Leit(d)artikel KolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Auf der Suche nach dem perfekten Leben - »Psychotic«

Psychotic Auf der Suche nach dem perfekten Leben
»Psychotic«

Dora Welles hat in ihrem Leben schon so einiges mitgemacht. Und gerade was Männer und die Liebe betraf, stand sie wohl nie wirklich auf der Sonnenseite des Lebens. Das beste war vielleicht ihre Jugendliebe Jim, doch man war früher eben jung und machte nicht alles richtig, weshalb Jim auch aus ihrem Leben verschwand. Dabei geht es ihr heute recht gut als Mitinhaberin eines Antiquitätengeschäfts. Doch mit Geld kann man sich eben auch nicht alles kaufen.

PsychoticOwen wiederum, mit dem sie sich seit einiger Zeit häufiger trifft, scheint eher eine sexuelle Affäre zu sein mit gewissen Eigenarten, die vielleicht auf den ersten Blick nicht unbedingt die üblichen Regeln des Anstand verletzen, aber für Dora keine wirklich intime Nähe bedeuten. Von wirklicher Liebe, so wie Dora sie sich also erhofft, ist diese Beziehung jedenfalls weit entfernt.

"Eigentlich habe ich mir die Hälfte meines linken Fußes mit einer Schrotflinte weggeschossen, wie so ein richtiger Trottel. Das war mein erstes Jahr hier. Eine Jagdgesellschaft."

(PSYCHOTIC/Seite 68)

Als Owen dann auch noch nach einer weiteren gemeinsamen Nacht mittels eines handgeschriebenen Zettels die Beziehung beenden will, rastet Dora aus und kreuzt nicht nur in seinem Büro auf, sondern macht ihm auch eine gehörige Szene. Widerstand käme Owen in einem solchen Augenblick nicht in den Sinn, denn wenn man in einer solchen Situation Dora in die Augen sieht, dann bekommt man glatt Angst vor dieser immer noch recht attraktiven Frau.

Männer und Schmerz kennt Dora aus ihrem Leben jedenfalls zu Genüge und dies hat bei ihr nicht nur körperliche Spuren hinterlassen. So scheint beides eben für sie auch zusammen zu gehören, wie ein ungeschriebenes Naturgesetz. Nur bei ihrer Jugendliebe Jim war dies eben völlig anders. Zumindest bis er damals die Stadt verlassen hatte.

Sie vernahm das leise Kratzen der Zähne auf dem Beton. Alles das beobachtete sie mit einer Art Erstaunen.

(PSYCHOTIC/Seite 125 - 126)

Und nun, nachdem auch Owen ihr wieder diesen Schmerz zugefügt hat, geht ihr Jim eben nicht mehr aus dem Kopf. Also wendet sie sich kurz entschlossen an eine Detektivagentur, um den Wohnort ihrer Jugendliebe James "Jim" Weybourne ausfindig zu machen. Denn in Dora reift langsam der Gedanke, sich das wiederzuholen, was sie glaubt, damals verloren zu haben. Und wirklich, schon nach kurzer Zeit erhält sie alle relevanten Informationen über Jim, die sie wissen muss. Auch das er verheiratet ist und zwei Kinder hat. Trotzdem macht sie sich auf den Weg und taucht unter einem beruflichen Vorwand und einer nie geladenen Waffe plötzlich und scheinbar unerwartet wieder in Jims Leben auf.

PsychoticZuerst ist Jim hocherfreut, Dora nach so vielen Jahren wiederzusehen. Selbst Karen, seine Frau nimmt Dora mit offenen Armen auf, zumal sie schon viel von ihr durch Jim gehört hatte. Doch während sich hierbei die Welt für Jimmy - Jims kleinem Sohn - völlig normal weiter dreht, hegt seine, sich im Teenageralter befindliche Tochter Linda, eine gewisse Abneigung zu Dora.

Es war gruselig ohne Ende, denn sie erwartete, dass jede Sekunde die Tür aufflog. Trotzdem schlich sie auf Zehenspitzen hinüber.

(PSYCHOTIC/ Seite 162)

Allerdings auch Jims Geschäftspartner Matthew, der Dora beim ersten Kennenlernen recht attraktiv findet, bemerkt bei Dora mit der Zeit einige seltsame Verhaltensweisen, die nicht wirklich passen wollen, welche er aber auch nicht richtig einordnen kann. Sie alle ahnen jedoch noch nicht einmal im Geringsten, welchen perfiden Plan Dora verfolgt, um Jim wieder ganz für sich alleine zu gewinnen und wozu sie fähig ist, um dieses Ziel von ihrer Vorstellung einer "perfekte Liebe" durchzusetzen. Schon bald jedenfalls kommt es zu einem ersten Todesfall und er wird vielleicht nicht der einzige bleiben.

PsychoticDer ruhige Fluss einer Katastrophe:
Die Novelle PSYCHOTIC (Originaltitel: OLD FLAMES) wartet mit Sicherheit nicht mit Darstellungen extremer Gewalt oder eventuell auch harter sexueller Handlungen auf, wie man es bereits durch Romane wie EVIL, THE LOST oder AMOKJAGD seitens Jack Ketchum her kennen dürfte.

Im Grunde bleibt der Stil sogar über die gesamte Handlung von 192 Seiten hinweg recht ruhig und eher nüchtern. Und auch die zentrale Figur der Dora Welles wird hier nicht als typische Wahnsinnige geschildert, die innerhalb kürzester Zeit die Welt einer Familie völlig aus den Fugen geraten lässt. Ja, Dora ist sogar fähig, gewisse Gefühle wie Trauer über das zu empfinden, was sie selbst angerichtet hat. Nur ändert sich dadurch nichts an ihrem einmal gefassten Plan, welchen sie nun begonnen auch gnadenlos durchziehen wird.

Selbst als sie damit auffliegt, kennt sie kein Zurück und so tritt an den scheinbar perfekt ausgearbeiteten Plan dann das Konzept  von Wut und Enttäuschung, welche wiederum in einer blutigen Rache gipfelt.

Aber Jack Ketchum gelingt es in PSYCHOTIC auch ohne große Mühe, in den scheinbar normalen bis belanglosen Situtationen immer auch eine bedrückende Stimmung und eine unheilschwangere Atmosphäre beim Leser mitschwingen zu lassen. So lässt sich PSYCHOTIC auch nicht nur durch den einfachen und flüssigen Schreibstil recht flott von der Hand lesen, sondern erzeugt beim Leser auch darüber hinaus ständig eine gewisse Anspannung, als warte man beispielsweise darauf, dass ein prall gefüllter Luftballon plötzlich mit einem unangenehm lauten Knall platzen könnte. Denn Jack Ketchum lässt uns bei Dora auch in seiner Novelle tief in ein Seelenkonstrukt blicken, welches die Realität eher in verzerrter Form wahrnimmt, um nach außen hin jedoch trotzdem irgendwie normal zu wirken.

Man kann dieses Gefühl nicht einfach mit dem Wort "Spannung" beschreiben, welche man als Leser vielleicht bei einem Krimi oder Thriller empfindet. Zum einen mag das Wort "Spannung" hier auch zu hoch gegriffen sein, während es andererseits nicht wirklich ausreicht, um dieses Gefühl klärend zu beschreiben, welches in PSYCHOTC beständig mitschwingt. Selbst nachdem ich diese Novelle geradezu verschlungen hatte, hinterließ diese Geschichte ein nachhallen in mir, das ich hier nur recht unvollständig als schleichend, bedrohlich und kaum wirklich fassbar umschreiben kann.

Dies mag daran liegen, dass die Handlung selbst und in ihrem gesamten Aufbau sich jederzeit und überall auch in der realen Welt wiederholen könnte. Nichts wirkt innerhalb der Handlung dabei unlogisch oder einer ausschweifenden Phantasie entsprungen, wie man es eben sonst von normalen Krimis oder Thrillern eher gewohnt sein dürfte. Denn hier geht es auch nicht um Geld, Macht oder Einfluss, sondern nur um den Wunsch nach bedingungsloser, tiefer und ehrlicher Liebe. Doch die Verzerrung des denkens liegt bei Dora nicht darin, eine solche Liebe mit allen Mitteln zu verteidigen, sondern eben mit allen Mitteln erzwingen zu wollen.

PsychoticMein Fazit:
PSYCHOTIC (OLD FLAMES) dürfte wahrlich nichts für Leser sein, die auf harte Action, jede Menge Blut und haarsträubende Wendungen innerhalb der Handlung warten. Denn PSYCHOTIC ist eine recht eigenwillige und in seiner Handlung auch recht glaubwürdige Geschichte um eine Frau, die zu allem bereit ist, sich die Liebe und Zuwendung zu erzwingen, welche sie glaubt, dass sie ihr auch zustehen würde. Und dabei zeigt sie nach außen anderen gegenüber durchaus normale Gefühle, während sie innerlich dieses Ziel mit einer eisigen Kälte verfolgt und dabei auch über Leichen geht. Einen Plan B kennt sie dabei nicht und wehe, wenn aus Liebe plötzlich Hass wird.

PSYCHOTIC ist von der gesamten Handlung daher eher eine sogar recht ruhige Novelle. An manchen Stellen sogar eher eine nüchterne Bestandsaufnahme ohne effekthafte Ausschmückungen und Schnörkel. Und genau daran muss man sich als Leser und Fan von Thrillern oder Krimis auch erst einmal gewöhnen. Denn wer jeweils nach mindestens zehn Seiten auf einen Knalleffekt wartet, der wird in dieser Novelle durch Jack Ketchum nicht bedient.

Dies führt allerdings auch dazu, dass man die Novelle PSYCHOTIC von Jack Ketchum auch erst dann wirklich würdigen kann, wenn man sie in ihrer Gesamtheit nicht nur gelesen hat, sondern im Vorfeld auch keine Erwartungen voraussetzt, die man vielleicht mit dem Namen des Autors und seiner wesentlich härteren Werke verbindet.

Jack Ketchum führt uns hier recht leise und fasst beiläufig in einen Abgrund, ohne das man dies als Leser eben gleich bemerkt. Und genau das fand ich an PSYCHOTIC gerade so bemerkenswert. Und wie das mit Abgründen bei Jack Ketchum so ist, so steht am Ende der Geschichte kein Gewinner fest, aber eine Menge Verlierer. In diesem Punkt bleibt sich Jack Ketchum durchaus treu.

Was soll ich also hier noch sagen, um nicht zu viel zu verraten. Jack Ketchum serviert selbst dem Kenner vieler seiner Romane eine für ihn doch recht ungewöhnliche und ruhig erzählte Geschichte. Aber auf der anderen Seite ist es eben doch ein typischer Jack Ketchum, der uns als Leser auch hier in dieser recht kurzen Novelle ein Gefühlsleben vermittelt, welches irgendwie auch die Gefühlswelt des Lesers ständig in diffuser Alarmbereitschaft hält. Vielleicht hätte ich mir trotz allem doch noch ein wenig mehr Action innerhalb der Handlung gewünscht, aber vier von insgesamt fünf Punkten erreicht PSYCHOTIC trotzdem mit Leichtigkeit bei mir und das schließt eine Leseempfehlung faktisch ohne Wenn und Aber mit ein.

Für Ineressenten sei hier noch gesagt, dass diese Novelle in der noch recht jungen Verlagsreihe FESTA SPECIAL (PSYCHOTIC ist hierbei erst Band 2 der Buchreihe) erschienen ist und über keine ISBN-Nummer verfügt. Daher als Privatdruck, ist diese Novelle auch nicht über den normalen Buchhandel, sondern nur direkt über die Verlagsseite im Internet direkt zu beziehen. Als gebundene Ausgabe mit Lesebändchen und der typisch schönen Lederoptik seitens des FESTA Verlag macht dieser Band auch in jedem Bücherregal eine wirklich gute Figur.

PsychoticPsychotic
(Old Flames)
von Jack Ketchum
Genre: Drama/Thriller
Originalausgabe: Leisure Books/2008
Übersetzung: Klaus Schmitz
Seitenanzahl: 192 Seiten
Ausführung: Hardcover/Cover in Lederoptik
Buchreihe: Festa Special
Preis: 18,99 Euro (eBook: 4,99 Euro)
ISBN: Ohne/Nicht über den Buchhandel beziehbar
Direktbezug über: Festa-verlag.de
Festa Verlag/Februar 2020

Kommentar schreiben

Probehalber öffnen wir wieder den Gästezugang für Kommentare. Wir werden sehen, wie lang es dauert. Da diese nicht automatisch publiziert werden, kann es eine Weile dauern, bis diese freigeschaltet werden

Please notice: If you are not a registered user, your comments have to de moderated. It may be last some time till it appears ...

- Bitte nehmt Rücksicht auf andere und kommentiert zum Thema und bleibt sachlich...
- Rassistische und diskriminierende Kommentare werden nicht zugelassen
- Kommentare werden begutachtet und dann - unverändert - frei geschaltet.


- Nur noch Administratoren [SuperUsern] ist es gestattet Kommentare zu editieren - bitte den Zusatz mit einem geeigneten Wort wie "Edit" kennzeichnen - oder zu löschen

- Wer Kommentare entfernt haben möchte, wende sich bitte via Kontaktformular oder Mail an den Administrator. Dann wird darüber entschieden.

Sicherheitscode
Aktualisieren

Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Wir verwenden Cookies, um Inhalte zu personalisieren und die Zugriffe auf unsere Webseite zu analysieren. Indem Sie "Akzeptieren" anklicken ohne Ihre Einstellungen zu verändern, geben Sie uns Ihre Einwilligung, Cookies zu verwenden.