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Bin ich zu alt für das Verdauungsendprodukt? - 40 Jahre im Fandom

Zauberwort - Der Leit(d)artikelBin ich zu alt für das Verdauungsendprodukt?
40 Jahre im Fandom

Laut meines Clubausweises des »Dan Shocker’s Fantastik Club ›Marlos‹« bin ich seit dem 7. Dezember 2017 offiziell 40 Jahre im (sogenannten) Fandom dabei. In Macabros Nummer 56 »Die Leichenpilze kommen« wurde die Gründung des Clubs bekannt gegeben und mein dreizehn Jahre altes jüngeres ›Ego‹ schrieb augenblicklich mit der Bitte um Aufnahme und sicherheitshalber unterschrieb meine Mutter, dass mir das erlaubt sein sollte.

Wenn ich Dan Shocker auch nicht mehr die Heldenverehrung entgegenbringe, die ich in meiner Kindheit empfand, so sind seine Romane um Larry Brent oder Björn Hellmark doch in jedem Fall die Initialzündung gewesen, die mich zum Fan von Horror, Fantasy und SF machte. Durch ihn lernte ich Howard, Tolkien und viele andere kennen und lernte das Phantastische lieben und schätzen. Und immer wieder entdecke ich Neues. Das ist fraglos das Verdienst dieses Autors.

Dan Shocker (oder Jürgen Grasmück wie er mit richtigen Namen hieß) hat mir zahllose Tore in Welten voller Monster, Magie und Raumschiffe geöffnet. Daraus entstand dann 1981/82 auch der Zauberspiegel, der mich immer noch Tag für Tag (im wahrsten Sinne des Wortes) begleitet. Er gab dem Magazin seinen Titel und machte mir die ersten zwei Silber-Grusel-Krimis zum Geschenk, nachdem ich meine Sammlung am 3. Januar 1976 den schlammigen Fluten überlassen musste, als die Deiche brachen. Das gab den Ansporn mehr als nur Konsument seiner Romane zu sein und als ›Marlos‹ dann gegründet wurde war ich dabei und wurde 32. Bürger der unsichtbaren Insel (ein Umstand mit dem manch Wette gewann). Was mich an Jürgen ebenso beeindruckte, auch er war ein Fan und war im Fandom aktiv.

Das Fandom hat sich auch durch die fortschreitende Technik in den letzten vierzig Jahren verändert. Das Internet war 1977 nicht einmal der feuchte Traum eines Nerds, aber spätestens in den Neunzigern gewann es zusehends an Bedeutung und im laufenden Jahrtausend ist das Netz kaum noch verzichtbar. Und mit dieser Entwicklung veränderte sich auch das Fandom. Die Generation vor meiner nutzte noch die Umdrucktechnik um Fanpublikationen (die sogenannten Fanzines) herzustellen, meine Generation fotokopierte oder nutzte ggf. den Offsetdruck, aber mit Aufkommen des Internets und dem Preisverfall des Webspaces oder der zunehmenden Geschwindigkeit gelangte es zusehends ins Internet.

Die Strukturen der Fanclubs wurden aufgebrochen. In Messages Boards, PDF-Fanzines zum Download, Foren, Homepages wurde das was sich Fandom nannte zusehends heterogener und auch spezieller. Die Veränderung geht in sozialen Netzwerken wie Facebook weiter. Das Fandom ist nicht mehr so leicht zu definieren. Die Fans können durch das Netz 24 Stunden am Tag miteinander interagieren, entziehen sich aber auch einer klaren Einordnung. Als die Clubs noch den Sammelpunkt bildeten war alles übersichtlicher und die Welt eine andere.

Aber das ist die neue Freiheit des Fans. Man braucht nicht mehr den klar definierten Fanclub, erst recht nicht, um an Informationen zu gelangen. Im Netz kann ich nahezu alles finden. Neuigkeiten und Informatinen müssen nicht mehr mühsam, mit teils monatelanger Verspätung in gedruckter Version verteilt werden. Die Zahl der gedruckten Fanzines geht mehr und mehr zurück, weil man im Netz potentiell mehr Leute erreichen kann und eben der Info-Fluss deutlich schneller ist.

Auch die Treffen der Fans verändern sich. Die sogenannten Cons sind nicht mehr der Treffpunkt von (vorwiegend männlichen) Teenagern in Hinterzimmern von Gaststätten oder in Jugendzentren , die sich über ihr Spezialgebiet austauschen und sich an der Gesellschaft Gleichgesinnter erfreuen (obwohl es davon immer noch welche gibt). Ich mag diese Cons, möchte aber zu kund und zu wissen geben, dass es die wohl nicht die einzig wahren und besten Orte der Begegnung sind. Aber ich mag sie. Da spürt man noch ein nostalgisches Flair.

Es bilden sich eher Massenveranstaltungen heraus, die auf der einen Seite mit (internationalen) Stargästen prunken auf der anderen Seite aber dann auch ungleich viel mehr kosten (Stars brauchen Hege und Pflege – und da die Veranstalter keine superreichen Philantropen sind, muss der Fann da viel bezahlen) als die Treffen in Jugendzentren und Hinterzimmern.

Auf der anderen Seite gibt es da die Cons, deren Stars nicht so international sind, die auch nicht soviel kosten, die aber auch nicht mehr die klar umrissene Gruppe von Interessierten versammeln, sondern die – neudeutsch gesagt – Community des Internets spiegeln. Blogger, klassische Fans, Forennutzer und was da nicht so alles kreucht und fleucht und nur im weitesten Sinne den Begriff Fandom spiegeln.

Und mit der PHANTASTIKA, deren zweite Auflage am 1. uns 2. September 2018 auf uns zukommt, bildet sich gerade eine weitere Art der Veranstaltung heraus. Das Phantastische ist im Mainstream angekommen. Es gibt mehr als die klassischen Fans, dies ich mit Haut und Haaren dem Genre oder einem Teil davon verschrieben haben. Daher ist es eigentlich nur konsequent, dass es da eine Veranstaltung gibt, die sich nicht mehr nur an das klassische Fandom oder auch nur an die Community wendet, sondern an alle, die sich auch nur ein bisschen für das Phantastische interessieren. Die Konsumenten eben. Der Fan begriff sich ja gern als die Elite, den Multiplikator, den Vorkoster für das Genre, auch wenn der Fan an sich letztlich nur ein Spezialist (oder despektierlich nur ein Fachidiot war, der glaubte seine Auffassung sei richtungsweisend). Der Konsument ist da eher einer, der das Genre wirklich nur nutzt, aber nur bedingt daran interessiert ist wie groß ein Raumschiff ist oder ob die Ohren der Vulkanier länger sind als die der Elben.

An eben diese Zielgruppe baggert die PHANTASTIKA, um da das Interesse hochzuhalten und zu steigern, ohne dabei fannische Manierismen an den Tag zu legen. Manche dieser fantypischen Verhaltensweisen haben mich oft gestört. Wenn mir ein Fan der Star Trek-Serie erklärte, dass man damit ja schon die Krönung des Genres entdeckt habe, dachte ich immer wie ignorant Fans denn sein können. Auch die bereits erwähnte gern angenommene Funktion als Geschmackskompass war ja nicht einmal in den Fünfzigern gültig. Aber diese Einstellung hält sich nach wie vor hartnäckig und manche nehmen diese Annahme gern als Daseinsberechtigung (nun wenn sie es müssen, um sich zu definieren).

Was auch immer auf die Nerven fällt sind Reaktionen auf Veränderungen in Serien. Aals in Maddrax Arrula einen Teil ihres Fingers verlor, war da ein Aufschrei, als hätten Redaktion und Autor tatsächlich gefoltert. Hinreißend, unfreiwillig komisch und in der Tat manchmal auch nervend. Aber da muss man durch… Ebenso muss man dadurch, wenn Neulinge behandelt wurden wie Kleinkinder. Das hatte was und das gibt es auch heute noch. Der Neuling musste immer um die höheren Weihen kämpfen und von den Alteingesessenen lernen. Das hatte schon was Komisches. Manchmal brauchte man da als Jungfan oder Neo schon ein gewisses Durchsetzungsvermögen. Manchmal denke ich dabei aber auch, dass ich zu alt für dieses kindische Verdauungsendprdukt bin. Dass mich dieses Fans an den Rand des Zwerchfellbruchs treiben, weil ich soviel lachen musste, aber durchaus auch nerven.

Und dennoch habe ich mich über 40 Jahre gern als Fan gesehen und begriffen. Es hat mir immer wieder Spaß gemacht und es ist eines meiner Hobbys. Ebenso wie der Zauberspiegel Teil dieses Hobbies ist und ich mich immer wieder daran erfreuen kann. Ich bin wohl doch noch nicht zu alt für diese Sch…..

Und so werde ich dann mal auf mein goldenes (Fan-)Jubiläum 2027 hinarbeiten und dann mir diese Frage noch mal stellen…

Kommentare  

#1 matthias 2017-12-31 10:50
Ein wichtiger Aspekt der Ost-Fandoms, welcher mit dem Ende der Mauer wegfiel, war das Tauschen von Büchern.
Ich besuchte die (seltenen) Cons hauptsächlich nur, um zu tauschen bzw. um neue Tauschpartner zu finden. Ich wollte nicht über Zukunftsmodelle diskutieren, mich nicht über Formen von Aliens oder Raumschiffen auslassen, o.ä.
Ich tauschte Gelesenes, was ich nicht behalten wollte, gegen Neues ein. Die "West-SF" war damals bei uns extrem rar und dementsprechend teuer. Bezahlt wurde oft der zehnfache DM-Preis, was bei unseren niedrigen Gehältern eine ordentliche Summe war.
1989 bekamen wir Zutritt zu den prall gefüllten Buchläden und jetzt vom Angebot der Internet-Händler oder EBay ganz zu schweigen.
Damit hat sich für mich der Sinn eines Cons erledigt. Ich würde nie nach Oberhausen fahren, um die PHANTASTIKA zu besuchen. Was sollte ich dort? Ältere Titel bekomme ich im Netz zu Hauf.
Die Meinung von Gleichgesinnten zeigt mir der ZAUBERSPIEGEL. Lesungen sind nur Werbeveranstaltungen der jeweiligen Autoren.
Der DPP ist nur die Meinung weniger, so wie der Tagestipp in einer Fernsehzeitung.
Cons braucht niemand mehr. Sie dienen nur dem Kommerz.
Aber das ist eben nur meine Meinung.
Euch allen ein gutes Jahr 2018 mit (wer es will) vielen Cons.
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#2 Harantor 2017-12-31 14:03
Die PHANTASTIKA ist nunmal kein Con, sondern eher 'ne Showveranstaltung, so ne Art Phantastik-Jahrmarkt, die nur wenig mit einem Con gemein hat. Und die Macher der PHANTASTIKA versuchen diesen Charakter nicht zu verdecken. Auch ist die Zielgruppe wirklich über den Fankreis hinaus anvisiert.

Daher nehme ich die Veranstaltung mit und finde sie für mich angenehmer als so mancher Con, der mich viel mehr Geld kostet und/oder auch nur ne mehr oder weniger verkappte Werbeverantsltung mit Lesemarathon ist.

Was den DPP angeht fehlt ihm wirklich noch die Breitenwirkung. Man darf gespannt sein wie sich das entwickelt, ob es der PHANTASTIKA gelingt die Breitenwirkung zu erhöhen.

Ansonsten sind mir die Cons die liebsten wo es ein dosiertes Programm mit viel Raum zum Schwätzen gibt, auch wenn das mittlerweile 'ne Minderheitsmeinung ist.
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#3 Laurin 2017-12-31 15:02
Ehrlich gesagt, kann ich da überhaupt nicht mitreden. Von Fan-Clubs oder etwas ähnlichem war hier damals weit und breit nichts zu sehen gewesen.
Da konnte man sich an dem gelesenen (Romane oder Comics) erfreuen, aber sich darüber austauschen ging nur im sehr begrenzten Rahmen in der Schule unter/oder Freunden. Aber da war meist der klügste Satz schon "der Roman" oder das "Comic" war gut, miserabel oder so na ja. Damit war der Austausch aber schon gelaufen, da als Sammler (früher bei mir eigentlich nur Comics und PR) stand ich schon ziemlich einsam auf weiter Flur. Letzteres war allerdings nicht unbedingt negativ, denn man konnte faktisch kostenlos Sachen abstauben, die andere bereits gelesen hatten und sonst in der Tonne gelandet wären.
Im Rückblick ist es allerdings schade, hätte bestimmt eine Menge Spaß gemacht, hätte es so etwas wie Clubs hierzu auch bei uns in der Gegend gegeben.
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#4 Harantor 2017-12-31 17:47
Viel über das was ich im Fndom so erlebt habe, findet sich hier: www.zauberspiegel-online.de/index.php/archiv/zauberstern-archiv-mainmenu-239/as-time-goes-by-mainmenu-193

Ich bin in diese Welt über Leserbriefseiten reingerutscht ... War schon schön und sit es noch ...
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#5 G. Walt 2017-12-31 17:56
Ich bin am 28.02.86 in den Marlos-Club aufgenommen worden. Jetzt immerhin auch schon 31 Jahre. Ich denke, dass wir inzwischen alle zu alt dafür sind. Alles hat seine zeit. Unsere Fangeneration der gedruckten Fanzines war eben sehr Con-Freudig. Sonst gab es ja seinerzeit keine Möglcihkeit sich direkt auszutauschen mit mehreren. Irgendwann wächst man daraus und wer klug ist gibt es in jüngere Hände. Wie einst beim BuCon. Der ist zwar inzwischen sehr kommerziell, aber eben mit der Zeit gegangen. Die familieren Marlostreffen hatten es da schwerer zu bestehen.
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#6 Toni 2017-12-31 20:41
Es mussten damals sogar Cons verschoben werden, weil sich die Termine überschnitten. Es war voll bzw. eng und chaotisch, aber man war dadurch ganz nah dran an seinem Autor. Berührungsängste gab es kaum. Heute kommt alles etwas kommerzieller und unpersönlicher rüber (wenn überhaupt was läuft) und irgendwie auch steriler. Das "wilde" ist weg, aber man freut sich über den ein oder anderen Übriggebliebenen.
Schöne warme Worte, Horst.
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#7 Friedhelm 2018-01-01 12:13
Mei oh Mei - wenn ich das hier lese, dann komme ich mir fast wie ein "Alien" vor.

Die "Con-Sache" ging irgendwie immer so an mir vorüber. Zum einen hatte ich gar keine große Lust dazu, extra längere Strecken auf mich zunehmen - all die Weil sich in Ostfriesland -in dieser Hinsicht- eh nix tat. Das war schon meiner "angeborenen" Faulheit geschuldet.Zum anderen habe ich das für meiner einer nie wirklich als Wichtigkeit betrachtet - brauchte ich irgendwie nicht.

Vor vierzig Jahren habe im beschaulichen Aurich mit ein paar Gleichgesinnten Comics getauscht (Zack Box, Marvels DCs - oder weniger bekanntes..) und anschliessend über den Inhalt siniert. Ab und an kam mein bester Spezie mit ein paar Neuheiten (z.B. den an anderer Stelle erwähnten EC-Sammelband "Der beste Horror aller Zeiten..)

Ich kannte allerding einen Typen der die Perry Rhodan-Romane regelrecht "aufgesogen" hat. Der ist jedesmal total abgegangen, wenn er über eine Story referiert hat. Und der hat auch regelmässig "irgendwelche Veranstaltungen" dazu (so seine Worte) besucht.

Heute sehe ich immer noch keinen Grund für einen "Con-Besuch - zumal man sich ja -wie hier bereits angeführt- im Internet-Zeitalter miteinander austauschen kann.
vielleicht ist diese, von mir "gepflegte Bequemlichkeit" ein "mächtig, großer Fehler.." (ganz sicher sogar, aber.....)
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