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Genieße dein Leben solange du kannst – Richard Laymon: Der Killer

Die GruftGenieße dein Leben solange du kannst
Richard Laymon: Der Killer

Plötzlich und völlig unvorbereitet bekommt man vielleicht mal ein blaues Auge verpasst und man weiß nicht einmal von wem.

Oder stellen sie sich vor, ihnen niest direkt jemand in den Nacken, doch hinter ihnen ist weit und breit niemand. Da kommen schon recht komische Gefühle auf – oder?


Der KillerGut, wer einem ohne Anstand recht feucht in den Nacken niest, der hätte seinerseits ein blaues Auge verdient, bevor man netter Weise die blaue Packung mit Tempo-Taschentüchern aus der Hosentasche zieht. Beides hätte aber der guten alten Elise nicht viel nutzen. Elise hatte jedenfalls damals den Laden dann doch nicht verkauft, nachdem ihr Mann verstorben war. Man könnte also sagen: Wenn auch sie Tempo-Taschentücher benötigen bevor ihnen ein Missgeschick passiert, dass heftige Folgen nach sich ziehen könnte, dann dürften sie diese in Elises Laden sicherlich bekommen.

Er warf einen letzten Blick in den schwach beleuchteten Laden, dann wandte er sich ab. Hinter ihm knallte etwas so heftig gegen die Tür, dass sie im Rahmen wackelte. Frank zuckte zusammen. Er wirbelte herum und starrte auf die Tür mit den vier Glasscheiben.
„Was war das?“, flüsterte Joan.
„Ich weiß nicht.“

(DER KILLER / Seite 8)

Frank und Joan hatten an diesem Abend wohl den gleichen Einfall. Nur ging es ihnen nicht um Taschentücher, sondern um ein Sixpack, mit dem sie den Abend feucht zu vollenden hofften. Doch irgendetwas stimmt an diesem Abend nicht, denn gegen die üblichen Gepflogenheiten von Elise ist an diesem Abend der kleine Supermarkt dunkel und die Eingangstür geschlossen. War Elise einfach nur müde geworden und hat den Laden deshalb früher geschlossen? Ist sie vielleicht krank oder benötigt irgendwie Hilfe? Frank und Joan wissen es nicht und bald wollen sie es auch nicht mehr so genau wissen, denn ein komisches Gefühl beschleicht sie und als dann plötzlich von innen etwas gegen die Glastür kracht, nach dem Frank hineinsehen wollte, beschließt man eiligst, dass Bier doch lieber in der nahegelegenen Bar zu trinken.

BewareGut, es scheint nichts schlimmes passiert zu sein, denn genau in dieser Bar sitzt Elise, nippt an einem Whisky Sour und unterhält sich gerade mit der jungen und recht hübschen Journalistin Lacey über Geister. Als Frank von dem gerade erlebten Vorfall vor dem Laden berichtet, beschließt man, doch gemeinsam noch mal genauer nachzuschauen. Das Resultat ist mittleres Entsetzen und Panik. Als in der folgenden Nacht ein Bekannter samt Schrotflinte und Hund sich bei Elise im Laden auf die Lauer legt, kostet das dem Hund leider das Leben.

Dank Lacey finden die ungewöhnlichen Vorfälle sich auch in der örtlichen Zeitung von Oasis wieder. Und als Lacey eines Morgen im Laden bei Elise nach dem rechten sehen will, findet sie nicht nur die Leiche des Hundebesitzers, der den Mörder seines vierbeinigen Freundes rächen wollte, sondern auch den Kopf der enthaupteten Elise in Zellophan verpackt. Spätestens jetzt ist auch bei der taffen Journalistin Panik angesagt. Denn wer oder was hat diese grausame Tat begangen und was noch schlimmer wäre, verfolgt er jetzt Lacey? Die Sorge ist nicht unbegründet, denn als Lacey mit ihrem Wagen den Ort des Schreckens verlässt, hat sie das Gefühl, nicht wirklich alleine zu sein.

„FBI, was? Ich bin beeindruckt. Sind wir nicht beeindruckt, Arthur?“
„Ich auf jeden Fall“, sagte Arthur.
„Und was ist mit ihnen?“, fragte der erste Mann Scott.
„Ich?“ Grinsend kratzte sich Scott an der nackten Brust.
„Ich bin auch beeindruckt.“
Der Mann wirkte nicht amüsiert.

(DER KILLER / Seite 155)

BewarePrivatdetektiv Dukane hat am Bayou Lafourche dagegen scheinbar ein völlig anderes Problem. Soll er doch ein recht hübsches junges Mädchen ausfindig machen und den Eltern zurück bringen. Das Problem besteht nur darin, dass diese junge Ausreißerin sich einer sehr dubiosen und äußerst gefährlichen Sekte angeschlossen hat, die überall in den USA ihre Anhänger hat. Die Anführerin dieser seltsamen Kultgemeinschaft ist die ebenso schöne wie gefährliche Laveda. Dukane weiß, dass dieser Einsatz brandgefährlich ist, denn Laveda und ihre Anhänger vollziehen blutige sexuelle Rituale und schrecken auch vor Mord und Folter nicht zurück, um ihre Ziele zu erreichen. Ob es daher eine so gute Idee ist, dieses Mädchen wieder zurück in die Obhut ihren Eltern zu bringen, dürfte Dukane wohl erst später einige Bauchschmerzen bereiten. Und zu allem Übel kommt dann noch ein Hilferuf von seinem Freund Scott, denn der hat ein weiteres, höchst seltsames Problem. Scott hat nämlich nicht nur die hübsche Lacey kennen gelernt, die sich scheinbar im gleichen Hotel versteckt hält, sondern er weiß auch von etwas zu berichten, dass man zwar nicht wirklich sehen kann, dass aber Lacey und nun auch ihm nach dem Leben trachtet.

„Was? Was haben sie mit ihr gemacht? Du hast gesagt, sie ist unverletzt.“
„Sie haben sie an den Boden gepflockt. Mit Jan.“
„Jan?“
„Das was von ihr übrig ist“, murmelte Dukane.

(DER KILLER / Seite 232)

Die Fäden laufen zusammen, auch wenn die Logik schon mal auf der Strecke bleibt:
Gut, mit Logik (insbesondere bei seinen weiblichen Protagonisten) hat es Richard Laymon in seinen Romanen nie wirklich gehabt. Hier in diesem Roman ergreift eine junge Frau zum Beispiel der Waschzwang, während Scharfschützen das zur Falle gewordene Haus im Visier haben und lässt folglich dabei natürlich alle Hüllen fallen. Aber wer Laymon kennt und liebt, der weiß, dass er seine Romane nur zu gerne mit schlüpfrigen Sexszenen würzt, Logik hin oder her.

Und so muss die gesunde Logik in den Verhaltensweisen gerade der weiblichen Protagonisten in seinen Geschichten leiden was das Zeug hält. Und bei allen blutigen Szenen die sich bei Laymon die Klinke in die Hand geben, darf natürlich auch der hintergründige und schwarze Humor des Autors nicht fehlen, sonst wäre dieser Laymon eben kein wirklich guter Laymon. Diese Zutaten muss man einfach akzeptieren, wenn man sich einen Roman von Laymon zur Hand nimmt. Wäre dies nicht so, würde die Fangemeinde aufheulen, für die die Art von Laymons Schreibe schon ein Kult für sich ist. Und mal ehrlich, schöner als bei Laymon kann Pulp doch nun wirklich nicht sein. Seine ureigene Art zu schreiben spaltet deshalb auch bei jedem neuen Roman, der auf den deutschen Markt kommt, die breite Leserschaft. Man mag ihn eben, oder man wird einfach niemals warm mit ihm. Dazwischen ist jede Menge Luft.


Laymon mit Edward LeeUnd zu Lebzeiten hatte Laymon seine größte Fan-Basis ja nicht in der eigenen Heimat USA, sondern die überschlug sich gerade voll des Lobes in England. Von dort aus eroberte er praktisch mit seinen Romanen Europa, während er in den USA erst sehr langsam immer mehr an Beachtung gewann. Heute gibt es auch in den USA eine breite Fangemeinde, auch wenn Laymon durch seinen viel zu frühen Tod diese Würdigung nicht mehr in vollen Zügen genießen kann.

Seine Schaffenskraft war zu Lebzeiten jedoch enorm, so das wir auch in Deutschland noch den einen oder anderen Roman im Heyne-Hardcore-Programm erwarten dürfen. Das meiste von Laymon dürfte aber bereits auf dem Markt erhältlich sein, denn neben dem Heyne Verlag hat sich auch der FESTA Verlag dieses Ausnahmeautors angenommen und hat in den letzten Jahren so neben einigen Romanen auch bereits zwei Bände mit Kurzgeschichten und Novellen auf den deutschen Markt gebracht.

Wer Spaß an einer guten phantastischen Geschichte hat, mit dem Humor des Autors umgehen kann und auch gegen einen gehörigen Schuss Sex nichts einzuwenden hat und dafür gerne darauf verzichtet, dass die Handlung eben nicht staubtrocken und realistisch verbraten wird, als lese man einen amtsdeutschen Kriminalbericht, der wird bei Richard Laymon jedenfalls nicht enttäuscht. Die stetig wachsende Fangemeinschaft bürgt hier jedenfalls für jede Menge Spaß beim lesen und gruseln. In diesem Sinne kann ich den Roman DER KILLER (Originaltitel: Beware) auch besten Gewissens weiter empfehlen.
Der Killer
Der Killer
(Beware)
von Richard Laymon
Erscheinungstermin: 09. März 2015/Taschenbuch
Seitenanzahl: 288 Seiten
Preis: 9,90 Euro
ISBN: 978-3-453-67645-9
Heyne (Verlagsgruppe Random House)

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2015-04-18 14:18
Zitat:
Seine ureigene Art zu schreiben spaltet die breite Leserschaft. Man mag ihn eben, oder man wird einfach niemals warm mit ihm. Dazwischen ist jede Menge Luft.
Das ist wahr. Ich habe ihn im Laufe der Jahre mehrmals versucht, und finde ihn immer noch flach. Seine Figuren sind eindimensional, sein Erzählstil schlicht, und die Plots wenig überzeugend. Und der Schuss Sex ist ganz witzig, aber auch nicht abendfüllend. Von den gelesenen Bänden hat mir allein "Licht aus" halbwegs zugesagt, und das auch nur wegen dem Milieu.
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#2 Laurin 2015-04-18 16:44
Das meinte ich ja gerade, Andreas Decker. Aber irgendwie spalten Autoren die Leserschaft immer (mehr oder weniger), denn die Geschmäcker sind eben halt verschieden. Ein Döner ist ja auch kein Vier-Gänge-Menü aber trotzdem für einige recht lecker. ;-)
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