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Von der Freiheit des Moist von Lipwig - II - Die Freiheit eines Golems

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneVon der Freiheit des Moist von Lipwig
II - Die Freiheit eines Golems

Im letzten Teil widmeten wir uns den beiden Prologen, die Terry Pratchett »Going Postal« voranstellt und damit schon über Bande den Golem Anghammarad einführt.

Dieser Prolog wird nun gespiegelt, wenn Anghammarad und DEATH sich begegnen...

Von der Freiheit des „Nur-Sitzen-Könnens“: Der Golem Anghammarad
Die Golems der Scheibenwelt beleuchten sehr plakativ das Thema der Freiheit. Ursprünglich sind sie nichts weiter als Sklaven, uralt, geschaffen von Menschen, die nichts weiter als ihre billige Arbeitskraft brauchen. Golems sind Werkzeuge.

„They made the hidden wheels go round, down in the dark,“ erinnert sich Moist. Allerdings weiß er auch, dass eine Art von Revolution bei den Golems stattfindet: „But now the Golems were freeing themselves. (…) They were property, and so they saved up and bought themselves.“

Was ihn verwundert - Mr Pump ist sein Aufsichtswärter und Bodyguard - ist:

„Mr. Pump was buying his freedom by seriously limiting the freedom of Moist. A man could get quite upset about that. Surely that wasn’t how freedom was supposed to work?“

Ähnliche Gedanken hegt später übrigens auch Lord Vetinari. Für einen Menschen macht dieser Begriff der Freiheit vielleicht nicht unbedingt einen Sinn. Wir sind daran gewöhnt beim Begriff Freiheit alle Privilegien mitzudenken.

Die Unendlichkeit der Freiheit ist allerdings kein Freibrief für Fehlverhalten oder gar für das konsequente Ausleben der eigenen Persönlichkeit auf Kosten einer anderen. Moist hätte seinerseits Recht: Dadurch, dass Mr. Pump Moists Freiheit beschneidet ist Moist eben nicht frei - er kann seiner Aufgabe als Postmaster nicht entfliehen, das versucht er zwar, aber Mr. Pump ist ihm auf den Fersen. Allerdings denkt er nicht gerade das mit, was ihn gerade in diese Lage gebracht hat: Moist hat gegen das Gesetz verstoßen. Zwar hat er Keinen umgebracht, aber er hat durchaus Menschen an den Rand des Ruins und darüberhinaus gebracht. „For Sport, Mr. Lipvig. For Sport. For The Joy Of The Game“, wie Mr. Pump ihm das auch mit Recht vorhält. Und dadurch hat seinerseits wieder Moist die Freiheit von anderen Leuten eingeschränkt, weil diese durch ihn eine Option weniger zur Auswahl haben. Die durchaus gute Frage, die Lord Vetinari in diesem Zusammenhang später aufwerfen wird: Ist, wenn jemand einem Alkoholiker eine volle Flasche wegnimmt, dies nicht auch schon ein Eingriff in die Freiheit des Alkoholikers, der durchaus die Freiheit besäße sich zu Tode zu saufen? Womit die eigentliche Kernfrage gestellt ist: Ab wann darf oder muss Freiheit eingegrenzt werden? Ab wann dürfen Behörden oder andere Personen in den eigenen Freiheitsraum eingreifen? Welche Berechtigung haben sie dazu? Im Falle des Alkoholikers haben seine Verwandten durchaus ein berechtigtes Interesse daran ihn als Person nicht zu verlieren bzw. sein Leben zu erhalten. Rechtfertigt dies allerdings allein das Eingreifen?

Golems stellt sich diese Frage gar nicht. Golems haben auch keine Existenzkrise. Sie sind geschaffen worden um zu arbeiten. Solange ihnen jemand Befehle gibt, so lange führen sie sie auch aus. Ungeachtet davon, ob die Befehle nun logisch oder unlogisch sind. Solange Golems sich nicht selbst freigekauft haben - die geschichtliche Analogie dazu liegt wohl auf der Hand - gehorchen sie dem, der ihnen Befehle gibt. Im Rahmen, wie wir erfahren, da Pratchett die berühmten Robotergesetze von Isaac Asimov auf die Golems überträgt, allerdings sich eine Hintertür offen lässt: Golems dürfen Menschen durchaus angreifen, wenn es eine gesetzliche Autorität von ihnen verlangt. Dass dieser Zusatz nicht allgemein bekannt ist, darf bei jemanden wie Lord Vetinari nicht verwundern. Dass darüberhinaus Golems auch eine komplett andere Vorstellung von der Welt haben - die Geschichte verläuft für sie in einer Art Kreis - ist das Sich-Freikaufen durchaus auch logisch in ihrem Sinne.

Wenn Anghammarad das Buch einleitet im 9.000-Year Prologue, dann befindet er sich in einer Situation, die ihn zur Untätigkeit verdammt hat. Nachdem eine Riesenwelle seine ehemaligen Besitzer und Könige verschlungen hat, wartet er geduldig am Ufer des Meeres auf das, was da kommen wird. Denn da ihm niemand für diese Option Befehle erteilt hat - was auch schlecht geht, wenn überraschend ein ganzes Land im Meer versinkt - tut er das, was Golems immer dann tun, wenn es keine Befehle auszuführen gibt. Er wartet. Er wartet auf den Moment, wenn es wieder etwas für ihn zu tun gibt. Während dieser Zeit ist Anghammarad frei. Frei von Befehlen, frei von Ansprüchen an ihn, frei vom Werkzeug-Sein. „You mean … you just sat there?’, asked Angie. ‚I Was Not Instructed To Do Otherwise.“ Nicht frei in dem Sinne, dass er sich wirklich selbst gehört, ein neuer Besitzer kann ihm jederzeit wieder Aufgaben übertragen; Anghammarad würde sich selbst auch nicht als frei bezeichnen. Dennoch ist er es genau diese 9.000 Jahre lang, die er am Grund des Ozeans wartet und die er damit verbringt, den Schiffwracks bei ihrer Unterwasser-Reise zuzusehen. Andererseits hat er nicht die Möglichkeiten, sich für Irgendetwas zu entscheiden. Ihm fehlt der eigene Wille, er ist unmündig und kann seinen Verstand nicht für sich selbst gebrauchen. Das wird er erst können, wenn er von den anderen Golems freigekauft worden ist und sein Chem, seine „Gebrauchsanleitung“, die jeder Golem im Kopf hat - Papier oder Tafel - dahingehend eingestellt worden ist. In diesem Sinne ist Anghammarad während er 9.000 Jahre im Ozean frei und unfrei zugleich.

Eine andere Art von Freiheit wird für Anghammarad plötzlich und unerwartet zugänglich: Während der Löscharbeiten des Post-Office zerspringt er in tausend Stücke. Er stirbt. Wie bei der Scheibenwelt üblich wartet DEATH in einer Wüste schwarzen Sandes darauf, dass die Seele Anghammarads weitergeht: „GENERALLY PEOPLE LIKE TO MOVE ON“, so DEATH." Die Prioritäten des Golems liegen aber auf einer anderen Ebene. Abgesehen davon, dass Pratchett nie präzisiert hat, wie die Glaubenswelt der Golems das Leben nach dem Tod gestaltet möchte Anghammarad nur wissen: „Do You Have A Command For Me?“ Das hat DEATH nun einmal nicht, da er als Psychopomp die Seelen der Toten bei wichtigeren Fällen ins Jenseits begleitet - wie dieses Jenseits aber aussieht, das legt bei der Scheibenwelt dann das Individuum und dessen Glauben fest. Insofern ist Anghammarad in diesem Moment wirklich frei: Es gibt niemanden mehr, der ihm Befehle erteilen könnte, da er tot ist. Präziser: Es gibt niemanden mehr, der ihn besitzt und damit das Recht hätte seine Freiheit einzuschränken. Für den Golem Anghammarad ist damit der Tod letztlich wirklich die wahre Freiheit. „I Will Stay Here, Please.’ HERE? THERE’S NOTHING TO DO HERE, said Death. ‚Yes, I Know‘, said the Ghost of the Golem. ‚It Is Perfect. I Am Free.“.

Pratchett spiegelt hier die Situation des Prologs: Dort ist Anghammrad nur zur Untätigkeit verdammt und im Grund frei und unfrei. Frei in dem Sinne, dass er nichts zu tun hat und niemand ihm Befehle erteilen kann, unfrei in dem Sinne, dass er nicht sich selbst gehört und dass jederzeit jemand ihn wieder als Werkzeug gebrauchen könnte. In der kurzen Szene mit TOD ist Anghammarad sowohl in dem Sinne frei, dass niemand ihm mehr Befehle erteilen kann, andererseits auch frei in dem Sinne, dass er Optionen wahrnehmen kann - er könnte sich auch entscheiden, weiterzugehen anstatt in der Wüste zu bleiben - weil er sich selbst gehört. Die Freiheit der Golems besteht in dem, was der bekannte Loriot-Sketch zwischen Ehemann und Ehefrau skizziert: Des „Einfach-Nur-Sitzen-Bleibens.“ Ohne den Drang, etwas tun zu müssen. So wie die freien Golems sich alle sieben Tage zu einer Art Sabbat zurückziehen. Damit sie sich daran erinnern, dass sie keine Werkzeuge mehr sind.

Was hier schon angeklungen ist, das Problem des Einschränkens der Freiheit, wird im Buch später nochmal thematisiert. Dann, wenn die verschiedenen Ansichten von Lord Vetinari und Reacher Gilt im Gespräch der Rats Chambers aufeinandertreffen. In Teil 3 schauen wir uns genauer an, wo die Unterschiede bestehen.

 

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