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Chronos

StoryChronos

Ich habe meinen Sterbezeitpunkt überschritten. Ich bin jetzt 37 Jahre und 231 Tage alt. Ich hätte mit 37 Jahren und 197 Tagen sterben sollen, von einem schwarzen VW Passat auf einem Zebrastreifen niedergefahren, um 12:02 Uhr, zu Beginn der Mittagspause. Ich wusste, was mich erwartet und blieb im Büro. So entging ich dem Tod, zumindest vorübergehend. Wirklich? Kann man seinem Schicksal entfliehen? Gibt es ein Schicksal, einen Großen Plan für alles Leben und einen Kleinen Plan für jedes Lebewesen, in dem alle Ereignisse, die es betreffen, festgelegt sind, im Vorhinein?


Ich habe meinen eigenen Tod in einem Film gesehen, der unterlegt von seinem Datum und seiner Uhrzeit war. Das ist nicht üblich, da bin ich mir sicher. Vielleicht kann man das den sechsten Sinn nennen, ich nenne das nicht so, denn ich höre und sehe ziemlich schlecht, diese beiden Sinne erfüllen nur zur Hälfte ihre Funktion, daher komme ich mit meinem zusätzlichen Sinn der Vorsehung auch nur auf fünf Sinne.

Es ist nicht so, dass ich das In-die-Zukunft sehen kontrollieren könnte. Ich kann nicht die Börsenkurse von einem Monat in der Zukunft voraussagen, aber manchmal erscheinen kurze Filme von zukünftigen Ereignissen vor meine geistigen Augen, wobei unten im Bild deren Zeitpunkte angegeben sind, nicht aber ihr Ort – doch sehr oft ist mir die Gegend bekannt.

Ich habe gelernt, dass es besser ist, diese Gabe für mich zu behalten. Einmal, ich erinnere mich, warnte ich meine greise Nachbarin aus dem Erdgeschoß, dass zwei Tage später, kurz nach Ende der Nachrichten von 19:30 Uhr, in ihrer Küche ein Brand entstehen würde, aufgrund einer Pfanne, deren Öl sich auf eine eingeschalteten Herdplatte entzünden würde, dann würde das Feuer die Vorhänge erfassen und sich schnell ausbreiten. Ich erzählte der alten Dame davon, ich konnte sogar die Herdplatte benennen, die rechte hintere. Meine Nachbarin ließ dann die Nachrichten im Wohnzimmer laufen und stand zur gegebenen Zeit am Herd. Und so geschah es, das Öl in der Pfanne begann plötzlich zu brennen. Sie ergriff rasch die Pfanne am Stiel, öffnete mit der linken Hand das Fenster und warf die Pfanne ins Freie. Sie begann zu schreien, was ein anderer Nachbar hörte, woraufhin er das Feuer mit einer Decke erstickte.

Danach aber begann es: Meine Nachbarin fragte zuerst, ob ich einen direkten Draht zu Gott hätte. Ich denke, sie wollte, dass ich bei ihm ein gutes Wort für sie einlegte. Ich sagte bloß, nein, das ist es nicht, mir passiert das eben gelegentlich, dass Visionen zu mir kämen. Dadurch wurde sie erst richtig neugierig, sie wollte alles über mich wissen, dann erzählte sie allen ihren Freundinnen von mir, dem Hellseher, wie sie nun zu mir sagte. So wie es aussah, glaubte ihr allerdings niemand. Und dann starb sie, durch einen Schlaganfall, falls ich das richtig vernommen habe. Ihren Tod sah ich nicht im Voraus.

Bei meiner Freundin war das anders: Ich sah, dass sie das Treppenhaus des Hauses, in dem ich im dritten Stock wohne, hinunterstürzte. Dabei brach sie sich das Genick. Sie hatte einiges getrunken, war fahrig und von einem Streit verärgert. Der Film trug das Datum vom Freitag in einer Woche, 23:35 Uhr.

Und wirklich kam es so. Wir saßen zusammen, tranken Bier, sahen uns einen Horrorfilm aus der Videothek an. Danach begann sie ohne Vorwarnung zu sticheln, auf eine wirklich gemeine Weise – wieso ich denn als Akademiker seit über vier Jahren als schlechtbezahlter technischer Sachbearbeiter in meiner Firma arbeiten würde, weshalb ich denn noch nie befördert wurde? „Claudia“, sagte ich da, „ich habe Germanistik studiert, ich kann froh sein, überhaupt einen Job zu haben. Außerdem steht dir nicht zu, was du da gerade von dir gegeben hast.“ Sie wurde daraufhin noch wütender, ich könne ihr zu wenig bieten, so habe sie sich ihre Zukunft nicht vorgestellt. Sie wurde noch deutlicher, es war wirklich unschön. Ich nahm damals an, und damit bin ich wohl richtiggelegen, dass sie jemand anderen kennengelernt hatte, wahrscheinlich auch schon mit ihm ins Bett gegangen, aber zumindest kennengelernt musste sie ihn haben. Bei berechnenden Frauen ist es ein häufiges Muster, dass sie dann auf diese Art ausfällig werden. Sie zog die Schuhe und ihren Mantel an, wobei sie schwankte, um 23:33 Uhr war sie damit fertig. Es sah aus, als schnitt der Blick ihres linken Auges den ihres rechten, sie war ziemlich stark betrunken. „Ruf mich nie mehr an!“, schrie sie noch, als sie die Wohnungstür zuschlug. Dann hörte ich ihre Absätze die Treppe hinunter klacken. Einen Stock weiter unten schrie sie plötzlich, und man hörte die Geräusche eines aufschlagenden Körpers, etliche Male. Ich versuchte gar nicht, sie zurückzuhalten – weil mir klar war, dass unsere Beziehung jetzt vorüber wäre. Sie hatte so keinen Wert mehr für mich gehabt. Das ist natürlich ganz und gar nicht nett, aber wer sagt denn, dass ich das immer sein muss?

Es sind nicht immer negative Erlebnisse, die mir erscheinen, lange nicht, nur ist es bei den positiven Dingen so, dass ich sie nicht zu vereiteln versuche – das zuletzt beschriebene negative Geschehnis war eine Ausnahme, beziehungsweise war der Todessturz meiner Freundin für mich ja nicht negativ. Aber es kann auch anders kommen: dass ich etwas zukünftiges Positives, Schönes, Tolles zunichtemache, gegen meinen Willen, unabsichtlich – damit, dass ich dadurch ja auch meine Feinde schädigen könnte, habe ich mich gar nie beschäftigt.

So trug es sich zu, dass ich sah, wie ein damals neunjähriges Mädchen, das in meiner Straße wohnt, mehr als fünf Jahre in der Zukunft bei einer großen Show, die im Fernsehen übertragen werden würde, als Solotänzerin auftritt. Ein paar Wochen nach dieser Vision kam ich mit ihrer Mutter ins Gespräch, die eine hübsche und lustige Person ist und ein wenig eine Plaudertasche, jedenfalls erzählte sie mir den neuesten Klatsch, und da gab es so einiges zu berichten. Plötzlich sah sie auf ihre Uhr und sagte: „Mist, das geht sich nicht mehr aus!“ „Was geht sich nicht mehr aus?“, fragte ich. „Das Vortanzen von Ruth bei der neuen Company“, antwortete sie. Oje, da wusste ich gleich, dass ich es vermasselt habe. Aber wie sollte ich das wissen? Ich konnte es nicht wissen. Aber dennoch: Ich habe den Lauf der Geschichte verändert. Als Tänzerin würde Ruth es nie ins Fernsehen schaffen.

Dann geschah die Sache mit meinem jüngeren Bruder. Er war fanatischer Paragleiter, er flog fast jedes Wochenende, sogar im Winter. Ich saß da, und plötzlich sah ich ihn fliegen mit seinem hellblauen Schirm, der fast keinen Kontrast zum Himmel bot. Alles schien zu sein wie immer, unspektakulär, aber schlagartig geriet er ins Trudeln. Er schaffte es nicht, die kreisende Bewegung zu stoppen, dann klappte schließlich sein Schirm zusammen, und er stürzte fast ungebremst zu Boden. Eine Hochspannungsleitung bremste seinen Fall, die Elektrizität grillte ihn geradezu, seine Augen schmolzen augenblicklich. Er war eine sehr unansehnliche Leiche. Jetzt erst sah ich auf Datum und Uhr. Sein Todeszeitpunkt war heute in etwas mehr als neun Minuten. Aber wann hatte das Trudeln begonnen? Ich wusste, dass er sein Handy immer mithatte. Sofort rief ich ihn an. Aber er ging nicht ran. Ich versuchte es noch einmal, zweimal, dreimal, viermal. Er musste das Läuten doch gehört haben. Die Lösung war, dass er genau diesen Mal sein Handy im Auto vergessen hatte.

Danach beschloss ich, in das Schicksal einzugreifen. Ich wollte das Große Programm umschreiben. So begab ich mich eines Nachts in den Schneidersitz, um mich brannten Kerzen, und ich meditierte. Ich stellte mir vor, ich würde an den Ort reisen, wo das Große Programm auf einem Computer lief. Meine Augen waren geschlossen. Da spürte ich, wie ich mich vom Parkettboden erhob, ich konnte durch die Wohnungen ober mir und das Hausdach dringen, als bestünde ich nicht aus Materie. Ich reiste an diesen Ort, wo alles, was geschehen wird, ganz genau festgelegt wird.

Aber es war kein Programm, mit dem ich eventuell hätte umgehen können – da ich früher zwar nur in BASIC, aber immerhin das –, programmiert hatte. Es war ein Uhr mit einem mechanischen, sehr komplizierten Uhrwerk aus Federwerk, Zeigern, Unruh, Zahnrädern. Hier konnte ich nichts ausrichten, nicht das Geringste, keine Chance dazu.

Ich kehrte wieder zurück. Nun waren die Kerzen weit abgebrannt. Ich blies sie aus und schaltete das elektrische Licht ein.

Ich sah meinen Tod noch zwei Male, wo ich ihm ausweichen konnte. Das dritte Mal sah ich, wie ich einen Schlaganfall erleiden würde – in zweieinhalb Sekunden. Diesmal war ich zu langsam.

Zum Autor
Bright Angel (Pseudonym) wurde Mitte der 1960er Jahre in Kärnten geboren. Er ist ein unsteter Geist und ein rollender Stein. Er schreibt Lyrik, Prosa und Hörspiele und fotografiert. Er veröffentlichte Lyrik, Kurzprosa und Fotos in Zeitschriften und Anthologien und bei „Erozuna“, „Zukunftia“, „Gangway“ und „zugetextet.com“ im Internet.

Veröffentlichungen:

  • Gedichte in „Driesch“, Nr. 5  im Jahr 2011.
  • Kurzgeschichte in „Brückenschlag“, Band 27 im Jahr 2011.
  • Kurzgeschichte in „TrokkenPresse“, Nr. 5 im Jahr 2011.
  • Prosatext in „TrokkenPresse“, Nr. 2 im Jahr 2012.
  • Gedichte in und Gedicht auf „Brückenschlag“, Band 28 im Jahr 2012.
  • Miniaturen in „WORTSCHAU“, Nr. 17 im November des Jahres 2012.
  • Gedichte in „Spring ins Feld“, 13. Ausgabe, Dezember des Jahres 2012.
  • Kurzgeschichte in „Brückenschlag“, Band 29 im Jahr 2013.
  • Prosatext in „TrokkenPresse“, Nr. 3 im Jahr 2013.
  • Gedicht in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 59, 09/2013.
  • Kurzgeschichte in der Anthologie „Mein heimliches Auge, Das Jahrbuch der Erotik XXVIII“ vom konkursbuch Verlag
  • Claudia Gehrke im Jahr 2013.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 60, 12/2013.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 61, 04/2014.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 62, 08/2014.
  • Kurzgeschichte und Gedicht in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 63, 11/2014.
  • Gedichte in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 64, 04/2015.
  • Kurzgeschichte und Gedicht in „DATT IS IRRE !“, Ausgabe 67, 04/2016.

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