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Blutjung, Naiv und noch Jungfrau - »Mädchenfleisch« von Simone Malina

MädchenfleischBlutjung, Naiv und noch Jungfrau
»Mädchenfleisch« von Simone Malina

Sophie ist fünfzehn Jahre, sieht nicht schlecht aus und würde gerne auch mal die große Liebe kennenlernen. So ungefähr dürfte das erste Klischee umschrieben sein. Allerdings haben Klischees es auch manchmal so an sich, mit der Realität eventuell sogar konform zu laufen. Doch mit der "großen Liebe" müssen wir bei Sophie als Leser noch etwas warten, denn vorher gibt uns die Autorin Simone Malina im Prolog erst noch einen kleinen Ausblick in die Zukunft der Handlung.

MädchenfleischUnd dieser Blick in eine recht nahe Zukunft hat es dann wirklich erst einmal in sich, denn in diesem Prolog spielt ein anderes, ebenso junges Mädchen eine entscheidende Rolle.

Es ist Luise, auch nicht älter als Sophie, allerdings wohl schon etwas länger im Geschäft dieser Loverboys. Dies merkt man spätestens dann innerhalb der Handlung, wenn deren Zuhälter Harkan ihr noch mitteilt, das sie den Termin beim Arzt nicht verpassen soll, damit der ihre Vagina noch einmal auf jungfräulich eng trimmen kann. Schließlich haben ja die Freier als Kunden gewisse Ansprüche, bei denen sie dann auch gerne mehr bezahlen. Oder anders gesagt, kein Kunde legt mehrere hundert Euro auf den Tisch, wenn die blutjunge Prostituierte sich beim Geschlechtsakt anfühlt, als wäre ihre Vagina ein Hauptbahnhof, bei dem alle paar Minuten die Züge durchrauschen.

Nur hat die bisher handzahme und stark in Harkan verliebte Luise wohl versucht, denselben mal richtig übers Ohr zu hauen. Das dies Harkan und seinen Schlägern natürlich nicht gefällt, bekommt dann auch in einer leeren alten Lagerhalle Sophie eindringlich schon mal vorgeführt, wo man nämlich gerade dabei ist, Luise auf höchst grausame Weise dafür zu foltern.

Sophie fühlte sich völlig ausgegrenzt, wie das dritte Rad am Wagen. Mit befremdlicher Mine verfolgte sie, wie Achmed mit beflissener Achtsamkeit immer wieder das Glas ihrer Mutter auffüllte, während sie auf dem Trockenen saß.

(Mädchenfleisch: Seite 111)

Nach dem Prolog geht es allerdings erst einmal in ruhigerem Fahrwasser weiter. Wir lernen Sophie, ihre Mutter oder ihren Vater und so manches aus ihrem schulischen wie privaten Leben kennen, was auch nicht immer wirklich rund läuft.

Da gibt es z.B. die Mutter, eine Psychologin mit einem recht eigenen, verkorksten Weltbild, die hohe Ansprüche an Sophies Leistungen erhebt, gerne auch mal etwas tiefer in ein Weinglas schaut und bei dem das Mädchen sich immer fühlt, als würde ihre Mutter sie wie eine ihrer Patinentinnen therapieren wollen. Und wenn Sophie mal nicht zu Hause ist, dann sind bei Muttern auch mal ein paar Scheinchen für einen Callboy drin. Schließlich lebt sie ja faktisch schon mit Sophies Vater getrennt, will auf den Spaß mit einem strammen Mann aber nicht verzichten.

Mit ihrem Vater wiederum versteht sich Sophie eigentlich recht gut, nur das der, wie er sagt, aus beruflichen Gründen kaum zu Hause ist. Und wenn er dann mal erscheint, hängt dicke Luft im Raum zwischen ihrem Vater und der Mutter. Das ihr Vater längst an einer anderen Stelle eine Geliebte hat, weiß Sophie natürlich längst, denn schließlich ist sie nicht auf den Kopf gefallen.

Als sie sich blitzartig aufraffte und weglaufen wollte, packte er sie an beiden Zöpfen, zog sie rückwärts zu sich heran. Wickelte die beiden Zöpfe um seine Handgelenke und drehte ihren Kopf gewaltsam in seine Richtung.

(Mädchenfleisch: Seite 129)

Auf den Kopf gefallen scheint sie jedoch hinsichtlich ihrer eigenen Beziehungswünsche zu sein. Denn hier verlässt sich Sophie auf das Internet, wo sie diesen tollen jungen Mann kennenlernt, der ihr scheinbar völlig sein Herz ausschüttet. Achmed, in Deutschland aufgewachsen und wesentlich älter als Sophie ist ein wahrers Bild von einem jungen Mann. Er kann sich perfekt artikulieren, lässt Sophie nach dem ersten realen Date wegen ihrem Alter erst einmal ordentlich zappeln und weiß als Kavalier alter Schule sogar Sophies Mutter um den kleinen Finger zu wickeln.

Mit einer Menge Süßholz raspeln, Halbwahrheiten und knallharten Lügen bindet er Sophie immer mehr an sich und verspricht sogar, sie zu heiraten, wenn sie denn das richtige Alter hierzu hat. Und als die Falle zuschnappt, findet sich Sophie zuerst vergewaltigt und dann auf dem Lolita-Strich bzw. im Bordell von Achmeds Cousin Harkan wieder, der ihrem Traummann mit reichlich Tipps unter die Arme greift, um so junge Mädchen bei der Stange zu halten.

Einen Wimpernschlag später hatte sich an Achmeds Mimik nicht viel geändert. Seine Augen waren immer noch weit aufgerissen, der Mund stand offen, als wolle er aufschreien. Aber er gab keinen Ton von sich. Sein Gesicht signalisierte das Nicht-Begreifen-Wollen.

(Mädchenfleisch: Seite 192)

Die Sache geht natürlich nicht gut aus, besonders nicht für Achmed, um das ganze hier einmal zu verkürzen, ohne jedoch nun viel zu verraten. Doch als sich Sophie nun zumindest die Hilfe von ihrem Vater erhofft, wird sie erst einmal damit konfrontiert, das der mit seiner neuen Geliebten das erste Baby erwartet und in Sachen Achmed gleich auch mal tief in die rassistische Kiste greift, wenn es um Vorwürfe gegenüber seiner eigenen Tochter geht. Für Sophie jedoch bricht dadurch eine ganze Welt völlig zusammen.

MädchenfleischIch weiß nicht, was soll ich sagen?
Nun muss ich gestehen, das die Autorin, von der ich allerdings nirgendwo ein Foto auftreiben kann, mich mit den beinharten Schilderungen der Folter im Prolog, gleich irgendwie fesseln konnte. Sie hält zumindest nicht viel davon, Grausamkeiten nur zu umschreiben und damit zu verniedlichen, was mir hier schon einmal recht gut zusagt. Zum anderen ist die Autorin Simone Malina durchaus eine recht produktive Autorin in Sachen Psychothriller. Da gibt es z.B. über Amazon so einiges an Büchern aus ihrer Feder zu bestaunen wie etwa DIE SADISTEN, BÖSE oder etwa DIE BESTIE. Und wenn man den Roman MÄDCHENFLEISCH beendet hat, so erwartet den Leser in diesem Taschenbuch auch gleich eine ansprechende Leseprobe zu ihrem Roman DER SCHÖNQUÄLER.

Die jeweiligen härteren Spitzen innerhalb des Romans sind dabei durchaus durchdacht innerhalb der Handlung verteilt, so das man hier auch nicht von einer plumpen Aneinanderreihung von Gewaltszenen reden könnte. Alles passt also wo es hingehört. Des weiteren kann ich auch keine Kritik führen an der Shreibweise. Der Roman MÄDCHENFLEISCH lässt sich durchaus flüssig lesen und es gelingt der Autorin durchaus, das man sich schnell in die Hauptfigur (hier Sophie) hineinversetzt und das man sich die jeweiligen Charaktere auch recht schnell bildhaft vorstellen kann.

Trotzdem tue ich mich, was eine Bewertung angeht, etwas schwer. Das Thema ist durchaus gut gewählt und interessant, aber leider hier doch mehr als sehr durchschaubar. Wirklich überrascht wird man also innerhalb der Handlung kaum, wenn man mal von dem Ableben seitens Achmed absieht, welches ich so in der Form nicht unbedingt kommen gesehen hatte.

Auch was Sophie selbst anbelangt, gibt es im Roman kein typisches Happy End, und doch berührte es mich beim lesen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr wirklich, da ich irgendwie genau mit diesem eher traurigen Ausgang gerechnet hatte. Oder anders gesagt, ich hätte im Vorfeld glatt eine Runde Pizza auf einen solchen Ausgang der Geschichte verwettet.

Das man bei einem Roman auf diverse Klischees zurück greift, bzw. sogar zurückgreifen muss, weil die einfach zu einer entsprechenden Handlung gehören, will ich hier auch nicht kritisieren. Aber ehrlich gesagt, waren mir hier dann doch einfach zu viele Klischees, die sich innerhalb der Handlung förmlich die Klinke in die Hand gaben.

Da ist die Trennung der Eltern und deren unterschiedliches Verhalten, da ist die Wahl der perfiden Zuhälter als Familien-Clan, da ist die neue Lebensgefährtin des Vaters die ... oh Wunder ... gerade mit einem Baby schwanger geht und da ist der Vater, der nicht gerade erfreut ist darüber, das sein noch recht junges Töchterchen sich mit einem "Kameltreiber" (zitiert aus dem Text) eingelassen hat, statt erst einmal zu schauen, was ihr eigentlich schlimmes passiert ist. Schließlich kann er sich anhand des Zeitungsartikel doch durchaus vorstellen, das seine Tochter durch die Hölle gegangen sein muss.

Bei einer solchen Ansammlung von Klischees sinkt das Niveau meiner Reaktionen beim lesen eher auf ein "Aha ... so so ... na ja und weiter im Text". Und wie ich oben schon schrieb, ist es mir als Leser durchaus nicht schwer gefallen, mir z.B. Sophie schnell lebhaft vorzustellen und mich auch mal in sie hinein zu versetzen.  Aber als es dann spätestens auf dem Lolita-Strich ans Eingemachte ging, erschien mir Sophie dann doch etwas zu abgeklärt und zu bereitwillig, aus "Liebe" zu ihrem Zuhälter für jeden gleich die Beine breit zu machen. Der Widerstand hinsichtlich "ich mache aber keinen Analsex" wirkte da dann leider auch nicht mehr recht glaubwürdig. Natürlich ist ein Mädchen mit fünfzehn Jahren und bei ihrer ersten (scheinbar großen) Liebe wohl noch verdammt naiv, aber mir kam sie hier statt naiv doch eher etwas zu abgebrüht für eine Fünfzehnjährige herüber, wenn es darum ging, möglichst viel Kohle für ihren Schatz heranschaffen zu wollen.

Mein kritischer Blickwinkel:
Ja, der Roman MÄDCHENFLEISCH lässt sich flüssig weglesen und hat auch so seine Spitzen die gut platziert durchaus zu gefallen wissen. Von dieser Warte aus betrachtet kann ich diesen Roman zu diesem speziellen Thema durchaus empfehlen.

Doch was die Häufung von typischen Klischees betrifft, sollte man dann als Leser nicht gerade empfindlich sein, denn dann verliert man recht schnell die Lust an diesem Roman. Der Witz hinsichtlich eines guten Roman ist nämlich nicht, mit aller Gewalt auf jegliche Klischees verzichten zu wollen, weil dies nämlich völlig unmöglich ist. Sondern man sollte Wendungen und Vorkommnisse einbringen, mit denen der Leser nicht rechnet und mit denen man dann die Spannung merklich erhöhen kann. Davon finde ich allerdings leider bis auf die besagte Form des Ablebens hinsichtlich des Zuhälters und dem durchaus gut gelungenen Einstieg in die Handlung (im Prolog) nicht mehr wirklich viel.

Aber auch an der Stellschraube der Hauptfigur Sophie hätte man noch einiges drehen können. Viel zu schnell wandelt sich hier nämlich ein unbedarftes, naives und zum Teil noch recht schüchternes Mädchen plötzlich in eine eher abgeklärte und gegenüber ihrem Zuhälter eher nur noch nörgelnde Bordsteinschwalbe. Da fehlt mir einfach zu viel von der inneren Zerissenheit, der Hilflosigkeit eines blutjungen Mädchens und einem, wenn vielleicht auch nicht sehr erfolgreichen Widerstand. Mit fünfzehn Jahren und ohne sexuelle Erfahrung im Vorfeld steckt man nicht vier oder sechs Freier gleich am ersten Abend weg und freut sich noch darüber, seinem Zuhälter eine ordentliche Summe Geld in die Hände drücken zu können für eine angeblich gemeinsame Zukunft. Da passiert doch etwas mit dem Mädchen, da wird doch etwas in der noch vorhandenen kindlichen Seele brutal niedergemacht.

Nein, mitleiden konnte ich ab einem gewissen Punkt bei Sophie jedenfalls nicht wirklich mehr empfinden und irgendwann wurde mir ihre Situation dann auch irgendwo egal, weil mich ab einer gewissen Stelle ihr scheinbares Martyrium einfach nicht mehr wirklich überzeugte. Und wenn man den Roman beendet hat, so weiß ich als Leser bereits, das da in meinem Hinterkopf nicht wirklich etwas von der Handlung hängen bleiben wird. So bleibt die Story allerdings auch eben nur flüssig und nett geschrieben, ohne das mich das Gelesene noch nachwirkend beschäftigen würde. Und da dies dann wirklich keine gute Ausgangsposition für eine gute Bewertung ist, komme ich hier leider auch trotz der durchaus vorhandenen positiven Ansätze bei dem Roman MÄDCHENFLEISCH nicht über knapp zwei von insgesamt fünf Punkten als Höchstbewertung. Diese Bewertung tut dann auch irgendwo mir als Kritiker selbst weh, denn schreiben kann Simone Malina durchaus, aber dieser Roman gehört für mich leider nicht zu den Glanzlichtern ihrer Schaffenskraft.

MädchenfleischMädchenfleisch
von Simone Malina
Printausgabe: März 2019
Genre: Psychothriller/Drama
Cover: Fotolia
Seitenanzahl: 251 Seiten
Extras: Leseprobe zum Roman "Der Schönquäler"
ISBN: 978-1798455807
Preis: 7,99 Euro
Independently Published

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