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Der Drang nach Lust, Blut und Fleisch – Schänderblut von Wrath J. White

SchänderblutDer Drang nach Lust, Blut und Fleisch
Schänderblut von Wrath J. White

Joseph Miles kann sich noch genau daran erinnern, wie dieser dickliche Kinderschänder Damon Trent ihn gequält, missbraucht und ziemlich übel Verletzt hatte. Trent schien durch sein Blut geradezu in einen Rausch zu verfallen. Zwar hat Joseph als einziger die Hölle von Trent überlebt, doch was ist, wenn dieser ihn wie ein Vampir mit einem Virus infiziert hat? Einen Virus, der ihn selbst zum unberechenbaren Killer macht.


Scheinbar an den Haaren herbeigezogene Geschichten und Mythen über Vampire und Werwölfe können durchaus einen realen Hintergrund haben. Dann nämlich, wenn diese Monster der Phantasie für die Menschen ein Ausdruck sind, um mit den schier unbegreiflichen Taten eines bestialischen Serienkillers klar zu kommen.

SchänderblutDie flammenden Stufen der Gewalt...
Es gibt viele Stufen der Entwicklung von Gewalt. Die erste mag der Drang zu immer wilderen sexuellen Ausschweifungen sein, die der Brutalität an einem Opfer näher stehen, als der Zuneigung zu einem Partner. Das quälen und foltern eines anderen Menschen kann den Täter in einen Rauschzustand versetzen. Doch was ist, wenn dieser Kick nicht mehr ausreicht? Ganz einfach, man erhöht die Dosis, indem man sich nicht nur an dem Leiden, sondern auch an dem Tod seines Opfers berauscht. Und wenn diese Dosis nicht mehr ausreicht, was dann?

Er war überrascht gewesen, wie viele bekennende Kannibalen den Cyberspace auf der Suche nach menschlicher Beute durchstreiften. Noch mehr überraschte ihn, dass es sogar Frauen und Männer gab, die gezielt nach diesen Kannibalen Ausschau hielten, um ihre Körper zum Verzehr anzubieten.

(Wrath J. White: Schänderblut / Seite 46)

Seit damals hat Joseph Miles ein gehöriges Problem. Der Student spürt immer mehr den Drang zu verletzen, zu beißen und menschliches Fleisch zu verspeisen. Längst ist ihm der Kick nach ausuferndem, gewalttätigem Sex nicht mehr genug. Gut, er versucht in einer Selbsthilfegruppe für Sexsüchtige diesem Drang Einhalt zu gebieten, doch längst wirkt der große, stattliche Bursche, der jeden irgendwie an Superman aus den Comics erinnert, eher wie ein lauernder Wolf unter Schafen.

Ein anderer in der Gruppe ist Frank, ein verkappter Homosexueller, der sich mit Typen einlässt, die ihn bevorzugt während und nach dem Sex zusammen schlagen. Masochismus kann schon ein Kreuz sein, doch wehe, man verguckt sich plötzlich in einen so gut aussehenden und muskulösen Burschen wie Joseph. Der Schritt von einem geprügelten Hund hin zu einem todgeweihten „Langschwein“ kann durchaus recht kurz sein.

SchänderblutLiebe schützt vor Schmerzen nicht ...
Alicia ist eigentlich verdammt hübsch und doch wird sie von den Männern, mit denen sie sich in einem Swingerclub häufig einlässt, sexuell ausgenutzt und manchmal sogar am Schluss noch aufgrund ihrer Figur verspottet. Alicia ist nicht sehr groß, ihre Oberweite jedoch ziemlich üppig. Ihre Hüften sind ausladend und dem entsprechend ist ihr Hintern und ihre Schenkel recht üppig. Doch eigentlich hat Alicia sogar zwei Probleme. Zum einen leidet sie unter der Situation, nie wirklich geliebt worden zu sein, und auf der anderen Seite treibt sie ihre Sucht nach Sex immer wieder in die Arme von Männern, die sich selbstsüchtig zum Zweck ihre Befriedigung mit ihr einlassen. Das sie ihre Probleme lösen könnte, daran glaubt Alicia längst nicht mehr und insgeheim rechnet sie schon damit, wie manche Nymphomaninnen eines Tages in die Hände eines oder mehrerer falscher Personen zu landen, die dieses dann mit ihrem Leben bezahlen. Doch dann ist da plötzlich dieser Student. Er sieht gut aus, auch wenn seine Augen eher einem Raubtier ähneln. Und er scheint sogar ein ehrliches Interesse an ihr zu haben. Warum also nicht den Versuch wagen bei einem Burschen, der aussieht wie Clark Kent aus den Superman-Comics.

Einige Täter wählen gezielt abgeschiedene Tatorte aus, an denen sie ihre Opfer nicht nur ermorden, sondern darüber hinaus ihre Leichen aufbewahren können. Auf diese Weise üben sie eine Kontrolle über ihre Opfer selbst nach deren Tod aus. Dieser degenerative Zyklus führt zu extremstem psychosexuellem Verhalten. Kannibalismus steht am Scheitelpunkt dieser Kurve. Die Opfer zu verzehren, ist die ultimative Form von Kontrolle.

(Wrath J. White: Schänderblut / Seite 98)

Vielleicht könnte die Aktmalerei Joseph von seinem immer schlimmer werdenden aufkeimenden Wahn ablenken, doch seine Bilder gleichen immer mehr Momentaufnahmen eines menschlichen Schlachthofes. Joseph erhofft sich Hilfe, indem er den Vorlesungen von Professor Locke über Serienkillern folgt und sich bei Professor Martin Douglas weitere Informationen bezüglich der Mythologie über Vampire und Werwölfe einholt, denn Joseph Miles hat eine Theorie. Da viele Serienkiller selbst in ihrer Jugend eine sehr traumatische und gewalttätige Erfahrung gemacht haben, könnte es sich doch um einen bisher unbekannten Virus handeln, der seinerseits ein Opfer später zur Bestie mutieren lässt. Vielleicht gelänge es sogar, ähnlich der Vampir-Mythologie, diesen Virus zu heilen, indem man den ursprünglichen Täter vernichtet. Die Sache hat nur einen Haken. Damon Trent befindet sich seit Jahren in einem Hochsicherheitstrakt der geschlossenen Anstalt von Tacoma. Joseph jedoch hat nicht mehr viel Zeit, denn die Bestie in ihm ist längst erwacht und er scheint sie immer weniger kontrollieren zu können.

Frank schrie auf, als er nach unten schielte und sein Arm bis zum Ellenbogen in der gehäuteten und aufgebrochenen Brust einer Frau  verschwand. Ihre Augen starrten ihn an, weit aufgerissen in namenlosem Entsetzen.

(Wrath J. White: Schänderblut / Seite 158f)

SchänderblutIst es ein Virus oder sind es die Gene...
Detective Montgomery und sein Partner sehen sich mit schier unmenschlichem Grauen konfrontiert. Wer ist diese Bestie und warum beginnt er gerade jetzt eine breite Blutspur zu ziehen, die jede Grenze des erträglichen überschreitet? Die Professoren scheinen einiges über Miles zu verheimlichen. Zumal Professor Locke selbst einmal beim FBI war, stößt dieses Verhalten auf Unverständnis. Warum rücken sie also nicht mit Informationen heraus? Montgomery bleibt nichts anderes übrig, der Blutspur zu folgen. Aber es steht auch eine andere Frage im Raum: Gibt es einen solchen Serienkiller-Virus wirklich? Und wenn dem so ist, ist Damon Trent wirklich der eigentliche Überträger, oder gibt es jemand anderen, der Joseph infiziert haben könnte? Vielleicht war die Bestie aber auch schon immer in Miles Genen und ist nun mit Macht erwacht.

Mit dem Thriller SCHÄNDERBLUT liegt nun der erste vollständig eigene Roman von Wrath James White im FESTA Verlag vor. Den Auftakt machte ja die Novelle DER TERATOLOGE aus der FESTA Extrem-Reihe, die in Zusammenarbeit mit Edward Lee entstanden ist. Das Edward Lee mitunter gerne die Grenzen von Obszönität und Gewaltdarstellungen überschreitet, ist mittlerweile jedem bekannt, der sich z.B. in seine Romane BIGHEAD oder DER BESUDLER AUF DER SCHWELLE eingelesen hat. Nicht umsonst gilt Edward Lee unter seinen Fans als perverses Genie, dem man sich nicht entziehen kann, wenn man einmal angefangen hat zu lesen.

SchänderblutWrath James White dürfte daher für die Fans von Edward Lee eine weitere, schriftstellerische Offenbarung darstellen. Doch eines fällt sofort auf, wenn man die ersten Kapitel von SCHÄNDERBLUT gelesen hat. Wrath J. White hat in Sachen Serienkiller, mythologischen Figuren und deren Zusammenhänge und Auslegungen sehr genau recherchiert.  In einigen Absätzen fallen einem dann auch Elemente auf, die direkt der Realität entsprungen sein könnten. Fühlt man sich doch an die Berichterstattung zur Vorgehensweise von Armin Meiwes, dem Kannibalen von Rotenburg erinnert, wie er in einschlägigen Foren des Internet mit potentiellen Opfern Kontakt aufnimmt. Bei aller Gewalt und Härte, die den Leser von SCHÄNDERBLUT erwartet, wird er auch zugleich gefüttert mit Hintergründen, Querverbindungen und psychologischen Vergleichen, die den Leser tief in die Materie des Serienkiller-Phänomens bis hin zu dessen geschichtlicher/phantastischer Ausprägung führt. Wrath J. White lässt uns aber auch eintauchen in die Psyche eines Serienkillers und Kannibalen, der beides eigentlich nicht sein will und sich somit an seiner Theorie eines Killer-Virus geradezu klammert. Er sucht Heilung um ein normales Leben zu führen und kann das Böse doch nie wirklich kontrollieren. Auf der anderen Seite fasziniert er aber auch seine Opfer, wie den masochistisch veranlagten Frank oder Alicia, die bald durch das Stockholm-Syndrom hin und her gerissen ist zwischen der Liebe zu Joseph Miles und der Angst vor der Bestie in ihm. Gerade hier zeigt sich eine weitere Stärke des Autors, der seinen Figuren eine geradezu lebendige Tiefe verleiht.

Helden sucht man im Roman SCHÄNDERBLUT jedoch vergebens. Selbst dem ermittelnden Polizist Montgomery bleibt nichts anderes übrig, als eigentlich dem Grauen hilflos hinterher zu hecheln, denn Joseph und damit auch die Bestie scheinen ihm immer einen Schritt voraus zu sein. Und genau dieses Grauen führt uns der Autor auch ohne Gnade vor, indem er ungeschönt und ohne wortreiche Filterungen dem Kopfkino des Lesers die passenden blutigen Bilder geradezu einhämmert. Somit kann jetzt schon davor gewarnt werden, dieses Buch als Lektüre vor dem einschlafen verwenden zu wollen. Das sowohl Nervenkitzel und Spannung auf sehr hohem Niveau gehalten werden können, ohne einen realitätsfernen Helden zu bemühen, ist eine Kunst, die nicht jeder Schriftsteller mit einer solchen Sicherheit und Sprachgewalt zustande bringt. Diesem Weg bleibt sich Wrath J. White auch bis zum Ende seines Thrillers SCHÄNDERBLUT treu, verweigert somit ein abschließendes Happy End und hält eben so dieses Ende recht offen. Ein Umstand der Hoffnungen weckt, die bereits im Forum des FESTA Verlages bestätigt wurden mit dem Hinweis, es werde seitens des Autors bereits an einer Fortsetzung gearbeitet.

Fazit: SCHÄNDERBLUT ist kein Roman für Moralapostel und leicht zu ängstigende Gemüter. Torturen der Gewalt werden nicht großräumig umschrieben sondern ungefiltert auf den Punkt getrieben und trommeln bisweilen auf den Leser ein, wie Paukenschläge direkt am Trommelfell. Der Autor Jack Ketchum trifft dabei den Nagel auf den Kopf, wenn er Wrath J. White mit den Worten charaterisiert...

„Wenn Wrath James White Dich nicht erschaudern lässt, dann sitzt Du am falschen Ende des Leichenwagens.“

Wrath James White packt den Leser förmlich am Hemdkragen und schleift ihn gnadenlos durch die menschlichen Abgründe, in denen der Schrecken keine Grenzen zu kennen scheint. Dank dem FESTA Verlag gibt es daher mit Wrath James White einen neuen großen Schriftsteller im Bereich Thriller/Horror am deutschen Buchmarkt, dem man in Zukunft bestimmt noch mehr Beachtung schenken sollte. Für den Thriller SCHÄNDERBLUT kann ich daher jedem Thriller und Horror Fan eine absolute Leseempfehlung aussprechen.
Schänderblut
Daten zum Roman:
Schänderblut
(Succulent Prey)
von Wrath James White
Originalausgabe: Dorchester Publishing Co. Inc./2008
Deutsche Erstausgabe: Juni 2013
Deutsche Übersetzung: Manfred Sanders
Genre: Thriller
ISBN: 978-3-86552-219-1
Preis: 13,95 Euro/Taschenbuch/Umschlag in Lederoptik
Seitenanzahl: 336 Seiten
FESTA Verlag

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