Leit(d)artikel KolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Eine Nacht scheidet Leben vom Tod - Brett McBean: »Das Motel«

MotelEine Nacht scheidet Leben vom Tod
Brett McBean: »Das Motel«

Wenn man in ein Motel fährt, sucht man nicht immer nur einen Platz zum Schlafen, um am nächsten Morgen erfrischt weiterfahren zu können.

Ein Motel eignet sich auch dazu, mit jemandem heimlich die Nacht zu verbringen. Oder ist man gar auf der Flucht? Vielleicht kommen sie auch ins Lodgepole Pine Motel und treffen Madge Fraiser, die immer etwas frei hat für Mörder, Opfer und Voyeure. Aber alles auf eigene Gefahr.


MotelStatt hier die Grundzüge der Story etwas näher zu bringen, werde ich hier einfach etwas mehr oder weniger die Figuren des Romans beleuchten, um einen kleinen Eindruck zu vermitteln.

Da wäre also Madge Fraiser, die mit ihren 64 Jahren nicht nur sehr rüstig ist, sondern immer noch in gewisser Weise attraktiv wirkt. Madge ist eigentlich eine herzensgute Frau und führt seit nunmehr 20 Jahren das Lodgepole Pine Motel. Sie kennt ihre Gäste, und sie weiß genau, wann etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Wenn Männer z. B. noch lange überlegen, bevor sie ihren Namen in die Gästeliste eintragen, dann ist dieser Name mit Sicherheit falsch und die Frau im Wagen bestimmt nicht gerade die eigene Ehefrau. Madge weiß es aus Erfahrung und irgendwie hat wohl auch der Scharfsinn ihres verstorbenen Mannes bei ihr abgefärbt, der zu Lebzeiten bei der Polizei war. Doch an diesem Abend ist mehr los als normal und auf eines hätte Madge besser mehr achten sollen - auf ihr Gefühl für Gefahren.

"Wir sollten uns besser entscheiden, was zur Hölle wir jetzt tun wollen, bevor das nächste Auto kommt und womöglich doch anhält. Oder noch schlimmer, wenn es die Bullen sind."
"Und was schlägst du vor?" wollte Al wissen. "da liegt 'ne Leiche im Kofferraum, Eddy!"

(Brett McBean: Das Motel / Seite 47)

Eddy und Al sind dagegen zwei junge Burschen aus jeweils einem ziemlich verkorksten Elternhaus. Kumpels sind sie schon seit Jahren und was ihnen am meisten Spaß macht, dürfte für manche schlicht illegal sein. Dazu gehört auch das Klauen von Autos, wie in dieser Nacht. Und in diesem Wagen liegt eine Leiche, was sie jedoch erst danach bemerken. Die will man natürlich loswerden, denn sie mögen ja das totale Gegenteil von perfekten Schwiegersöhnen sein, die man sich für die eigene Tochter wünscht. Aber eines sind sie noch nicht - Mörder! Doch wer würde ihnen das glauben? Zumindest scheint dieses abgelegene Motel in der Halloween-Nacht ein Ort zu sein, um in der verlassenen Gegend eine Leiche verschwinden lassen zu können. Hätten Eddy und Al gewusst, was sie sich mit diesem Wagen und dem Motel einhandeln, sie wären vermutlich lieber weiter zu Fuß gegangen.

Eddy fuhr ein wenig zusammen, als Wayne in seinem Blickfeld auftauchte und neben der Leiche in die Hocke ging, um sie aus der Nähe zu betrachten.
"Das ist also Jeffrey", sagte Wayne. "Freut mich, dich kennenzulernen." Er lächelte.

(Brett McBean: Das Motel / Seite 201)

MotelMorrie und Judy sind schon lange verheiratet und in ihre Beziehung hat sich schon etwas mehr als nur Gewohnheit eingeschlichen. Doch man liebt sich irgendwo immer noch. Morrie ist an diesem Abend sogar der einzige Gast im Motel, der Madge Fraiser (vielleicht mehr) als sympathisch ist. Nun gut, Morrie ist etwas latent rassistisch, aber dass Blut an seinen Händen kleben könnte, das hätte Madge nun wirklich nicht im Ansatz vermutet. Doch eine Frage stellt sich für Madge bestimmt: Sind Morrie und Judy wirklich die größte Gefahr in dieser Nacht?

Auch Wayne, der in dieser Nacht ins Lodgepole Pine Hotel kommt, ist Madge nicht wirklich unbekannt. Zuerst fällt ihr nicht ein, woher sie ihn kennt. Doch Wayne macht ein paar kleine Fehler im Laufe der Nacht und dadurch kommen bei Madge die Erinnerungen wieder hoch. Tja, wer etwas sexuell anders gepolt ist und seine Kontakte in Motels abschleppt, der bleibt eben bei ihr in Erinnerung. Nur stellt sich hier die Frage: Ist der junge Bursche, der in seinem Wagen saß, nun wirklich sein Sohn oder vielleicht doch ein Date für die Nacht? Wirklich mögen kann ihn Madge aber wohl nie.

Wilkes ging voraus und führte sie zu der Hütte hinüber. "Ich sag's euch besser gleich: Der Gestank da drin ist wirklich widerlich."
"Was ist es denn? Pisse, Scheiße oder Kotze?"

(Brett McBean: Das Motel / Seite 363)

Und zu allem Überfluss gibt es da noch jemanden, der ganz am Anfang ein Haus beschattet und irgendwie nichts Gutes im Sinne zu haben scheint. Jedenfalls ist die Waffe genauso griffbereit wie der Alkohol. Seine Wut konzentriert sich auf die bildhübsche Helen, die ihn scheinbar abserviert hat. Gut, Helen ist ja auch verheiratet, aber ihm kann dieser Ehemann doch wohl kaum das Wasser reichen. Was er genau vorhat, lässt sich nur erahnen, aber wirklich wohl fühlt man sich als Leser bei dieser Vorahnung in der eigenen Haut nicht. Zumindest ist dieser Mann gut ausgerüstet, und man bekommt das Gefühl, er könnte sogar selber zur Polizei gehören. Und im Moment hat Helen wohl noch ein Faustpfand, das sie auf ihre Glücksseite verbuchen kann. Sie hat Besuch von zwei anderen Frauen. Es scheint also, als wenn diese Person im Wagen wohl keine Zeugen gebrauchen kann.

MotelBrett McBean's Romane sind immer wieder ein Erlebnis. Ob er nun das Eindringen des Übernatürlichen in eine scheinbar normale Welt behandelt, oder wie hier das Übernatürliche weglässt und völlig auf einen nervenaufreibenden Psychothriller umschwenkt. Dass Brett McBean seine Leser fesseln kann, das hat er im FESTA Verlag eindrücklich bewiesen und auch der Heyne Verlag (Verlagsgruppe Random House) ist längst auf diesen rotzfrechen und gleichwohl harten Autor aufmerksam geworden und streckt bereits seine Finger nach ihm aus.

Mit seinem Roman DAS MOTEL legt McBean zwar keinen Horror-Roman vor, jedoch entwickelt sich dieser Psychothriller von Kapitel zu Kapitel in einen blanken Horror für die Leser, der wirklich den Puls beim Lesen in die Höhe treibt. McBean lässt auch hier dem Leser nicht viel Zeit zum Luft holen und peitscht sie förmlich von Kapitel zu Kapitel. Da ist es kein Wunder, wenn man dieses Buch geradezu in Rekordzeit verschlingt. Dabei gelingt es McBean vorzüglich, seine Figuren auszuleuchten, ohne dabei in Belanglosigkeiten zu verfallen oder gar in Langeweile abzugleiten. Man kann sie sich alle schon nach kurzer Zeit geradezu bildlich vorstellen, ja, es ist gerade so, als würde man seine dargestellten Charaktere schon seit Jahren kennen. Und das trifft für alle Figuren in diesem Roman zu.

Dabei wird die eigentliche Handlung immer mal wieder unterbrochen durch Rückblenden, in denen McBean die nähere oder weitere Vergangenheit seiner Figuren ausleuchtet. Störend machen sich diese Rückblenden jedoch nicht aus. Vielmehr fügen sie sich wie fehlende Puzzleteilchen in die Gesamthandlung ein und lassen die Figuren insgesamt unheimlich lebendig erscheinen. Und als kleines Sahnehäubchen muss sich der Leser neben einer Spannung auf hohem Level auch auf den einen oder anderen Schockmoment einrichten. Leser mit schwachen Nerven seien also hier durchaus gewarnt, denn McBean umschreibt nicht, sondern nennt alles direkt beim Namen und scheut auch nicht davor zurück, die ungeschminkten Abgründe im Handeln der Menschen geradezu bildhaft den Lesern vor Augen zu führen.

Wer also Spannung, Nervenkitzel und eine perfekt durchdachte Story zu schätzen weiß, der kommt an Brett McBeans Roman DAS MOTEL einfach nicht vorbei. Schließlich würde Madge Fraiser in diesem Punkt mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht wohl zu ihnen sagen: Kommen Sie nur rein, wir haben noch ein Zimmer frei - für Halunken, Mörder und Opfer.

MotelDaten zum Buch:
DAS MOTEL
(The Last Motel)
von Brett McBean
Übersetzung der überarbeiteten Neuausgabe: Doris Hummel
380 Seiten/Umschlag Lederoptik
ISBN: 978-3-86552-147-7
Deutsche Erstausgabe 2012
Preis: € 13,95
Biting Dog Publications/2003
Überarbeitete Neuausgabe: LegumeMan Books/2011
FESTA Verlag/Psychothriller


Kommentar schreiben

Probehalber öffnen wir wieder den Gästezugang für Kommentare. Wir werden sehen, wie lang es dauert. Da diese nicht automatisch publiziert werden, kann es eine Weile dauern, bis diese freigeschaltet werden

Please notice: If you are not a registered user, your comments have to de moderated. It may be last some time till it appears ...

- Bitte nehmt Rücksicht auf andere und kommentiert zum Thema und bleibt sachlich...
- Rassistische und diskriminierende Kommentare werden nicht zugelassen
- Kommentare werden begutachtet und dann - unverändert - frei geschaltet.


- Nur noch Administratoren [SuperUsern] ist es gestattet Kommentare zu editieren - bitte den Zusatz mit einem geeigneten Wort wie "Edit" kennzeichnen - oder zu löschen

- Wer Kommentare entfernt haben möchte, wende sich bitte via Kontaktformular oder Mail an den Administrator. Dann wird darüber entschieden.

Sicherheitscode
Aktualisieren

Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Wir verwenden Cookies, um Inhalte zu personalisieren und die Zugriffe auf unsere Webseite zu analysieren. Indem Sie "Akzeptieren" anklicken ohne Ihre Einstellungen zu verändern, geben Sie uns Ihre Einwilligung, Cookies zu verwenden.