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Wenn ein junges Mädchen plötzlich aus dem gemeinsamen Leben verschwindet – Stefanie Maucher's Fida

FidaWenn ein junges Mädchen plötzlich
aus dem gemeinsamen Leben verschwindet
Stefanie Maucher's Fida

Eigentlich wartet man und klammert sich an die Hoffnung, das plötzlich die Tür aufgeht und man das vertraute Lachen seines Kindes hört. Doch für Tatjana geht dieser Traum seit langem nicht mehr in Erfüllung und sie scheint immer mehr an dieser grausamen Realität zu zerbrechen. Es ist eine Situation, in der Menschen durch die Hölle gehen. Eine Hölle, in die uns Stefanie Maucher in ihrem Roman gnadenlos eintauchen lässt.


FidaSchon am Anfang hat man als Leser ein beklemmendes Gefühl, auch wenn die Handlung selbst noch nicht den Leser gleich aus den Socken haut. Sagen wir es einmal so, es kann auch nicht immer der Sinn der Sache sein, das ein Roman zu Anfang den Leser gleich aus den Socken haut. Ein wirklich guter Roman fängt oftmals auch in der sprichwörtlichen Breite an um das Geschehen dann schrittweise immer mehr zuzuspitzen. Genau das gelingt Stefanie Maucher mit ihrem Roman FIDA geradezu in Perfektion.

Schon ihr damaliger Roman, den ich hier rezensierte und für den sie mir lieber Weise ein ausführliches Interview gab, hatte mich gleich sehr positiv umgehauen. Leider scheint wohl beides durch den Crash beim Zauberspiegel verloren gegangen zu sein. FRANKLIN GOTHIC MEDIUM lieferte mir als Leser in einer nicht weit entfernten Zukunft einen Kannibalen, der einem trotz seines blutigen Treibens immer wieder ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Es war eine Mischung aus Komik, Ideenreichtum, Spannung und Hardcore-Szenen, die zwar ungewöhnlich erschienen, in der diese Elemente aber gleichsam wie die Rädchen eines Schweizer Uhrwerkes einfach perfekt zusammen spielten. Dabei war die Warnung auf dem Cover durchaus ernst gemeint, das der Leser zumindest einen stabilen Magen mitbringen müsste, denn die Autorin geizte dabei nicht mit heftigen Schilderungen dort, wo sie hingehörten.

Hatte ich mit einer gewissen Verbeugung der Bewunderung diesen Roman gelesen, so gelang mir diese Verbeugung bei ihrem neuen Roman FIDA nicht rechtzeitig, denn er hatte mich schlicht mit seiner Intensität und Power brutal umgehauen. Um einen Roman im Rekordtempo zu lesen, muss er für mich die Spannung immer mehr ausweiten können. Viele Romane verbleiben indessen auf einem bestimmten Level der Spannung und man hofft daher, das die Spannung nicht wieder abflaut und im Sande vergeht. Genau das passiert im Roman FIDA nicht, vielmehr geht er noch weiter, weil er Reaktionen beim Leser auslöst, die nur wenige Autoren wirklich auslösen können. Hier bedient sich Stefanie Maucher eines Tricks, der, wenn er nicht richtig angewendet wird, den Leser eher in Verwirrungen stoßen kann. Gemeint ist hier der Aufbau der Story aus der Sichtweise der verschiedenen Charaktere des Roman. Doch gerade dieser Kunstgriff scheint der Autorin geradezu fließend von der Hand zu gehen, ohne sich in Nebensächlichkeiten und logischen Verfehlungen zu verhaspeln.

Doch werfen wir einen kurzen Blick in die Handlung, die einen sehr realistischen Horror entwirft, der jederzeit irgendwo grausame Realität werden kann.

Die erste Handlungsebene ist die der Mutter:
Laura ist hübsch und jung. Laura ist dreizehn Jahre und hebt sich gerade durch ihre Natürlichkeit von ihren Freundinnen ab. Und Laura ist spurlos verschwunden. Ein Umstand der am Lebensgefühl ihrer Mutter Tatjana zehrt. Und egal wie lange es nun schon her ist, trotzdem gibt Tatjana nicht auf und hängt jede Woche ihre Plakate wieder auf, mit denen sie nach ihrer vermissten Tochter sucht. Die Mischung aus Angst, Hoffnung und Verzweiflung stürzt sie immer wieder in ein Wechselbad der Gefühle. Ein Zustand, der auch ihrer Ehe nicht wirklich gut tut, denn Jochen verdrängt seine Trauer, stürzt sich stattdessen in seine Arbeit und in eine Wortlosigkeit, die auch die letzten Bande einer einstmals glücklichen Beziehung abtöten können.

Ihr Blick streifte liebevoll das Gesicht ihrer Tochter, bevor sie einsteigt. Wie schön Lauras Haar glänzte, am Tag an dem dieses Bild gemacht wurde. Sie trug ihr Lieblingssweatshirt, ihre Finger zwirbelten verspielt am Bändel der Kapuze, und sie lächelte fröhlich in die Kamera. VERMISST steht in großen Buchstaben über dem Foto.

(Stefanie Maucher: Fida / Seite 10)

Die zweite wichtige Handlungsebene in diesem Roman ist die von Laura selbst:  

Eine unschöne Begebenheit mit ihrer scheinbar besten Freundin bringt Laura dazu, ihre weitere Zeit alleine zu verbringen. Ihr Weg führt sie in die Bibliothek der Stadt, wo sie sich öfter aufhält um in die spannenden Welten der Bücher einzutauchen. Doch dann passiert etwas, das Laura in Panik versetzt und um dieser für sie offensichtlichen Gefahr zu entgehen, verlässt sie fluchtartig die Bibliothek. Doch der Bus fährt ihr quasi vor der Nase weg und auch die Gefahr scheint noch nicht wirklich gebannt. Doch Laura weiß sich, wenn auch nicht körperlich, zur Wehr zu setzen. Das sie ab diesem Moment des scheinbaren Sieges erst der wahren Bestie eine Chance gibt, ahnt sie in diesem Moment noch nicht.

„Verpissen Sie sich!“, hatte das Mädchen geschrien. Anscheinend hatte sie wache Instinkte. Trotzdem war es für ihn mehr als einfach, sie in seine Gewalt zu bekommen. Ein wenig davon war durchaus nötig gewesen, denn sie hatte versucht sich zu wehren. Doch ein paar kräftige Fausthiebe machten sie benommen.

(Stefanie Maucher: Fida / Seite 51)

Eine weitere, sehr wichtige Handlungsebene wird durch Tom abgedeckt. Und Tom ist eine gefühlsmäßige Bestie in Menschengestalt:

Sein Elternhaus ist verwahrlost und jeden Tag führt der Weg von Tatjana an diesem Haus vorbei. Für Tom ist es jedoch der perfekte Platz um Lauras Seele und dann den Menschen in ihr selbst zu vernichten. Sein Vater liegt nach einem schweren Schlaganfall völlig gelähmt, aber bei Verstand in einem Pflegeheim und eigentlich hatte Tom ihn kaum besucht. Doch jetzt kommt er öfter um ihn zu quälen. Er quält ihn mit Worten und seinen abgründigen Phantasien die er in die Realität umsetzt. Angst ist ein reales Gefühl, das der Vater beim Anblick seines Sohnes empfindet, denn Tom ist jedes positive Gefühl fremd und er zieht seine Stärke daraus, wenn er Menschen wie seinen Vater oder Laura entmenschlichen und gefühlsmäßig zerbrechen kann.

Er spürte kein Verlangen danach, mit seinem Sohn zu sprechen, oder ihn überhaupt noch einmal zu sehen. Nicht seit ihrer letzten Begegnung, nach dem Tod seiner Frau, als er sich zum Abschied ganz nah an sein Ohr gebeugt hatte und flüsterte:
„Jetzt wartet die alte Hexe in der Hölle auf dich. Wer hätte gedacht, dass du die alte Schachtel überlebst, hm? Lass sie nicht zu lange warten!“

(Stefanie Maucher: Fida / Seite 123)

Aber auch andere Personen wie z.B. Opa Anton spielen eine Rolle und runden das Bild ab zu einem Abgrund des Schreckens. Dabei lässt uns Stefanie Maucher immer tief in genau diese Abgründe blicken, die sich vor dem Leser auftun. Egal ob es die gefühlsmäßige Hölle von Tatjana ist, die wir als Leser mit durchschreiten müssen, oder ihre Hilflosigkeit und die scheinbar einhergehende Gleichgültigkeit von Menschen aus ihrem Umfeld oder der Polizei. Ohne Warnung wird der Leser aber auch in den Strudel der Leiden und Qualen von Laura hinab gerissen, die wirklich an die Nieren gehen. Und als ob dies nicht reichen würde, wird der Leser in die Gedankenwelt eines Monsters in Menschengestalt gestoßen, in der die Worte Mitgefühl, Liebe, Verständnis und Menschlichkeit völlige Fremdworte zu sein scheinen und der aus dem Leiden anderer scheinbar seine Kräfte zieht.

tefanie MaucherWenn sie bei Stefanie Maucher's Roman FIDA alleine auf Spannung setzen, dann lassen sie bitte die Finger davon, denn sie werden mehr bekommen als ihnen lieb ist. Sie werden selbst als Leser hilflos vor der Gefühlswelt einer verzweifelten Mutter stehen, würden am liebsten die junge Laura aus den Seiten herausziehen wollen um ihr Sicherheit zu bieten die sie in der Handlung nicht hat. Und sie werden in die geistigen Abgründe einer menschlichen Bestie blicken, dem sie, würde er plötzlich vor ihnen stehen, am liebsten das Genick brechen würden. Der Roman FIDA wird ihnen nicht nur Spannung bis zum zerreißen der Nerven bieten, sondern auch ihre eigene Gefühlswelt ziemlich in Wallung bringen, indem sie einem Wechselbad aus Trauer, Verzweiflung und Wut aussetzt werden – ob sie wollen oder nicht.

Ab wann würden Sie jegliche Hoffnung aufgeben? Und zu was wären sie fähig, wenn sie dem Täter begegnen würden? Genau diese Fragen werden sie beantworten können, wenn sie FIDA gelesen haben. In diesem Sinne kann ich den Roman FIDA nicht nur jedem empfehlen, sondern stelle schlicht fest, das FIDA von Stefanie Maucher ein Roman ist, der es verdient hat, von jedem gelesen zu werden, der Spannung mit Anspruch verbindet.
Fida
Fida
von Stefanie Maucher
Deut. Erstveröffentlichung: März/2013
Seitenanzahl: 230 Seiten/Taschenbuch
Genre: Thriller
Preis: 9,99 Euro
ISBN: 978-1483957517
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform
Vertrieb: Amazon.de
  

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