, das dem Sadismus ausgesetzt ist. Viel eher ist sie eine tickende Zeitbombe. Also etwas, dass in der Welt, die sich Chris Cleek um sich aufgebaut hat, nicht wirklich vorstellbar erscheint. Schließlich ist sie eine Frau und Frauen bricht man den Willen nach seiner Logik.

Dass eben die Welt der scheinbar zivilisierten Menschen ihre Abgründe hat, bekommt der Leser recht schnell schon am Anfang zu spüren. Und gerade hier liegen bereits einige Sequenzen des Romans, wo nicht nur Chris, sondern auch sein Sohn Brian oder selbst seine Frau Belle kaum Sympathiepunkte beim Leser einheimsen können. Vielleicht käme bei Belle noch eher Mitleid in Frage, doch auch mit diesem Pfund kann diese Figur nicht wuchern, weil man nicht einfach hinnehmen kann, wo sie bewußt weggesehen hat.

Bei "Älteste" erlangt man noch einige weitere Einblicke in die Welt einer Wilden, die zum Kannibalismus neigt. Einblicke, die sie aus dem Fokus, das Monster zu sein, immer mehr heraus rücken. Man beginnt sogar aufgrund ihrer Sicht der Welt zu verstehen, weshalb sie sich von Menschenfleisch ernährt. Noch mehr Einblicke bekommt der Leser dann hierzu in dem scheinbar angefügten vierten Kapitel (DAS VIEH) und man spürt, dass man  sie als Wilde nicht mit normalen Maßstäben messen kann. Dafür kristallisieren sich hier andere Monster heraus. Monster, denen man nicht gleich ansieht, dass sie der eigentliche Schrecken sind. Genau diesen Zwiespalt versuchte Ketchum in den bisherigen Romanen BEUTEZEIT und BEUTEGIER aufzuzeigen. Doch erst in BEUTERAUSCH wird dieser Zwiespalt wirklich unmissverständlich für jeden Leser deutlich. So deutlich jedenfalls, dass man geradezu darüber fallen muss, würde man versuchen, die Augen davor zu verschließen.

Ein wenig habe ich bei BEUTERAUSCH den Eindruck, dass die Idee der Fortsetzung als Verfilmung (THE WOMAN) eher geboren war, als etwa der Roman selbst. Was auch die gleichzeitige Nennung von Lucky McKee sinnvoller macht. Eine Verfilmung gibt es ja bereits. Das macht den Roman aber keineswegs schlechter als die anderen, ganz im Gegenteil. Gerade in BEUTERAUSCH steigert Jack Ketchum geradewegs den Härtegrad nochmals intensiv und man hat zu keiner Zeit das Gefühl, es hier mit einem Abklatsch der bisherigen Romane zu tun zu haben. Übrigens, Lucky McKee ist keine Frau, sondern der Mann, mit dem Jack Ketchum bereits z.B. die Verfilmung seines Buches THE LOST umgesetzt hatte.

BeuterauschÜber die Verfilmung unter dem Titel THE WOMAN kann ich hier noch nicht viel sagen, denn während ich diesen Artikel in meinen PC tippe, warte ich noch auf die DVD. Die Trailer im Internet versprechen jedenfalls einen Härtegrad, der durchaus jeden Splatter- und Gore-Fan jubeln lassen dürfte. Aber wie gesagt, dies ist bisher nur der erste Eindruck vor der Sichtung des gesamten Film.

Auch das angefügte "vierte Kapitel" ist etwas Besonderes. Zwar fühlt es sich an, als ob es nicht wirklich zur eigentlichen Geschichte gehört, denn hier spielt eine neue Figur eine Schlüsselrolle. DAS TAGEBUCH DES DONALD FISCHER hat mit den vorherigen Vorkommnissen nicht wirklich etwas zu tun, auch wenn hier die Zeit nach dieser Nacht des Grauens aufgegriffen wird, wo wir auch wieder auf Peggy treffen. Es wird auch nicht als "viertes Kapitel" eingeführt, sondern trägt nur den Kapitel-Titel DAS VIEH. Welchen Zweck "das Vieh" bereits in dem Roman BEUTEGIER hatte, habe ich hier oben ja nochmals etwas angerissen. Und da "Älteste" bereits begonnen hat, einen neuen Stamm von Kannibalen zu gründen, fällt eben diesem Donald Fischer eine besondere Rolle zu. Und darüber klärt er uns in seinen zurück gelassenen Aufzeichnungen auf. Irgendwie schreit das ganze schon nach einer Fortsetzung - man wird sehen.

Fortsetzungen haben es irgendwann so an sich, das bisherige nur immer wieder neu zu interpretieren. Ketchum jedoch dreht hier den Spieß glücklicher Weise um und läßt nunmehr den Leser nicht nur die weitere Geschichte verstärkt durch die Augen der Kannibalin erfassen, was sie eben noch etwas weniger zum Monster macht. Er wiederholt auch nicht einfach nur die vorherigen Storys anhand eines immer gleichen roten Fadens. So kann ich auch dieses dritte Buch um die Kannibalen von der Ostküste wieder durchaus empfehlen. Jack Ketchum verliert sich nicht in einfachen Wiederholungen des bekannten sondern nutzt dies eher als Gerüst, um die wahren Monster dieser Welt auf's neue die Maske vom Gesicht zu reißen. Atmosphäre, Handlungselemente und Spannung bilden eine schöne Einheit, die sich in einem äußerst blutigen Showdown vereinen. Ein Roman eben, der nichts für ängstliche Gemüter ist. Genau das ist es aber gerade, was man an Jack Ketchum so liebt.
Beuterausch
Daten zum Buch
Beuterausch
(The Woman)
von Jack Ketchum & Lucky McKee
Originalverlag: Dorchester Publishing Co. Inc., New York/2011
288 Seiten
ISBN: 978-3-453-67615-2 Pick It!
Übersetzung: Marcel Häußler
€ 8,99
Heyne Verlag 2011 (Verlagsgruppe Random House)

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