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"Haben Sie schon mal jemandem den Kopf abgesägt?" Vernissage - ein Psychothriller von Dirk Radtke

Vernissage»Haben Sie schon mal jemandem den Kopf abgesägt?«
Vernissage - Ein Psychothriller von Dirk Radtke

Psychothriller aus der Sichtweise eben des Mörders sind nicht unbedingt häufig anzutreffen. Meistens wird ja aus der Sicht eines "Helden" oder "Polizisten" die Handlung geschildert. Vielleicht auch mal aus der Sichtweise eines auserkorenen Opfers, das dem Killer jedoch mehr Widerstand als andere entgegenstellt. Ein solcher Roman aus der Sichtweise des Killers dürfte als bekanntestes Beispiel AMERICAN PSYCHO von Bret Easton Ellis sein.
 
Nur, der Killer dieses Romans von Dirk Radtke treibt sein blutiges Unwesen nicht in einer Millionenmetropole irgendwo in den USA, unser Killer ist Essenswagenfahrer in einer Schönheitsklinik in Bochum!
»"Eddie", flötet sie hinüber in die Küche, "was riecht hier so?" Ich kann Kanister, Aquarien und Nutten an Mutter vorbeischmuggeln. Selbst eine Boeing brächte ich mit laufenden Turbinen unbemerkt an ihr vorbei. Nur Geruch nicht.«
(VERNISSAGE/Seite 100)
VernissageUnd unser Killer heißt Edgar Tess, ist, wie gesagt, Essenswagenfahrer in einer Schönheitsklinik, lebt mit seiner betagten und ziemlich senilen Mutter zusammen und betätigt sich insgeheim als - nun ja, sagen wir mal Künstler! Die Sache hat nur eben einen Haken: Um seine zukünftige Vernissage einem Publikum oder zumindest seiner Mutter vorführen zu können, betätigt er sich nebenberuflich auch noch als Serienmörder. Das erste Opfer ist zumindest schon mal eine Prostituierte, bei der Edgar jedoch erst einmal Lehrgeld bezahlen muss. Zumindest macht er die Erfahrung, dass Leichen nun mal nicht unbegrenzt haltbar sind. Andererseits hat er aber auch kein Geld mehr, und da Mutter nur Leberwurstbrote akzeptiert, die Wurst aber nicht mehr im Hause ist, könnte man ja mal auf das mißlungene "Objekt der Kunst" zurückgreifen; Kochbücher gibt es ja in jedem Haushalt.

Der Leser wird vom Autor quasi direkt in die Figur des Edgar Tess hineingestoßen, egal, ob er will oder nicht. Denn eigentlich erzählt hier ja Edgar selbst, was ihn so bewegt, was er denkt und eben was er so vor hat. Fühlen Sie sich als Leser des Artikels jetzt schon unwohl, wenn Sie bedenken, dass Sie bei dem Roman quasi in die Haut eines Serienmörders schlüpfen müssen? Keine Angst, liebe LeserInnen, Sie werden sich bald in der besonderen Welt eines Edgar Tess recht gut auskennen - versprochen!

So besonders ist Edgars Welt eigentlich auch nicht. Einen unsympathischen neuen Arzt nennt er einfach Dr. Schnösel, bei seiner Mutter gehen ihm manchmal sehr witzige Gedankengänge durch den Kopf, obwohl er mit einem Erfolg seiner Vernissage bei ihr etwas gutmachen will. Sein Vater ist längst tot und hat zu seinen besten Zeiten als Künstler gearbeitet und kleinere sadomasochistische Spielchen mit diversen Nutten auf dem Dachboden durchgespielt, und ja, Stimmen hört Edgar auch. Um genau zu sein: von zwei imaginären Personen. Aber mal ehrlich, sind wir nicht alle etwas schizophren? Nein? - Schade, hätte ja sein können ...

Zumeist beschränkt sich Edgar Tess auf käuflichen Sex und ist auch sonst in punkto Frauen nicht wirklich der hellste. Dabei ist er für die Frauenwelt kein uninteressanter Typ, schließlich hat sich die häusliche Krankenpflegerin für Mutter in den hübschen Burschen schwer verguckt. Das trifft aber nicht unbedingt auf Gegenliebe, zumal Edgar sie aufgrund ihrer Körperfülle schlicht "Calzone" nennt und Panik davor hat, dass sie sich heimlich in der Wohnung an ihn ranmacht, wenn er gerade hilflos schläft. Ich glaube aber mal, ich verrate nicht zu viel, wenn eine Freundin von Astrid (Calzone) ihr rät, ihn doch nackt in seinem Bett zu verführen. Ich bin da ehrlich: Wer solche Freundinnen hat, der braucht keine Feinde mehr!

Und auch die hübsche asiatische Pflegerin fürs Wochenende, die von Edgar nur liebevoll "Mandelauge" genannt wird, ist unserem Edgar nicht abgeneigt. Aber sein Herz springt geradezu wie ein Flummi, wenn er an die junge hübsche Ärztin Diane denkt, und auch sie fühlt sich zu Edgar hingezogen. Beste Voraussetzungen also für Edgar, seine Kunststücke fertigstellen zu können, bevor seine Mutter den Löffel wegwirft. Denn ihr zuliebe will er es ja besonders gut machen, damit sie stolz auf ihren Jungen sein kann, bevor sie den Mutterboden von unten betrachtet. Und da liegt für Edgar aber auch irgendwie der Haken, denn er merkt sehr schnell, dass die Uhr für seine Leberwurstbrot mampfende Mutter rasant abläuft. So was bringt einen Künstler eben irgendwann in Zugzwang!
»Wenn man sich erst einmal einen gewissen Zugang verschafft und Interesse geweckt hat, steht der Beamte stramm. Sobald man ihm nur einen warmen Hauch ins Gesicht pustet, explodiert er wie ein heißer Freier. In diesem Moment ist Keldermann der Freier. Sein gezückter Bleistift symbolisiert den erigierten Penis, der auf brauchbare Worte wartet, um den Notizblock endlich vögeln zu können.«
 (VERNISSAGE/Seite 220)
Dirk RadtkeDer Roman VERNISSAGE - DIE KUNSTSTÜCKE DES EDGAR TESS beginnt direkt mit der markanten Frage von Edgar: "Haben Sie schon mal jemandem den Kopf abgesägt?" Einem unbedarften Leser, und eventuell sogar jemandem, der noch nicht viel Erfahrung mit Psychothrillern hat, dürfte dieser Einstieg bereits ein ängstliches Schlucken abringen. Nun muss man sagen, dass ich in dem Punkt alles andere als unbedarft bin und durchaus härtere Kost in diesem Genre zu schätzen weiß. Für mich stellte sich vielmehr die Frage, hält der gesamte Roman in etwa das, was dieser Eingangssatz verspricht? Schließlich ist der Roman VERNISSAGE aus dem Verlag und der Mediengruppe PERIPLANETA das Erstlingswerk des Autors Dirk Radtke.

Keine Sorge, liebe LeserInnen, über Facebook habe ich schon vorher feststellen können, dass Dirk Radtke ein sympathischer und humorvoller Mensch ist, der hier gerne auch Erfahrungen in seine Romane einbaut, ohne nun selbst mit der Säge um die Häuser zu schleichen. Ein weiterer großer Pluspunkt ist dieser schwarze Humor, der sich fast durch den gesamten Roman zieht. Und ich gestehe es hier freimütig, mehr als einmal beim Lesen laut gelacht zu haben (sogar zweimal mit Lachtränchen im Auge). Aber Vorsicht, wer nun meint, er habe es hier eher mit einem lustigen Taschenbuch zu tun, den kann ich nur warnen!

Bei VERNISSAGE - DIE KUNSTSTÜCKE DES EDGAR TESS hat man manchmal das Gefühl, das Blut liefe einem beim Lesen direkt aus den Seiten über die Finger. Ein Beleg dafür, dass ängstliche Personen ihren Lesekonsum am besten bei diesem Buch auf die Tagesstunden verlegen sollten und nicht in den Abend vor dem Sandmännchen! Dirk Radtke weiß den Leser zu fesseln, indem er mit Edgar einen Typen von nebenan kreiert, der tödlicher nicht sein könnte, weil er eben seine eigene Sicht der Dinge hat. Eine Sichtweise, die ihn von der Masse abhebt und ihn schlicht zu einer glaubwürdigen Bedrohung macht. Eine Person also, die auch in der Realität nicht wirklich auffallen würde, aber aufgrund seiner eigenen Weltauffassung eben brandgefährlich ist.

Zu kritisieren finde ich daher eigentlich kaum etwas, denn der Roman ist vom Beginn bis zum Ende perfekt ausgearbeitet und arrangiert, und hält einen geradezu beängstigenden Spannungsbogen. Schaurig wird es dann, wenn man sich beim Lesen immer mehr eben in die Person des Edgar Tess hineinversetzt, um dann festzustellen, wie schnell und geradezu normal das Töten eben von Edgar abgehandelt wird. Ganz nach dem Prinzip: Einkaufen, zum Job gehen und eben noch mal schnell einen Mord begehen. Auch die Stimmen, die Edgar hört, wandeln sich mit der Zeit. Sind sie anfangs für ihn noch ärgerlich, weil sie ihn scheinbar verspotten, so wandelt sich dies mit der Zeit und die Stimmen werden zu Komplizen, die erst dann dauerhaft verstummen, wenn das grausige Handwerk vollbracht ist. Machen Sie mal als Leser den Test, wann und wo Sie sich selbst in Edgar wiederfinden - und manchmal kann die Auflösung erschreckend sein.

Als Fazit kann ich hier nur sagen, dass mir VERNISSAGE als Erstlingswerk wirklich bestens zugesagt hat. Ein flüssiger Schreibstil, ein hoher Unterhaltungswert, Härte auf hohem Niveau sowie ein beständiger Spannungsbogen und perfekt ausgearbeitete Charaktere, aber auch ein gehöriger Schuss schwarzen Humors lassen zu keinem Moment Langeweile aufkommen. Man kann hier sagen, dass PERIPLANETA, die mit eben diesem Roman von Dirk Radtke auch ihre Edition TOTENGRAEBER eröffnet haben, ein wirklich glückliches Händchen bewiesen haben. Oder um es mit dem oberen Beispiel AMERICAN PSYCHO zu sagen: Bret Easton Ellis wusste mich über längere Passagen damals wirklich zu langweilen, Dirk Radtke bietet dagegen mit seinem Roman eine Lesefreude von der ersten bis zur letzten Seite, so dass ich VERNISSAGE - DIE KUNSTSTÜCKE DES EDGAR TESS wirklich empfehlen kann. Zumindest sollte man den Autor Dirk Radtke wie auch die Edition TOTENGRAEBER bei PERIPLANETA im Auge behalten.

VernissageDaten zum Buch:
VERNISSAGE - DIE KUNSTSTÜCKE DES EDGAR TESS
von Dirk Radtke
Erstveröffendlichung: 2009
Softcover/294 Seiten
ISBN: 978-3-940767-28-8
13,99 Euro
Verlag und Mediengruppe PERIPLANETA 
 

Kommentare  

#1 Doris Martin 2011-03-20 11:51
:lol: Also, wer nach dieser Rezension das Buch von Dirk Radtke nicht kauft und liest, ist selber schuld. Ein ausgezeichneter Thriller, der sich wirklich sehr sehr gut liest. Und Konrad Wolfram weiss den Inhalt dieses Buches auch gut an den Mann oder die Frau zu bringen.Alles in allem, Buch und Rezension sind mehr als gelungen . Danke dafür!
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#2 Laurin 2011-03-20 14:37
Nicht zu viel Loben, Doris Martin, ich werde ja rot wie ein Hummer :oops: :lol: .
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#3 Mjay 2011-04-29 23:33
die Rezension macht wirklich Hunger auf das Buch! Ich werde bestimmt mal reinlesen! Danke für den Tipp!
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#4 Laurin 2011-04-30 00:03
Bitte gerne, Mjay. Den Roman kann ich wirklich nur empfehlen. ;-)
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