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Die Faszination zu töten - Jack Ketchum's AMOKJAGD

AmokjagdDie Faszination zu töten
Jack Ketchum's AMOKJAGD

Howard Gardner konnte wohl manchmal ein netter Mann sein, sonst hätte Carole ihn nie geheiratet. Doch Howard hat auch noch eine dunkle, ekelhafte und sadistische Seite. Auch die kennt Carole durch die Momente, in denen er sie quälte und verletzte. Nun ist sie geschieden, doch selbst eine richterliche Verfügung hält Howard nicht davon ab, sich Carole weiter zu nähern und sie zu terrorisieren. Dies führt zu dem folgenschweren Entschluss von Carole und ihrem neuen Partner Lee Edwards, sich des Problem Howard Gardner selbst zu entledigen.

 

AmokjagdHoward Gardner muss sterben und alles ist bis ins kleinste Detail geplant. Es soll wie ein Unfall aussehen und dann soll auch für Carole und Lee die Sonne mal wieder scheinen. Die Tat ist geplant, die falschen Spuren längst schon vorbereitet und als Howard dann wirklich erscheint (angelockt von Carole), kommt es zum Kampf zwischen Lee und Howard. Zögern kann ein gefährlicher Fehler in einer solchen Situation sein, doch dann ist es vollbracht und Howard lebt nicht mehr. Nun muss man nur noch die Befragungen der Polizei überstehen und keine Fehler machen. Auch das könnte klappen, wenn sich hinter dem Wort Zufall nicht der Teufel verstecken würde.
»Sie erkannte, dass das Leben in Wirklichkeit nur eine überschaubare Menge an Zeit bedeutete. Man selbst bestimmte diese Menge. Als wären die Menschen nur ein Haufen Uhren, die alle auf eine andere Zeit eingestellt waren und unaufhaltsam ihrem Ende entgegentickten. Mit einem mal fühlte sie sich sehr traurig und einsam.«
 (Jack Ketchum AMOKJAGD / Seite 22)
Der Zufall befindet sich in der Person Wayne Lock ganz in der Nähe (oder sollte man sagen, hoch über dem Tatort?) auf einem Hügel, wo er gerade Sex mit seiner Freundin Susan hat. Doch es ist kein Sex aus Liebe. Wayne will ihr weh tun, hofft darauf, dass sie sich bei dem wilden Liebesspiel verletzt. Doch erst als die Hände von Wayne immer fester um Susans Hals zudrücken, bemerkt sie, das er nicht im Rausch der Lust handelt, sondern eine Eiseskälte in seinen Augen flackert, die ihr Furcht einflößt. Fast hätte er sie erwürgt und als Susan sich von ihm abwendet, ihn beschimpft, muss sie wieder feststellen, dass dieses Handeln von ihm mit einer Gleichgültigkeit bedacht wird, die sie frösteln lässt. Susan verlässt fluchtartig den Hügel, ohne das Wayne auch nur den Versuch macht, sie um Verzeihung zu bitten oder ihr aus irgendeinem anderen Grund zu folgen. Alleine wird Wayne jedoch bald auf ein Paar in seiner Nähe aufmerksam, zu dem ein Dritter stößt. Ein Kampf beginnt und dann stirbt der Dritte. Fasziniert verfolgt Wayne Lock den Mord. Eines weiß er dabei genau: die Polizei würde er nicht verständigen. Dieses würde seinem nun gefassten Plan auch völlig zuwider laufen, denn in ihm bohrt der Wusch, selbst zu töten und dieses Paar dort unten ist für ihn der Schlüssel, die letzte Grenze zu überschreiten.
»Die Toten waren überall. Sie schlitzten Kehlen mit alten, rostigen Messern auf und stapelten Leichen wie Brennholz zu großen Haufen. Er sah, wie ein schreiender Säugling in den Armen seiner verstorbenen Mutter bei lebendigem Leib von einem ausgehungerten, skelettartigen Hund gefressen wurde.
Dann wachte er auf.Sein Bettlaken war grau und klamm. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Er hatte den Traum noch deutlich vor Augen.
«
 (Jack Ketchum AMOKJAGD / Seite 94f)
RoadkillDies ist der Auftakt des Romans und beinhaltet zum einen Mord aus Verzweiflung und einen gefährlichen Zufall, indem der gefühlskalte Wayne Lock zum Augenzeugen dieser Tat wird. Wayne weiß, wer die Mörder sind und Wayne wird alles daran setzen, nun in Kontakt mit diesem Paar zu treten. Jack Ketchum gelingt es gleich eingangs dem Leser ein gewisses Verständnis für die Tat abzuringen. Haben doch scheinbar alle rechtlichen Möglichkeiten versagt, um den Terror von Howard Gardner Einhalt zu gebieten. Gleichzeitig lenkt er aber umgehend den Fokus auf Wayne Lock, der kurz davor steht, die letzte Grenze zu überwinden, um seine abgründige Lust am Töten in die Realität umzusetzen. Man könnte also sagen, dass der Mord an Howard Gardner den Funken darstellt, der die Zeitbombe Wayne Lock endgültig zündet. Natürlich kann man hier fragen, ob die Zeitbombe Wayne nicht schon kurz vor der Explosion stand, und auch diese Frage müsste man bejahen. Doch hier können sich die kranken Fantasien von Wayne direkt an "realen Gleichgesinnten" reiben. Dass das Paar nicht aus Lust am Mord gehandelt hat, passt nämlich in das kranke Weltbild eines Wayne Lock nicht hinein.

Eine andere Ebene im Buch nimmt der Polizist Rule ein, der durchaus seine eigenen Sorgen und Probleme hat. Denn Rule kann die Trennung von seiner Frau Ann und seiner kleinen Tochter Chrissie nicht verwinden, weshalb er auch sein Problem mit der Hilfe des Psychologen Marty in den Griff zu bekommen versucht. Auch Rule kennt Carole Gardner, die ihn irgendwie an Ann erinnert. Und er kennt Howard Gardner, den er schon mal verhaften musste, als er volltrunken seine Ex-Frau terrorisierte. Nun jedoch trifft Rule Howard wieder, nur dass dieser unsypathische Kerl nun eine Leiche ist. Rule weiß, wie Carole unter ihrem Ehemann zu leiden hatte und irgendwie wäre es ihm ganz recht, wenn dieser Kerl wirklich durch einen Unfall ums Leben gekommen wäre. Doch die obligatorischen Fragen muss man stellen, und als er erneut zum Haus von Carole fährt, sind zwar die Fahrzeuge von Carole und Lee dort, das Paar ist jedoch nicht anwesend. Rule ahnt in diesem Moment noch nicht, dass sowohl Carole als auch Lee bereits in der Gewalt von Wayne Lock sind, und dieser zieht nun von einem Ort zum anderen eine Spur von Blut und Tod!
»Der Schuss riss ihr den größten Teil ihres linken Zeigefingers ab, bevor sich die Kugel rechts von ihrer Wirbelsäule in ihren Rücken bohrte. Ihre Nieren verteilten sich vor ihr auf dem Asphalt. Es sah aus, als wäre in ihrem Inneren eine Dose Hundefutter explodiert.«
(Jack Ketchum AMOKJAGD / Seite 125)
Joy RideGrob gesagt geben die kleinen Spoiler hier nicht sehr viel mehr her, als es der Klappentext in einer stark verkürzten Form schon tut. Also bitte hier nicht gleich losschreien, es würde zu viel gespoilert und man müsse das Buch nun gar nicht mehr lesen. Denn genau in diesem Moment nehmt ihr als Leser euch selbst die Chance, einen Roman zu lesen, der euch in menschliche Abgründe führt, die man gemeinhin nicht für möglich halten würde. Man könnte den Roman AMOKJAGD, was den Härtegrad angeht, auch als einen präzisen Schlag in die Magengrube nennen. Oder wie ich es bezeichnen würde, ein echter Jack Ketchum!

Der Roman weist zwischenzeitlich durchaus ruhige Momente auf. Insbesondere dann, wenn die Szene zu Rule und seinen Problemen umschwenkt. Das bedeutet aber nicht, dass der Spannungsbogen nun geradezu abstürzt. Viel eher sind dies Momente, in denen die Leser mal wieder Luft holen können, bevor der Schrecken auf's neue Fahrt aufnimmt. Bei aller Härte, die der Roman aufweist, stellt sich immer wieder die Frage, ist das, was in der Handlung passiert, überhaupt in der Realität möglich? Am Ende dieser Frage steht dabei immer ein großes Ja mit Ausrufezeichnen.

Jack KetchumDie Handlung und die Umstände mögen fiktiv sein, und doch, wenn man sich in der Welt mal umsieht, ist dieser Horror (und in der Realität ist sowas der blanke Horror für die Menschen) jederzeit und überall möglich. Es macht den Roman so erschreckend, dass Jack Ketchum nicht zu den Autoren gehört, die eine Handlung blumig ausschmücken und damit den Lesern ein falsches Bild  bezüglich der Seelenverfassung seiner Protagonisten vermittelt. Er spielt nicht mit Worten, sondern hämmert den blanken Wahnsinn den Lesern geradezu mit der Dachlatte ins Gehirn. Und auch eine weitere Eigenart schätze ich bei Jack Ketchum, nämlich die, das ihm ein Happy End im Stil einer Soap Opera völlig fremd zu sein scheint. Auch in diesem Punkt ist der Roman für eine kleine Überraschung gut.

Mein Fazit daher: Wer einen Roman lesen will, der wie eine Achterbahn den Leser in schwindelerregende Höhen und wieder in schockierende Abgründe mitreißt, der ist mit dem Roman AMOKJAGD bestens bedient. Wer aber auf wohlgefällige Umschreibungen steht und auch sonst auf seinen Blutdruck achten muß, der sollte die Finger von diesem Roman lassen. Zu Risiken und Nebenwirkungen beim Lesen eines Romans von Jack Ketchum dürfte in jedem Fall der Hausarzt glatt überfragt sein.

Daten zum Roman:
AMOKJAGD
(JOYRIDE) bzw. (ROAD KILL)
von Jack Ketchum
Übersetzung von Kristof Kurz
Erschienen 1995 bei Berkley Books, New York
Deutsche Erstausgabe: 2008
ISBN: 978-3-453-67545-2
288 Seiten/€ 8,95
Heyne Verlag (Verlagsgruppe Random House)


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