Oh, meine Götter, Teil 11: Ein Faustkampffanatiker, ein hungriger Weissager und zwei Felseninseln

Oh, meine Götter!Teil 11:
Ein Faustkampffanatiker, ein hungriger Weissager und zwei Felseninseln

Wer trug eigentlich „Eulen nach Athen“?

Wurde Sisyphus je mit seiner Arbeit fertig? Und kam der Götterbote auch immer ausgerechnet dann, wenn der Empfänger gerade leider nicht Zuhause war? Kleine Ausflüge in das Reich der griechischen Mythologie.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen AltertumsNach dem Aufenthalt in Kyzikos machen die Argonauten als nächstes an einer großen Landzunge halt, wo der wilde Bebrykenkönig Amykos herrscht. Der hat sich einen lustigen Zeitvertreib ausgedacht: Jeder, der in sein Gebiet kommt, darf es nur verlassen, wenn er ihn im Faustkampf besiegt. Wie der Zufall es will, haben die Argonauten ihrerseits aber den besten Faustkämpfer Griechenlands in ihren Reihen, und zwar Pollux, mal wieder ein unehelicher Sohn des Zeus.

So tritt also Pollux im Namen der Argonauten gegen Amykos an, und kann den Bebrykenkönig nach langem, erbittertem Kampf schließlich besiegen. Als der König zu Boden sinkt, sieht sich Pollux plötzlich seinen bewaffneten Untertanen gegenüber, die sich für die Niederlage rächen wollen. Da gehen unsere Helden natürlich dazwischen, und ein blutiges Gefecht beginnt. Die Bebryken werden in die Flucht geschlagen und ziehen sich ins Landesinnere zurück. So können die Argonauten sich an deren Ställen und Vorräten bedienen und frischen quasi im Vorbeigehen ihren fast erschöpften Proviant auf.

Am nächsten Morgen fahren die Argonauten also mit frisch aufgefülltem Schiff weiter. Ohne weitere Zwischenfälle halten sie am nächsten Hafen, an dem sie auf dem Weg nach Kolchis vorbeikommen, in Thrakien (womit wir nun auf der östlichen Balkanhalbinsel angekommen sind). Hier lebt König Phineus, der uns schon in einer früheren Sage begegnet ist. Phineus ist nämlich ein Bruder von Europa, und war einst mit Kadmos unterwegs, um die geraubte Schwester wieder zu finden.

Nach der erfolglosen Suche nach Europa ist es Phineus nicht nur gut ergangen. Nach seinen Ehen mit Kleopatra (einer Tochter des Windgottes) und Idaia ist Phineus von Apollon bestraft worden, weil er die von Apollon verliehene Wahrsagefähigkeit missbraucht hat. Phineus ist nun mit Blindheit geschlagen, und außerdem wird jede Speise, die er zu sich nehmen will, von den Harpyien gefressen. Nicht mal von dem, was die Harpyien übriglassen, kann Phineus sich etwas nehmen, denn darauf hinterlassen die gemeinen Vogelwesen ihren Unrat und machen es so ungenießbar. Ein Orakel hat Phineus allerdings prophezeit, dass er wieder essen können wird, sobald er die Brüder der Kleopatra trifft.

Und so schleppt sich Phineus in seinem bemitleidenswerten Zustand natürlich umgehend zum Strand, als er davon hört, dass ein Schiff voller griechischer Helden angekommen sein soll. Dort angekommen, bricht er vor Iason zusammen, blind und fast verhungert, wie er ist. Als Zetes und Kalais, die besagten Brüder von Kleopatra und zwei unserer Argonauten, den Greis erkennen, beschließen sie, ihm zu helfen. Schnell bereiten sie ein Mahl zu, um die Harpyien anzulocken. Kaum sind die Speisen fertig, stürzen sich die Harpyien darauf. Nachdem alles verzehrt ist, erheben sie sich wieder in die Lüfte. Mithilfe von Zeus, der ihnen Flügel und unermüdliche Kräfte verleiht, gelingt es Zetes und Kalais, die Vogelwesen zu verfolgen.

Als sie die Harpyien fast erwischt haben, steigt Iris aus dem Himmel zu ihnen hinab. Iris ist ähnlich wie Hermes eine Botin der Götter und im Glauben der alten Griechen die Personifikation des Regenbogens. Normalerweise ist Iris vorzugsweise im Dienst von Hera unterwegs, für Zetes und Kalais hat sie allerdings eine Botschaft von Zeus: Die Brüder dürfen die Harpyien, die Geschöpfe des Zeus sind, nicht töten, aber sie verspricht, dass Phineus von nun an von ihnen in Ruhe gelassen wird.

Das soll nun einer verstehen, zuerst verleiht Zeus den Brüdern Flügel für ihre Verfolgungsjagd, nur um sie dann doch an der Vernichtung der Harpyien zu hindern. Wie dem auch sei, jedenfalls kehren Zetes und Kalais zu den anderen zurück, und Phineas kann endlich wieder ohne geflügelten Besuch etwas essen. Zum Dank nutzt Phineus seine Weissagekraft und erklärt den Helden den weiteren Weg. Sie werden in einem Engpass auf See den Symplegaden begegnen, zwei Felseninseln, deren unterste Wurzeln nicht bis zum Meeresboden ragen, sondern die frei auf dem Meer schwimmen. Wenn die Symplegaden nah aneinander treiben, steigt zwischen ihnen der Meeresspiegel mit furchtbaren Stürmen an, weshalb die Argonauten gut daran täten, einen günstigen Moment abzuwarten und so schnell wie möglich an ihnen vorbei zu rudern. Den günstigen Zeitpunkt sollen die Helden anhand einer Taube erkennen: wenn diese in Richtung der Symplegaden losfliegt, ist die Überfahrt möglich. Nach den Frauenstädten der Amazonen und dem Land der Chalyber wird die Argo laut Phineus schließlich die kolchische Küste erreichen, doch hier gilt es, sich vor gefährlichen Strudeln in Acht zu nehmen.

Am nächsten Tag nehmen die Argonauten und Phineus voneinander Abschied und Iason und seine Crew stechen erneut in See. Unwesentlich aufgehalten durch den einen oder anderen vierzigtägigen Sturm gelangt die Argo schließlich zu den Symplagden, was sich den Helden schon von weitem durch lautes Krachen ankündigt, denn das Aufeinanderprallen der beiden Inseln ist meilenweit zu hören. Dank des Tipps mit der Taube, den Fähigkeiten des Steuermannes Tiphys und einem kleinen Schubs von Athene gelingt es, im richtigen Moment unbeschadet zwischen den aufeinander zurasenden Felseninseln hindurch zu fahren.

Nun liegen nur noch wenige Seemeilen zwischen den Argonauten und ihrem Ziel, doch nicht alle von ihnen sollen die Küste von Kolchis unbeschadet erreichen. Aber was unsere Helden auf ihrer weiteren Reise erwartet, sehen wir in der nächsten Woche.

Mehr dazu in:  »Sagen des klassischen Altertums« (1838-1840) von Gustav Schwab

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