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Mehr als sehr nahe an der Realität - Jack Ketchum »Übler Abschaum«

Übler Abschaum Mehr als sehr nahe an der Realität
Jack Ketchum »Übler Abschaum«

Die junge Sherry ist bis über beide Ohren verliebt in den jungen Owen, den sie auch in absehbarer Zeit heiraten will. Die Vorbereitungen hierzu laufen jedenfalls auch schon. Doch an diesem Abend vor Weihnachten macht Sherry Owen ein ganz besonderes Geschenk. Es ist ihre jüngere Schwester Talia, die sie ihm zur Entjungferung anbietet, da Sherry eben keine Jungfrau mehr ist. Aber genau darauf steht Owen gerade, wenn es um Sex geht. Doch diese Nacht hat schlimme Folgen.

Übler AbschaumEs ist Sherry, die ihre kleine Schwester (in der Novelle von Jack Ketchum ist sie 13 Jahre, in der Realität war sie 15 Jahre und ihr richtiger Name war Tammy) mit Triazolam (Schlaftabletten) das Bewußtsein nimmt und auch während der Vergewaltigung durch Owen mit einem Lappen getränkt mit Halothan dafür sorgt, dass Talia nicht plötzlich doch noch aufwacht.

Die Vergewaltigung selbst filmen Owen und Sherry mit einer Videokamera sogar noch, wobei auch Sherry sich an ihrer kleinen Schwester sexuell vergeht. Doch durch das Halothan muss sich Talia übergeben und erstickt kurz darauf an ihrem Erbrochenen. Aber bevor jemand aus der Familie mitbekommt, was hier schreckliches vorgefallen ist, können Sherry und Owen alle möglichen wie belastenden Spuren verwischen.

Trauer oder gar ein Schuldbwußtsein regt sich jedoch weder bei Sherry, die ihre kleine Schwester geradezu geopfert hatte, noch bei Owen. Ganz im Gegenteil gibt sie ihm nun regelrecht einen Freibrief, weitere junge Frauen zu Vergewaltigen und diese Taten mit der Videokamera festzuhalten. Und so werden bald weitere junge Mädchen Opfer von Owen und Sherry, wobei sie eben auch gemeinsam deren Vergewaltigungen und Folterungen bis hin zum Mord per Videokamera festhalten.

Übler AbschaumDie Nüchternheit des Grauens:
Vollkommen nüchtern und ohne größere Ausschmückungen schildert Jack Ketchum in dieser Geschichte den Weg eines jungen Paares, welches ohne jegliche Reue ihre sexuellen Perversionen an jungen Frauen auslebt und auch nicht einmal davor zurückschreckt, eines ihrer weiblichen Opfer zu zerstückeln und deren Leichenteile in Zement zu gießen, um sie so in einem See zu versenken.

Aber Jack Ketchum beendet seine Geschichte nicht damit, wo Owen wegen einer DNA-Probe viel zu spät überführt wurde und beide ins Gefängnis kamen. Denn auch den weiteren Lebensweg der kaltblütigen Shelly stellt er hier in knappen, aber sehr eindringlichen Worten und Sätzen nach, da sie durch einen Deal mit der Staatsanwaltschaft viel zu schnell wieder aus dem Gefängnis entlassen wird.

Viel zu schnell, denn damit ist der Schrecken noch längst nicht beendet.

Die Leser müssen hier allerdings keine Angst davor haben, dass der Autor hier die Vergewaltigungen oder grausamen Folterungen recht detailliert schildert. Das muss er aber auch nicht, denn die wenigen Worte, die er hier sehr gezielt wählt, reichen völlig aus, das Kopfkino des Lesers so in Wallung zu versetzen, damit sich das gesamte Ausmaß dieser abscheulichen Taten durchaus recht gut vorstellen lässt.

Übler AbschaumÄhnlich wie in seinem Roman EVIL nimmt sich Jack Ketchum hier ebenfalls wieder einem realen Schrecken an. Jedoch verfremdet er hierbei weder das Umfeld noch die betreffenden Charaktere weiträumig. Alleine bei der Altersangabe zum Beispiel bei Talia (Tammy) liegt eine ersichtliche Veränderung gegenüber der Realität vor. Aber auch die Namen der Charaktere wurden seiten des Autors verändert. Denn hinter Sherry verbirgt sich die Serienkillerin Karla Homolka und hinter Owen Paul Bernardo, welche später als Ken-und-Barbie-Killer  traurige Berühmtheit erlangten. Und der Mord an der 15-jährigen Tammy, die auch real die kleine Schwester von Karla Homolka war, entsprach ganz der Realität und ereignete sich im Jahre 1990.

Aber auch die DNA-Analyse (Blut- und Speichelprobe), die bei Paul Bernardo seitens der Polizei vorgenommen wurde entsprach der Realität, wie auch die große Zeitdauer, bis man Bernardo dann letztendlich doch noch hiermit überführen konnte. Dies lag nämlich daran, dass die DNA-Untersuchungen zum damaligen Zeitpunkt noch relatives Neuland waren und nur wenige Labore diese dann auch durchführen konnten. Daher entspricht es auch der Realität, das Owen in der Novelle noch einige Zeit länger wegen diesem Umstand auf freiem Fuß blieb.

Ebenfalls entspricht es der Realität, dass hier in der Novelle ein junges Mädchen über einen längeren Zeitraum vergewaltigt und gefoltert wurde, bevor man sie umbrachte und zerstückelte, sowie ihre Leichenteile in Zementblöcke goss um diese in einerm Stausee zu versenken.  Denn in der Realität handelte es sich hierbei um die 14-jährige Leslie Mahaffy aus Burlington, die Paul Bernardo am 15 Juni 1991 verchleppte. Als Bernardo ihrer jedoch überdrüssig wurde, wurde sie von Karla Homolka erwürgt und dann mit einer Motorsäge von ihr zerstückelt.

Übler AbschaumDie kalte Leichtigkeit des realen Schrecken:
Ja, die Novelle ÜBLER ABSCHAUM zieht trotz der Kürze den Leser trotzdem in seinen eiskalten Bann. Denn Jack Ketchum handelt den Schrecken hier sehr nüchtern, ja mitunter sogar ohne größere Gefühlsregungen ab. Und genau diese Art macht den behandelten Inhalt dieser Novelle um so erschreckender.

Erschreckend auch, dass der Autor hier nicht gerade wenige der Dialoge direkt aus den original Polizeiunterlagen des realen Fall übernommen hatte.

Und so beginnt eigentlich der wirkliche Horror zwischen den Zeilen, denn das Kopfkino bietet dabei nur zu gerne und recht schnell die passenden Bilder und Szenen, bei denen es dem Leser oder der Leserin bald den Atem verschlägt. Die Nüchternheit, mit der Jack Ketchum diese recht kurze Geschichte seiner Leserschaft präsentiert hat also durchaus System und verfehlt ihr Ziel nicht im geringsten.

Untermalt wird die Geschichte zudem durch einige sehr gut gestaltete Illustrationen seitens Julia Gerlach, was dieses zugegeben dünne, gebundene Büchlein (Hardcover) mit Lesebändchen  ebenfalls noch aufwertet.

Gerade auch anhand dieser kurzen Novelle über ein reales Verbrecherpaar mit dem Titel ÜBLER ABSCHAUM (Originaltitel WEED SPECIES), die Jack Ketchum im Jahre 2006 herausbrachte, kann man sehr gut erkennen, welcher begnadete Autor uns im Jahre 2018 viel zu früh verlassen hat. Denn nur wenigen Autoren gelingt es mit so wenigen Worten und denkbar kurzen Sätzen das Grauen so intensiv auf den Punkt zu bringen, wie es Jack Ketchum geradezu meisterhaft konnte.

Rechnet man dann noch die wirklich hochwertige Aufmachung seitens des Festa Verlag bei der Printausgabe hinzu, so kann ich hier nur eine sehr eindeutige Leseempfehlung aussprechen.

Übler AbschaumÜbler Abschaum
(Weed Species)
von Jack Ketchum
Erstveröffentlichung: Cemetery Dance Publications/2006
Deutsche Erstveröffentlichung: FESTA Verlag/2020
Illustrationen: Julia Gerlach
Titelbild: Arndt Drechsler
Übersetzung: Klaus Schmitz
Genre: Drama
Seitenanzahl: 96 Seiten
Ausführung: Hardcover mit Lesebändchen, Umschlag in Lederoptik
Preis: 16,99 Euro
E-Book: 4,99 Euro
ISBN: Ohne/Nur direkt über den Verlag erhältlich
Bezug über: Festa.de

Kommentare  

#1 Laurin 2020-09-06 14:55
Nur mal so zur Info, der Link unten zum Verlag funktioniert nicht. :-*

Harantor sagt: Jetzt schon
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