 Zu einer jener Traditionen, die lange Zeit vor allem im englischsprachigen Bereich beheimatet waren und zu uns "herüberschwappen", gehört zweifelsohne die, sich unter dem Mistelzweig zu küssen. Vor allem im 18. Jahrhundert in England war dieser Brauch eine feste Einrichtung. Dazu gehören allerdings auch bestimmte Regeln: Der Mistelzweig wurde in der Regel über einen Türrahmen gehängt, kopfüber und mit Bändern und Ornamenten verziert. Wenn sich ein Mann und eine Frau "zufällig" darunter trafen, konnte man den obligatorischen Kuss nicht mehr ablehnen. Nach erfolgtem Kuss musste eine der Beeren vom Zweig abgepflückt werden. War der Zweig vollständig abgepflückt, markierte dies auch das Ende des "Kuss-Rituals".
Im Christentum wurde die Mistel zu einem Symbol des
Friedens. Das Kreuz Christi soll der Sage nach aus dem Holz der damals
noch als Baum wachsenden Mistel hergestellt worden sein. Aus Scham
darüber, das Kreuz Christi geworden zu sein, habe sich die Mistel von
einem Baum zu einer Pflanze verwandelt. So wollte sie dafür sorgen,
dass ihr Holz nicht mehr verwendet werden und sie nur noch Gutes
bringen konnte. Die Pflanze selbst ist eigentlich eine Schmarotzerpflanze und macht den Besitzern der Bäume, auf denen sie sich einnistet, nicht wirklich Freude. Sie verwurzelt sich in den Zweigen oder Stämmen des Baumes, durchdringt die Rinde und knüpft sich an die nährstoffführenden Bahnen. Zusätzlich kann sich die Mistel durch eigene Fotosynthese ernähren. Die Verehrung der Mistel ist in ganz Europa bekannt und hat durch die Rückwanderung des Brauches aus den USA wieder eine größere Bedeutung hier bei uns gefunden. In die USA kam der Brauch mit den Auswanderern und Siedlern, die aus Europa kamen und dort eine mit der europäischen Mistel verwandte amerikanische Art entdeckten. In allen europäischen Kulturkreisen, egal ob in Skandinavien, Westeuropa oder Südeuropa, galt die Mistel als Förderer der Fruchtbarkeit und Lebensspenderin. Die Kelten und "alten Griechen" verehrten sie bereits. Dies lässt annehmen, dass es geschichtlich noch viel ältere Ursprünge gibt. Der Brauch des Küssens wird auf das griechischen Fest der Saturnalien zurückgeführt und später vermutlich in Hochzeitsbräuchen übernommen. Auch in Zusammenhang mit der Göttin Frigga (Gemahlin von Odin und Schutzherrin von Ehe und Mutterschaft) gibt es eine Geschichte rund um den Mistelzeig: Balder, ein Sohn von Frigga, hatte einen Traum, den seine Mutter sehr beunruhigte. Balder war niemand anderes als die Sommersonne. Und die Tatsache, dass er vom Tod geträumt hatte, barg die Gefahr in sich, dass es ein Hinweis auf den baldigen Tod von Balder war. Sollte Balder sterben, würde dies das Ende allen Lebens auf der Erde bedeuten. Um das zu verhindern, suchte Frigga die Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft auf, ebenso jedes Tier und jede Pflanze, die auf und unter der Erde wuchs, und rang ihnen das Versprechen ab, Balder kein Leid anzutun und nichts zu tun, das ihn zu Schaden kommen lassen würde. Allerdings hatte Frigga eine Pflanze übersehen, die weder auf der Erde noch unter der Erde wuchs. Auf den Obst- und Eichenbäumen wuchs die Mistel, die kein Versprechen abgegeben hatte. Dies war für den Loki, der ein ausgemachter Feind von Balder war, die Gelegenheit. Aus dem Holz der Mistel fertigte er eine Pfeilspitze an und gab diese an den blinden Wintergott Hoder weiter, damit dieser den Pfeil abschoss und Balder tötete. Der Plan gelang. Balder wurde von dem Pfeil getroffen und die Mistelspitze durchdrang ihn. Vor Gram erbleicht der Himmel und alle Elemente und Dinge waren voller Trauer und weinten um den Sonnengott. Keinem der Elemente gelang es, den Gott wieder ins Leben zurückzuholen. Allein Frigga schaffte es. Die Tränen, die sie um ihren Sohn geweint hatte, hatten sich in die weißen Beeren des Mistelzweiges verwandelt, und in ihrer Freude küsste Frigga jeden, der unter dem Baum entlang wanderte, auf dem die Mistel wuchs. |