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Zur falschen Zeit am falschen Ort

RabenstadtZur falschen Zeit am falschen Ort
RABENSTADT von Stefan Melneczuk

Wer erinnert sich noch an meinen ersten kleinen Artikel im Zauberspiegel? Das war am 3. Dezember 2009 und es ging um »Schönes für den Gabentisch«. Hier legte ich unter anderem den Kurzgeschichten-Band »Geisterstunden vor Halloween« von Stefan Melneczuk (BLITZ-Verlag) den Lesern ans Herz. Recht lange her also, und damals hatte ich nicht gedacht, dass ich heute auch noch regelmäßig für den Zauberspiegel schreiben darf. Zeit also auch, hier einen neuen Roman von Stefan Melneczuk zu präsentieren - RABENSTADT.

 

RabesntadtAuf dem Klappentext sticht für mich persönlich schon einmal ein Satz direkt in mein grau-grünes Auge, und der lautet: Ein rabenschwarzer Thriller aus dem Bergischen Land. Okay, habe ich mir gedacht, ich lebe ja auch im Bergischen Land (dessen Name sich nicht etwa davon ableitet, dass es hier Berge gäbe, sondern weil hier einmal die berüchtigten Raubritter, die Grafen von Berg, ihre Kreise drehten), aber ich habe mit dem, was uns Stefan Melneczuk hier präsentiert, wirklich nicht das Geringste zu tun, ich schwöre! Natürlich gibt es hier auch keine Stadt mit dem Namen RABENSTADT, aber so nennt unser - sagen wir mal "Held" des Thrillers - die Stadt Wuppertal. Wuppertal, Sie wissen schon, die mit der berühmten Schwebebahn, wo alle kleinen Elefanten mit Namen Tuffi rausgeschupst werden (kleiner Scherz am Rande). Und unser "Held" ist Paketbote, also nennen wir ihn einfach mal Paketbote, denn so wirklich will er uns seinen Namen nicht verraten.

Unser Paketbote bringt uns erst einmal Wuppertal etwas näher (ganz im Vertrauen, schön ist bestimmt was anderes, ich kenne Wuppertal) mit dem ersten Kapitel "Highway to Hell". Es sind Aufzeichnungen auf Band, in der uns unser "Held" seine Geschichte erzählt. Und diese beginnt er mit einer ersten Frage, in der er selbst darüber nachdenkt, ob er ein Held ist. Wenn man das, was unserem Paketboten da passiert, nachvollzieht, dann ist er eigentlich kein Held, sondern gerade nur zur falschen Zeit am falschen Ort.
Meine Damen und Herren, Sie bekommen weit mehr, wenn sie kein Problem damit haben, mir auf dem Weg in die Hölle zu folgen. Ich mache Sie mit Dämonen bekannt, denen man besser aus dem Weg geht, will man nicht den Verstand verlieren.
 (Rabenstadt / Seite 14)
Und ehe sich unser Paketbote versieht, weil er uns erst noch so einige kleine Begebenheiten näherbringt, die einem Paketboten so widerfahren können, fällt sein Navi aus. Da er sich aber schon recht nahe beim Empfänger glaubt, steigt er samt dem Paket aus und versucht zu Fuß Letzteres noch schnell an den Mann oder die Frau zu bringen. Und dann ist es plötzlich da, dieses junge Mädchen mit den langen schwarzen Haaren, das auf allen vieren hinter einer Hecke hervorkommt. Die junge Frau ist höchstens gerade mal 20 Jahre und ihre Klamotten nicht gerade die saubersten. Doch unserem Paketboten fällt noch etwas mehr auf, als nur ihre Art, sich auf Knien und Händen fortzubewegen. Sie trägt ein breites Lederhalsband, an dem sich eine Hundeleine spannt.
Dir wird nicht gefallen, was du gleich siehst. "Das ist das Zimmer der Schmerzen", sagte sie mit festem Blick. "Ich bin Nummer drei, und wir sind tot."
 (Rabenstadt / Seite 100)
Das Mädchen an der Leine, nennen wir es einfach mal weiter "das Mädchen", hat sich etwas zu weit nach draußen vorgewagt, und ehe sich unser Paketbote versieht, wird es mit brutaler Gewalt an der Leine wieder zurückgezerrt, wobei ihr schier die Luftzufuhr abgedrückt wird. Wohl in diesem Moment hat sich unser Paketbote entschlossen, einmal ein "Held" zu sein und jagt ihr hinterher. Selbst als sie durch eine Hecke gezogen wird, bei der er nicht sehen kann, was ihn dahinter erwartet, stoppt er nicht. Pech nur, denn "Etwas" hat ihn erwartet. Nennen wir ihn einfach den "schwarzen Mann", und dieser beendet das Heldentum unseres Paketboten mit dem Schlag einer Schaufel. Einen wirklich klaren Gedanken kann unser Paketbote erst wieder in einem dunklen Keller fassen, mit einem gebrochenen Nasenbein, ausgeschlagenen Zähnen und gut verpackt mit Paketband. Dort also, wo der "schwarze Mann" das Mädchen hält wie eine Sklavin.
Die Klinge der Axt, die der schwarze Mann stattdessen hin und her schwang wie ein Pendel, war blutrot lackiert. Ich sah sie im Schein der Taschenlampe und hoffte, dass das wirklich nur Lack war. Lass es rote Farbe sein! Herr im Himmel, lass es bitte, bitte nur Lackfarbe sein!
 (Rabenstadt / Seite 129)
Und dass man nicht einfach von einem Moment auf den anderen zur falschen Zeit am falschen Ort sein kann, sondern dieses schon Jahre vorher losgehen kann, wie eine Kettenreaktion beim Fallen des ersten Domino-Steines, auch dies erfährt der Leser hier eindrucksvoll. Doch warum soll ich Ihnen hier zu viel verraten?

Unser Paketbote überlebt die Abgründe, in die er unvermittelt hineingeraten ist natürlich, denn sonst könnte Stefan Melneczuk diesen bitterbösen Roman nicht in Form "seiner Aufzeichnungen" vorlegen. Und selbst an dem Punkt, wo er mit dem Leben davonkommt, ist der eigentliche Schrecken noch längst nicht am Ende. Abgerundet wird dieser düstere Roman mit einem kurzen Beitrag über das Verschwinden von Menschen mitten unter uns und welcher Schrecken hierzu real manchem bevorstehen mag, der unfreiwillig Opfer wird: Versklavung, sexuelle Ausbeutung, Menschenhandel und Folter. Auf einer weiteren Seite bringt uns Melneczuk etwas die Raben näher, die dem Buch ihren Titel gegeben haben. Und wem dies noch nicht reicht, den erwarten am Schluss noch drei Short-Storys zum Kreuz Wuppertal-Mord mit den Titeln: SOMMERGEWITTER (Rabenfassung), VALENTINS TAG (Road to Nowhere) und LEICHEN IM KELLER (Killing me Softly).

Sefan MelneczukStefan Melneczuk, geboren am 31. Oktober 1970, von Beruf Journalist und in Hattingen an der Ruhr lebend, wusste mich auch mit RABENSTADT zu fesseln. Er schreibt stets mit einer besonderen Form von Humor, stößt den Leser aber schnell und ohne Vorwarnungen auch in Abgründe, die man wirklich nicht selbst erleben möchte. Weder als sogenannter Held und erst recht nicht als Opfer. RABENSTADT ist keine düstere Gruselgeschichte, die selbst dem jungen Stephen King gereichen würde, wie es seine Kurzgeschichten-Sammlung GEISTERSTUNDEN VOR HALLOWEEN vormacht. RABENSTADT offenbart einen abgrundtiefen Horror, der durchaus real sein kann, vielleicht gerade jetzt, irgendwo. Dabei verzichtet Melneczuk auf zu plakative Beschreibungen und behält das eigentlich Wesentliche im Auge, seine Hauptfigur und was einem Menschen widerfahren kann, wenn er gerade oder vielleicht mal wieder zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Der Roman RABENSTADT lebt nicht von sexuellen Gewaltdarstellungen oder Sequenzen des Ekels. Hier wird nicht gleich kübelweise Blut vergossen, und doch fesselt der Roman den Leser unweigerlich, jagt ihm mitunter Angst ein, weil Ähnliches sich ja gerade nur wenige Meter weiter in der Nachbarschaft abspielen könnte. Die Bezeichnung Thriller trägt der Roman RABENSTADT daher durchaus zu Recht, und einmal in die Welt unseres Paketboten eingetaucht, mag man diesen Roman nur ungern wieder aus der Hand legen, weil er zu fesseln und gleichsam zu schockieren weiß.

Selbst schreibt Stefan Melneczuk seit 1985 Short Storys mit regelmäßigen Veröffentlichungen in Zeitschriften und Verlagen. Er selbst, mit Studium zur Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaften (Universität Bochum), erklärt Edgar Allan Poe zu seinem Vorbild. Neben Veröffentlichungen wie ELAINE oder dem Kurzgeschichten-Band SCHATTENLAND (Klaus Bielefeld Verlag) oder ABSURD und MARTERPFAHL (Virpriv Verlag), schaffte sich Melneczuk eine stetig wachsende kleine Anhängerschaft, die ihm z. B. schon 1993 den Literaturpreis der Stadt Hattingen eingebracht hat. Auch die Presse ist stets voll des Lobes, wenn die WAZ ihn zum "Meister der Gänsehaut" erklärt, oder der Remscheider Generalanzeiger gar seine Geschichten "Auf Augenhöhe mit Stephen King" sieht (Zitate: Klappentext). Stefan Melneczuks Kurzgeschichten und Romane sind durchaus schon etwas Besonderes, denn er besitzt eine Art zu schreiben, die man unter deutschen Autoren auch nicht häufig antrifft und die mit dazu beigetragen hat, dass einige seiner Kurzgeschichten unter der Mithilfe von George Gansner bereits in den USA veröffentlicht wurden. Neben GEISTERSTUNDEN VOR HALLOWEEN und MARTERPFAHL (ehemals Virpriv Verlag) ist RABENSTADT die nunmehr dritte Veröffentlichung von Stefan Melneczuk im BLITZ-Verlag, die ich jedem Leser wirklich empfehlen kann.
Rabenstadt
Daten zum Roman:
Rabenstadt
von Stefan Melneczuk
Reihe Thriller-Krimi-Mystery
290 Seiten/Hardcover/Schutzumschlag
ISBN: 978-3-89840-313-9
Preis: 15,95 €
BLITZ-Verlag

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