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Menschliche Killermaschinen und das große Sterben - Jack Kilborn's Roman ANGST

AngstMenschliche Killermaschinen und das große Sterben
Jack Kilborn's Roman ANGST

Der Verlag Heyne scheint weiterhin auf der Suche nach Romanen der wirklich harten Sorte zu sein. Zumindest hat sich neben den Anhängern der Romane von Stephen King eine Leserschaft entwickelt, die mehr will und dem Splatter-Roman nicht abgeneigt ist. Für diese Leserinnen war Gänsehaut bei Stephen King gestern und Namen wie Jack Ketchum, Robert Laymon, oder Brian Keene machen die Runde.

 

AngstAber auch bei anderen Verlagen wie FESTA tauchen Namen für die harte Welle auf wie Brett McBean, Tim Curran oder etwa ab 2012 Bryan Smith (wobei auch im Programm von FESTA Richard Laymon dankenswerter Weise nicht fehlt). Aber auch ein weiterer Name fällt im Programm von Heyne auf: Jack Kilborn, dessen deutscher Erstling "ANGST" von sich reden macht.

Achtung Spoiler
Safe Haven (Sicherer Hafen) ist eine kleine friedliche Stadt in Wisconsin. Fernab vom Trubel aber auch manchem Übel einer Großstadt, lebt man hier sein kleines und beschauliches Leben. Der Gesetzeshüter, Sheriff Arnold "Ace" Streng steht kurz vor seiner Pension und die wenigen Männer der Feuerwehr, wie Josh, haben hier auch einen lauen Job und sehnen sich deshalb schon weg von Safe Haven um mehr zu erleben. Doch dann passiert eines Abends etwas unerwartetes, ein Militärhubschrauber stürzt ganz in der Nähe von Safe Haven ab und dies ist kein Unfall sondern der Beginn des Schreckens.

Fünf der gefährlichsten Psycho-Killer der USA überleben nicht nur den Absturz, sondern haben ihn sogar inszeniert. Doch wer sind diese Killer die vor nichts, auch nicht vor Folter und Kanibalismus zurückschrecken würden? Auch Fran, die sich irgendwie in Josh verliebt hat, bekommt es mit einem der Killer zu tun, der ihre grausamsten Alpträume wahr werden läßt. Und auch ihr kleiner Sohn Duncan und dessen Hund Woof machen recht bald bekanntschaft mit einem der Killer, die alle eine seltsame schwarze Art von Uniform tragen, die sie scheinbar unangreifbar macht.

In Safe Haven selbst versammeln sich die meisten Bewohner zu einer Lotterie, da der Bürgermeister öffendliche Gelder scheinbar dafür genutzt hatte, um Powerball-Tickets zu erstehen. Der Gewinn soll nun mit allen Einwohnern (907 an der Zahl) geteilt werden. Doch nur der wird am Gewinn beteiligt, der auch anwesend ist. Nur Jessie Lee, die demnächst den Hilfsfeuerwehrmann Erwin heiraten will, fällt auf das alle die bereits ihren Anteil bei der Lotterie erhalten haben, längst fort sind, nur ihre Autos alle noch am selben Platz verblieben  sind. Mit einem mulmigen Gefühl versucht sie der Sache auf den Grund zu gehen und macht sehr bald eine einschneidende wie auch grausige Entdeckung. Eine Entdeckung die nicht gerade als lebensverlängernd angesehen werden dürfte, zumal in Safe Haven gerade ein Massenmord ausgeführt wird, der seines Gleichen sucht.

Während dessen fragt sich Sheriff Streng, warum diese Killer gerade seinen nicht gerade geliebten Bruder suchen. Und auch Fran muß feststellen, dass der Bruder von Sheriff Streng ihr leiblicher Vater ist, und der Tod ihres damaligen Gatten auf das Konto eines Wissenschaftlers des US Militär geht. Denn die Killer sind keine einfachen, durchgeknallten Verbrecher, sondern gehirnmanipulierte, hoch gezüchtete Todesmaschinen des Militär, die scheinbar außer Kontrolle geraten sind. Sollten sie doch eigentlich für terroristische Aktionen im Ausland eingesetzt werden, anstatt ihr bluttriefendes Handwerk in einer US-Kleinstadt fernab jeglicher größeren Metropole zu verrichten. Als Josh mit Fran und ihrem Sohn Duncan die Stadt fluchtartig verlassen wollen, müssen sie feststellen, dass ihr kleines verschlafenes Nest bereits weiträumig von Militär und Polizei abgeriegelt wurde. Nur Hilfe erfahren sie durch diese nicht, eher im Gegenteil. Am Schluß läuft alles auf einen verzweifelten Kampf der letzten wenigen Überlebenden von Safe Haven gegen das mörderische Red-Op-Kommando hinaus, und Hilfe von Außen ist nicht zu erwarten.
Spoiler Ende     

J. A. KonratghDer Autor:
Joseph Andrew Konrath wurde 1970 in Skokie, einem Vorort von Chicago im US-Bundesstaat Illinois geboren. Er besuchte das Columbia College in Chicago das er 1992 mit Abschluß verließ. Einen Job hatte er zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht.

Über zehn Jahre schrieb er an Romanen, fand jedoch bei den Verlagen keine wirkliche Beachtung. Erst mit dem ersten Band einer humorvollen Krimiserie mit dem Titel WHISKEY SOUR, fand er 2004 einen Verleger. Konrath pflegt ein durchaus kritisches Verhalten zum Verlagswesen und ist ein Pionier im eBook-Bereich, wo er stetig Romane und Kurzgeschichten Exklusiv für das Amazon-Kindle schreibt. Aber auch sonst gilt Konrath als Talent der Selbstvermarktung, der am College of DuPage in Glen Ellyn (Bundesstaat Illinois) kreatives schreiben lehrt.

Konrath veröffentlicht unter seinem Geburtsnamen grundsätzlich nur Kriminalgeschichten, während er 2008 für seine Horror-Romane das Pseudonym Jack Kilborn wählte. 2011 gesellte sich noch das Pseudonym Joe Kimball hinzu, unter dem er eine Reihe jugendorientierter Science Fiction Romane veröffentlicht. Konrath selbst lebt und arbeitet zur Zeit in Schaumburg, einer anderen Vorstadt von Chicago.

AfraidDer Roman ANGST:
Der Roman ANGST fängt nicht beschaulich an und steigert sich im laufe der Handlung. Viel eher reißt er den Leser gleich in ein heftiges Szenario hinein. Der Absturz des Hubschraubers ist hierbei schlicht nur eine Momentaufnahme bevor die ersten Opfer und damit auch eine durchweg ausführliche Schilderung ihrer Leiden und Qualen den Leser gleich in alptraumähnliche Abgründe entführt. Man mag den Roman auch nicht aus den Händen legen, denn er gibt ein geradezu rasantes Tempo vor und steigert die Schrecken kontinuierlich. Man kann durchaus sagen, das Splatter-Freunde hier ordentlich auf ihre Kosten kommen, während zarteren Gemütern schnell jegliche Vorstellungskraft in Sachen Terror, Mord, Blut und Qualen förmlich weggesprengt wird. Konrath/Kilborn geht nicht gerade zimperlich bei den Beschreibungen vor und manches dürfte recht verstörend wirken. Ein kleiner Trick hilft dem Autor Jack Kilborn dabei, den Leser nicht nur durch die Achterbahnfahrt jeglicher Tötungsarten zu fesseln, sondern er verzichtet eigentlich gänzlich auf einzelne Kapitel. Kilborn lässt den Leser von einem zum nächsten Absatz springend lesen, wobei er im vorherigen Absatz noch den einen oder anderen Cliffhanger einbaut. Man will einfach wissen wie es weitergeht und statt den Lesefluß am Ende eines Kapitels unterbrechen zu können, ertappt man sich dabei, aus reiner Neugierde bereits den nächsten Absatz angefangen zu haben. Kilborn lässt sich in der Handlung auch keinerlei moralische Fesseln anlegen und stößt beim Leser ohne Kompromisse in Sachen Kopfkino das Tor zur Hölle auf. Denn eines ist bei seinen Killern klar, selbst wenn sie haben was sie suchen, soll es keine Überlebenden in diesem Ort mehr geben. Auch die Grundidee, gefährliche Verbrecher per eingepflanzten Mikrochip im Gehirn zu willigen Terrormaschinen mutieren zu lassen, ist genial. Ich liebe diesen Härtegrad und Kilborn weiß diesen durch manche Ideen und seinen ungeschönten Schilderungen des Schreckens zu bedienen.

Und doch war irgendwo im Roman dann die Luft erstmal raus und ich legte ihn zur Seite. War es vielleicht der Grund, das Kilborn etwas zu viel der drastischen Schilderungen nutzte? Eigentlich nicht. War die Thematik Schuld daran, denn ein ausgewiesener Fan von Romanen mit militärischem Hintergrund war ich noch nie gewesen? Nein, denn die Schiene mit dem Militär wird durchaus sparsam und gut platziert genutzt. Woran lag es also, dass ich den Roman erst einmal an Seite legte und mir einen anderen Roman (ebenfalls mit hohem Härtegrad) vornahm, den ich dann in Rekordzeit verschlungen habe. Nun, zuerst wusste ich nicht so recht zu benennen was mich bei Kilborn störte, doch nach eben dem Roman von McBean fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Der Roman ANGST spult die Handlung einfach wie ein rasantes aber auch nur zu bekanntes Katz-und-Maus-Spiel herunter, wobei hier eigentlich bis auf den Härtegrad alles recht vorhersehbar wirkt. Eben die platte Formel von Gut gegen Böse.

Die Killer wirken etwas Schablonenhaft und sehr Klischee beladen. Man nehme nur diesen Hünen Ajax, bei dem mein Kopfkino immer irgendwie den Hulk auffahren ließ. Und es nervte etwas arg, dass man Typen wie diesen Ajax mit Blei vollpumpen kann und der Irre steht hinterher trotzdem wieder auf (ebenso stumpfsinnig wie der Ablauf bei den meisten Action-Spielen auf irgendwelchen Spielekonsolen wie X-Box und Co.). Aber auch die Charaktere in dem Roman wirken sehr einfach und wachsen nicht wirklich dem Leser ans Herz. Zunehmend bemerkt man das man mit Josh, Fran oder dem kleinen Duncan nicht wirklich mitfiebert, weil sie im Kopfkino schlicht Grau in Grau bleiben.

Auch mit den Bewohnern des Städtchens leidet man nicht mit, wenn diese einzeln zur Auszahlung der Lotteriegelder freudestrahlend nach hinten gebeten werden, wo ihre Vorgänger bereits auf einen Leichenberg geworfen werden wie unnützer Müll. Ihre Beschreibung bleibt einfach so flach, dass man mit ihnen etwa so mitfühlt wie mit Lemmingen die sich über eine Klippe stürzen. Aber auch der Härtegrad hat irgendwo seine Grenzen und spätestens die Beschreibung, wie der Sheriff sich selbst das Bein abtrennt bzw. er danach von seinem Bruder gerettet wird, entlockte mir einen verständnislosen Lacher. Gut, ich habe nichts dagegen wenn etwas auf die Spitze getrieben wird, dass gilt auch für den Härtegrad. Aber man sollte doch wissen wo die Spitze erreicht ist und das ganze anfängt wieder ins Lächerliche abzugleiten.

Was also Charaktere, Handlungsaufbau und Spannungsbogen angeht, reicht Jack Kilborn mit diesem Roman noch lange nicht an Autoren wie Richard Laymon, Jack Ketchum, Brett McBean oder Brian Keene heran, und auch im Härtegrad ist festzustellen das Kilborn in unlogische Übertreibungen abdriften kann, die für den Leser mehr als offensichtlich sind und damit anfangen lächerlich zu wirken. Solche Patzer jedenfalls können schnell dazu führen, dass ein Roman trotz hohem Tempo irgendwann den Leser mehr ermüdet statt fesselt.

Fazit: Wer einen Roman liebt, der gleich zu Beginn bis hin zum Ende einer wahren Schlachtplatte gleicht, den kann ich ANGST durchaus ans Herz legen. Aber auch sonst hat der Roman einiges zu bieten und liegt damit durchaus abseits der bekannten Norm mancher Autoren. Man sollte aber z.B. im Punkt Charakterzeichnung und Überraschungseffekte keine großen Erwartungen pflegen. Wenn man diesen Rat beherzigt, kann der Roman ANGST von Jack Kilborn durchaus den Splatter-Fan erfreuen.
Angst
Daten zum Roman:
ANGST
(AFRAID)
von Jack Kilborn
Deutsche Erstausgabe: Januar 2011
ISBN: 978-3-453-52797-3
398 Seiten, 8,99 €
Übersetzung: Wally Anker
Heyne Verlag (Verlagsgruppe Random House)

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