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Gottes Gabe und Satans Klugheit

StoryGottes Gabe und Satans Klugheit

Gott sagt Nein. Ich sage Ja. Ich bin das Gegenteil. Ich habe viele Namen. Einer davon ist Satan.

Ich war im Abgrund für tausend Jahre. Der Engel ließ mich frei, für nur kurze Zeit, so sollte es sein, aber bevor er mich wieder in mein Gefängnis sperren konnte, entkam ich ihm mit den vier Winden, dem Ostwind, dem Westwind, dem Nordwind und dem Südwind.

Über die ganze Erde verteilte ich mich, denn ich bin nicht einer, ich bin viele.
Euer Gott der klugen Sprüche, der Verbote und der Gebote, der Gott, der in Rätseln spricht, der eifersüchtige Gott, der niemand neben sich duldet, wieso soll er im Recht sein, und nicht ich, ich, der Gott der Klarsicht, ich, der ich euch den einfachen und direkten Weg zeige? Was er kompliziert macht, das ist bei mir leicht. Wessen Rat befolgt ihr dann, Menschen, wem wendet ihr euch zu?
Gott hat die Welt geschaffen und die Erde und den Menschen – den Menschen, an dem ich mich versuche, in dessen Schicksal ich eingreife. Über allem steht die Zeit, die Zeit misst den Schritt, auch Gott ist ihr unterworfen, er kann sich nicht in der Zeit bewegen, sie trägt ihn weiter. Ich hingegen bin in der Zeit in jeder Richtung beweglich.
Ich werde euch meine Macht beweisen. Gebt mir einen unglücklichen Menschen, und ich mache ihn glücklich. Ich will nichts dafür, nicht seine Seele, wozu?, was soll ich mit der Seele eines kleinen Menschen? Das ist nur eine Legende.

Luca, er heißt Luca, er ist der Erwählte, er ist der Unglückliche. Er ist in seinem letzten Lebensabschnitt, dem des untätigen Alters. Er hat keine Frau, er hat keine Kinder, er ist 65 Jahre alt, zwei Jahre ist er vorzeitig in Pension gegangen, er hat keine Wohnung, für die kleine Wohnung, in der er lebt, zahlt er Miete. Luca ist ein gutes Beispiel für jemanden, der es nicht geschafft hat, in keiner Weise. Was ist falschgelaufen? Hat er sich nicht bemüht? Luca wirkt ernsthaft, er ist nicht faul, früher hatte er einen starken Willen. Am Sich-nicht-bemüht-Haben liegt es nicht. Welches waren die Zeitpunkte, an denen die Weichen gestellt wurden? Diese gilt es für mich herauszufinden.
Luca schläft. Ich schleiche mich in seinen Traum. Träumt ein Mensch, weiß man ja nicht, ob es reine Fantasie ist oder ob auch reale Bilder auftauchen. „Man“ weiß es nicht, aber ich weiß es schon, weil ich der Satan bin, der Allwissende. Doch Träume gehen sehr tief in die Persönlichkeit, ich weiß wohl, was Luca tatsächlich zugestoßen ist, aber besonders in Träumen zeigt sich, wovor er sich fürchtet, was er erhofft, was ihn traurig macht und was glücklich. Ich muss die Träume sehen, um aus ihnen mehr über die Person zu lernen. Ich bin auch der Alles-Lernende.
In Lucas Traum geht ein Kind durch ein Bauernhaus. Das Kind ist ungefähr zehn Jahre alt, es ist Luca selbst, das Bauernhaus ist das Haus seiner Eltern, in dem er aufgewachsen ist. Eine rotgetigerte Katze räkelt sich auf einem Stuhl. Luca streichelt sie. Die Mutter steht am Herd und kocht das Mittagessen. Sie beachtet Luca nicht. Er geht aus dem Raum ins Freie. Draußen liegt Schnee. Luca nimmt seinen Schlitten und zieht ihn die Hofeinfahrt hinauf. Er setzt sich auf ihn und fährt hinunter. Unten bremst er, knapp vor der Stiege mit den drei Stufen kommt er zum Stehen. Der älteste Bruder hackt Holz. Der Vater repariert in der Wagenhütte den Traktor. Die älteste Schwester wird später den Stall machen, eine jüngere deckt gerade den Esstisch. Luca ist der Einzige, der noch nicht arbeiten muss, er ist der Jüngste und das Nesthäkchen.
Diese Szenen haben sich wirklich in seinem Leben zugetragen. Ich betrachte sein Gesicht, es ist sehr entspannt, und fast sieht es aus, als würde er lächeln.
Gut möglich, dass damals noch Gott für ihn zuständig war, aber wenn es richtig schief läuft, dann ist oft genug meine Zeit gekommen.
Wenn der Satan übernimmt, geht es darum, Alternativen für den Menschen zu finden und ihn andere Lebenswege beschreiten zu lassen. Man beginnt im höchsten Alter und geht in der Zeit zurück. Wo war die letzte Kreuzung in Lucas Leben, wo verschiedene Ausgänge möglich waren? Das letzte solche Ereignis war seine Pensionierung vor zwei Jahren. Er war mit acht Prozent Abschlag in Pension gegangen, ein alter Sachbearbeiter und nicht mehr, auf derselben Ebene wie junge Frauen, die Firma hatte ihn loswerden wollen, sein Chef fragte ihn, ob er nicht dauerhaft zuhause bleiben wolle. Und Luca hatte nach einer Woche Bedenkzeit Ja gesagt, einfach Ja, obwohl er keine speziellen Hobbys hatte, außer Lesen und Fernsehen. Natürlich wurde dann die Zeit lang, es war eine negative Entwicklung. Aber auch wenn ich hier eingeschritten wäre, wäre es nicht viel besser für Luca gekommen. Auf der einen Seite hätte er theoretisch in der Firma oder durch sie jemanden, gemeint ist in erster Linie eine Frau, kennenlernen können, aber auf der anderen Seite wäre es nicht unwahrscheinlich gewesen, dass er gemobbt worden wäre, klar, um ihn kleinzukriegen und ihn zum Verlassen der Firma zu bewegen – sogar eine Kündigung wäre denkbar gewesen, warum denn nicht?
Diese Kreuzung gab also nicht genug her. An ihr war es für Luca schon zu spät, wirklich glücklich zu werden können.
Ich beobachte Luca nochmals während eines Traumes, und ich registriere: Er hat Angst vor Hunden, vor der Höhe, Angst auszurutschen, vor allem auf Schnee. Es sind keine besonderen Ängste, keine, die ihn hindern, viele Sachen zu tun.
Nun reise ich weiter in seinem Leben zurück. Wo ist die nächste Kreuzung? Da, hier: Im Alter von 55, zu Beginn des Winters, er spaziert durch die Stadt. Plötzlich hält ihn eine schlanke Frau mit zwei schwarzen Zöpfen auf. „Luca, bist du es?“ „Ja, der bin ich, und wer sind Sie?“ Wie unpassend war dieses Sie! Sie war eine Jugendfreundin, eine sehr wichtige. Er war damals 16 gewesen, sie war gleich alt, er besuchte das Gymnasium, sie lernte Sekretärin, also Bürokauffrau. Sie war eine seiner großen Lieben. Und er hatte sie nicht einmal wiedererkannt! Gut, es war 39 Jahre später, und in seiner Erinnerung sah sie anders aus – sie hatte damals auch ihre Haare hellblond gefärbt. Aber jetzt – und jetzt stand sie vor ihm. „Was tust du hier?“, fragte er. Nachdem sie fertiggelernt hatte, war sie in die Hauptstadt eines anderen Bundeslandes gezogen. Dort hatte sie in der Verkaufsabteilung einer großen Maschinenbaufirma gearbeitet. Dann brach der Kontakt ab. Elisabeth, „Lizzie“ ließ ihn abbrechen: Sie bat Luca in einem Telefonat, damals noch Festnetz natürlich, sich nicht mehr bei ihr zu melden – sie nicht anzurufen, ihr nicht zu schreiben, schon gar nicht bei ihr aufzutauchen. Sie hatte damals gerade jemanden kennengelernt. „Ich mache hier eine psychiatrische Reha“, antwortete sie. „Aha, in der Reha-Klinik für Seelische Gesundheit, stimmt´s“ Lizzie bejahrte. „Wie lange hast du noch?“, fragte Luca weiter. „Vier Wochen und ein paar Tage“, sagte Lizzie. „Gut“, sagte Luca, „ich besuche dich. Wie wär´s übermorgen um 17 Uhr?“ „Das müsste gehen“, sagte Lizzie. Luca ging dann weiter in nördlicher Richtung, Lizzie in südliche.
Zwei Tage später war Luca dort, um exakt 17 Uhr. Er setzte sich in einen roten Stuhl im Erdgeschoß. Er wartete, sah sich die Menschen an, Lizzie war nicht darunter. Schließlich fragte er eine Krankenschwester, welches ihr Zimmer sei. Sie nannte es ihm. Er klopfte an. Eine dickliche Frau öffnete, Zweibettzimmer, er fragte nach Lizzie, die Frau sagte, Lizzie sei, soviel sie weiß,  mit einem Mitpatienten in die Stadt gegangen.
Luca sah sie nie mehr wieder.
Hier war es klar, wo ich mich einklinken würde, es gab mehrere Möglichkeiten, die erste schien mir die beste. Der Satan verändert die Vergangenheit. Kann das auch Gott? Jedenfalls tut er es nicht, das ist sicher. Die Kreuzung war an folgendem Punkt: Luca ging dann weiter in nördliche Richtung, Lizzie in südliche.
Das änderte ich folgendermaßen: „Wohin gehst du?“, fragte Luca. „Ach, nur in die Innenstadt“, sagte Lizzie. „Ich begleite dich, wenn es dir nichts ausmacht“, meinte er. Und nun? „Gern, komm nur mit!“ Sie spazierten gemeinsam entlang, durch die Fußgängerzone, dann steuerte Lizzie das Shopping Center an, das mit schicken Läden besetzt war. In einer Boutique probierte sie eine grüne Wolljacke an. „Na, steht sie mir?“, fragte sie Luca. „Ja, super“, antwortete. Demonstrativ sah sie auf das Preisschild: „149,90 Euro, das ist aber teuer“, von unten mit schrägem Kopf sah sie Luca an. Okay, er verstand, er zahlte mit seiner Bankomatkarte. Weiter ging es mit einem Rock, Schuhen, Strümpfen, Unterwäsche. Luca kaufte, was sie für sich aussuchte. Danach aßen sie zusammen in einer nobleren Pizzeria, dann begleitete er sie in die Reha-Klinik. Sie tauschten die Handynummern aus. Abschließend gab Lizzie Luca einen unscheinbaren Kuss auf die Wange.
Und dabei blieb es auch. Lizzie war arm, sie hatte Bedarf an einem Versorger. Von Liebe zu Luca war keine Spur. Er verdiente zu wenig, um sich eine Frau wie Lizzie leisten zu können. Sie lebte inzwischen in einer Marktgemeinde des nördlichen Bundeslandes. Lucas Wohnung bot nur schlecht Platz für eine zweite Person. Bei ihrem nächsten Treffen wollte Lizzie wieder einkaufen gehen, aber Luca winkte ab. „Gehen wir doch im Park spazieren“, sagte er. „Im Park spazieren? Bin ich denn eine Ente?“, sprach sie. Nein, sie war keine Ente. Ihre Wege trennten sich, diesmal ging Luca südwärts und Lizzie nordwärts.
Es war ein Versuch gewesen, doch er hatte Lucas Lebenssituation nicht verbessert, kurzfristig verändert schon, aber sein Glück war nicht näher als zuvor, ein wenig abgeklärter war er jetzt.
Weiter bewege ich mich in Lucas Vergangenheit, er wird immer jünger. Es tut sich wenig, es ist ein ziemlich ereignisloses Leben. Seine Konstante ist die Konstante selbst – dass es gleich bleibt. Offenkundig fürchtet Luca Veränderungen. Daher werde nun ich sie für ihn herbeiführen. Wirklich lange hat sich nichts bei ihm getan. Die nächste echte Kreuzung sehe ich, als er 43 Jahre alt war.
Seine Großtante war gestorben. Sie hatte ihm oft von ihrem Leben in Schwarzafrika erzählt, wo sie als Entwicklungshelferin gearbeitet hatte. Es muss abenteuerlich gewesen sein. Luca hörte gerne zu. Die Großtante hatte keine Kinder, was sie besaß, vererbte sie Luca.
Es waren Sachen von afrikanischer Kunst – Luca stellte, was Platz hatte, in seiner kleinen Wohnung auf, den Großteil allerdings musste er in seinem Kellerabteil verstauen –, und ein Sparbuch mit 625.000 Österreichischen Schillingen Guthaben. Er arbeitete damals schon für dieselbe Firma, in der er pensioniert wurde, und er wohnte in derselben Wohnung.
Er hätte sich eine andere kleine Wohnung kaufen können. Für einen Großteil des Kaufpreises hätte das Geld gereicht, den Rest hätte er über einen Hypothekarkredit mit langer Laufzeit und moderaten Raten aufbringen können.
Oder er hätte sich in seiner Firma für ein Jahr karenzieren lassen können – die Firma hätte das wahrscheinlich getan – und eine Weltreise machen. Er hätte so vieles gesehen, was ihm sonst nie vor Augen gekommen wäre. Es wäre interessant geworden und erlebnisreich.
Doch Luca machte nichts davon und auch nichts anderes objektiv Sinnvolles. Anfangs ging er in Bordelle und erfüllte sich sexuelle Wünsche – was ja auch einen persönlichen Wert hat. Aber danach entdeckte er die Einarmigen Banditen für sich, die in Non-Stop-Wettlokalen mit leuchtender Laufschrift an der Eingangstür standen, die von Leuten in Trainingsanzügen bevölkert waren. Die Masse an Geld war wie ein Berg von Butter, der in der Sonne schmolz. Eine gewisse Zeit dauerte es, bis alles weg war – etwas über zwei Jahre, und danach spielte Luca weiter, bis sein Konto so weit überzogen war, dass die Bank es sperrte, daraufhin nahm er einen Kredit auf, den er auch verspielte. Dann aber öffnete er seine Augen und kam wieder zu Sinnen. Er ließ sich als Spielsüchtiger therapieren, mittels Gesprächen, was so gut funktionierte, dass er nicht weiterspielte. Der Drang war wohl da, aber Luca gab ihm nicht nach.
Der Zeitpunkt meines Eingreifens ist klar: direkt nach der Verlassenschaftsverhandlung, wo Luca das Sparbuch zugesprochen wurde. Er hatte ja selbst keine Ahnung, was er mit dem Geld machen sollte.
Aber dafür ich.
Ich wählte eine andere Abzweigung als den Kauf einer Wohnung oder eine Weltreise, zuerst ließ ich Luca wandern, auf die Koralm, wo die Radome stehen, die man von weit her sieht. Er wandert alleine, er tut alles alleine, er kennt es gar nicht anders. Es ist Frühling, schon an der Wende zum Sommer. Luca hört seine Schritte. Es erinnert ihn an seine Kindheit auf dem Bauernhof. Wunderschön ist es hier, und die Aussicht ins breite Tal. Er sieht mehrere Hütten, und wirklich, sobald er wieder zuhause ist, überlegt er sich, eine zu kaufen. Eine gefällt ihm besonders, sie kostet eine halbe Million Schillinge, 35 Quadratmeter Wohnfläche und seine ewige Ruhe. Luca erwirbt sie. Er zieht aus der Mietwohnung aus. Er lebt in der Hütte. Er hört zu arbeiten auf – die Hütte ist zu weit weg. 125.000 Schillinge sind ja noch übrig. Er wird schon eine neue Arbeit finden, am besten in einer Software-Firma, in der er als hauptsächlicher Telearbeiter Programme schreiben und sie über E-Mail versenden kann. Luca fühlt sich wohl auf dem Berg. In der Nacht sieht er Rehe. Es ist ein einfaches und urwüchsiges Leben, so wie Luca es mag.
Er findet keine neue Arbeit. Eines Tages steht in der Tageszeitung, dass ein australischer Minenkonzern auf der Koralm ab dem nächsten Jahr Lithium abbauen will. Der Vertrag über die Gewinnung des Alkalimetalles ist bereits unterzeichnet.
Deshalb also war die Hütte zu haben! Am Rand eines Bergwerks zu wohnen ist wohl einer der übelsten Plätze, die es gibt.
Man kann sich vorstellen, wie es mit Luca weiterging – inferior, er hatte keine Arbeit und war über 40, ein Langzeitarbeitsloser wie aus dem Bilderbuch – aber das der hässlichen Märchen. Die Förderung des Lithiums begann. In der Hütte wurde es laut, man konnte dort nur mehr existieren, aber nicht mehr leben. Das restliche Geld war inzwischen auch aufgebraucht.
Lucas Situation war schlechter als die tatsächliche ohne meinen Eingriff erlebte.

Hätte ich wissen müssen, wie es weitergeht? Soll der Satan jede Variation beeinflussen? Er kann das tun, die Fähigkeit und die Macht dazu hat er, aber was ist dann der Mensch? Doch nur eine Spielfigur – Gottes oder Satans, ohne eigene Initiative, ohne Willen. Als solche ist er aber nicht gedacht. Der Mensch ist schon selbst dafür verantwortlich, wohin er geht.
Luca hatte eine dicke Schale statt weicher Haut, die ihn kaum noch etwas spüren ließ. Manchmal kommen mir die Menschen im Totenreich lebendiger vor als die, die noch an der Oberfläche sind.
Oder gibt es vielleicht kein Totenreich, ist nach dem Tod nicht nur das Leben beendet, sondern auch die Existenz? Ich werde es nicht verraten. Es ist mein Geheimnis.
Fragt Gott. Er wird euch eine Antwort geben. Er wird euch vom Leben nach dem Tod erzählen, von Himmel und Hölle. Damit ihr brav und bescheiden euer Leben fristet, es klein haltet statt seine Größe zu spüren. Folgt mir. Ich bin der bessere Gott. Bei mir gibt es keine Widersprüche, bei mir gibt es kein lebenslanges Warten. Bei mir wird jede Tat vergolten. Gut oder schlecht, jeder weiß bei mir, woran er ist.

Ich vermag, Lebenswege zu drehen. Gott tut das nicht. Er lässt die Dinge, wie sie sind, und am Ende wird Gericht gehalten.
Lucas Leben mit möglichen Variationen scheint wie verhext. Offensichtlich, das kann man jetzt sicherlich schon sagen, folgt es Murphy´s Law – alles, was schiefgehen kann, geht auch schief.
Ich bin der Satan, und ich will aus ihm einen glücklichen Menschen machen. Bin ich damit nicht der Gott des Guten?

Mehr wühle ich mich nun schon durch Lucas Leben, als dass ich es entlang gleite, vom Alter von 43 tiefer Richtung Jugend.
Mit 37 Jahren fing er bei dieser Firma an, in der er bis zu seiner Pensionierung blieb. Ich sehe hier keine praktische Verbesserungsmöglichkeit. Diese Kreuzung lasse ich unverändert.
Als Luca 33 alt war, rief ihn völlig unvermittelt Mary an, die Maria hieß, aber Mary genannt werden wollte. Damals gab es noch keine Handys, Luca hatte ein Festnetztelefon, aber ohne Anrufbeantworter. Der Anruf erreichte ihn. Sie rief später noch zwei Mal an, ohne dass Luca abhob. Mary hatte Lucas Nummer aus dem Telefonbuch, in dem auch seine Adresse verzeichnet war. Sie hätte ihm einen Brief schicken können oder persönlich vorbeikommen, indes, sie tat es nicht. Mary und Luca kamen nicht wieder zusammen. Als er zehn Jahre jünger war, 23 Jahre, und Mary 22, hatten sie eine Beziehung begonnen, die ein dreiviertel Jahr hielt. Mary war eine von Lucas großen Lieben, definitiv war sie das.
Der Kreuzungsverkehr ist leicht aufzulösen: Beim zweiten Anruf von Mary ist Luca zuhause. Er freut sich, ist aber ein wenig skeptisch. Er lädt sie nicht zu sich ein, sie treffen sich in einem Lokal, trinken und reden, fast ist es wie früher, findet Luca. Beim nächsten Mal gehen sie gemeinsam Essen, Running Sushi, Fließband-Japanisch, sehr gut. Und beim dritten Treffen lotst Luca sie in seine Wohnung, wo sie sich in neuer Liebe vereinigen.
Der nächste Tag ist ein Samstag, nach einem netten Frühstück bei Luca fährt er Mary mit seinem älteren Auto zu sich nach Hause. Als das Auto vor dem Haus steht, steigt Mary aus und verabschiedet sich. „Na komm, Mary, ich bringe dich rauf“, sagt Luca. „Nein danke, ist nicht nötig“, erwidert Mary. Nun drängt Luca: Er will mit hinaufgehen. Mary lässt es zu.
Sie gehen in den dritten Stock, es gibt keinen Lift. An Marys Klingelschild steht „Okoye“. „Bist das du?“, fragt Luca. Früher hieß sie Weber. Mary nickt und sperrt die Wohnungstür auf. In der Küche sitzt eine Freundin von ihr, die in der vergangenen Nacht das Kindermädchen gemacht hat für Marys vier Kinder, von denen zwei dunkelbraun-gelbliche Haut haben, ein Kind hat mandelförmige Augen, das größte Kind hat rote Haare, viele Sommersprossen und hellblaue Augen, ein Bub von zirka sieben Jahren. Die Kinder sind ärmlich angezogen. Die Wohnung ist schmutzig. Mary schämt sich. Ihre Freundin krakeelt etwas Unverständliches. Luca verlässt die Wohnung, das Haus, Mary und ihre vernachlässigten Kinder.

Egal, was der Satan tut und lässt, es hilft Luca nicht. Als ob er verloren wäre, sein Leben negativ besetzt, ohne der Möglichkeit, es ins Positive zu drehen. Auch Gott könnte nichts Gutes ausrichten. Doch das tut er ja nicht, weil er niemals aktiv wird gegenüber seinen Geschöpfen, erst wenn es zu spät ist.
Doch ich gebe nicht auf, ich versuche es weiter, etwas ist immer möglich, es gibt immer einen Ausweg, man muss ihn nur finden. Ich suche weiter.
Viele Rockstars starben mit 27 Jahren. Es gibt den Club 27. Weshalb gerade mit 27? Weil man mit 28 Jahren doch schon ziemlich gefestigt ist, „erwachsen“. Wahrscheinlich fürchten sich manche davor, oder viele sogar – dass die Hauptzeit des Spaßes vorüber ist, man ernsthaft sein muss, einfach, dass sich nicht mehr so viel tut. Auf ewig Kind sein ist doch viel amüsanter, und einfacher.

Als Luca 27 war, hatte er es seit einigen Jahren schon in die Landeshauptstadt geschafft. Er hatte das Leben am Hof gemocht, aber er würde ihn nicht erben und so war auch kein dauerhafter Platz dort mehr für ihn. Gut für Besuche, aber das war es schon.
Damals arbeitete er in einer Werbeagentur, als einfacher Angestellter. Man stellt sich das als interessanten Arbeitsbereich vor, aber in erster Linie ist es ein schlecht bezahlter. In einer Werbeagentur verdient meist nur der Chef. Luca erledigte die Verwaltungsarbeit. Er hatte keine Freundin. Überhaupt hatte er nicht oft eine Freundin, und wenn schon, dann fast immer nur kurz. Aber er ging laufen, Rad fahren und schwimmen, er bewegte sich in der Natur. Er freute sich schon auf den Winter, um eiszulaufen und Langlaufen zu gehen. Jetzt war Sommer. Freitags ging er häufig aus, manchmal auch am Samstag. Er trank nicht viel, darum ging es ihm nicht, aber er hatte Kommunikation. Alles im allem war er nicht weit davon entfernt, mit sich im Reinen zu sein.
Eines Abends besuchte ihn ein Freund. Er hatte die Absicht, in die Bundeshauptstadt zu gehen – weil sie bessere Chancen versprach, in jeder Richtung, beruflich, privat, Hobby-mäßig – der Freund war Musiker, und dort gab es viel mehr Möglichkeiten, um aufzutreten. Er hatte eine Drei-Zimmer-Wohnung in Aussicht, für die er zwei Freunde suchte, um eine Wohngemeinschaft zu gründen. Die Wohnung wäre dann für jeden gut leistbar gewesen.
„Na Luca, wie sieht es aus? Bist du dabei?“, fragte er. Doch Luca zierte sich. Er erbat sich ein paar Tage Bedenkzeit Er hatte doch den Job, lausig bezahlt zwar, aber doch, für seine sportlichen Hobbys brauchte er Natur und keine Großstadt, Frauen?, gut, mit denen sah es in der Bundeshauptstadt besser aus, ja, und Fortgehen wäre dort auch abwechslungsreicher, an jedem Tag ist da etwas los.
Die Chancen standen 50:50. Gehen oder bleiben? Aber Luca fing an, schlecht zu schlafen. Albträume, er hatte Angst vor einem Wechsel. Er hatte immer Angst. Er ging nicht fort. Er blieb. Und sein Leben wurde nicht besser.
Wo war der Fehler? Es musste einen geben. Luca stand selbst seinem Glück im Weg. Es war, als ob er gar nicht glücklich sein wollte. Langsam spazierte ich durch ein paar seiner Tage in verschiedenen Lebensaltern. Luca ging nur in Kirchen, um sie sich anzusehen, ihm gefiel das Erhabene, er sah eine Kirche als schönes Bauwerk. Aber er bete nicht in ihnen. Mir fiel auch sonst nie auf, dass er betete. Doch nachdem ich seine Tage sehr langsam passiert hatte, bemerkte ich, dass er gelegentlich beim Einschlafen an Gott dachte und dadurch Verbindung mit ihm aufnahm. Es war solcherart: Er glaube an die göttliche Versehung, daran, dass er nichts tun konnte, um seinem Schicksal zu entgehen. Dadurch kastrierte er sich geradezu selbst. Er überließ sein Leben Gott. Er lebte sein Leben passiv. Macht das Sportgerät Sport, wenn es bewegt wird? Nein, natürlich nicht, es ist der Mensch. Das Sportgerät ist bloß Mittel zu Zweck. Jedes Kind weiß das.
Es hatte also keinen Sinn mehr, in Lucas Leben einzugreifen. Es konnte nicht gedreht werden, es konnte nicht verbessert werden – weil er es selber in seinem Gottvertrauen gar nicht wollte.
Bedeutet das nun, dass Gott stärker ist als ich? Nein, das kann man so nicht sagen. Wenn jemand wie Luca die Hoheit über sein Leben aus Bequemlichkeit, denn meist ist es die, abgibt, kann der Satan dagegen nichts unternehmen.
Luca hätte sich auch zu mir bekennen können. Dann hätte jede Veränderung in seinem Leben einen positiven Ausgang. Dann wäre es genau umgekehrt gewesen. So kann man sagen, dass zwischen Gott und mir Gleichstand herrscht.
Lucas Beispiel war ein schlechtes für mich, doch es gibt genügend andere.

Glaubt ein Mensch an Gott, dann ist er religiös. Und wenn ein anderer an mich glaubt, dann ist er genauso religiös, nur andersrum – genauso andersrum, wie mein Kreuz auf dem Kopf steht, die kurze Seite ist unten.
Ich bin die bessere Wahl. Irgendwann werden es die Menschen erkennen. Ich lasse ihnen die Wahl, meine Jünger dürfen selbständig über ihr Leben bestimmen.
Gott verlangt, dass man zu ihm betet. Ich verlange keine Gebete. Wenn er das Weiß ist, bin ich das Schwarz. Kann es auch umgekehrt sein? Es kann!
Die Menschen flehen Gott an: „Erbarme dich unser!“ Mich flehen sie nicht an, ich bin ohnehin ständig bei ihnen.
Gott macht es recht, der Satan macht es schlecht. Ha, darüber kann ich nur lachen! Gibt es einen Beweis dafür? Natürlich nicht, nicht den allerkleinsten.

Es gibt andere Beispiele, viele Beispiele, bei denen Menschen es mit mir besser getroffen haben als mit Gott.
Nehmen wir Evalinde, die nicht wirklich so heißt. Sie arbeitet als Straßenprostituierte, Winters wie Sommers, im Herbst wie im Frühling. Autos halten, sie steigt ein – wenn es gut läuft. Sie ist ein Junkie, sie trinkt, sie nimmt alles ein, was sie kriegt, um geistig nicht dort zu sein, wo sie ist. Es ist ihr nicht zu verübeln. Nicht nur H ist ihr Gott, auch der himmlische ist es. Sie besitzt einen Rosenkranz, sie kennt alle Gebete, wenn sie frei hat, geht sie in die Kirche. Die Heilige Messe ist ein Fixpunkt in ihrer Lebensgestaltung.
Aber was tut sie? Sie betet, Gott hört sie, sie fühlt sich wohl dabei, doch was geschieht, was ist die Folge? Gar nichts. Sie geht weiter auf den Strich. Gott lässt sie gewähren.
Würde sie sich an mich wenden, würde ich sie mit Mut ausstatten. Sie würde einen Ausweg suchen, eine Möglichkeit, mit diesem unwürdigen Treiben aufzuhören. Sie würde aktiv werden. Darauf kommt es an. Vielleicht ein Raub, Beischlafdiebstahl, vielleicht sogar etwas Schlimmeres. Hätten es denn ihre Freier nicht manchmal verdient? Soll sie weniger wert sein als sie? Nein, warum? Auf keinen Fall. Durch mich würde Evalinde ihren Wert sehen, ich würde ihn ihr zurückgeben. Und ich würde ihr zeigen: Es gibt ein Leben jenseits der Gosse.
Sie bräuchte mich nur zu fragen. Ich würde ihr eine hilfreiche Antwort geben. Ich bin der Satan, der handelt, nicht der Gott, der wartet.
Gottesfürchtig soll man sein. Man soll Angst haben vor seinem Schöpfer. Das kann doch nicht gut sein, auf keinen Fall kann es das. Mich muss niemand fürchten. Das behauptet nur Gott, aber es ist nicht wahr.
Gott und der Satan leben zusammen wie Baum und Mistel. Wir sind eine perfekte Symbiose. Ohne den einen kann es den anderen nicht geben. Gott braucht den Satan, so wie der Satan Gott braucht. Einst waren wir vereint, dann trennten sich unsere Wege.

Gibt es einen Pluspol, muss es auch einen Minuspol geben. So ist auch unser Verhältnis. Doch wer sagt, dass Gott unbedingt plus sein muss und der Satan minus?
Ja ja, es ist auch eine Sache der Vorbereitung und der Tradition. Gott hat die Bibel, das Alte Testament, das den Werdegang der Völker Juda und Israel beschreibt, und das Neue Testament, das das Leben des Heilands nachzeichnet.
Was hat der Satan, welche schriftlichen Werke? Gar keine, nichts. In diesem Fall bin ich im Hintertreffen. Zu mir bekennt sich niemand öffentlich. Die blassen jungen Leute mit langen glatten schwarzen Haaren dressed in black tun nur so als ob. In Wirklichkeit sind sie die Harmlosesten unter den Harmlosen.

Einer alten glücklosen Frau, die den falschen Mann geheiratet hat, stehe ich bei, indem der richtige sie zur Frau nimmt. Nicht unbedingt muss dadurch ihr Lebensweg eine erfreuliche Wendung nehmen, aber die veränderte Ausgangslage ist eine günstigere.
Bei jüngeren Menschen, sagen wir bei Kindergartenkindern, ist es anders. Ihre Vergangenheit ist kurz, ihre Zukunft sehr lang. Meist gibt es da nicht viel zu ändern, diese Kinder begleite ich in der Zukunft, ich bin wie der gefallene Engel Luzifer unsichtbar an ihrer Seite, und ich beeinflusse sie so, dass ihr Geschick in günstige Bahnen gelenkt wird.

Man muss an Gott glauben, sagt Gott, beziehungsweise steht es in der Bibel und sagt es der Priester, dann kommt man in den Himmel – nach dem Tod. Man kann die Richtigkeit dieser Aussage während des Lebens nicht überprüfen. Man lebt mit dieser Gedankenkonstruktion, dann stirbt man, und was passiert danach?
Ich kenne die Antwort, aber sie bleibt in mir verschlossen. Jeder sucht sein Heil, mit oder ohne Führer, jeder sucht sein Heil und sein Glück.

Wie ist das, wenn ein neuer Mensch auf die Welt kommt? Das Baby zwängt sich durch den Geburtskanal, ist noch mit der Mutter durch die Nabelschnur verbunden. Es ist draußen und schreit. Ein neuer Mensch, ein neuer Erdenbewohner.
Ich biete ihm an, ihn zu begleiten, aber er sagt nicht zu, er lehnt nicht ab, er reagiert nicht. Er ist immun gegen meine Einflüsterungen.



 

 

 



























 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Autor
Bright Angel (Pseudonym) wurde Mitte der 1960er Jahre in Kärnten geboren. Er ist ein unsteter Geist und ein rollender Stein. Er schreibt Lyrik, Prosa und Hörspiele und fotografiert. Er veröffentlichte Lyrik, Kurzprosa und Fotos in Zeitschriften und Anthologien und bei „Erozuna“, „Zukunftia“, „Gangway“ und „zugetextet.com“ im Internet.

Veröffentlichungen:

  • Gedichte in „Driesch“, Nr. 5  im Jahr 2011.
  • Kurzgeschichte in „Brückenschlag“, Band 27 im Jahr 2011.
  • Kurzgeschichte in „TrokkenPresse“, Nr. 5 im Jahr 2011.
  • Prosatext in „TrokkenPresse“, Nr. 2 im Jahr 2012.
  • Gedichte in und Gedicht auf „Brückenschlag“, Band 28 im Jahr 2012.
  • Miniaturen in „WORTSCHAU“, Nr. 17 im November des Jahres 2012.
  • Gedichte in „Spring ins Feld“, 13. Ausgabe, Dezember des Jahres 2012.
  • Kurzgeschichte in „Brückenschlag“, Band 29 im Jahr 2013.
  • Prosatext in „TrokkenPresse“, Nr. 3 im Jahr 2013.
  • Gedicht in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 59, 09/2013.
  • Kurzgeschichte in der Anthologie „Mein heimliches Auge, Das Jahrbuch der Erotik XXVIII“ vom konkursbuch Verlag
  • Claudia Gehrke im Jahr 2013.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 60, 12/2013.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 61, 04/2014.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 62, 08/2014.
  • Kurzgeschichte und Gedicht in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 63, 11/2014.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 64, 04/2015.
  • Kurzgeschichte und Gedicht in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 67, 04/2016.

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