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Spiele niemals Verstecken … wenn du die Gefahr nicht kennst – Jack Ketchum: Versteckt

VerstecktSpiele niemals Verstecken …
… wenn du die Gefahr nicht kennst
Jack Ketchum: Versteckt

Dan lebt in Dead River und arbeitet in einer Holzhandlung. Dead River hält nicht viele Überraschungen für einen jungen Burschen wie Dan bereit. Doch in diesem Sommer trifft er am Strand auf drei Sprösslinge reicher Eltern. Casey, Kimberley und Steven werden sein Leben völlig umkrempeln. Besonders die hübsche Casey und das verlassene Spukhaus am Ort. Ja, ganz besonders das Crouch-Haus wird ein einschneidendes Erlebnis für Dan bereit halten.


VerstecktSchon als Kinder hatten Dan und sein Kumpel Rafferty sich an das alte Crouch-Haus heran geschlichen, in dem sowohl Ben als auch seine Frau Mary Crouch lebten. Das Paar galt stets als etwas geistig zurück geblieben und als sie das Haus räumen sollten, verschwanden sie völlig spurlos. Alles was die Polizei im Crouch-Haus noch vorfand waren Berge von Müll, Gestank, Kadaver von Hunden die bereits verhungert waren und so selber als Nahrung den Hunden dienten, die sich über die Kadaver ihrer Artgenossen hermachten. Von Ben und Mary Crouch fehlte jedoch jegliche Spur.

Das Haus blieb nicht ewig verweist. Bald zog ein Arzt ein. Doch selbst der verließ das Crouch-Haus nach nicht sehr langer Zeit wieder ziemlich überstürzt. Und noch ein Geheimnis lag in dieser Zeit in diesem Haus. Ein Loch direkt im Keller des Hauses, das man jedoch zumauerte.

Zwei Polizisten und der Lieferjunge öffneten die Haustür mit einer Brechstange. Dabei hätte einer der Beamten fast seine Hand verloren. Hinter der Tür warteten nämlich dreiundzwanzig Hunde, die kurz vor dem Verhungern waren.

(Jack Ketchum: Versteckt / Seite 28)

Steven wirkt für Dan zuerst etwas abgehoben. Seine kleinen Eigenarten fallen Dan sofort auf. So z.B., wenn er immer mit dem Finger auf einen zeigt, um etwas was er sagt, damit zu unterstreichen. Vielleicht rührt die Handbewegung aber auch daher, weil er schon mal für seinen Job als zukünftiger Anwalt üben will. Dan weiß es nicht genau. Kimberley, auch kurz Kim genannt, ist seine Freundin. Sie ist Blond aber nicht blöd, sie ist hübsch, wenn auch nicht so schlank wie Casey. Und sie ist schneller für manchen Streich zu gewinnen als Steven. Dan findet sie zumindest sehr sympathisch.

Sie stand auf und watete ins Meer. Ich glaube, das war das erste Mal in diesem Sommer, dass sie sich ins Wasser wagte. Ich rief ihr hinterher.
„Das wird dir nicht gefallen!“
Sie drehte sich um und sah mich an.
„Dir auch nicht“, sagte sie leise.

(Jack Ketchum: Versteckt / Seite 86)

Casey scheint das Bindeglied zwischen Steven und Kim zu sein. Sie war es, die Steven mit Kim zusammen brachte und sie weiß, das Steven irgendwie mehr als nur freundschaftliche Gefühle für sie hegt. Doch Casey ist anders als jedes Mädchen das Dan je getroffen hatte. Sie ist Bildschön und hat die hellsten blauen Augen die Dan je gesehen hat. Casey kennt scheinbar das Wort Gefahr nicht und übt eine für Dan schon fasst unheimliche Kontrolle über ihr Gefühlsleben aus. Eine Beherrschtheit die er nie bei einem Menschen so gesehen hatte. Manchmal aber auch eine Kälte und Dominanz, wie er sie sich nicht vorstellen konnte. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb verliebt sich Dan immer mehr in dieses Mädchen, das dem nächsten Adrenalinkick hinterher läuft, wie eine ertrinkende, die nach Luft schnappt.

Sie starb. In ihrem Inneren würde sie immer sterben. Casey würde weiterleben, aber nicht unversehrt. Es gab Regeln, die selbst sie nicht brechen konnte. Und das Gute in ihr war so verletzlich wie das Böse.

(Jack Ketchum: Versteckt / Seite 106)

VerstecktAls die Vier jedoch eines Tages beschließen, ein altes Kinderspiel im alten verlassenen Crouch-Haus zu spielen, hätte niemand von ihnen auch nur im Ansatz damit rechen können, das dieses Spiel in dieser Nacht für manche über Leben und Tod entscheidet.

Zuerst könnte man meinen, Jack Ketchum spult hier ein typisches Klischee ab. Eine Kleinstadt in der die Armut wie ein lästiger Freund das Leben bestimmt. Dann der junge Dan, der irgendwie in dieser Kleinstadt sein Leben meistert, ohne das es vor Höhen und Tiefen geradezu strotzt. Und in diese Welt brechen drei junge Leute ein, die über den Sommer hier irgendwie ihre Zeit totschlagen. Zwei Welten treffen aufeinander und fasst wartet man auf den Moment, wo die reichen Sprösslinge abschätzig auf die Einheimischen und damit auf Dan herab blicken.

Doch diesen Gefallen tut uns Jack Ketchum nicht. Dead River ist eine Kleinstadt, wie es wohl so viele in den USA gibt. Und ebenso gibt es wohl überall ein abgelegenes, altes Haus, um das sich düstere Geschichten ranken, genährt aus einer gewissen Menge an Wahrheit und noch einer größeren Menge an Dichtung, die aufblüht, damit die Geschichten auch nach Jahren noch schaurig und erzählenswert klingen.

Auch unsere drei reichen Sprösslinge verhalten sich abseits der üblichen Klischees, indem ihnen zwar ihre gesellschaftliche Stellung bewusst ist, aber so manche Möglichkeit auch redlich ausnutzen. Doch sie sehen nicht auf Dan herab, sondern nehmen ihn quasi in ihrer Mitte auf, als sei er einer von ihnen. Und auch die zarten Bande zwischen Dan und Casey verbinden sich immer intensiver, auch wenn Dan schon recht früh zu spüren bekommt, das Casey anders ist als die Mädchen die er kennt. Anders und in einer gewissen Hinsicht auch gefährlicher, weil sie den Nervenkitzel liebt.

Jack KetchumDas besondere an Ketchum's Roman VERSTECKT
Ketchum nimmt sich Zeit. Sogar sehr viel Zeit um seine Figuren bis in die Tiefe gehend aufzubauen. Er baut sie nicht nur auf, sondern macht ihre Gefühle und Besonderheiten, ja ihr Leben und ihr bisheriges Schicksal zu einem wichtigen Inhalt seines Romanes. In diesem Punkt steht besonders Dan und Casey im Mittelpunkt. Erzählt wird die Story dabei in der Ich-Form durch Dan, der uns quasi seine Geschichte erzählt. Gleiches und in einer ebenso beeindruckenden Form, machte Jack Ketchum es schon in seinem Roman EVIL und lieferte damit einen Roman ab, der weit unter die Haut geht, weil man mit den Charakteren als Leser quasi beginnt, eine Einheit zu bilden.

Bis Ketchum wirklich die Daumenschrauben der Spannung beim Leser bis zum zerbersten anspannt, vergeht ein nicht unbedeutender Zeitraum. Und wenn man hier nun sagen könnte, es dauert verdammt lange bis der Autor richtig zur Sache kommt, so bleibt man beim lesen trotzdem bei der Stange und läuft Gefahr, manchmal das Luftholen zu vergessen. Denn schnell stellt sich beim Leser ein unbestimmtes Gefühl der Bedrohung ein, wobei ein unmerklich kühler Schauer ab und an über den Rücken zu gleiten scheint. Würde sich in diesem Moment jemand leise von hinten ran schleichen und eine Hand auf die Schulter des Lesers legen, er würde, versunken in die Geschichte, merklich zusammen zucken. Und dieses Gefühl steigert sich von Seite zu Seite. Und ab dem Moment, wo sich die Vier entschließen, im alten Crouch-Haus „Verstecken“ zu spielen, wird dieses Gefühl der Bedrohung geradezu greifbar und man möchte ihnen am liebsten zurufen: Lasst es, dieses Spiel wird tödlich enden!

Soviel sei jedoch dem Interessierten gesagt: Wer hier nun ein Gespenst, einen Dämon oder eine Mutation erwartet, die in diesem Spukhaus ihr Unwesen treibt, der dürfte sehr daneben liegen. Aber wer Jack Ketchum kennt, der wird bereits erahnen, das dieser Autor für den intensiven Schrecken keine übernatürlichen Elemente benötigt, weil die Realität durchaus erschreckender sein kann als jede Gruselgeschichte. Lassen sie sich also überraschen.

Mein Fazit
Jack Ketchum benötigt sehr lange, bis das der eigentliche Showdown beginnt. Trotzdem wirkt die Strecke bis dahin nie langatmig oder gar langweilig, weil er mit einfachen Worten und jede Menge Gefühl den Leser in eine Welt zieht, die ein unbestimmbares Gefühl der Bedrohung aufbaut und gleichsam fesselt. Man will das Buch einfach nicht an Seite legen, und wenn der Autor dann zum ultimativen Schlag ausholt, trifft er nicht nur seine Charakteren grausam mitten ins Herz. Glückliche Happy End's gibt es in Seifenopern, aber nicht bei diesem Autor. Genauso kann ein Sieg die schwelende Verzweiflung über den Verlust, den dieser Sieg mit sich bringt, bei den einzelnen Figuren wie beim Leser kein Hochgefühl entfachen, oder zumindest den Leser beruhigt aufatmen lassen. VERSTECKT von Jack Ketchum zu lesen heißt, liebgewonnene Figuren am Ende betrauern zu müssen, auch wenn man weiß, das diese Story rein fiktiv ist. Kurz, ein reines, kleines Meisterwerk eines  wirklich großen Autors.


Besonderheit:
Der Roman hat für den Autor auch einen durchaus realen Hintergrund. Dieser liegt in der Figur und der beschriebenen Gefühlswelt von Casey begründet. Um hier ein gewisses Verständnis als Leser zu erlangen, schließt sich am Ende des Romans eine kurze biografische Erzählung des Autors Jack Ketchum an, in der er die Hintergründe seines Romans beleuchtet.
Versteckt
Daten zum Roman:
Versteckt
(Hide and Seek)

von Jack Ketchum
Originalausgabe: 1984 bei Gauntlet Publications
Deutsche Erstausgabe: Mai 2013/Reihe: Heyne Hardcore
Genre: Thriller
ISBN: 978-3-453-67616-9
Preis: 8,99 Euro
Seitenanzahl: 256 Seitenanzahl
Heyne Verlag (Verlagsgruppe Random House)

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