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Kurt Luifs Werkausgabe - 9. Teil - Voodoo-Zauber im Rock-Palast

Kurt Luif WerkausgabeVoodoo-Zauber im Rock-Palast

Im Mai 2017 wäre Kurt Luif 75 Jahre alt geworden und aus dem Grund habe ich mir die Mühe gemacht und diverse Romane von ihm eingescannt und präsentiere Euch im Laufe der nächsten Monaten einige seiner Werke in eine Art von Werkausgabe.

Nach ein Schaffenspause von drei Jahren als Gruselautor, bekam er Gelegenheit im Zauberkreis-Verlag wieder Grusel zu schreiben.

Sein erster Magier-Roman erschien 1982 anonym als Nummer 18 unter dem Titel "Voodoo-Zauber im Rock-Palast".

Dies hier die Originalfassung des Manuskriptes. In der Heftversion von Magier Nr. 18 hat Jürgen Grasmück alias Dan Shocker in seinem Job als „Redakteur“ einiges gekürzt oder verändert. So wurden z. B. der Roman-Anfang gekürzt, einige Beschwörungsformeln weggelassen. Roys Tipgeber in Sachen Voodoo-Thematik der Ethnologe Jos van Noord wurde durch Roys Butler Patrick ersetzt.

Uwe Schnabel

Voodoo-Zauber im RockpalastVoodoo-Zauber im Rockpalast
Magier Nr. 18
Anonym (von Kurt Luif)
Man konnte das Trommeln bis Port-au-Prince hören.
Zuerst leise wie ein Pulsschlag, dann immer lauter, und durchdringender werdend.
Irgendwo in den Bergen, in einer kleinen Strohhütte fand eine Voodoo-Zeremonie statt.
Die Kerzen flackerten. Ein betäubender Duft lag in der Luft, der aus einer Schale drang, in der Holzkohle glühte. Ein junger Hungan warf immer wieder Kräuter in das aufzischende Feuer.
Dunkelhäutige Gestalten, deren Gesichter mit Asche beschmiert waren, tanzten verzückt um einen Toten herum, der in der Mitte der Hütte aufgebahrt lag.
Die schweißbedeckten Körper der dunklen Schemen glänzten unwirklich im zuckenden Kerzenlicht.    
Der tote Neger war ein mächtiger Priester gewesen. Blumen hüllten seinen Leib wie ein buntschillerndes Kleid ein.
Das Trommeln wurde ohrenzerreißend.    
Keuchend und stöhnend hüpften die Priester und Priesterinnen, die Hungans und Mambos hin und her. Einige wälzten sich auf dem festgestampften Lehmboden wanden sich wie in Krämpfen.
Schreie mischten sich in das dumpfe Gedröhne der im Herzrhythmus schlagenden Voodoo-Trommeln.
Plötzlich wurde es still.
Nur das Knistern und Zischen der lodernden Kohle war zu vernehmen.
Alle knieten nieder und berührten mit der Stirn den kühlen Boden.
Ein kräftig gebauter Neger, der nur mit einen weißen Lendenschurz bekleidet war, betrat die Hütte. Bedächtig ging er auf die Bahre zu und blieb vor dem Toten stehen. Er hob die Arme langsam hoch. Sein Oberkörper war mit grellen Farben beschmiert, die bizarre Muster bildeten und fast wie Tätowierungen aussahen. Sein Kopf war mit einer abstoßend häßlichen Holzmaske verhüllt, die den Kriegsgott Ogun Badgari darstellte. In der rechten Hand hielt er einen weißen Tontopf, in der linken einen frisch geschnittenen Palmzweig.
„Ich bin froh, daß ihr alle meinem Ruf gefolgt seid“, sagte der Maskierte, der ein Papaloa war, eine Art Hohepriester. „Wir sind gekommen, um von Azarian Abscheid zu nehmen.“
Das unheimliche Trommeln begann wieder.
Die Hungans und Mambos erhoben sich und wichen scheu zurück.
Der Papaloa richtete den Palmzweig nach Osten und hob ihn dreimal hoch. In diesem Augenblick glitt eine faustgroße Spinne mit dicken Beinen hinter der Maske hervor. Sie blieb ein paar Sekunden ruhig im Nacken des Maskierten sitzen, dann kroch sie zögernd auf seine linke Schulter.
„Hungans und Mambos“, schrie der Papaloa mit schriller Stimme, „wir sind zusammengekommen, um Azarians letzten Wunsch zu erfüllen!“
Mit dem Palmzweig wischte er die Blumen fort, die den Toten bedeckten, und strich fast liebevoll über die eingefallenen Wangen.
„Ich werde mit meiner Zauberkraft Azarian in einen Zombie verwandeln!“
Ein Raunen ging durch den Raum.
Der Papaloa stellte den weißen Tonkopf auf die Brust des Toten. Im sogenannten „Topf des Kopfes“ befanden sich Haarbüschel, Achselhaare, Nägelstücke der Finger der linken Hand und des linken Fußes von Azarian.
„Errichtet ein Bule-ze!“
Einige Priesterinnen holten Reisig, andere brachten einen großen Topf und stellten ihn auf einen Untersatz. Ein Priester reinigte das Innere des Gefäßes mit Mombin-Blättern, danach bestrich er das Innere mit einem Pinsel aus heiligen Hühnerfedern dick mit Öl. Die Mambos schichteten das Reisig um den Topf. Dann zogen sie sich wieder in das Dunkel der Hütte zurück.
Die Spinne kletterte vorsichtig den Arm des Hexers hinunter, erreichte den Palmzweig und blieb auf dem Gesicht des Toten sitzen.
Der Maskierte riß den Palmzweig hoch und begann zu singen.
„Heya Ogun Badgari sindyae.“
Die Mambos stimmten in den Gesang ein, während die Hungans die Kürbisrasseln klappern ließen. Nun begannen sie zu den lauter werdenden Trommeln um den Toten zu tanzen.
Der Zauberer berührte das Reisig mit dem Palmwedel, und es begann zu zischen, dann entzündeten sieh explosionsartig ein paar Zweige. Sekunden später brannte das Reisig. Die Flammen loderten bis zur Decke hoch, sprangen auf das mit ölbestrichene Gefäß über und dicke Rauchwolken, die gelb waren, quollen hervor und hüllten den Toten ein.
„Atchasu ba mwe, Pot lit tu Mare“, brüllte der Papaloa und griff nach dem Topf des Kopfes auf der Brust des Toten. Er sprang zu rauchenden Gefäß und warf den Tontopf hinein.
Das Gefäß hüpfte auf und ab. Der Boden und die Wände der Hütte zitterten.
Die Rauchschwaden waren nun so dicht, daß man den Toten kaum mehr sehen konnte.
Die Spinne hockte noch immer auf der Stirn Azarians und bewegte sich nicht.
Langsam verzogen sich die übel stinkenden Rauchwolken.
Der Hexer tupfte die Spinne mit dem Palmwedel an. Das Tier krümmte sich zusammen, wurde glühend rot, verformte sich und wurde zu einer gallertartigen Masse, die sich über das Gesicht des Toten ausbreitete und in seinen weit aufgerissenen Mund floß.
Nun wurde es wieder still. Das Trommeln und der Gesang waren verstummt.
Der Maskierte beugte sich über den Toten und strich mit dem Palmzweig über die Beine, den Bauch und die Brust. Dann ließ er die die Spitze des Palmzweiges leicht über die Stirn Azarians huschen.
„Erwache, Azarian!“
Die Hände des Toten begannen zu zucken. Langsam öffnete er die Lider. Die Augen waren starr und leblos. Das Gesicht war leer und ausdruckslos. Mühsam hob der Zombie den Kopf und stierte den Hexer an.
„Ich danke dir, großer Papaloa, daß du meinen Wunsch erfüllt hast“, sagte er mit tonloser Stimme. „Ich danke dir.“
Der Hexer trat zwei Schritte zurück.
Azarian setzte sich mit ruckartigen Bewegungen auf.
„Ich werde nun zu einem unserer größten Feinde gehen und ihn töten“, sagte der Untote.

* * *


Louis Tournier verzog angewidert den Mund, als er das Trommeln hörte. Seite einigen Monaten vernahm man es wieder häufiger.
„Verdammte Voodoo-Brut“, knurrte er und warf die halbgerauchte Zigarette aus dem Fenster.
Er stieg stärker aufs Gaspedal, und der silberfarbene Porsche raste die Anhöhe hoch, die zu Tourniers Villa führte.
„Du glaubst doch nicht an Voodoo, Louis?“ fragte Claire Moinet, die auf dem Beifahrersitz saß. Sie war eine bildschöne Negerin, die seit zwei Wochen Tourniers Geliebte war. Er war ein einflußreicher Mann in Haiti, denn er war der Polizeichef von Port-au-Prince.
Louis warf ihr einen kurzen Blick zu. Ihre grell-rote Bluse stand halb offen, und man konnte mehr als nur die Ansätze ihrer großen Brüste sehen.
„Mein Vater glaubte daran“, stellte er fest.
„Das ist keine Antwort.“
Verdammt, dachte er, was soll ich darauf antworten? Innerhalb von zwei Wochen waren der Wohlfahrtsminister und der Außenminster von Haiti auf geheimnisvolle Art ums Leben gekommen. Beide waren junge Männer gewesen, völlig gesund, doch man hatte sie mit schrecklich verzerrten Gesichtern und weit aufgerissenen Augen tot gefunden. Herzschlag hatte die Diagnose der Ärzte gelautet, doch Louis Tournier glaubte diese Version nicht.
„Mein Vater war ein Mitglied der Tontons Macoute“, flüsterte er fast unhörbar. „Aber da warst du erst ein kleines Mädchen. Und Papa Doc hatte an Voodoo geglaubt.“
Claire lächelte. „Die Zeiten haben sich aber geändert, Chéri. Jetzt gibt es keine Privattruppen mehr für einen Diktator, doch...“
Louis Tournier preßte die Lippen zusammen, und sie wußte, daß sie zu weit gegangen war. Der frühere Diktator Dr. Francois (Papa Doc) Duvalier war zwar schon lange tot und sein Sohn war offiziell Präsident auf Lebenszeit, doch letztendlich war er auch nur ein Diktator, der eine Vorliebe für schnelle Motorräder hatte.
„Ich will nichts von Politik in meiner Freizeit hören“, sagte Louis verärgert.
„Ist schon gut“, murmelte sie entschuldigend.
Der Himmel war sternenklar. Der Passatwind trug betäubende Duftschwaden von Begonien und Oleander heran.
Wieder war das Trommel zu hören, aufputschend und geheimnisvoll,
Tournier bog mit quitschenden Reifen in die schmale Seitenstraße ein, die außerhalb von Petionville zu seiner Villa führte.
Vor dem mit Eisengittern umgebenen Grundstück patrouillierten zwei uniformierte Polizisten. Alle Häuser der wichtigsten Persönlichkeiten wurden auf seine Anordnung hin bewacht.
Einer der Polizisten öffnete das Eisentor; und Tournier fuhr an den Palmen vorbei zum Haus.
Er sprang aus dem Wagen, und seine Geliebte folgte ihm.
Seine Laune besserte sich erst ein wenig, als er das zweite Glas Planter's Punsch getrunken hatte. Claire schmiegte sich eng an ihn und küßte ihn verlangend.
Seine Begierde erwachte, und er vergaß all seinen Ärger, seine Sorgen und den ganzen Voodoo-Kult.
Er stand auf, legte eine Hand auf die Schulter seiner Freundin, die ihm zulächelte. Sie stiegen die Stufen hoch, die zu seinem Schlafzimmer führten.
Tournier drehte das Licht an, schloß die Tür und blickte Claire verlangend an.
„Zieh dich aus“, sagte er mit heiserer Stimme.
Lächelnd öffnete Claire ihre Bluse, während er auf das breite Bett zuging.
Plötzlich zuckte er entsetzt zusammen!
Auf dem Bett lag eine kleine Stoffpuppe. Der unförmige Kopf war mit Asche bestreut und in der Herzgegend steckte eine Nadel!
„Was ist, Chéri?“ fragte Claire, die ihre Bluse auf einen Stuhl legte.
„Verflucht!“ schrie Tournier wütend. „Wer hat mir dieses verdammte Ding ins Bett gelegt?“
Er packte die Puppe und stürmte in den Korridor. „Pierre!“ brüllte er. „Komm sofort her.“
Der alte Diener tauchte auf. Als er die Puppe sah, schlug er die Augen nieder und bekreuzigte sich.
„Woher kommt diese Puppe, Pierre?“
„Ich weiß es nicht, Monsieur.“
„War irgendein Fremder heute im Haus?“
„Nein, Monsieur. Nur Catherine und ich.“
„Wirf dieses verfluchte Ding fort. Und sag den Polizisten, daß sie aufpassen sollen.“
Der Diener zuckte zusammen, als Tournier ihm die Puppe zuwarf. Wieder bekreuzigte sich Pierre.
Louis Tournier versuchte das Zittern seiner Hände zu verbergen. Er beachtete Claire nicht, sondern ging zur Bar und schenkte sich ein Glas mit Bacardi ein. Er trank es auf einen Zug leer.
„Die Voodoo-Leute haben es auf mich abgesehen“, sagte er grimmig und schenkte nach.
„Denk nicht daran, Chéri“, flüsterte Claire. „Komm zu mir. Denk nicht mehr drann.“
Er hörte das Rascheln ihres Rockes, und als er sich schließlich umdrehte lag das Mädchen nackt im Bett. Doch der Anblick ihres schönen Körpers konnte ihn nicht ablenken.
Die Voodoo-Brut ist hinter mir her, dachte er.

* * *

Azarian, der zum Zombie geworden war, stand in der Mitte der Hütte. In der rechten Hand hielt er ein scharfes Messer.
„Ich werde ihn töten“, zischte der Untote. „Das habe ich Ogun Badgari geschworen.“
Das erschrockenste waren die Augen des Zombies. Sein eingefallender Brustkorb hob und senkte sich nicht - der Untote atmete nicht.
Drohend hob er das Messer. Der Untote bewegte sich ruckartig wie das Frankenstein-Monster, als er die Hütte verließ und in der Nacht verschwand.
Mechanisch wie eine aufgezogene Puppe torkelte Azarian den Bergabhang hinunter, vorbei an einigen strohbedeckten Hütten.
Er überquerte eine schmale Straße, wich ein paar Felsbrocken aus und taumelte von einer unheimlichen Macht getrieben weiter.
Azarian dachte nicht. Sein Hirn war leer, seine Augen weit aufgerissen, doch sie sahen nichts. Nur der Drang war da, der Drang zu töten.
Niemand kam ihm entgegen. Die ersten Häuser von Petionville tauchten auf. Die Straßenbeleuchtung war ausgefallen und die Häuser waren dunkel.
Zielsicher strebte er durch die Straßen und Gassen auf ein Haus zu, das abseits der Straße lag.
Einmal fuhr ein Auto vorbei, doch der Fahrer hatte ihn anscheinend nicht gesehen.
Der Zombie stieß mit dem Kopf gegen ein Eisengitter, doch er spürte keinen Schmerz.
Azarian versuchte sich zwischen den Stangen hindurchzuwinden, doch der Zwischenraum war zu schmal.
Noch immer umklammerte seine rechte Hand das Messer. Mit der linken packte er eine der Eisenstangen und zerrte daran.
Der Untote entwickelte übermenschliche Kräfte, denn die Stange verbog sich und brach mit einem knirschenden Laut. Azarian drehte den unteren Teil der Stange zur Seite und versuchte durch das Loch zu steigen, doch es gelang ihm nicht.
Nun bückte er sich, dann wand er sich wie eine Schlange durch die Öffnung und gelangte in den Garten.

* * *

Henri Conasseur war seit zwanzig Jahren Polizist. Bis zum Tod von Papa  Doc hatte er den berüchtigten Tontons Macoute angehört, die für ihre Brutalität bekannt war und deren Angehörige schwarze Brillen trugen.
Er gähnte geräuschvoll, dann richtete er sich rasch auf.
Ein Knirschen war zu hören. Sofort zog er den Revolver und huschte ein paar Schritte vorwärts. In die linke Hand nahm er seine Taschenlampe.
Dumpfe Schritte kamen näher.
Conasseur schaltete die Taschenlampe ein. Der Lichtstrahl fiel auf eine unheimliche Gestalt, die sich rasch näherte.
„Stehenbleiben!“ brüllte Conasseur.
Aber der Zombie beachtete den Polizisten nicht, der den Revolver hochriß und sofort schoß.
„Das gibt es nicht“, keuchte er. „Ein Zombie!“
Der Untote sprang ihn an. Azarian handelte ohne zu denken. Seine linke Faust schnellte vorwärts, und der Polizist brach bewußtlos zusammen.
Dann eilte der Zombie weiter.
Die Glastür war versperrt, doch das störte Azarian überhaupt nicht. Er zerschlug einfach das Glas, durchquerte die Halle und stieg die Stufen hoch.

* * *

Louis Tournier schlief unruhig. Immer wieder schreckte er hoch, aber nur das leise Rascheln der Palmenblätter im Wind war zu hören und das ruhige Atmen von Claire.
Er nickte wieder ein und wälzte sich schweißgebadet im Bett herum, als ein Schuß die Stille der Nacht zerriß.
Augenblicklich war Louis Tournier wach. Er knipste die Nachttischlampe an, riß die Lade auf und holte eine Pistole hervor, lud durch und sprang aus dem Bett.
„Was ist denn los?“ fragte Claire verschlafen. Tournier achtete nicht auf sie.
Er hörte das Glassplittern in der Halle. Irgendjemand war ins Haus eingedrungen.
Mit zusammengepreßten Lippen stürmte er auf die Tür zu und riß sie auf. Der Lichtschein aus dem Schlafzimmer fiel auf den Gang und die obersten Stufen.
Für ein paar Sekunden war Louis Tournier wie gelähmt, als er das mumienhafte Gesicht mit dem schlohweißen Haar erblickte. Dann waren auch die hageren Schultern zu erkennen und der Brustkorb, in dem ein großes Loch in der Herzgegend klaffte.
Die leeren Augen starrten Louis Tournier an.
„Ich werde dich töten“, sagte der Zombie mit krächzender Stimme.
Nun reagierte Louis Tournier. Er drückte den Abzug durch. Einmal, zweimal, dreimal.
Doch die Kugeln konnten den Untoten nicht aufhalten.
Noch einmal schoß Tonrnier, da packte eine Eisenhand zu.
Die Pistole schlug polternd auf den Boden und klapperte die Treppe hinunter.
„Nein!“ schrie Tournier, als der Untote das Messer hob.

* * *

Claire Moinet glaubte den Verstand zu verlieren. Ihre Augen waren weit aufgerissen, und sie stieß einen durchdringenden Schrei aus.
Tournier lag tot im Korridor, und der Zombie taumelte ins Schlafzimmer.
„Ogun Badgari“, sagte Azarian leise. „Ich habe den Schwur gehalten. Großer Gott, nimm meine Seele auf.“
Das junge Mädchen wagte nicht zu atmen. Der Untote blickte in ihre Richtung.
Seine Augen waren jetzt schneeweiß. Er riß den Mund auf und würgte.
Der Zombie ging in die Knie und griff sich mit beiden Händen an den Hals. Die Lider schlossen sich, und ein Krächzen kam über die farblosen Lippen.
Azwarian würgte nochmals. Dann spuckte er eine faustgroße Spinne aus, die auf das Bett fiel und ruhig liegen blieb.
Claire beachtete den Zombie nicht mehr. Seit ihrer frühesten Jugend hatte sie ein panische Angst vor Spinnen. Und so eine riesige hatte sie noch nie gesehen.
Tückisch starrten sie die Augen der Spinne an. Langsam setzte sich die Spinne in Bewegung. Sie war pechschwarz und auf ihrem Rücken war eine seltsame Zeichnung zu erkennen; ein rot glühendes Legba-Kreuz des Voodoo-Kultes.
Die Spinne hatte es aber nicht auf Claire abgesehen. Sie kroch zu Boden und huschte über den leblos daliegenden Zombie und verschwand im Gang.
Claire atmete erleichtert auf. In der Halle hörte sie laute Stimmen.
Dann brach sie ohnmächtig zusammen.

* * *

Roy deVoss saß im Sud Garden des Grand Hyatt Hotels und blätterte gelangweilt in der New York Times. Gelegentlich hob er den Blick und sah über die belebte 42. Straße.
Yani kauft wohl die ganze Fifth Avenue auf, dachte er und sah auf die Uhr. Zwanzig Minuten hatte sie sich bereits verspätet.
Er winkte einen Kellner heran, bestellte einen Campari und stopfte die Pfeife.
Vor drei Tagen waren er und seine japanische Freundin in New York eingetroffen. Der Aufenthalt war rein privat, sie hatten einige Broadway-Aufführungen besucht und richtig ausgespannt.
Als der Campari serviert wurde, steckte er die Pfeife an und griff nach der New York Post und überflog die Schlagzeilen der ersten Seiten.
Plötzlich stutzte er und runzelte die Stirn.
Auf der achten Seite ganz unten stand eine Meldung, die ihn interessierte.
POLIZEICHEF VON PORT-AU-PRINCE ERMORDET
Von Jonathan Kandell, speziell für die New York Post.
Wie erst gestern bekanntgegeben wurde, fiel der Polizeichef Louis Tournier einem Mordanschlag zum Opfer. Der Mörder soll nach Angaben der Polizei der 65jährige Voodoo-Priester Azarian sein, der nach der Tat Selbstmord beging. Claire Moinet, die Freundin des Ermordeten und Augenzeugin der Tat, wurde mit einem Nervenzusammenbruch in ein Spital eingeliefert. Niemand darf mit ihr sprechen. Die Nachforschungen haben ergeben, daß Azarian bereits drei Tage vor der Tat starb. Daher kann er unmöglich der Täter sein. Aber in Port-au-Prince hält sich hartnäckig das Gerücht, daß Azarian bei einer Voodoo-Zeremonie zum Zombie wurde. Die Polizei verweigert dazu jede Stellungnahme. Wie berichtet kamen in den vergangenen zwei Wochen unter geheimnisvollen Umständen der Wohlfahrtsminister und der Außenminister von Haiti ums Leben.
Nachdenklich faltete Roy die Zeitung so zusammen, daß die Meldung nach oben blickte.
Vor vielen Jahren, da war er noch ein kleiner Junge gewesen, hatte er zusammen mit seinen Eltern an einer Kreuzfahrt in der Karibik teilgenommen. Sie waren auch in Port-au-Prince an Land gegangen. Die Stadt mit ihrem Gestank, den verwahrlosten Farbigen und den unzähligen Bettlern hatte ihn sofort abgestoßen. Undeutlich konnte sich Roy an das schmierige Hotel erinnern, aber ganz deutlich erinnerte er sich an den dumpfen Klang der Trommeln, der von den nahen Bergen herkam und ihn nicht schlafen ließ. Es waren Voodoo-Trommeln, wie ihm später sein Vater erzählte. Vielleicht war damals schon sein Interesse am Okkultismus erwacht. Er hatte seinen Vater über Voodoo ausgefragt, der aber selbst nicht viel darüber wußte.
Später dann hatte er sich alle möglichen Bücher über Voodoo besorgt und diese mit christlichen Elementen durchsetzte Religion genau studiert.
„Entschuldige, daß ich mich verspätet habe“, hörte er eine sanfte Stimme hinter sich.
Langsam wandte er den Kopf und lächelte, als er Yani Atawa ansah.
„Schon verziehen“, sagte er, stand auf und richtete ihr den Stuhl zurecht.
Wie üblich sah Yani bezaubernd aus. Das pechschwarze Haar fiel in weichen Wellen über ihren Rücken, und die Mandelaugen verzauberten ihn immer wieder aufs neue. Eine bunte Seidenbluse betonte ihre aufregenden Formen, und ihre langen Beine steckten in einer eleganten schwarzen Hose.
Von all den Frauen, die er gekannt hatte, war sie die faszinierenste. Yani strahlte etwas aus, das er nicht in Worte fassen konnte.
„Starr mich noch so an, Roy“, sagte sie lachend, „als wäre ich das achte Weltwunder.“
„Für mich bist du es“, sagte er todernst.
Dann lachten beide los und er küßte sie sanft auf die Lippen.
Roy bestellte für sie ein Glas Iced Tea, und sie plapperte los, was sie alles gesehen und gekauft hatte.
Plötzlich brach sie ihren Redefluß ab und sah Roy aufmerksam an. Sein markantes Gesicht mit den grauen Augen wirkte geistesabwesend.
„Was ist los, Roy? Du hörst mir nicht zu.“.
„Entschuldige, aber mir geht dieser Artikel nicht aus dem Kopf.“ Er deutete auf die Zeitung.
„Du und die Zeitungen“, sagte sie seufzend. Rasch las sie den Bericht durch. „Interessant, aber ich denke nicht daran nach Haiti zu fliegen!“
„Davon war auch nicht die Rede“, sagte Roy matt.
Yanis Augen funkelten ihn grimmig an, und sie beugte sich vor. „Mein Lieber, ich kenne dich nun schon gut genug, um zu wissen, was in deinem Kopf vorgeht. Ein geheimnisvoller Mord, Voodoo und Zombies. Am liebsten würdest du mit der nächsten Maschine losbrausen.“
Roy klopfte die Pfeife aus. Er grinste. Yani hatte ihn wieder einmal durchschaut.
„Ausgemacht war eine Woche New York, Ölhändler!“
„Es bleibt dabei, Yani. Eine Woche New York - und keine Abenteuer.“
„Man sollte dir verbieten Zeitungen zu lesen, Roy. Und wenn du es schon nicht lassen kannst, dann lies wenigstens nur solide Blatter. Ich wette, daß in der New York Times kein Wort über diesen Mord steht.“
„Gewonnen.“
„Du mußt natürlich ein Sensationsblatt wie die New York Post lesen, die ein Schundblatt der übelsten Sorte ist. Vermutlich hat der Reporter maßlos übertrieben.“
„Das mußt du ja besser wissen“, brummte Roy spöttisch, „du kommst aus dieser Branche.“
„Richtig“, stellte Yani lächelnd fest. „Ich habe auch gelegentlich aus einer Mücke einen Elefanten gemacht. Das gehört dazu. „
„Okay, Yani. Kein Wort mehr über Haiti. Wir werden uns die nächsten vier Tage prächtig in New York unterhalten, das verspreche ich dir.“
Yani seufzte. „Dein Wort in Gottes Gehörgang. Aber du ziehst einfach das Unheimliche und Magische an. In den vergangenen Wochen habe ich mit dir mehr unglaubliche Dinge erlebt als mir lieb war. Was steht heute auf dem Programm?“
„Laß dich überraschen. Vorerst werden wir einmal in ein originelles Lokal essen gehen.“    
Roy zahlte, und sie verließen den Sun Garden, der wie ein Glasbalkon über der 42. Straße hing. Es war eines der drei Restaurants, die sich im Grand Hyatt befanden. Dieses Hotel war wirklich eines der beeindruckendsten, das Yani und Roy je gesehen hatte. Auf verschiedenen Ebenen die Restaurants, Warte- und Sitzzonen, doch den überwältigenden Mittelpunkt bildete das 25-Meter-Kunstobjekt aus polierten Messingstangen und der riesige Marmorbrunnen.
Beide waren schon oft in New York begannn. Roy hatte vor Jahren geschäftlich in der Riesenstadt zu tun gehabt, und er hatte es sich später dann angewöhnt alljährlich zumindest auf ein paar Tage herzukommen.
Sie traten auf die Park Avenue hinaus. Es begann bereits zu dämmern. Die Rush-hour war im vollen Gang.
„Wohin gehen wir essen?“ fragte Yani neugierig und hakte sich bei ihm ein.
„In die Oyster Bar.“
„Kenne ich nicht.“
„Und so ein Mädchen nennt sich New-York-Kennerin“, sagte er kopfschüttelnd. „Den Grand National Terminal kennst du aber schon?“
„Nie davon gehört“, meinte Yani unschuldig.
„Dann, mein Engel, öffne die Augen und blicke geradeaus. Links ist die Vanderbilt Avenue, und rechts, ja, dort hinten verläuft Lexington Avenue. Und im Augenblick überqueren wir die 42.Straße East...“'
„Das scheußliche Bauwerk vor uns“, unterbrach ihn Yani doziernd, „ist im nachempfundenen italienischem Renaissance-Stil erbaut. Es ist der vermutlich belebsteste Verkehrsknotenpunkt der Erde Das ist die Grand Central Station.“ Sie stieß Roy den Ellbogen in die Rippen. „Dahinter ist das riesige Pan American Building. Weitere Auskünfte gewünscht, Mr. Holländer?“
Roy lachte. „Ich bin von deinen Kenntnissen überwältigt, schönste aller Japanerinnen. Wie kommt es dann, daß du die Oyster Bar nicht kennst, die es seit über sechzig Jahren gibt und sich genau unter dem Bahnhof im Felsen befindet.“
„Das stand in meinem Reiseführer nicht drinnen.“
„Den empfehle weiter, denn die Oyster Bar ist sowieso überlaufen.“
„Und was ist so überwältigend an dieser Bar?“
„Erstens ist sie keine Bar, sondern ein Restaurant. Zweitens ist scheußlich eingerichtet.“
„Jetzt noch, daß drittens das Essen scheußlich ist.“
„Laß dich überraschen.“
Das Innere der Oyster Bar war überaus spartanisch eingerichtet. .Die hohen Gewölbe, die Holztäfelungen und die Kronleuchter ließen keine Gemütlichkeit aufkommen. Doch sie bekamen einen Tisch im kleineren Speiseraum, der eine Pub-Atmosphäre verströmte.
Als der Kellner ihnen die Speisekarte reichte, die lang wie ein Tischtuch war, und auf der über 200 verschiedene Fischgerichte verzeichnet waren, begann Yani langsam zu ahnen, weshalb dieses Lokal so überlaufen war.
Sie speisten Austern, Krabben, Hummer und Krebse und tranken kalifornischen Wein dazu. Sie waren vergnügt und heiter, doch Roys Instinkt sagte ihm, daß bald die schönen Stunden vorbei sein würden.
Und er sollte sich nicht täuschen...

* * *

Henry Newall seufzte gequält auf und stellte den Plattenspieler ab. Drei Stunden lang hatte er sich die neuestens Singles angehört, eine scheußlicher als die andere.
„Diese Plattenfirmen produzieren nur mehr Schund“, sagte er zu sich selbst und nahm hinter seinem riesigen Schreibtisch Platz. Keine der Scheiben hatte seinem Geschmack entsprochen.
Vor wenigen Tagen war er zweiundreißig Jahre geworden. Seit fünf Jahren war er mit einer bildschönen Frau verheiratet, mit der er zwei Töchter hatte. Newall war mittelgroß, extrem schlank, denn er hielt viel auf seine Linie und spielte mehrmals in der Woche Tennis. Er war tief gebräunt und legte großen Wert auf ein gepflegtes Aussehen.
Sein Büro lag im zwölften Stockwerk des ABC-Buildings mit Blick auf die Avenue of the Americans.
Seine Karriere hatte in Boston begonnen, wo er vom Diskjockey zum Muiskdirektor aufgestiegen war. Vor zwei Jahren war er von der bedeutendsten New Yorker Radiostation WABC als Programmdirektor engagiert worden.
Vor ihm auf dem Schreibtisch stapelten sich Fachzeitschriften wie Billboard, aber auch populäre Magazine wie Rolling Stone. Er war für die Auswahl der Platten verantwortlich, die seine Station spielte. Es wurden keine Nummern gespielt, die Drogen verherrlichten, obszöne und anstößige Texte enthielten, oder für irgendwelche obskuren Sekten Reklame machten. Zu seinen Aufgaben gehörte es auch alle Charts-Listen der Welt zu studieren, außerdem mußte er die diversen Radio-Vorschlaglisten und den Bill-Gavin-Report genau kennen. Und zu seinem größten Mißvergnügen mußte er sich auch alle neuen Platten anhören und sich tagtäglich mit den eingebildeten Discjockeys herumstreiten.
Doch die wichtigste Aufgabe war die Erstellung der Playlist, die jene Platten beinhaltete, die von seiner Station gespielt wurden. Da sich viele der kleineren Radiostationen fast ausschließlich danach richteten, was die Sender in New York und Los Angeles brachten, lag es oft an ihm, ob eine Platte ein Hit wurde - oder durchfiel, was meist der Fall war, wenn sie seine Station nicht sendete.
Früher, als die Discjockeys noch mehr Einfluß auf die Sendungen hatten, war es zu vielen Bestechungsskandalen gekommen. Aber. Bei Henry Rewall war Payola (der anglo-amerikanische Ausdruck für Bestechung) völlig ausgeschlossen. Er ließ sich bei der Erstellung der Playlist keineswegs beeinflussen. Seine Prinzipien hatten sich auch bezahlt gemacht, denn er war einer der bestbezahlten Männer in der Rundfunkbranche.
Als er nach der neuesten Billboard-Nummer griff, wurde die Tür geöffnet und zwei mittelgroße Männer betraten sein Zimmer.
Beide trugen Strumpfmasken, Cordjacken, Jeans und mit Silber beschlagene Cowboystiefel. Einer der beiden,, der in der rechten Hand eine Automatic hielt, war ein Farbiger. Die Gesichtzüge sahen unter den Masken unheimlich verzerrt unwirklich aus.
„Bleiben Sie ruhig sitzen, Mr. Newall“, sagte der zweite Maskierte. Er war ein Weißer und nach seinem Dialekt zu schließen mußte er aus der Bronx stammen.
„Was wollen Sie?“ fragte Newall gefaßt. Er war schon zweimal auf der Straße überfallen worden, doch das war nichts Ungewöhnliches in New York. Aber neu war, daß sich Gangster in sein Büro wagten.
„Sie brauchen keine Sorge haben, Mister“, meinte der Farbige. „Es wird Ihnen nichts geschehen, wenn Sie sich ruhig und verständnisvoll verhalten.“
Der Kerl ist nicht aus New York, analysierte Newall den Slang. Vermutlich New Orleans. Er wußte, daß es völlig sinnlos war nun den Helden zu spielen. In New York rannten genügend Verrückte herum, die nur so aus Spaß heraus um sich schoßen. Und er hatte etwas dagegen eine Kugel in den Bauch zu bekommen.
Die zwei maskierten Ganoven kamen gemächlich näher, so als würde ihnen alle Zeit der Ewigkeit zur Verfügung stehen.
Sie blieben neben ihm stehen.
„Legen Sie ihre Hände flach auf den Schreibtisch, Mr. Newall.“
Er gehorchte und blickte den Weißen an, der plötzlich eine winzige Injektionsspritze in der Hand hielt, deren Zylinder mit einer farblosen Flüssigkeit gefüllt war.
Plötzlich bekam Newall Angst.
„Geraten Sie nicht in Panik, Mr. Newall“, sagte der Farbige scharf. „Sie werden etwa zehn Minuten bewußtlos sein.“
Ein Tropfen drang aus der Kanüle, als der Weiße die Spritze aufzog.
Nun wollte sich Newall wehren, doch der Farbige preßte die Mündung der Waffe gegen seine Stirn. Resigniert ließ er es nun zu, daß der Weiße die Kanüle in seinen rechten Handrücken stach.
„Noch etwas, Mr. Newall. Es wäre besser für Sie, wenn Sie die Polizei nicht verständigen würden. Haben Sie verstanden?“
„Ja“, krächzte NewaIl.
Die zwei Männer traten einen Schritt zurück und ließen ihn nicht aus den Augen.
Zuerst spürte Newall überhaupt nichts. Doch zehn Sekunden später brach er bewußtlos zusammen. Der Weiße fing ihn auf, denn sonst wäre er mit dem Gesicht voran auf der Schreibtischplatte aufgeschlagen.
Der Farbige schob die Pistole in die Außentasche seiner Jacke, und der Weiße holte ein Plastiksäckchen hervor.
Der Farbige beugte sich über Newalls Kopf. jetzt hielt er eine winzige Schere zwischen den Fingern, schnitt kurze Haarstücke von der Stirnpartie, den Schläfen und dem Nacken ab und stopfte sie in das Säckchen.
„Zieh ihm, einstweilen den linken Schuh aus, Mitch“, befahl der Neger.
Er selbst schnitt ein Stück Nagel vom linken Zeigefinger ab.
Der Weiße kniete nieder und zog dem Programmdirektor den Schuh aus und war dabei den Socken herunterzuziehen.
Rasch knöpfte der Farbige Newalls Hemd auf und schnipselte Ein paar  Achsel- und Brusthaare ab. Danach kniete er ebenfalls nieder und schnitt kleine Stücke der Nägel des linken Fußes ab.
Zufrieden stand er auf und verschloß das Säckchen vorsichtig.
Keuchend zog der Weiße Newall den Socken und den Schuh an, währenddessen der Farbige das Hemd zuknöpfte. Als sie damit fertig waren legten sie vorsichtig den Bewußtlosen mit dem Oberkörper auf den Schreibtisch.
Neben seinen Kopf legten sie ein Blatt Papier.
Langsam stapften sie aus dem Zimmer, vorbei an der Sekretärin im Vorraum, die bewußtlos auf ihrem Drehstuhl hockte.
„Bye, bye, Baby“, sagte der Farbige fröhlich. Ein paar Minuten später erwachte Henry Newall. Verwundert blickte er um sich.
Hatte er nur geträumt, oder waren tatsächlich zwei Maskierte in seinem Zimmer gewesen?
Da fiel sein Blick auf das Papier.
SIE WERDEN NOCH VON MIR HÖREN, HENRY NEWALL
stand darauf. Darunter befand sich quasi als Unterschrift ein merkwürdig geformtes Kreuz.
Kopfschüttelnd stand Newall auf. Er holte seine Brieftasche hervor. Alles Geld, die Ausweispapiere und Klubkarten, waren da. Auch die Uhr und der Schlüsselbund. Er sah sich genau im Zimmer um, doch alles war so wie vorher.
Karen, seine Sekretärin stürmte ins Zimmer.
„Haben Ihnen Gauner etwas getan, Mr. Newall?“ fragte sie besorgt.
Er schüttelte den Kopf. „Und Ihnen, Karen?“
„Nein. Sie waren sehr höflich, gaben mir eine Spritze und ich war hinüber. Ich solle nicht die Polizei verständigen, das war alles was sie noch sagten.“
„Genau wie bei mir“, brummte. Newall. „Das ist eine verdammt seltsame Angelegenheit. Die Polizei würde uns vermutlich kein Wort glauben. Zwei Gangster betäuben uns und damit hat es sich. Eine eher unglaubliche Geschichte.
„Vergessen wir die Polizei“, meinte Karen.
Henry Newall nickte zustimmend.

* * *

„Was nun?“ fragte Roy, als sie die Central Station verließen.
„Wir könnten ins S.O.B. gehen“, meinte Yani, „oder ins Ritz. Nein, gehen wir lieber in die Peppermint Lounge. Warst du schon mal dort, Roy?“
„Nein, aber ich habe gehört, daß es ein toller Schuppen sein soll. Die Musik ist so laut, daß man am nächsten Tag zum Ohrenarzt gehen muß.“
„Du sagst es“, sagte Yani breit lächelnd.
Roy winkte ein vorbeifahrendes Taxi heran, das mit kreischenden Bremsen zum Stillstand kam. Es war eines der alten Taxis, mit einer schußsicheren Scheibe zwischen dem Fahrer und den Fahrgästen.
„2100 Fifth Avenue“, sagte Yani.
„Peppermint Lounge?“ fragte der Fahrer. Er trug einen roten Vollbart, der aussah, als hausten Mäuse darin.
„Genau.“
„Nicht mein Geschmack“, knurrte er Fahrer und gab Gas.
Der Verkehr war gering. Aber die Bürgersteige waren voll mit Menschenmassen. Sie fuhren an der Public Library und dem Empire State Building vorbei. Beide schwiegen. Der Wagen überquerte den Broadway und hielt schließlich bei der 17. Straße.
„Viel Vergnügen“, sagte der Fahrer, als Roy zahlte. „Hoffentlich haben Sie Wachs bei sich, damit Sie sich die Ohren zustopfen können.“
Lachend stiegen Yani und Roy aus dem Wagen.
„Im Erdgeschoß befindet sich ein Restaurant“ erklärte Yani. „Im ersten Stockwerk eine Art Disko, im zweiten gibt es Vorführungen von Live-Musik und im dritten Stock einen Video-Raum.“
„Dann werden wir uns erst einmal die Disko ansehen“, sagte Roy.
Ohrenbetäubender Krach schlug ihnen entgegen, als sie die Disko betraten, die ganz in Silber gehalten war. Lichter zuckten von der Decke und schienen aus den Wänden zu rasen. Trotz der relativ frühen Stunde war das Lokal bereits gerammelt voll. Vom Teenager bis zum klapprigen Tattergreis waren alle Altersschichten vertreten, ein bunt gemischter Haufen von elegant gekleideten Frauen und Männern bis zu vergammelten Typen, die nur schäbige Jeans und abgewetzte Jacken trugen. Und alle Rassen, die dieser Planet hervorgebracht hatte, schienen hier vertreten zu sein.
Roy und Yani fielen nicht auf. Sie drängten sich durch die Masse der Tanzenden auf eine der Bars zu.
„Was willst du trinken, Yani?“ schrie Roy. „Tee bekommst du hier aber vermutlich nicht.“
„Ich will einen Manhattan“, brüllte Yani.
Das junge Mädchen hinter der Bar beugte sich vor.
„Zwei Manhattans“, schrie Roy der Blondine zu. Der Diskjockey ritt nun auf der langsamen Masche; jetzt war die Musik erträglich und man konnte sich halbwegs verständigen.
Sie bekamen die Manhattans serviert, prosteten sich zu und nippten an den Drinks.
Die langsame Nummer war zu Ende. Der Diskjockey hatte eine neue Platte aufgelegt.
Leises Trommeln war zu hören, in das sich das Geräusch von Kürbisrasseln mischte.
Roy richtete sich ruckartig kerzengerade auf.
„Voodoo-Trommeln“, sagte er und blickte Yani erstaunt an.
„Ach nein“, seufzte die Japanerin und verdrehte die Augen.
Roy hörte gespannt zu. Das Trommeln wurde nun lauter, dann kam eine Gitarre dazu, ein Baß, Keybords und ein normales Schlagzeug. Doch im Hintergrund war noch immer das lumpe Trommeln und das aufreizende Rasseln zu vernehmen.
Dann begann einer mit einer Fistelstimme zu singen.
„It's Voodoo Time!“
Der Text war ausgesprochen dümmlich, denn der Kerl sang kaum zusammenhängende Sätze. Gelegentlich wimmerte er „Voodoo Magic“ und „It's Voodoo Time“, aber der ganze Song ergab keinen Sinn. Die Musik war wild und aufpeitschend.
Roy drehte sich um und beobachtete das Publikum. Etwa die Hälfte der Tanzenden hatte die Augen geschlossen und ihre Körper wiegten sich Rhythmus der Musik. Auf ihren Gesichtern war ein verklärter Ausdruck zu erkennen, so als würden sie sich in Trance befinden.
„Sieh dir die Leute an, Yani“, flüsterte Roy ihr in Ohr.
Yani runzelte die Stirn. „Die sehen ja aus, als wären sie völlig high.“
„Diesen Eindruck habe ich auch. Hast du diese Nummer schon einmal gehört?“
„Nie zuvor.“
Roy wandte sich dem Barmädchen zu, doch auch sie war geistig völlig weggetreten. Mit geschlossenen Augen tänzelte sie hinter der Bar hin und her und hatte die Welt um sich herum völlig vergessen.
Mit einem lauten Trommelwirbel endete die Platte.
Die Erstarrung und Verzücktheit viel von den Tanzenden ab, sie lachten und benahmen sich wieder völlig normal.
Auch das Barmädchen schien in die Gegenwart zurückgekehrt zu sein.
„Miß“, sagte Roy, „können Sie mir den Titel der Platte sagen,. die eben gespielt wurde?“
„Die ist toll, was? Heißt Voodoo Magic. Ein ganz heiße Scheibe. Sie ist erst seit ein paar Tagen auf dem Markt, aber schon ganz oben in den Charts.“
„Und wie heißt die Gruppe?“
„Sie kommen wohl vom Mond, was? Mann, das sind The Voodoos.“-
„Danke, Miß.“
Roy trank einen Schluck.
„Ich kenne mich zwar nicht besonders gut mit Rockmusik aus, aber von einer Gruppe namens The Voodoos habe ich noch nie etwas gehört, du etwa?“
Yani schüttelte den Kopf. „Nie zuvor gehört.“
Roy hatte noch immer den Klang der Trommeln in den Ohren.
„Irgendetwas stimmt mit dieser Platte nicht“, sagte Yani nachdenklich. „Ein Großteil der Tanzenden hatte sich völlig verändert. Wie ist so etwas möglich?“
„Bei Rockkonzerten gerät das Publikum auch gelegentlich in einen tranceartigen Zustand.“
„Das ist etwas ganz anderes. Mich packte die Platte auch irgendwie. Der Text ist dämlich. Aber die Musik. Sie hat etwas... Ich weiß nicht wie ich es ausdrücken soll... Vielleicht ist hypnotisch der richtige Ausdruck dafür. Und mir geht der Rhythmus nicht aus dem Kopf. Da ist noch immer dieses aufpeitschende Trommeln.“
Roy holte Ma Ghones Zauberring aus der inneren Rocktasche. Dieses Abschiedsgeschenk des Zauberers hatte ihm schon oft geholfen und Hinweise gegeben. Der armreifengroße Ring war warm und im Inneren des Ringes leuchtete es giftgrün. Rasch schob Roy den Ring in die Tasche.
„Ich glaube, Yani, daß wir im Augenblick das gleiche denken.“
„Wir werden uns mit der Gruppe The Voodoos ein wenig beschäftigen.“
„Genau. Das werden wir.“

* * *

Henry Newall hatte seiner Frau Linda nichts vom seltsamen Vorfall in seinem Büro erzählt. Auf der Fahrt nach Hause hatte er zwar immer wieder daran gedacht und über den Sinn des Überfalls nachgegrübelt und verschiedene Möglichkeiten erwogen.
SIE WERDEN NOCH VON MIR HÖREN, HENRY NEWALL.
Dieser Satz verfolgte ihn den ganzen Abend.
Nach außen hin gab er sich betont freundlich und gelassen. Vor dem Abendessen spielte er mit seinen Töchtern Sue und Ellen.
Während des Abendessens unterdrückte er ein Stöhnen, als es plötzlich in seinem linken Fuß zu stechen begann. Es war ein durchdringender Schmerz, so als würde jemand mit einer Nadel durch den Fuß hindurchstechen. Doch nach wenigen Sekunden war der Schmerz vorüber.
Als seine Frau den Tisch abräumte und die Kinder zu Bett brachte, mixte er sich einen Martini. Er hob das Glas und setzte es an die Lippen - da durchraste ein bohrender Schmerz seine rechte Schulter.
Er schrie unterdrückt auf, und das Glas fiel zu Boden und zerbrach. Der Schmerz war so überwältigend, daß er fast bewußtlos wurde. Aber auch diesmal war es nach ein paar Sekunden vorbei.
„Ach du meine Güte“, sagte Linda, als sie das zerbrochene Glas sah.
„Tut mir leid, Linda. Ich stolperte und da fiel mir das Glas aus der Hand.“
„Ich wische es auf“, sagte sie.
Henry rieb sich die Schulter und sah Linda nach. Das Telefon läutete. Er hob den Hörer ab und meldete sich.
„Guten Abend, Mr. Newall“, sagte eine tiefe Stimme. Ein Ausländer, der fast akzentfrei Englisch spricht, analysierte Henry die Stimme.
„Ich habe Ihnen versprochen, daß Sie von mir hören werden, Mr. Newall.“
„Sie sind also der Kerl, der mir...“ Er brach ab, da Linda zurückkam.
„Hat es Ihnen plötzlich die Rede verschlagen, Mr. Newall?“
„Nein. Was wollen Sie?“
„Ihr Amerikaner seid immer so direkt. Haben Sie das Stechen in Ihrem linken Fuß und in der rechten Schulter gespürt, Mr. Newall?“
„Ja, das habe ich“, antwortete er grimmig.
Linda warf die Scherben in einen Kübel und wischte die Flüssigkeit mit einem Tuch fort.
„Das war nur der Beginn“, sprach der Unbekannte weiter. In welcher Hand halten Sie den Hörer?“
„In der rechten.“
„Gut, ich werde Ihnen jetzt...“
„Wer sind Sie?“ unterbrach ihn Henry rasch, da seine Frau das Zimmer verlassen hatte.
„Sie erwarten doch auf diese naive Frage keine Antwort, oder? Mein lieber Henry Newall, ich werde Ihnen nun einen weiteren Beweis meiner Kraft geben, Achten Sie auf Ihre linke Hand.“
Henry starrte die Hand an, dann schrie er auf. Es war, als wäre seine Hand in einen Schraubstock geraten. Wiederum war es nur ein sekundenlanger, intensiver Schmerz gewesen.
„Sind Sie noch am Apparat, Mr. Newall?“
Henry hatte Tränen in den Augen. „Ja“, keuchte er mit versagender Stimme. „Ja.“
„Es steht in meiner Macht, daß ich Sie jederzeit töten kann. Oder ich könnte sie tagelang quälen. Aber ich bin kein Sadist. Ich werde Sie niemals mehr belästigen, wenn Sie mir einen kleinen Wunsch erfüllen.“
Langsam dämmerte Henry was geschehen war. Deutlich war zu sehen, daß von seinem linken Zeigefingernagel ein Stück fehlte. Aber sein Verstand weigerte sich zu akzeptieren, was er vermutete. So etwas gibt es nur schlechten Filmen, dachte er.
„Mr. Newall, Sie sind so schweigsam. Soll ich Ihnen noch eine Probe meines Könnens geben. Was halten Sie von rasenden Kopfschmerzen, die sie stundenlang quälen werden?“
Augenblicklich machten sich bei ihm dumpfe Kopfschmerzen bemerkbar, dann begann es schmerzhaft in seinen Schläfen zu pochen.
„Genug“, seufzte er.
Sofort verschwanden die Schmerzen.
„Der Gefallen, um den ich Sie bitten will, ist sehr klein, Mr. Newall. Ihre Station weigert sich einen Song zu spielen. Alle anderen New Yorker Radiosender bringen ihn täglich mehrmals. Ich daß dieses Lied sofort in Ihrer Playlist aufscheint. Sie können sich wohl denken, welchen Song ich meine?“
„Voodoo Magic“, sagte Newall grimmig.
„Genau. Sie sind ein intelligenter Mann und haben in der Zwischenzeit vermutlich schon erraten, was die zwei freundlichen Besucher von Ihnen wollten.“
„Ein Stück Fingernagel fehlt“, knurrte Henry.
„Und ein paar Haare von Ihrem Kopf“, sagte der Anrufer sanft. „Sie sind bekannt dafür, daß Sie unbestechlich sind. Werden Sie den Song in Ihre Playlist aufnehmen?“
Henry zögerte noch immer.
„Ich werde Ihnen den Entschluß erleichtern.“
Linda war wieder im Zimmer. Henry drehte sich um, er wollte nicht, daß seine Frau sein Gesicht sah.
Rasch hintereinander kam nun der Schmerz. Er war einmal in der Brustgegend, dann in den Beinen, den Armen und den Schultern.
„Nun, wie ist Ihre Entscheidung, Mr. Newall?“
„Ja“, knirschte er. „Ich werde das Lied in die Playlist aufnehmen.“
„Sehr gut. Ich werde morgen den ganzen Tag Ihre Station abhören. Und wenn der Song nicht mindestens fünfmal gespielt wird, dann werde ich mich bei Ihnen wieder melden. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht und angenehme Träume, Mr. Newall.“
Henry legte fast behutsam den Hörer auf.
„Was ist los mit dir, Henry?“ fragte Linda ängstlich. Dir steht ja der Schweiß auf der Stirn und du bist totenblaß. Du bist krank.“
Er wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Dann lächelte er schwach.
„Mir geht es gleich wieder besser, Darling“, sagte er. „Ein Drink und ich bin wieder voll da.“
„Soll ich nicht lieber den Arzt anrufen?“
„Nein, das ist nicht notwendig.“
Das darf doch alles nicht wahr sein, dachte er, als er eine handvoll Eiswürfel in ein hohes Glas warf.
Er hatte zwar einmal einen Artikel über Voodoo gelesen, ihn aber alles andere als ernst genommen. Und nun war er selbst ein Opfer geworden, hilflos einem Unbekannten ausgeliefert, der ihn sogar mit seiner Magie jederzeit töten bannte. Er goß das Glas halbvoll mit Bourbon ließ die Eiswürfel klirren und trank das Glas auf einen Zug leer.
„Mir geht es schon viel besser“, sagte er und blickte Linda an.
Ich hatte keine andere Wahl, versuchte er sich selbst zu rechtfertigen. Er mußte an seine Frau und die Töchter denken.
Zum Teufel, dachte er, dann wird eben WABC dieses idiotische Lied spielen.

* * *

Yani und Roy waren ins Hotel gefahren, der Lärm in der Peppermint Lounge war ihnen einfach zu viel geworden.
Roy deVoss saß vor dem Radioapparat, rauchte eine Pfeife und hatte vor sich Ma Ghones Zauberring liegen. Er war jetzt grau und fühlte sich eiskalt an. Das grüne Flimmern war erloschen.
„Was hast du vor, Roy?“ fragte Yani.
„Ich werde der Reihe nach alle Mittelwellensender absuchen, danach nehme ich mir die FM-Stationen vor. Wenn der Song tatsächlich bereits ein Hit ist, dann wird er vermutlich wie ich das amerikanische Radiosystem kenne von irgendeiner Station im Augenblick gespielt.“
„Dir wird der Arm einschlafen, denn in New York alleine gibt es über 90 Sender.“
„Ich weiß“, sagte Roy und stieß eine Rauchwolke aus.
Langsam drehte Roy den Sondereinstellungsknopf.
Er hörte immer nur ein paar Sekunden zu, dann suchte er die nächste Station. Die meisten Sender brachten Popmusik.
Lange mußte er nicht suchen. Schon beim 15. Sender hatte er Glück.
„...und nun bringen wir den sensationellen Tophit von The Voodoos. Lassen Sie sich mit Voodoo Magic verzaubern.“
Das leise Trommeln war zu hören.
Roy lehnte sich zurück und ließ den Zauberring nicht aus den Augen.
Als das Geräusch der Kürbisrasseln begann, veränderte sich die Farbe des Ringes. Er strahlte nun silbern. Ein paar Sekunden später begann das Innere giftgrün zu strahlen. Seltsame Muster bildeten sich, zerplatzen wie Seifeblasen und neue Formen erschienen.
Nun beugte sich Roy gespannt vor.
„Sagen dir diese seltsamen Figuren etwas, Roy?“
„Jetzt, sieh genau hin, Yani. Das ist ein „Veve“.“
Ein Quadrat war zu sehen, in dessen vier Ecken schräge Linien auftauchten. In der Mitte war ein Punkt zu erkennen, durch den sechs Striche hindurchliefen.
Das Muster verschwand.
„Könntest du mir bitte erklären, was ein Veve ist?“
„Das ist ganz einfach. Veve bedeutet ein rotes Mehl in der wörtlichen Übersetzung, aber im Voodoo-Glauben ist Veve die symbolischen Zeichnungen, die Priester auf dem Boden entstehen lassen. Sie streuen einfach Maismehl oder Asche auf den Boden, je nach der Gruppe der angerufenen Götter.“
Wieder erschienen andere Muster im Inneren des Ringes, die meisten waren Roy unbekannt, doch einige identifizierte er als Abbildungen göttlicher Symbole.
Die Nummer war zu Ende, und Roy schaltete das Radio ab.
Das grüne Flimmern im Ring wurde schwächer. Eine Minute später war es erloschen und der Zauberring war wieder grau und unansehnlich geworden.
„Eines steht eindeutig fest“, sagte Roy und stand langsam auf. „Für die Aufnahme wurden echte Voodoo-Trommeln und Kürbisrasseln verwendet. Und das ist äußerst ungewöhnlich.“
„Weshalb?“
„Voodoo ist ein Geheimkult. Es ist nicht einfach Mitglied zu werden, denn die Aufnahme kostet viel Geld und die Initiationsriten sind äußerst anstrengend  und erfordern viel Zeit. Für die Touristen werden auf Haiti Voodoo-Tänze aufgeführt, die aber mit den echten Voodoo-Zeremonien nur wenig Ähnlichkeit haben. Zu Hause habe ich die Aufnahme einer Voodoo-Feier, die aber nicht im Handel erhältlich ist, es ist eine Privataufnahme eines Freundes.“.
„Langsam beginne ich mich sehr für The Voodoos zu interessieren“, meinte Yani, „Ich werde Paul Moran anrufen. Er kann uns sicher weiterhelfen.“
„Wer ist Paul Moran?“
„Ein alter Bekannter. Ich lernte ihn vor drei Jahren kennen. Er ist Reporter und seit fast zehn Jahren beim Billboard.“
„Wie gut kennst du ihn?“ fragte Roy mißtrauisch.
Yani lachte. „Sehr gut, aber nicht so gut wie du vermutest.“
Sie holte ihr Telefonverzeichnis hervor und tippte Morans Nummer. Sein Telfon war auf Kundendienst geschaltet und Yani hinterließ die Nachricht, daß er sie morgen im Hotel anrufen solle.
„So, das wäre erledigt“, meinte Yani und legte den Hörer auf. „Paul ist einer der bestbezahlten Journalisten der Musik-Presse und einer der bestinformierten. Er kann dir genau sagen, welcher Star mit wem gerade ein Verhältnis hat. Paul weiß einfach alles.“
„Er scheint dich ja sehr beeindruckt zu haben“, brummte Roy sauer.
„Ja, das hat er. Aber ich warne dich vor ihm.“
„Und weshalb?“
Sie grinste spitzbübisch. Er macht sich nicht besonders viel aus Mädchen, aber ich glaube er hat eine Schwäche für hünenhafte blonde Männer.“
Roy blickte sie verdutzt an, dann lachte er schallend los.


* * *

Unweit des Hotels Beau Creole parkte ein unauffälliger, zerbeulter  Renault. Der Fahrer wartete bereits geduldig seit zwei Stunden. Gelegentlich hob Luis Leroux, ein einfacher Hungan, ein Nachtglas hoch und starrte das Hotel an. Er ließ ein Zimmer nicht aus den Augen, in dem noch Licht brannte.
Als das Licht endlich erlosch, lächelte er zufrieden. Das Fenster stand halb offen. Dies war für seinen Plan entscheidend. Das Zimmer lag im zweiten Stockwerk mit Blick über das Meer.
Aus einem klapprigen Volkswagen stieg langsam ein breitschultriger Mann, der das Hotel betrat.
Luis Leroux kannte ihn. Er war ein Polizist. Er hieß Pilloud.
Pilloud wird nun vermutlich mit Marcel Blanche telefonieren, doch es wird ein paar Minuten dauern, bis er Verbindung mit ihm bekommen würde. Nach dem Telefongespräch würde er vermutlich weiterhin das Hotel beobachten. Doch wird alles schon vorbei sein, dachte Leroux.
Der Priester öffnete die Wagentür und griff nach einem strohgeflochtenen Körbchen.
Er rannte auf das Hotel zu. Niemand war auf der Straße.
Ein Fenster im dritten Stockwerk wurde geöffnet und ein Seil heruntergeworfen.
Vor dem Hotel blieb Leroux stehen, er rutschte in die Schlinge, und augenblicklich wurde das Seil hochgezogen.
Mit dem rechten Fuß blieb er auf dem Fensterbrett im zweiten Stock stehen, mit dem linken stieß er das Fenster geräuschlos weiter auf. Dann warf er das Körbchen ins Zimmerinnere.
Leroux hob den linken Arm. Das Seil wurde weiter hochgezogen.
Ein paar Sekunden später ließ er sich in das Zimmer im dritten Stockwerk fallen.
Keuchend setzte er sich auf.
„Du hast nicht einmal vier Minuten gebraucht, Luis'', sagte jemand zufrieden.
„Ich hatte Glück, daß es so gut geklappt hat. Wäre das Fenster nicht offen gewesen, dann hätten wir es morgen nochmals versuchen müssen.“
„Der Papaloa wird sehr zufrieden sein.“

* * *

Hauptmann Marcel Blanche war alles andere als zufrieden. Er war für die Aufklärung des Mordes an Louis Tournier zuständig.
Offiziell war der Fall abgeschlossen. Die Presse in Haiti hatte den Mord nur ganz kurz berichtet, und sich auf keinerlei wilde Mutmaßungen eingelassen.
Journalisten in Haiti durften nicht einfach schreiben, was sie wollten. Sie schrieben was ihnen befohlen wurde. Keine Zeitung wagte auch nur ein böses Wort über den Präsidenten auf Lebenszeit zu schreiben, denn jede Kritik wurde mit drei Jahren Gefängnis bestraft.
Aber dieser verfluchte amerikanische Reporter Jonathan Kandell hatte einen unangenehmen Bericht in der New York Post veröffentlicht, und der Innenminister und Marcel Blanche waren sicher, daß dieser Mord durch die Weltpresse gehen würde. Und genau das hatte der Innenminister verhindern wollen.
Irgendjemand mußte Jonathan Kandell mit Informationen beliefert haben. Vor ein paar Jahren hätte dieser Reporter keine Schwierigkeiten bereitet, er wäre einfach spurlos verschwunden oder ausgewiesen worden. Doch die Zeiten hatten sich geändert, heute war so etwas nicht mehr möglich.
Marcel Blanche rauchte eine Zigarette nach der anderen. Er war ein gutaussehender Mulatte, Ende der zwanzig, der seine Ausbildung in Marseille und Paris erhalten hatte.
Trotz der späten Stunde, es war weit nach Mitternacht, befand sich der Hauptmann noch immer in seinem Büro. Den Akt, der vor ihm lag, hatte er mindestens schon zwanzigmal studiert.
Für Marcel Blanche war der Mord alles andere als aufgeklärt. Es stimmte tatsächlich, daß der Mörder Dienstag der vergangenen Woche gestorben war. In der Nacht vom Samstag zum Sonntag war er als Zombie in Tourniers Villa eingedrungen, hatte einen Polizisten niedergeschlagen und den Polizeichef mit einem scharfen Küchenmesser erstochen.
Fünf Kugeln hatten sie im Körper des Zombies gefunden. Es gab keinen Zweifel, daß er von einem mächtigen Hexer zum Untoten verwandelt worden war. Doch bis jetzt war es Blanche nicht gelungen auch nur den kleinsten Anhaltspunkt zu finden, der ihm weitergeholfen hätte.
Claire Moinets, die Augenzeugin des Mordes, hatte bis jetzt nur wirres Zeug gesprochen, das keinen Sinn ergab.
Das Telefon läutete.
„Ja“, sagte er knapp.
„Hier ist Pilloud, Hauptmann. Der Amerikaner hat das Hotel nicht mehr verlassen. Die Fenster seines Zimmers sind dunkel. Soll ich weiter das Hotel beobachten?“
„Ja, tun Sie das. Sagen Sie auch Dumeau, daß er die Zimmertür nicht aus den Augen läßt.“
«Fürchten Sie vielleicht, daß auf Kandell ein Anschlag verübt wird?“
„Das ist durchaus möglich. Die Kerle, die Tournier umbrachten, haben irgendetwas vor. Sie wollen unser Land in einen schlechten Ruf bringen, und dazu dürfte ihnen jedes Mittel recht sein. Sie sind mir für die Sicherheit von Kandell verantwortlich, Pilloud.“
„Verstanden, Hauptmann.“
Wütend warf Blanche den Hörer in die Gabel und steckte sich eine neue Zigarette an.
Ein paar Minuten später läutete wieder das Telefon.
„Manac“ meldete sich der Anrufer. Es war einer der Polizisten, der vor Claire Moinets Zimmer Wache hielt. „Sie ist erwacht und will mit Ihnen sprechen, Hauptmann.“
„Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen.“
Blanche raste auf den Innenhof, in dem ein Streifenwagen stand und sprang hinein.
„Zum Krankenhaus, aber ein wenig rasch.“
Der Fahrer startete und raste wie ein Irrer durch die menschenleeren Straßen von Port-au-Prince.
Vielleicht kann mir Claire weiterhelfen, dachte Blanche. Er kannte das Mädchen recht gut. Durch ihn hatte Louis Tournier das Mädchen kennengelernt.

* * *

Jonathan Kandell schnarchte laut. Bis auf den Abend hatte er einen recht angenehmen Tag verbracht. Die Story über den Mord war recht gut angekommen. Doch leider hatte der Tag nicht so geendet, wie er es sich erhofft hatte.
Die vollbusige, ziemlich dümmliche Engländerin, die er in der Hotelbar kennengelernt hatte, war anfangs recht entgegenkommend gewesen und er hatte sich genußvoll vorgestellt, was er alles mit ihr in seinem Zimmer treiben würde. Doch sie hatte seinen diesbezüglichen Vorschlag empört abgelehnt. Er war in der Bar hocken geblieben und hatte sich schließlich sinnlos betrunken.
Er hörte nicht das leichte Knirschen des Fensters, auch den Aufprall des Korbes vernahm er nicht. Es war ein merkwürdiger Korb, denn die Innenseite war mit Stahl verkleidet, in dem sich nur ein paar winzige Öffnungen befanden. Der Korb wies zwei Verschlüsse auf, die fest verschlossen waren und sich nur auf einen ferngesteuerten Impuls öffnen ließen.
Der Reporter drehte sich grunzend um und schnarchte weiter.
In diesem Augenblick löste jemand den Impuls aus. Die Verschlüsse öffneten sich.
Jonathan Kandell träumte von der vollbusigen Engländerin, als die tödliche Gefahr aus dem Körbchen quoll...


* * *

Die zwei Polizisten, die vor der Tür standen, salutierten und Marcel Blanche trat ins Krankenzimmer.
Eine Krankenschwester stand neben dem Bett.
„Lassen Sie mich mit Claire allein.“
„Ich habe den Auftrag nicht von ihrer Seite zu weichen.“
„Verschwinden Sie!“ zischte Blanche. „Hinaus mit Ihnen.“
Die verschüchterte Krankenschwester stolzierte beleidigt aus dem Zimmer.
Blanche zog einen Stuhl heran und setzte sich. „Wie fühlst du dich, Claire?“
„Scheußlich, einfach scheußlich.“
Marcel Blanche schwieg.
„Ich kann es noch immer nicht fassen, daß Louis tot ist.“
„Vielleicht kannst du mir weiterhelfen, Claire.
„Wir wissen, daß der Mörder ein Zombie war.“
Claire schloß die Augen. Ihre Lippen bebten. „Ich habe Angst, Marcel. Ich fürchte sie werden mich auch umbringen.“
„Das glaube ich nicht“, sagte Blanche bestimmt. „Wenn sie das wollten, hätten sie es schon früher tun können.“
„Vielleicht hast du recht“, sagte sie und starrte ihn überlegend an. „Louis bekam eine Puppe als Warnung. Die habt ihr sicher noch gefunden, oder?“
„Wir haben Sie gefunden.“
„Louis sagt, daß die Voodoo-Brut hinter ihm her sei. Wir gingen dann schlafen. Ich war noch völlig verschlafen, als Louis plötzlich aus dem Bett sprang und die Pistole nahm, Er schoß ein paarmal auf den Zombie, der ihn dann...“
Sie keuchte.
„Weiter, Claire“, sagte Blanche drängend, „Hat der Untote vielleicht etwas gesagt?“
„Ja, er sagte zu Louis: ‚Ich werde dich töten’. Dann taumelte er ins Zimmer. Ich war so entsetzt, daß ich mich nicht bewegen konnte. Der Zombie murmelte etwas davon, daß er seinen Schwur gehalten habe. Er bat den Gott, daß er seine Seele aufnehmen soll.“
„Erwähnte er den Namen des Gottes?“
„Ogun Badgari.“
Marcel Blanche atmete tief durch. Das war der erste wesentliche Hinweis, denn dies schränkte die Voodoo-Gruppen ein, die für den Mord in Frage kämen.
„Der Zombie spuckte eine Spinne aus“, sprach Claire stockend weiter. „Sie war faustgroß. Ich darf gar nicht daran denken. Es war einfach grauenvoll. Auf dem Rücken der Spinne war ein glühendes Legba-Kreuz zu sehen.“
„Weißt du noch etwas?“
„Nein, ich brach ohnmächtig zusammen. Als ich erwachte, war alles so verwirrend und entsetzlich. Ich schrie ununterbrochen, dann gaben sie mir eine Spritze. Haben dir meine Angaben weitergeholfen, Marcel?“
„Ja, sehr. Ich wünsche dir baldige Besserung, Claire.“
„Finde den Kerl, der hinter dem Zombie steckt, Marcel. Finde ihn.“
„Ich werde alles versuchen, Claire, das verspreche ich dir.“
Blanche erhob sich langsam.
„Noch etwas, Claire. Du erzählst keinem Menschen etwas davon, worüber wir eben gesprochen haben. Du hast nur den Zombie gesehen, und er hat kein Wort gesprochen. Die Spinne erwähnst du überhaupt nicht. Das ist sehr wichtig, Claire.“
„Ich verstehe. Ich werde nichts sagen.“
„Es läuft da ein amerikanischer Reporter herum, der Schauergeschichten über den Mord schreibt. Ich werde veranlassen, daß er dich morgen besuchst und du wirst ihm erzählen, daß der Mörder ganz normal ausgesehen hat, daß er kein Zombie war.“
Claire nickte.
Sobald er das Zimmer verlassen hatte, steckte er sich eine Zigarette an.
„Sie dürfen wieder hinein, Schwester. Und ihr beiden hält weiterhin Wache.“
Marcel Blanche kannte einige Voodoo-Priester, aber keiner von ihnen huldigte dem Kriegsgott.
Aber es Würden sich Wege und Möglichkeiten finden, mehr zu erfahren.
Recht zufrieden kehrte zum Streifenwagen zurück.
Doch fünf Minuten später sollte es mit seiner Zufriedenheit vorbei sein...

* * *

Es waren etwa tausend Wanderameisen, die aus dem Korb hervorkrochen. Sie waren ausgehungert und sie spürten Nahrung ganz in der Nähe.
Sie krochen auf das Bett zu, in dem Jonathan Kandell friedlich schlummerte.
Die ersten Ameisen kletterten die Bettpfosten hoch, glitten unter die Decke und krabbelten über den Kopfpolster.
Einige verbissen sich mit den krummsäbeligen Mandibeln, die gleichzeitig kräftige, spezialisierte Waffen und Werkzeuge sind, in den Körper des Reporters.
Diese Wanderameisen waren die gefährlichsten ihrer Art. Auf ihrem Zug stürzen sie sich auf jedes Lebewesen und lassen nur die blanken Knochen über.
Kandell stöhnte auf, dann riß er die Augen auf.
Im Zimmer war es dunkel, seine rechte Hand tastete nach dem Lichtschalter und drückte ihn nieder.
Er brüllte entsetzt auf, als er die Flut der Ameisen erblickte, die eine wogende, dunkle Masse auf seinem Bett bildete.
Ein Dutzend Ameisen kletterte über sein Gesicht.
Er zerquetschte einige, doch sofort kamen andere nach, die zwischen seinen Lippen hindurchzuschlüpfen versuchten.
Ein paar der ekligen Insekten bissen in seine Lider. Die ätzende Säure drang fast sofort in seine Augennerven.
Nun war sein Körper mit Ameisen übersät. Brüllend sprang er aus dem Bett und schlug wie verrückt um sich.
Wie die Trauben hingen die Ameisen an seinem Körper und bissen immer wieder zu.    
Er konnte nichts mehr sehen und fiel zu Boden.
Schreiend wälzte er sich hin und her.
Jetzt begann die Wirkung des Ameisengiftes einzusetzen. Sein Herz schlug unregelmäßig, und die Lungen brannten und wurden zusammengepreßt. „Hilfe“„ schrie er mit überschnappender Stimme. „Hilfe!“

* * *

André Dumeau, der auf einem Stuhl in einem Zimmer am Ende des Ganges hockte, war eingenickt.
Plötzlich hörte er ein durchdringendes Brüllen. Augenblicklich war er wach. Im Laufen zog er seine Pistole.
Das Schreien kam aus Jonathan Kandells Zimmer. Er riß an der Klinke, doch die Tür war abgesperrt. Da die Tür nach außen aufging, konnte er sie nicht einmal eintreten.
Dumeau hörte die Hilfeschreie.
Eine Tür wurde aufgerissen und ein glatzköpfiger Franzose erschien im Korridor.
„Wer schreit da um Hilfe?“ fragte der Glatzkopf.
„Der amerikanische Reporter“, antwortete Dumeau verzweifelt.“Öffnen Sie die Tür, Monsieur Kandell!“
Das Schreien war verstummt, doch nun waren seltsame schmatzende Geräusche zu hören, die aus Kandells Zimmer kamen.
Auch Jean Pilloud hörte das Schreien und er sah wie plötzlich in Kandells Zimmer das Licht anging.
Einen Augenblick zögerte Pilloud, doch dann handelte er entschlossen.
Er stürmte ins Hotel. Der Nachtportier döste vor sich hin. In der Rezeption war das Schreien nicht zu hören.
„Geben. Sie mir sofort den Generalschlüssel“, herrschte Pilloud den Portier an, der wußte, daß er von der Polizei war. „Rasch.“
Pilloud erhielt den Schlüssel. Er wartete nicht auf den alterschwachen Lift, sondern raste die Stufen hoch.
Schwer atmend erreichte er das zweite Stockwerk. Vor Kandells Zimmer standen der ratlose André Dumeau und ein glatzköpfiger, untersetzter Mann.
„Zur Seite!“ schrie Pilloud.
Die beiden Männer gehorchten.
„Hoffentlich hat er den Schlüssel abgezogen“, satte Pilloud.
Er schob den Schlüssel in das Zylinderschloß. Er spürte keinen Widerstand, der Schlüssel war innen abgezogen. Rasch öffnete er die Tür.
Seine Augen weiteten sich. Er riß den Mund auf und war wie gelähmt.
In seiner langen Laufbahn als Polizist hatte er einige scheußliche Dinge gesehen, doch der Anblick, der sich ihm bot übertraf alles.
Eine wogende Masse dunkler Ameisen bedeckte den leblosen Körper des Reporters.
Der glatzköpfige Franzose blickte ebenfalls in das Zimmer.
„Schlagen Sie sofort die Tür zu!“ brüllte er. „Das sind Wanderameisen. Die teuflischten Tiere der Welt.“
Ein paar Ameisen liefen auf die Tür zu.
Pilloud schlug die Tür zu, doch drei Ameisen war es gelungen den Gang zu betreten. Sie zertrampelten die Tiere.
„Das Fenster steht offen“, sagte der Franzose. „Die Ameisen werden aus dem Fenster klettern. Sie müssen sofort etwas dagegen unternehmen.“
„Und was sollen wir unternehmen?“
„Da hilft nur Feuer. Ein Flammenwerfer muß her.“
„Du bleibst hier, André“, sagte Piloud. „Ich verständige den Hauptmann.“

* * *

Die beiden Männer im dritten Stockwerk hatten den Volkswagen beobachtet, in dem Pilloud saß und das Hotel beobachtete.
Als er Wagen verließ und das Hotel betrat, öffneten sie die Zimmertür und spazierten seelenruhig auf den Aufzug zu.
Sie stiegen ein, und ratternd setzte sich das alte Ding in Bewegung,
In der Rezeption wollte sie der der Nachtportier aufhalten, doch die beiden Männer stießen ihn einfach zur Seite und traten auf die Straße.
Eine Minute später fuhr ein zerbeulter Renault davon.

* * *

Marcel Blanches Gesicht war unbewegt, als er Pillouds Meldung erhielt.
„Verständigen Sie sofort die Feuerwehr, Pilloud. Sie warten vor dem Hotel und lassen Kandells Zimmer nicht aus den Augen.“
Wanderameisen, dachte Blanche entsetzt. Er hatte einmal einen Film gesehen, in dem diese verdammten Biester einen ganzen Landstrich kahlgefressen hatten.
Er hob den Hörer ab und wählte die Nummer der Zentrale.
„Hier Blanche“, meldete er sich, „Sie stürzen sofort ins Depot und holen alle tragbaren Flammenwerfer. Nehmen Sie alle verfügbaren Streifenwagen und Männer und kommen Sie raschest zum Hotel Beau Creole. Haben Sie mich verstanden?“
„Ja.“
„Es ist äußerst dringend.“
„Verstanden.“
„Steigen Sie aufs Gas“, befahl er dem Fahrer.
Da um diese Zeit keinerlei Verkehr in den Straßen von Port-au-Prince herrschte, kamen sie rasch vorwärts.
Ein Wagen der Feuerwehr war bereits beim Hotel eingetroffen, als Marcel Blanche aus dem Streifenwagen sprang.
Pilloud stürzte auf ihn zu.
„So etwas Grauenvolles habe ich nie zuvor gesehen, Hauptmann“, stammelte er verstört.
„Halten Sie den Mund, Pilloud. Zeigen Sie mir Kandells Fenster.“
Blanche drückte dem Polizisten eine starke Stablampe in die Hand.
Pilloud knipste sie an und der starke Lichtkegel kroch die Hotelwand hoch und blieb auf Kandells Fenster haften.
„Pilloud, sagen Sie den Feuerwehrleuten, daß sie die Leiter ausfahren sollen.“
„Verstanden.“
Nun hielt Blanche die Stablampe. Er ließ sich nichts von seiner Unruhe anmerken. Wenn nicht bald die Flammenwerfer kamen, konnte alles zu spät sein. Die Ameisen würden aus dem Hotel entkommen.
Ein weiterer Feuerwehrwagen traf ein.
„Doremieux!“ rief Blanche den Fahrer des Streifenwagens zu sich. „Sie gehen ins Hotel. Alle Gäste sollen aufgeweckt werden. Die Fenster aller Zimmer müssen sofort verschlossen werden. Rasch, Mann.“
Eine Leiter war nun ausgefahren. Sie berührte die Wand neben Kandells Fenster.
Nun traf ein Streifenwagen ein. Drei uniformierte Polizisten sprangen heraus. Zwei trugen tragbare Flammenwerfer.
„Wer kann mit einem Flammenwerfer umgehen?“ fragte Blanche.
Die drei Polizisten blickten sich betreten an.
„Gebt mir einen Flammenwerfer“, sagte Blanche grimmig. „Dann richtet einen Suchscheinwerfer auf das Fenster. Halten Sie einstweilen die Lampe.“
Einer der Polizisten nahm die Stablampe.
Marcel Blanche griff nach einem der Flammenwerfer, der aus Restbeständen der britischen Armee stammte. Der Flammenwerfer wog über zwanzig kg.
Hoffentlich funktioniert das verdammte Ding, dachte Blanche, während er auf die Leiter ging.
Nun war auch der Suchscheinwerfer aufgestellt und tauchte das Hotel in gleißendes Licht.
Blanche stieg die Leiter hoch.
„Weitere Leitern aufstellen“, befahl er, während er hochkletterte. „Postierte euch auch im Hotelinneren. Gleich wird es den schönsten Brand geben, den ihr euch vorstellen könnt.“
So komme ich nicht weiter, dachte Blanche, ich muß mir doch den Tragebehälter auf den Rücken schnallen.
„Helft mir.“
Der Tragebehälter hatte Ähnlichkeit mit einem Rucksack. Er war mit Stickstoff gefüllt.
Kaum hing der Behälter auf seinem Rücken, da kletterte Blanche schon hoch.
Mit der linken Hand hielt er sich an der Leiter fest, während die rechte das Abzugstück umklammerte, das ähnlich wie eine Maschinenpistole aussah und mit einem Schlauch zum Tragebehälter führte.
Blanche hatte den Flammenwerfer auf die geringste Feuerdauer eingestellt.
Neben Kandells Zimmer blieb er stehen und blickte ins Innere.
Seine Zähne knirschten. Die Ameisen waren noch immer mit Kandells Körper beschäftigt. Doch es war kaum mehr als das nackte Skelett übrig geblieben. Einige der Ameisen versuchten unter der Tür hindurch zu kriechen, doch die meisten strömten auf das Fenster zu.
Marcel Blanche atmete einmal tief durch. Dann drückte er ganz leicht auf den Abzugshebel.
Ein gewaltiger Feuerstrahl schoß hervor. Die Fensterscheibe zersprang und die Feuerglut setzte sofort das Bett, den Kasten, den Tisch und die zwei Stühle in Brand.
Der Fensterstock begann zu glosen, dann fing auch er richtig Feuer.
Die Tür im Zimmer krümmte sich zusammen und wurde in den Gang geschleudert.
Blanche richtete die Düse nach rechts. Er wußte, daß der Feuerstrahl noch einige Sekunden weiter lodern würde. Er brannte ein tiefes Loch in die Wand und stieg langsam weitere zwei Stufen hinunter. Eine Flammenzunge schoß aus dem Fenster und versengte ihm das Haar und die Augenbrauen.
Endlich erlosch der Feuerstrahl.
„Macht rasch, ihr verdammten Idioten!“ brüllte Blanche, als er die Leiter herunterglitt. „Löscht das Feuer.“
Dieses Flammeninferno können nicht einmal die Ameisen überlebt haben. hoffte er.
Zwei weitere Leitern waren ausgefahren worden. Dicker Löschschaum zischte nun in das Zimmer hinein.
Zwei Polizisten nahmen Blanche den Flammenwerfer ab.
Seine Hände waren ruhig, als er nach den Zigaretten griff und eine ansteckte.
Er ließ das Fenster nicht aus den Augen. Es war möglich, daß ein paar Ameisen überlebt hatten.
Die Flammen, die aus dem Fenster schlugen wurden schwächer.
Damit dürfte meine Laufbahn bei der Polizei beendet sein, überlegte Marcel Blanche grimmig.
Ein protziger Cadillac hielt neben Blanche.
Der Innenminister höchst persönlich war erschienen. Er war fünfzig, untersetzt, trug dicke Brillen und sein Haar war angegraut.
„Sie sind wohl wahnsinnig geworden, Blanche“, schrie der Minister. „Sie hätten mich unbedingt verständigen müssen bevor sie...“
„Mir blieb keine andere Wahl“, unterbrach ihn der Hauptmann. „Irgendjemand schmuggelte einen Behältern voll mit Wanderameisen in Kandells Zimmer. Ich mußte um jeden Preis verhindern, daß die Ameisen ins Frei gelangten.“
„Wanderameisen? So ein Blödsinn, die gibt es nur in Afrika und Südamerika.“
„Es waren Wanderameisen“, sagte Blanche entschieden. „Sie hatten Kandell bereits getötet und ihn fast aufgefressen. Es gibt außer mir noch drei Zeugen dafür. Was hätte ich denn Ihrer Meinung nach machen sollen? Die Ameisen entkommen lassen?“
Das Feuer war gelöscht worden.
„Was sollen wir über den Tod des Reporters bekanntgeben?“ fragte der Minister jammernd.
Blanche zuckte die Schultern. „Er schlief mit einer brennenden Zigarette ein.“
„Sehr witzig. Das glaubt uns kein Mensch.“
„Jede andere Version wird auch nicht geglaubt werden. Es gab doch einen Brand, oder?“
„Den Sie entfacht haben.“
Jetzt platzte Marcel Blanche endgültig der Kragen. „Sie verdammter Narr“, sagte er wütend. „Informieren Sie sich erst einmal über die Gefährlichkeit der Ameisen, dann sprechen wir weiter.“
„Sie haben ja alle verbrannt, da...“
„Pilloud hat drei zertreten. Diese Exemplare können Sie untersuchen lassen und sich als Andenken an die heutige Nacht in Spiritus einlegen.“
Blanche ließ den Minister einfach stehen, der ihm verblüfft nachsah.

* * *

Yani und Roy warteten im Crystal Fountain Restaurant auf Paul Moran.
„Da kommt er“, sagte Yani.
Ein schlaksiger Bursche betrat das Lokal. Sein schwarzes Haar war schulterlang und sorgfältig gepflegt; das Gesicht wirkte ausgesprochen feminin. An seinen schlanken Fingern funkelten ein Dutzend Ringe. Er trug ein lachsfarbenes, besticktes Hemd und hautenge Hosen. Sein Rasierwasser roch man noch drei Tische weiter.
„Hallo, Darling, sagte Paul Moran mit warmer Stimme und drückte Yani einen Kuß auf die Wange.
„Hallo, Paul.“
„Roy deVoss“, stellte sich der Magier vor, und Paul Moran schüttelte ihm überraschend kräftig die Hand.
Besonders fielen Roy die stahlblauen Augen des Reporters auf.
Ein paar Minuten tauschten Yani und Paul belanglose Dinge aus. Der Kellner brachte die Speisekarten.
Roy beobachtete den Journalisten unauffällig. Für einen New Yorker Reporter der über Popmusik schrieb, sah er völlig normal aus. Paul bestellte ein einfallsloses Essen: Ein kurz angebratenes Steak mit grünem Salat und Kaffee.
„Du hast am Telefon gesagt, daß du etwas über The Voodoos erfahren willst, Yani. Für welche Zeitschrift schreibst du den Artikel?“
„Ich habe keinen Auftraggeber“, antwortete Yani. „Ich will nur ein paar Informationen.“
„Und was hat Mr. deVoss mit der Angelegenheit zu tun?“
„Er ist mein Freund“, antwortete Yani direkt. „Er interessiert sich für ungewöhnliche Dinge.“
„Roy deVoss“, sagte Paul nachdenklich und blickte den Magier direkt an. „Ich könnte jetzt eine Show abziehen, aber das wäre doch wohl zu billig. Ich habe im 'Who's who' nachgesehen. Sie sind Millionär, aber ein eher ungewöhnlicher. Zehn Minuten später wußte ich mehr über Sie, Mr. deVoss. Ihr Interesse an übersinnlichen Dingen scheint bei einigen Leuten bekannt zu sein. Außerdem habe ich noch einige Informationen bekommen. Sie sollen auch ein wahrer Wohltäter der Menschheit...“
„Genug damit“, unterbrach ihn Roy.
Paul grinste.
Roy warf Yani einen raschen Blick zu. Sie hatte recht gehabt, Paul Moran war ein ungewöhnlich tüchtiger Journalist. Er schien über Informationen zu verfügen, von denen nicht einmal Yani etwas wußte.
„Legen wir die Karten offen auf den Tisch, meine Herrschaften?“ fragte Paul Moran.
„Wir haben nichts dagegen“, sagte Roy.
„Was wollen Sie wissen?“
„Alles. Wir wissen nichts über The Voodoos.“
„Auweh, da muß ich weit ausholen“, brummte Paul und lehnte sich behaglich zurück. „Die Gruppe gibt es seit über zehn Jahren. Sie wechselte fünfmal den Namen, und wie oft sie ihren Stil wechselte, kann niemand sagen. Es sind vier Musiker, zwei Farbige und zwei Weiße. Eine Zusammenstellung einer Band, wie man sie vor zehn Jahren überhaupt nicht mochte. Mann konnte die Gruppe nicht richtig einstufen, spielten sie nun weiße oder schwarze Musik? Das war damals für alle Konzertmanager und Plattenfirmen ein großes Problem.“
Der Kellner servierte die Getränke.
„Zuletzt traten die vier unter The Thorougbreds auf, da spielten sie hauptsächlich Country Music. Miserable, wenn ich das sagen darf. In den zehn Jahren hatten Sie zehn verschiedene Agenten und Verträge mit drei Plattenfirmen. Seit zwei Jahren hatten sie keine Platte mehr herausgebracht. Ihre Lieder kamen einfach nicht an. Sie waren total am Ende. Und vor vier Monaten verschwanden sie plötzlich.“
„Sie verschwanden?“ fragte Yani.
„Ich habe versucht alles zu erfahren, aber leih ich stieß auf eine Mauer des Schweigens. Trotzdem sind mir einige höchst merkwürdige Dinge aufgefallen.“
Paul trank einen Schluck Kaffee.
„Und die sind?“ bohrte Yani.
„Immer mit der Ruhe. Der letzte Auftritt der Gruppe erfolgte vor vier Monaten. Das war in Chicago in einer unbedeutenden Bar. Dann waren sie plötzlich fort. Sechs Wochen später waren sie wieder in den Staaten. Sie bekamen einen neuen Agenten, einen neuen Konzertmanager und einen Vertrag mit einer der größten Schallplattenfirma. Dazu muß ich noch sagen,  daß der Manager und der Agent Spitzenleute sind, die normalerweise nur die besten Sänger und Gruppen vertreten. Eine erfolglose Gruppe bekommt plötzlich die besten Leute der Branche. Das ist doch ziemlich seltsam, oder?“
„Allerdings“, stimmte Yani zu.
„Aber es kommt noch besser. Die Gruppe nennt sich nun The Voodoos, und plötzlich arbeiten die besten Songschreiber, Komponisten und Arrangeure für sie. So etwas hat es nie zuvor gegeben. Die Burschen mieten das beste Studio, wo jede Stunde ein Vermögen kostet und produzieren eine Single: Voodoo Magic. Die B-Seite ist noch schwachsinniger als die A-Seite. Das ist aber noch nicht alles.“
Paul legte eine Kunstpause ein, dann blickte er Yani und Ray an.
„Kein Mensch kann voraussagen, ob eine Platte ein Hit wird. Bei bekannten Sängern ist das schon eher möglich, Aber bei einer Gruppe wie The Voodoos? Doch der Konzertmanager der Gruppe mußte vom Erfolg überzeugt gewesen sein, Er mietete - noch bevor die Platte produziert war - für The Voodoos die größten Konzerthallen in den USA!“
„Der Mann muß verrückt gewesen sein.“
Paul schüttelte den Kopf. „Larry Owen, das ist der Manager, ist seit zwanzig Jahren in der Branche. Er ist nicht verrückt. Als ich ihn daraufhin ansprach verweigerte er jede Antwort. Dabei ist er sonst mir gegenüber immer sehr gesprächig.“
„Haben Sie mit den Mitgliedern der Band gesprochen?“
„Nein. Und das ist auch äußerst ungewöhnlich. Die Musiker werden hermetisch von der Presse abgeschirmt. Sie sind noch ärger als die Pink Floyd. Keine Interviews. Nichts. Niemand weiß, wo sich die vier aufhalten.“
Der Kellner tauchte mit den Speisen auf. Paul aß auf die typische amerikanische Art. Er schnitt sein Steak in Stücke, legte das Messer zur Seite und verwendete nur mehr die Gabel. Wahrend er einen Bissen nach dem anderen herunterschlang, sprach er weiter.
„Alle schweigen, aber ich weiß, daß sie in den sechs Wochen, als sie verschwunden waren, sich auf Haiti aufgehalten haben. Wo und bei wem, das konnte ich nicht erfahren. Ein Freund von mir, Jonathan Kandell, der für die New York Post schreibt und in Port-au-Prince augenblicklich ist, versuchte darüber etwas herauszubekommen. Fehlanzeige, er erfuhr überhaupt nichts.“
„Gestern las ich in der Post einen Artikel von Kandell“, sagte Roy.
„Ja, das ist mein Freund. Weiter zu The Voodoos. Die Platte kam vor drei Wochen heraus. Innerhalb von zehn Tagen lag sie an zehnter Stelle der Hitparade. Seit einer Woche liegt sie an der Spitze der Single-Charts. Die Plattenfirma behauptet, daß sie jeden Tag 100.000 Stück verkaufen, die Pressen laufen heiß. Vor einer Woche wurde angekündigt, daß The Voodoos im Madison Square Garden auftreten werden, und innerhalb von drei Stunden war das Konzert ausverkauft. Darf ich nochmals wieder holen: Die Halle war aber bereits vor zwei Monaten für dieses Konzert gemietet worden!“
„Und das alles auf eine einzige Single hin, die noch nicht einmal produziert war“, sagte Yani nachdenklich. „Wann findet das Konzert statt?“
„Heute.“
„Kannst du uns Karten besorgen, Paul?“
„Es werden schon bis zu tausend Dollar pro Karte geboten.“
„Nun, kannst du zwei Karten organisieren oder nicht?“
Paul grinste. „Ich bin dir noch einen Gefallen schuldig, Yani. Ich werde zwei Karten auftreiben und ins Hotel bringen lassen.“
„Danke.“
Roy versuchte das alles zu verarbeiten, was er in den letzten Minuten gehört hatte. Obzwar er nur sehr wenig von der Popszene wußte, kam ihm der bemerkenswert rasche Aufstieg der Band doch höchst ungewöhnlich vor.
Der Reporter hatte das Steak in Rekordzeit verschlungen. „Nächste Woche kommt die erste LP von The Voodoos heraus, Ich bekam eine Probepressung. Ein paar Nummern sind ganz gut, aber der Großteil hört sich ähnlich wie Voodoo Magic an. Die Texte sind auf raffinierte Weise völlig vertrottel und immer kommt Voodoo vor. Ähnlich wie die ersten Platten der Beach Boys, als sie nur über das Surfen sangen.“
„Wie erklärst du dir den Erfolg dieser Nummer?“
Paul tupfte sich die Lippen mit der Serviette ab. „Ich habe keine Erklärung dafür. Doch ich weiß, daß einige Leute völlig durchdrehen, wenn das Trommeln beginnt. Sie flippen total aus. Ein paar Teenager sollen schon übergeschnappt sein. Bekannt ist der Fall eines jungen Mädchens, die sich die Platte einen ganzen Tag ununterbrochen anhörte. Sie wurde in ein Spital eingeliefert. Ich habe ja viel Verständnis für Musikbegeisterung und Auswüchse hat es immer gegeben. Aber mit dieser Platte ist irgend etwas faul.“
„Das ist auch meine Meinung“, sagte Roy. „Ich werde mich um The Voodoos kümmern.“
„Was wollen Sie unternehmen?'
„Darüber will ich lieber im Augenblick nichts sagen, aber Mr. Moran, ich kann Ihnen versprechen, daß Sie der erste sein werden, der es erfährt sollte ich Erfolg haben. Schreiben Sie mir bitte die Namen der Bandmitglieder auf, Dann noch die Adressen und Namen des Agenten und Managers und wo ich Ihren Freund Kandell erreichen kann.“
Paul schrieb die gewünschten Angaben auf einen Zettel und reichte ihn Roy.
„Leutchen, ich muß verschwinden. Danke für die Einladung. Die Karten kommen rechtzeitig.“
„Nun, was hältst du von Paul? fragte Yani.
„Scheint tatsächlich ein fähiger Mann zu sein.“
„Was hast du nun vor?“
„Vorerst werde ich einmal ein Detektivbüro beauftragen. Sie sollen den Manager und Agenten über wachen, und nach dem Konzert den Musikern folgen. Und du wirst mit Jonathan Kandell in Port-au-Price telefonieren.“
Als sie in ihrem Hotelzimmer waren, setzte sich Roy mit dem Detektivbüro in Verbindung.
Danach rief  Yani im Hotel Beau Creole an.
„Monsieur Kandell bitte“, sagte sie auf französisch.
„Einen Augenblick.“
Es knackte in der Leitung.
„Wer spricht?“ meldete sich eine andere Männerstimme.
„Eine Freundin von Kandell. Ist er nicht im Hotel.“
„Monsieur Kandell ist im Moment nicht zu erreichen. Soll ich eine Nachricht hinterlassen?“
„Ich rufe später nochmals an.“
Zwei Stunden später bekamen sie die Karten für das Konzert.
Fünf Minuten später läutete das Telefon und Yani hob ab.
„Hier Paul“, sagte der Reporter mit aufgeregter Stimme. „Jonathan Kandell ist tot!“
„Was?“
„Ja, eben erhielt ich den Anruf von der Post. Im Hotel gab es einen Brand. Angeblich soll ihn Jonathan ausgelöst haben. Er schlief mit einer brennen Zigarette ein und das Bett geriet in Flammen. Das Zimmer brannte aus.“
„Das ist ja entsetzlich.“
„Das ist es allerdings“, knurrte Paul. „Und ich glaube kein Wort davon, denn Jonathan war ein überzeugter Nichtraucher!“
Paul legte den Hörer auf. Roy hatte mitgehört. Er blickte Yani an.
„Ich fürchte“, sagte Yani leise, „daß wir doch nach Haiti fliegen werden.“
„Möglich“, meinte Roy. „Aber vorerst bleiben wir in New York und warten das Konzert ab.“

* * *

Dan Farley verfluchte den Tag, an dem er nach Haiti gefahren war.
Mit blutunterlaufenen Augen stierte er den Farbigen an, der vor ihm stand und eine scheußliche Holzmaske trug.
„Ich kann die verfluchte Musik nicht mehr ertragen“, wimmerte Dan. „Dieses Trommeln, es verfolgt mich Tag und Nacht. Ich bin ein Wrack; ich kann einfach nicht mehr.“
„Du wirst heute auftreten, Dan Farley“, sagte der Maskierte kalt.
„Töten Sie mich, so töten Sie mich doch endlich.“
„Denk an deine Frau, Dan.“
„Sie Schwein. Sie sind eine Bestie, ein Wahnsinniger. Am liebsten wurde ich sie erwürgen.“
„Mach dich nicht lächerlich.“
„Seit Tagen quälen Sie mich. Ich bin am Ende. Verstehen Sie mich doch.“
„Es war ein Fehler dich in der Band zu lassen“, stellte der Maskierte nüchtern fest. „Ich hätte mir einen anderen Gitarristen suchen sollen. Jetzt ist es aber zu spät dafür.“
Dan Farley war ein Mitglied der The Voodoos. Sein aschblondes Haar war zerrauft, und sein Spitzbart schweißbedeckt.
„Wo haben Sie meine Frau hingebracht?“
„Sie ist hier im Motel.“
„Ich will sie sehen.“
„Lucy schläft. Und sie wird nicht mehr erwachen, wenn du mir nicht gehorchst.“
„Das haben Sie sich gut ausgedacht. Damit wollen Sie mich erpressen, aber ich trauen lhnen nicht und ich bin sicher, daß Sie uns beide töten werden. Heute brauchen Sie mich noch, aber morgen suchen Sie sich einen anderen Gitarristen, und damit ist die Sache erledigt. Mich können Sie nicht täuschen. Ich mache nicht mehr mit, und wenn Sie mich noch so mit Ihren verfluchten Nadeln quälen. Ich sehne den Tod geradezu herbei.“
Die dunklen Augen hinter der Maske funkelten wütend.
„Du unterschätzt meine Möglichkeiten, Dan. Die meisten Menschen fügen sich meinem Willen, wenn ich sie in meiner Gewalt habe. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten der magischen Beeinflußung. Du läßt mir keine Wahl, du Narr.“
„Wes haben Sie vor?“
„Leider kann ich diese Methode nur selten anwenden, ich muß diesen Zauber erst verbessern. Aber für dich wird es reichen.“
Dan Farley stand schwankend auf, dann griff er nach der Colaflasche auf dem Tisch und hob sie hoch. Er torkelte auf den Maskierten zu, der spöttisch lachte.
Der Zauberer griff in die rechte Rocktasche seiner Jacke, und Dan sah, wie sich seine Finger darunter bewegten.
Mit einem schrillen Schrei fiel Dan zu Boden, und plötzlich konnte er sich nicht mehr bewegen. Er war gelähmt.
„Es dauert einige Minuten, bis ich die Vorbereitungen getroffen habe. Du  wirst den heutigen Auftritt nicht schmeißen, das garantiere ich dir, Dan Farley. In zwanzig Minuten wirst du mich vergöttern.“
Nimmt denn dieses Grauen kein Ende, dachte Dan verbittert.
Begonnen hatte alles so vielversprechend vor vier Monaten. Sie sollten in einem Hotel in Haiti auftreten, der Flug und der Aufenthalt waren frei, und auch die Gage war recht gut gewesen.
Da es der Gruppe ausgesprochen schlecht ging, waren alle von diesem Engagement begeistert gewesen.
Doch es war ganz anders gekommen. Pötzlich wurden sie in Voodoo-Magie verwickelt. Sie waren von dem maskierten Unmenschen, den alle Papaloa nannten, verhext worden. Er zwang sie dazu eine völlig neue Art von Musik einzustudieren.
Der Aufenthalt, den sie sich eigentlich als eine Art Urlaub vorgestellt hatten, war zum Alptraum geworden.
Nach und nach hatte er die Macht des Hohepriesters erkannt. Es gab keine Rettung für sie. Die anderen Bandmitglieder, ihre Frauen und Freundinnen hatten sich in das Unvermeidbare gefügt, nur er hatte dagegen angekämpft.
Sie waren in einer alten Villa hoch in den Bergen gefangen gehalten worden. Langsam hatte er aus den Andeutungen des Papaloas, der immer nur mit der Holzmaske zu sehen war, begriffen, was er eigentlich wollte.
Sie waren für ihn nur eine Art Testpersonen. Mit ihrer neuen Musik, deren wesentliche Elemente die Voodoo-Trommeln und die Kürbisrasseln waren, wollte er die Wirkung dieser Musik auf die Massen testen.
Anfangs hatte sich Dan Farley dagegen nicht aufgelehnt. Er hatte so viel Geld wie nie zuvor bekommen, und auch die Hoffnung auf Erfolg und die Angst vor dem schrecklichen Macht des Papaloas ließen ihn mitmachen.
Aber schon bei den Aufnahmen zur Langspielplatte hatte er einen derartigen Widerwillen gegen die Musik entwickelt, daß er ein paarmal völlig durchgedreht hatte.
Gestern hatte Dan sich strikt geweigert am heutigen Konzert teilzunehmen, und er hatte sich von keinerlei Drohungen des Maskierten einschüchtern lassen,
Er wollte lieber sterben, als weiterzumachen.
Jetzt wußte er, daß er einen großen Fehler begangen hatte. Irgendwann hatte sich sicherlich die Möglichkeit ergeben den Maskierten zu töten, er hätte sich nur zu verstellen gebraucht. Doch das war nun aus und vorbei.
„Ich hin wieder da, Dan“, hörte er die Stimme, die ihn in seinen Alpträumen verfolgte.
Er lag auf dem Bauch und konnte sich nicht bewegen. Seine Augen waren geschlossen, und er merkte nicht, was der Maskierte tat.
Plötzlich hing ein betaubender Duft in der Luft, der Dan das Atmen schwer machte.
Innerhalb weniger Sekunden konnte er nicht mehr klar denken.
„Dya, rele, dya, dya“, summte der Maskierte.
Den Sinn des Gesanges verstand Dan nicht. Seine Gedanken huschten wie Sternschnuppen hin und her.
„Hörst du mich, Dan Farley, hörst du mich? Ich bin dein Herrscher, in bin der Papaloa, ich bin dein Herrscher. In bin der Herr über Leben und Tod. Du hast mir zu dienen, Dan Farley. Für dich ist es das höchste Glück mir zu dienen und meine Befehle zu befolgen. Du kannst dich wieder bewegen, Dan Farley. Steh auf!“
Dan bewegte sich und stand auf. Sein Gehirn war völlig leer.
Er stierte den Maskierten dümmlich an.
„Du liebst mich, Dan Farley. ich bin dein Meister, du bist auf mich angewiesen.“
Den betäubenden Duft, die Worte, das alles merkte Dan nicht mehr.
Ein betäubender Druck lag auf seiner Stirn, es klopfte in seinen Schläfen, und er spürte ein sanftes Ziehen in seinen Gliedern.
„Erwache, Dan Farley!“
Der Musiker schüttelte verwirrt den Kopf.
„Wie fühlst du dich, Dan?“
„So als würde ich über den Wolken schweben. Einfach herrlich.“ Er lachte vergnügt. „Ich freue mich schon auf das heutige Konzert. Es wird sicherlich einen Bombenerfolg. Voodoo wird die Welt erobern, und Sie werden der Herrscher sein, großer Papaloa.“
„So wird es sein“, sagte der Maskierte zufrieden.
„Du wirst heute abend dein bestes geben, verstanden?“
„Ja, das werde ich tun“, versprach Dan Farley glückstrahlend.
Er würde alles für den geliebten Zauberer tun. Einfach alles.
„Ich habe eine Überraschung für dich, Dan. Deine Frau wartet neben an. Geh zu ihr.“
„Danke, Papaloa.“
Dan lief durch das Zimmer und Lucy kam ihm entgegen. Er umarmte und küßte sie. So glücklich und zufrieden war er nie zuvor gewesen.
Der Papaloa verließ langsam den Raum. Der Zauber würde nie ein paar Stunden anhalten, dann mußte Dan Farley sterben...

* * *

Hauptmann Marcel Blanche hatte sich geirrt. Er war nicht gefeuert worden, ganz im Gegenteil, er hatte sogar eine Belobigung vom Präsidenten erhalten.
In der Universität hatte man die Überreste der drei Ameisen untersucht. Es waren tatsächlich südamerikanische Wanderameisen (Heeresameisen, Ecitoninae) gewesen, die normalerweise in langen Kolonnen durch Wald, Busch und Grasland der südamerikanischen Tropen ziehen.
Blanche fühlte sich hundemüde, denn er hatte nur zwei Stunden in seinem Büro geschlafen, und war nun zum Innenminister bestellt worden.
„Nehmen Sie Platz, Hauptmann“, sagte der Minister überraschend freundlich.
„Hier haben Sie den Bericht, Herr Minister.“
„Erstatten Sie mir lieber mündlich Bericht.“
„Ich darf doch rauchen?“ fragte Blanche.
Der Minister nickte gnädig.
„Vergangenen Samstag mietete ein gewisser Roger Miller das Zimmer oberhalb von Kandell. Dieser Miller wies einen gültigen US-Paß vor. Er ist ein Neger, der ausgezeichnet französisch und auch kreolisch spricht. Der Paß war vermutlich gefälscht. Wir haben von diesem Miller jede Menge Fingerabdrücke gefunden, die wir an das FBI und Interpol weitergeleitet haben. Ein Phantombild dieses Roger Millers wurde angefertigt und an alle Polizisten und Zollbeamten verteilt.“
Blanche sog an der Zigarette.
„Der Tatvorgang ist auch ziemlich klar. Während Pilloud das Hotel betrat, als Kandell das Licht abdrehte, bekam Miller Unterstützung von einem zweiten Mann, von dem wir nur eine sehr ungenaue Beschreibung des Nachtportiers haben. Miller zog den Unbekannten mit einem Seil hoch und dieser warf in Kandells Zimmer einen Stahlbehälter, in dem die Wanderameisen waren. Ferngesteuert wurde der Behälter geöffnet, die Ameisen stürzten hervor und töteten den Reporter. Der Rest ist Ihnen ja bekannt.“
„Glauben Sie, daß wir diesen Miller zu fassen bekommen, Hauptmann?“
„Nein, er befindet sich sicherlich schon seit einigen Stunden in der Dominikanischen Republik. Es ist recht einfach die Grenze unbemerkt zu überschreiten. Nachdem er sich auch keinerlei Mühe machte Fingerabdrücke zu verbergen, glaube ich, daß er nicht vorbestraft ist. Wir werden ihn vermutlich nie fassen.“
„Das ist auch meine Meinung. Ich fürchte, daß unser Gegner weitere Untaten begehen wird. Haben Sie irgendeine Spur, die uns weiterhelfen könnte, Hauptmann?“
Blanche überlegte. „Wie gut wissen Sie über Voodoo Bescheid?“
„Recht gut, das ist wohl klar.“
„Hm“, brummte Blanche. „Ich kenne einige Hungans, die den verschiedensten Göttern huldigen. Wir wissen, daß es sich meist um völlig harmlose Gruppen handelt, die mal einen Hahn opfern, aber über keinerlei magische Fähigkeiten verfügen. Ich hin ziemlich sicher, daß hinter den Morden eine Gruppe steckt, die Ogun Badgari, den Kriegsgott verehrt. Ich kenne aber leider keinen Voodoo-Priester, der diesen Gott anbetet.“
„Höchst interessant. Sind Sie ein Voodoo-Anhänger, Hauptmann.“
„Nein, aber meine Eltern waren es.“
„Das ist mir bekannt. Ich will offen mit Ihnen sprechen, Hauptmann. Ich traue Ihnen, daher will ich ganz offen sein, Unser Geheimdienst ist äußerst bescheiden, doch wir haben Spitzel in allen Bevölkerungsschichten. Und natürlich auch in allen Voodoo-Gruppen. Sobald irgendeiner etwas erfährt, was uns interessieren könnte, bekommen wir eine Meldung. Doch zu diesen Morden haben wir nicht einen einzigen Hinweis bekommen. Das ist höchst ungewöhnlich.“
Der Minister sperrte eine Lade auf und holte einen Schnellhefter hervor, und begann darin zu blättern, dann legte er einen Finger zwischen zwei Seiten.
„Wir haben drei Spitzel, die Gruppen angehören, die sich zu Ogun Badgari bekennen. Alle drei meldeten vor etwa zwei Monaten, daß es zu einem Zusammenschluß aller Anhänger Ogun Badgaris kommen solle. Ein paar Tage später gaben sie dann durch, daß es zu diesem Zusammenschluß nicht gekommen sei. Seither kam von den drei Spitzeln keine Nachricht mehr.“
„Wie sollen wir vorgehen?“ fragte Blanche gespannt.
„Wir könnten die drei verhören oder sie überwachen lassen. Aber das würde nur Verdacht erwecken. Wir müssen uns einen anderen Weg einfallen lassen.“
Blanche drückte die Zigarette aus, kniff die Augen zusammen und zündete sich sofort eine neue an.
„Drei Spitzel“, sagte Blanche nachdenklich. „Ich wette, daß Sie noch andere Listen haben, Herr Minister. Vielleicht eine, auf der eine Reihe Anhänger Ogun Badgatis stehen?“
Der Minister lächelte. „Nicht schlecht vermutet. Ihre Ausbildungskosten haben wir gut investiert. Ja, ich habe so eine Liste. Es stehen zwölf Namen darauf. Sieben bekam ich von den Spitzel, fünf stammen aus anderen Informationsquellen.“
„Da werden wir einhaken“, sagte Blanche. „Wir müssen aber vorsichtig sein, da ich ziemlich sicher bin, daß sich auch Spitzel unseres Gegners in der Polizei befinden.“
„Das ist höchst wahrscheinlich“, stimmte der Minister zu. „Was haben Sie für einen Plan?“
„Ein höchst einfachen. Wir werden unseren Gegner täuschen und in Sicherheit wiegen. Wir nehmen ein paar Dumbala-Priester fest und lassen durchsickern, daß wir die Anbeter des Schlangengottes für die Drahtzieher halten. In der Zwischenzeit konzentriere ich mich. unauffällig auf die Anhänger Ogun Badgaris.“
„Eine hervorragende Idee., Hauptmann. Simpel, aber möglicherweise erfolgreich. Nur wir beide wissen davon, ich werde nicht einmal den Präsidenten in unseren Plan einweihen. Ich habe eine Idee, wie wir weiterkommen können. Gott sei Dank müssen wir nicht auf irgendwelche blödsinnigen Gesetze der freien Welt achten. Sie nahmen doch vor einiger Zeit an einem Spezialkurs in London über Minispione und ihre Abwehr teil. Wir haben doch genügend solcher Wanzen zur Verfügung, Hauptmann?“
Blanche nickte grinsend.
„Dann hören Sie mir gut zu, Hauptmann.“

* * *

Yani und Roy waren schon eine halbe Stunde vor Konzertbeginn in der Eight Avenue eingetroffen. Sie schlenderten die Straße auf und ab und warfen dabei immer wieder Blicke auf den Eingang zum Madison Square Garden.
The Voodoos schienen gleichermaßen Weiße und Farbige, Männer und Frauen anzusprechen.
„Hauptsächlich sind die Besucher unter dreißig“, stellte Yani nach ein paar Minuten fest.
Roy deVoss fragte sich, ob hinter The Voodoos sein alter Gegner Magiron steckte. Aber sein Instinkt sagte ihm, daß er es diesmal mit einem anderen Gegner zu tun hatte.
„Gehen wir hinein“, sagte Roy schließlich.
Sie betraten die Veranstaltungshalle, in der auch Boxkämpfe, Massenversammlungen, Zirkusvorstellungen stattfanden.
Roy hielt die Karten hin und bekam zwei dünne Stäbchen und Prospektmaterial überreicht.
„Das sind Rauchstäbchen“, stellte Yani fest. „Was sollen wir mit ihnen tun?“
„Abwarten“, meinte Roy und steckte die Stäbchen ein. Plötzlich war er verkrampft. Er reichte eines der dünnen Reklameheftchen Yani und blätterte seines durch. Ein Fotos der The Voodoos war zu sehen, ein paar uninteressante Bemerkungen über Voodoo und wie die Band auf Haiti mit der einheimischen Musik in Berührung gekommen war und sie in ihr Programm einbaute. Dann wurde für die in den nächsten Tagen herauskommende Langspielplatte Reklame gemacht. Roy steckte das Heftchen ein.
Sein Unbehagen steigerte sich, als die gigantische Halle betraten, die schon fast voll war. Ihre Sitze lagen ziemlich weit hinten, und in ihrer Reihe saßen fast nur junge Mädchen.
Die Bühne war noch dunkel. Roy versuchte Einzelheiten zu erkennen, was ihm jedoch nicht gelang. Aber die üblichen Aufbauten bei Rockkonzerten waren vorhanden. Im Hintergrund konnte er undeutlich drei riesige Voodoo-Trommeln sehen.
Ein erwartungsvolles Raunen ging durch die Halle, als die Saalbeleuchtung schwächer wurde.

* * *

The Voodoos, die drei Voodoo-Trommler und die zwei Priester mit den Kiirbisrasseln samt ihrem Anhang befanden sich schon seit zwei Stunden in der Garderobe.
Jack Elliott, der Bassist, war überaus nervös. Seine Freundin Cissy versuchte ihn zu beruhigen. Rab Hagin und Joe Riddell, die zwei Farbigen der Gruppe, wirkten ein wenig verkrampft. Dan Farley hingegen war vergnügt und riß dumme Witze.
Die Voodoo-Priester hielten sich abseits und waren völlig gelassen.
Doch insgesamt gesehen war die Stimmung äußerst trist.
Alle wußten, daß sie nicht freiwillig diese Musik spielten, mit Ausnahme der Voodoo-Musiker, die voller Begeisterung waren.
„Hier herrscht ja eine Stimmung wie bei einem Begräbnis, Leute“, sagte Larry Owen, der Agent der Gruppe. „Ihr wißt genau, was auf dem Spiel steht. Reißt euch zusammen, sonst produziert ihr nur Mist auf der Bühne.“
„Halt die Klappe“, knurrte Jack Elliott.
„Mir braucht ihre keine Vorwürfe zu machen; ich bin so unschuldig wie ihr hineingeraten“, brummte Larry wütend. „Macht das Beste daraus. Wacht auf, sonst schlaft ihr mir noch draußen ein.“
Lustlos trank Rab Hagin, der Schlagzeuger, eine Flasche Ginger Ale, während sich Joe Riddell, der Lead-Sänger, mit Popcorn vollstopfte.
Dan Farley zupfte blöd grinsend an seiner Gitarre herum.
„Seht euch Dan an; der Bursche kann es kaum erwarten, daß es losgeht“, sagte Rab Hagin angewidert. „Und gestern wollte er noch aussteigen.“
„Ob unser Freund mit der hübschen Maske auch auftaucht?“ fragte Joe Riddell spöttisch. Er hatte schon lange resigniert und sich mit allem abgefunden.
„Nehmt euch ein Beispiel an unseren Voodoo-Freunden“, sagte Jack Elliott zynisch. „Sie sind heiter und vergnügt. Der Teufel soll sie und unseren maskierten „Herren“ holen.“
„Denkt an das viele Geld, das ihr verdient“, meinte Myra, die Joe Riddells Freundin war.
„Das ist auch mein einziger Trost“, brummte Jack. „Zehn Minuten noch, dann ist es so weit.“
„Es bleibt dabei wie ausgemacht“, sagte Larry Owen. „Zuerst beginnen nur die Voodoo-Leute zu spielen. Dann nach ein paar Minuten kommt ihr auf die Bühne und steigt ein. Dann spielt ihr etwa eine Minute lang Voodoo Magic.“
„Ja, das wissen wir alles“, sagte Rab Hagin ungeduldig. „Ich finde es zwar noch immer dämlich, daß wir gleich diesen Song spielen sollen, aber bitte.“
„Das heizt die Stimmung an“, sagte Larry. „Ihr spielt dann ein paar andere Nummern, aber immer wieder zwischendurch Voodoo Magic.“
'Verdammt, Dan, hör endlich auf mit dem Herumgezupfe an deiner verdammten Gitarre, du machst mich ganz krank“, schrie Jack Elliott,
„Das kann ja heiter werden“, flüsterte Larry Owen.

* * *

Der Wecker läutete um genau 21 Uhr.
Marcel Blanche gähnte und sprang aus dem Bett. Er stellte den Kaffee auf und rasierte und duschte sich. Dann zog er sich gemächlich an, trank zwei Tassen Kaffee und verließ sein Haus.
Er fühlte sich wie neugeboren, denn er hatte über vier Stunden geschlafen.
Und er hatte es nicht eilig, als er in den unauffälligen alten VW-Bus stieg.
Sein Ziel war die spanische Botschaft, in der ein Empfang stattfand, an dem der Innenminister und einige weitere Persönlichkeiten Haitis teilnahmen.
Darunter auch eine Frau, die Marcel sehr bewunderte. Sie hieß Monique Mayoux und war schön wie ein Frühlingsmorgen. Monique war die beliebteste Schauspielerin Haitis.
Und sie war Mitglied einer Voodoo-Gruppe, die Ogun Badgari anbetete.
Für Marcel Blanche war es ein gewaltiger Schock gewesen, als ihm der Innenminister erzählt hatte, daß die berühmte Monique Mayoux eine Mambo des Voodoo-Kultes war.
In einer Seitenstraße in der Nähe der Botschaft parkte Marcel den Wagen.
Vor dem Botschaftsgebäude sah er sich nach einem knallroten Alfa Romeo um. Er mußte nicht lange suchen, da hatte er ihn gefunden.
Ja, das war Monique Mayoux' Auto. Er überprüfte nochmals das Kennzeichnen, dann blickte er sich um. Niemand beobachtete ihn. Er ging in die Knie und drückte eine daumennagelgroße Scheibe auf die Bodenplatte des Autos.
Er blieb etwa eine halbe Stunde im VW-Bus sitzen, rauchte gemütlich zwei Zigaretten und fuhr dann los.
Nun hielt er in einer Straße am Rand von Port-au-Prince, in der eine Villa neben der anderen stand.
Er stieg aus, öffnete die Ladetür und kletterte hinein. Er setzte sich und stellte einen Empfänger ein. Nur leises Rauschen war zu hören, das vom Sender stammte, den er an der Bodenplatte befestigt hatte. Nun schaltete er ein zweites Gerät ein, das mit dem altertümlichen Telefonnetz verbunden war.
Ihr Plan war äußerst einfach. Der Innenminister, der Monique seit Jahren kannte, wollte mit ihr auf dem Empfang sprechen. Monique hatte keine Ahnung, daß der Minister wußte, daß sie eine Mambo war.
Er würde ihr, ganz vertraulich - versteht sich - mitteilen, daß irgendeine Dambala-Voodoo-Gruppe hinter den Mord an Louis Tournier steckt.
Wie sie diese Information verwenden würde, das konnten sie nur ahnen. Vielleicht erwiesen sich die getroffenen Maßnahmen als sinnlos.
Die Reichweite des Senders an der Bodenplatte betrug etwa drei Kilometer.
Geduldig wartete Marcel Blanche.
Plötzlich hörte er Motorengeräusch. Rasch setzte er sich die Kopfhörer auf.
Monique Mayoux näherte sich ihrer Villa.
Immer deutlicher vernahm Marcel das Motorengeräusch, ja er hörte sogar ganz genau wann sie schaltete und bremste.
Nun vernahm er auch ihre Stimme. Sie sang vergnügt ein altes Volkslied.

* * *

Langsam wurde es dunkel im Zuschauerraum. Ein Licht flammte auf der Bühne auf, dann ein zweites und ein drittes.
Die Scheinwerfer strichen einmal über das Publikum hinweg, und als sie zurück zur Bühne glitten, hockten drei Neger vor den Voodoo-Trommeln, die aus den Schaften von Gummibäumen geschnitzt waren, und darüber waren Ziegenhäute gespannt, die von den Trommlern mit den Handballen bearbeitet wurden.
Augenblicklich war es still.
Das Trommeln war ganz leise, wurde langsam etwas lauter. Nun konnte man auch die zwei dunklen Gestalten ganz im Hintergrund der Bühne erkennen, die mit den Kürbisrasseln eigenartige Geräusche produzierten.
Das Trommeln und das Rasseln wurde noch lauter. Dann erschienen die vier Musiker auf der Bühne. Das Publikum pfiff und klatschte begeistert.
Die Scheinwerfer wechselten die Farbe. Die Bühne war nun in düsteres rotes Licht getaucht. Die Musiker waren nebelhafte Schatten.
„The Voodoos!“ hallte eine laute Stimme durch den Saal.
Wieder Gebrüll im Zuschauerraum.
Die ersten Takte von Voodoo Magic waren zu vernehmen; einige der Zuseher sprangen auf und applautierten wie verrückt.
Die Mädchen neben Roy und Yani und vor ihnen sprangen hoch und jauchzten vor Begeisterung, als Joe Riddell mit seiner Fistelstimme „It's Voodoo Time“ und „Voodoo Magic“ ins Mikrophon jaulte.
Roy spürte wie es in seiner rechten Rocktasche heiß wurde. Dort steckte der Zauberring, doch er wagte ihn nicht herauszunehmen.
Als die Gruppe nach etwa einer Minute mit Voodoo Magic aufhörte und eine andere Nummer zu spielen begann, fing das Publikum zu toben an.
„Spielt weiter Voodoo Magic!“ brüllten sie und stampften mit den Füßen auf. „Spielt weiter Voodoo Magic!“
The Voodoos spielten ruhig die andere Nummer weiter, doch das Publikum wollte sie nicht hören. Noch immer forderte es, daß Voodoo Magic gespielt werden sollte.
Der Band blieb keine andere Wahl. Sie spielten die gewünschte Nummer.
Roy hatte Aufnahmen von Konzerten der Beatles und Rolling Stones gesehen, aber die Hysterie, die dort das Publikum entwickelt hatte, war harmlos zu dem, was sich jetzt in der Halle abspielte.
Fast alle Zuhörer waren auf den Beinen, sie wiegten sich Tm Rhythmus hin und her, der Großteil sang verzückt den dämlichen Text mit.
„Steh auf“, flüsterte Roy Yani ins Ohr. „Wir tun so, als würde uns auch die Musik begeistern.“
Yani nickte, und sie standen auf und begann zu tänzeln.
Roy griff in die Rocktasche und zuckte zurück. Der Ring war glühend heiß geworden.
Die Massenhysterie ging weiter. Die Band spielte nun eine ähnliche Nummer wie Voodoo Magic, und nun hatte das Publikum nichts dagegen. Anscheinend war nur wichtig, daß die Voodoo-Trommeln laut genug zu hören waren.
Die Trommler legten sich mächtig hinein. Sie ritten nun förmlich auf den Trommeln und ihre Handballen schlugen so rasch zu, daß einem vom Zusehen schwindelig werden konnte.
Nach einer halben Stunde hielt es Roy kaum mehr aus. Yani klammerte sich an ihm fest.
„Das Trommeln macht mich verrückt“, keuchte Yani. „Mein Kopf zerspringt.“
„Versuchen wir hinaus zu kommen.“
„Das ist doch hoffnungslos“, sagte Yani schwach. Roy blickte sich um. Nun waren tatsächlich alle 18.000 Besucher auf den Beinen. Da Yani und Roy in der Mitte der Reihe saßen, war es tatsächlich schwierig den Gang zu erreichen, der außerdem mit Menschenmassen vollgedrängt war, die aus den hinteren Reihen zur Bühne strömten.

* * *

Der Alfa Romeo fuhr an Marcel Blanche vorbei. Die Schauspielerin ließ ihn vor der Villa stehen, sperrte das Gartentor auf und verschwand aus seiner Sicht.
„Jetzt bin ich neugierig, ob sie telefonieren wird“, flüsterte Marcel.
Er nahm den Kopfhörer ab, rutschte zur Seite und starrte den zweiten Empfänger auf der Ladefläche an.
Marcel blickte auf die Uhr, dann sah er zum Haus, in dem das Licht anging.
Genau 5 Minuten und 34 Sekunden, nachdem Monique das Haus betreten hatte, hob sie den Telefonhörer ab, wie das aufflammende Lämpchen anzeigte.
Auf einer Leuchttafel erschienen Ziffern, die Marcel mitschrieb.
Er schaltete das Band ein.
„Hallo“, meldete sich eine Männerstimme.
„Hier Monique. Wie geht es dir, mein Lieber?“
„Gut, und dir.“
„Nicht besonders. Ich habe Magenschmerzen.“
„Das tut mir aber leid. Trink eine Tasse Tee.“
„Ja, ich werde mir in zehn Minuten einen Kamillentee machen. Gibt es sonst etwas Neues?“
„Nichts besonderes, ruf mich morgen an.“ Monique legte auf.
Das Gespräch ergab nicht viel Sinn für Marcel, doch es war klar, daß die beiden einen Code verwendet hatten.
Rasch stieß Marcel den Beifahrersitz zur Seite und kroch hinter das Lenkrad, startete und fuhr etwa hundert Meter weiter. Dort blieb er mit laufendem Motor, aber abgestellten Scheinwerfern, stehen.
Er griff nach hinten und schob sich die Kopfhörer über den Kopf. Zur Sicherheit ließ er auch gleich das Tonband mitlaufen.
Kurze Zeit später hörte er das Zuschlagen einer Wagentür. Dann wurde das Auto gestartet. Ein paar Sekunden später fuhr der Alfa Romeo an ihm vorbei und bog nach rechts in eine breite Verbindungsstraße ein, die in Richtung Kenscoff führte.
Marcel ließ sich Zeit. Erst als er kaum mehr die Rücklichter des Sportwagens erkennen konnte, nahm er die Verfolgung auf.
Er hielt fast fünfhundert Meter Abstand.
Sie fuhren etwa fünf Minuten lang die Straße entlang, dann bog der Sportwagen nach rechts in eine schmale Seitengasse ein.
Marcel zögerte einen Augenblick, als er aber hörte, wie der Alfa abgebremst wurde, stieg auch er auf die Bremse.
Deutlich hörte er wie Monique Mayoux den Motor abschaltete. Sie stieg aber nicht aus. Er vernahm das Aufschnappen eines Feuerzeuges.
Sie wartet auf jemand dachte Marcel und duckte sich.
Und er hatte sich nicht getäuscht. Drei Minuten später fuhr ein weißer Mercedes an ihm vorbei und bog in die Gasse ein.
Marcel notierte die Nummer.
Jetzt hörte er gespannt zu. Die Tür des Alfa Romeos wurde geöffnet.
„Komm in meinen Wagen, Monique.“
„Ich denke nicht daran“, sagte die Schauspielerin kühl. „Entweder du setzt dich auf den Beifahrersitz, oder du bleibst stehen.“
Marcel hörte ein unterdrücktes Fluchen, dann ließ sich der Mann schwer auf den Sitz fallen und schlug die Tür zu.
„Du solltest dir einen bequemeren Wagen zulegen, Monique“, sagte eine helle Männerstimme.
„Ich liebe ihn aber.“
„Naja, über Geschmack läßt sich streiten. Was hast du erfahren?“
„Ich sprach mit dem Innenminister. Wie befohlen brachte ich das Gespräch auf den Mordfall Tournier. So nebenbei erzählte mir der Minister, daß die Polizei ziemlich sicher ist, daß eine Dumbala-Gruppe hinter dem Mord steckt.“
„Das ist gut, sehr gut sogar. Und das deckt sich auch mit meinen Informationen. Pilloud hat mich verständigt, Hauptmann Blanche ließ sich alle Unterlagen geben, die sie über Dumbala-Gruppen haben.“
Pilloud ein Spitzel? wunderte sich Blanche.
Verschwinde jetzt, Phillipe.“
„Warum so eilig, meine Süße. Wir sollten uns endlich näher kennenlernen.“
„Nimm deine Hand von meinen Schenkel, sonst klebe ich dir eine!“
„Warum bist du mir gegenüber so spröde, meine Hübsche?“
„Das weißt du ganz genau“, sagte Monique heftig. „Meine Eltern zwangen mich dem Voodoo-Kult beizutreten. Ich wollte nicht. Eure widerlichen Zeremonien stoßen mich ab. Und jetzt bin ich in der Hand von euch Wahnsinnigen.“
„Der Papaloa wird dich für deine Dienste reich belohnen, Monique.“
„Darauf kann ich verzichten. Ich habe alles, was ich will.“
„Noch nicht alles“, sagte Phillipe lauernd. „Ich will, daß du meine Geliebte wirst, Monique.“
„Ich suche mir meine Liebhaber selbst aus“, sagte sie eiskalt. „Du bist nicht der Typ, auf den ich fliege.“
„Ich könnte den Papaloa bitten, daß er dich zwingen soll mir zu gehorchen.“
„Ja, das könntest du. Hinaus mit dir, du widerlicher geiler Bock.“
„Warte nur, Monique, bis der Papaloa an der Macht ist. Dann reden wir weiter, Monique.“
„Verschwinde endlich, Phillipe. Ich habe meinen Auftrag ausgeführt. Hoffentlich höre ich von dir bis zu meinem Tod nichts mehr.“
„Bald ist es so weit, meine Süße, dann wird er Papaloa herrschen und du wirst mich auf den Knien anwinseln.“
„Raus mit dir!“
„Gute Nacht.“
Die Tür wurde geöffnet und heftig zugeschlagen.
„Scheißkerl“, flüsterte Monique und startete den Wagen.

* * *

The Voodoos spielten nun schon fast eine Stunde lang. Sie hatten nicht einmal eine kurze Pause eingeschoben.
Die Raserei des Publikums war auf sie übergesprungen. Der Schweiß rann, in Strömen über ihre Körper.
Roy drückte nun ziemlich rücksichtslos einige der kreischenden Teenager zur Seite. Halb bewußtlos folgte ihm Yani.
Ein paar Reihen vor ihnen waren ein paar Besucher ohnmächtig geworden.
„Holt die Stäbchen hervor!“ schrie Joe Riddell ins Mikrophon. „Nehmt sie in die linke Hand und haltet sie über den Kopf.“
Das Publikum gehorchte. Roy zog die Stäbchen hervor und warf sie auf den Boden. Er schob sich weiter auf den Ausgang zu.
Ein paar Sekunden verstummte die Musik.
Verschiedenfarbige Lichtkegel rasten nun wie Blitze über die Bühne. Das Trommeln begann wieder, monoton und immer durchdringender werdend.
„Se uki mare mwe!“ überbrüllte einer der Trommler die Musik.
Die Rauchstäbchen in den ersten Reihen entzündeten sich von selbst, und ein betäubender Duft breitete sich in der Halle aus. Weiter Stäbchen flammten auf, sie brannten in den verschiedensten Farben.
„Rasch, nichts wie raus!“ schrie Roy und packte Yanis linken Arm und riß sie mit sich.
Ordner versuchten die tobende Menschenmasse von der Bühne zurückzudrängen, aber ihre Bemühungen waren vergeblich.
Roy war jetzt nicht gerade freundlich. Er setzte seine ganze Kraft ein und stieß einfach die aufgeputschten Leute zur Seite, die ihm entgegenkamen.
„Halte dir die Nase zu, Yani!“ schrie er, dann zog der die Japanerin auf einen der Ausgänge zu. Die Halle war mit Rauchwolken erfüllt.
Das Publikum raste vor Entzücken, als The Voodoos wieder zu spielen begannen.
Ganze Sitzreihen wurden niedergetrampelt, als die Massen weiterhin zur Bühne strömten.
Roy riß eine Tür auf und stieß Yani in die Vorhalle.
„Mir ist übel“, stöhnte Yani. „Ich muß auf die Toilette.“
„Dann gehe“, sagte Roy gefährlich ruhig.
Yanis Haar war verklebt; sie stolperte auf die Toiletten zu, und Roy drehte sich um und blickte in die Halle.
Jetzt war seine Geduld zu Ende. Zum Teufel mit dem Versprechen, das er Yani gegeben hatte. Er hatte schon viel zu lange gezögert.
Roys Innere war in Aufruhr, aber er ließ sich nichts von seinen Gefühlen anmerken.
Entschlossen holte Roy den Ring aus der Tasche, der zu brennen schien. Doch der Magier spürte die Hitze nicht. Er hob den Ring und starrte in das Innere. Blitze zuckten hin und her.
Er fixierte die Musiker auf der Bühne, starrte sie der Reihe nach durch den Ring an.
Nun strahlte das Innere wieder grün. Die Gesichter der Musiker veränderten sich, als er sie einzeln wie durch ein Fernglas betrachtete.
Er sah jetzt Totenköpfe, in die Nadeln stachen! Der Gitarrist wankte hin und her dann stolperte er über ein Kabel und fiel der Länge nach hin.
Er blieb liegen, doch die anderen Mitglieder der Band spielten weiter.
Roy blickte nun durch den Ring auf das Publikum. Der Ring war noch immer glühend heiß, doch das Innere schimmerte grün und es bildeten sich die seltsamen Voodoo-Zeichen. Doch dreimal veränderte sich das Ringinnere, wieder waren Totenköpfe und die Nadeln zu sehen.
Er steckte den Ring ein, als ein Ordner neben ihm stehen blieb.
„Da scheint ja der Teufel los zu sein.“
„Das ist die Untertreibung des Jahres. Verständigen Sie die Polizei, die Veranstaltung muß abgebrochen werden, sonst gibt es einige Tote.“
„Das darf ich nicht entscheiden, dafür ist der Manager zuständig.“
„Dann werde ich es veranlassen“, sagte Roy grimmig. In der Halle befanden sich einige Telefonzellen.
Yani schritt unsicher aus der Toilette. Sie war noch immer bleich.
„Geh hinaus auf die Straße, Yani“, sagte Roy plötzlich ganz sanft. „Die frische Luft wird dir gut tun. Ich muß zwei Telefongespräche führen. Warte draußen auf mich.“
Yani nickte und lief auf die Straße hinaus.
Roy holte eine Handvoll Münzen heraus und fütterte einen Apparat damit. Zuerst wählte er den Polizeinotruf.
„Eine Massenschlägerei bei einem Konzert im Madison Square Garden“, sagte er mit gehetzt klingender Stimme. „Kommen Sie rasch. Schicken Sie ein paar Streifenwagen.“
Grimmig lächelnd legte er auf.
Das Toben der Massen war bis zu ihm zu hören.
Er wählte nun die Nummer von Alan Crawford, der Detektivagentur, die er mit der Überwachung des Agenten und Managers der Gruppe beauftragt hatte.
„Crawford“, meldete sich der Detektiv.
„Hier Roy, haben Sie irgendetwas herausbekommen, Alan?“
„Gott sei dank, daß Sie anrufen, Roy. Der Manager verließ den ganzen Nachmittag nicht sein Büro. Er fuhr dann direkt zum Konzert. Der Mann, den ich auf den Agenten angesetzt habe, hatte mehr Glück. Larry Owen fuhr nach New Jersey und mein Mann hatte keinerlei Mühe ihn zu verfolgen. In der Nähe von Rutherford, das ist nur ein paar Meilen von Manhattan entfernt, hielten sich The Voodoos in einem kleinen Motel versteckt. So um 18 Uhr fuhr die Band mit einem Autobus nach New York. Der Agent ließ seinen Wagen dort. Sie werden also sicherlich nach dem Konzert wieder hinfahren.“
„Das ist ja sehr erfreulich“, meinte Roy.
„Noch etwas. Das könnte wichtig sein. Die Band bekam einen weiteren Besuch. Es war ein meergrüner Chevrolet mit einer CD-Nummer.“
Roy runzelte die Stirn. „Haben Sie herausbekommen, wer der Besucher war?“
„Das nicht. Es war ein Farbiger. Der Wagen ist auf die Botschaft von Haiti in New York zugelassen!“
„Interessant, sehr interessant. Wo kann ich Ihren Mann erreichen?“
„Er ist beim Madison Square Garden und wartet in seinem Wagen. Wo sind Sie, Roy?“
„In der Eingangshalle.“
„Ich rufe ihn über das Autotelefon an. Er wird in ein paar Minuten bei Ihnen sein.“
„Sagen Sie ihm aber, daß er mich draußen auf der Straße finden wird. Ich gehe hinaus, denn in wenigen Augenblicken wird es hier nur so vor Polizisten wimmeln.“
„OK. Der Name meines Mannes ist Steve Smith.“
„Smith?“
„Ja“, kicherte Alen. „Es gibt tatsächlich Leute, die so heißen. Ich gebe ihm eine Beschreibung von Ihnen. Smith ist mittelgroß, hat graues Haar und kaut ununterbrochen an einem Kaugummi herum.“
„Ich erwarte ihn. Bis später, Alan.“
Das ohrenbetäubende Gebrüll aus der Halle verfolgte Roy bis auf die Straße.
Zwei Streifenwagen trafen ein und ein paar Cops stürmten in die Halle. '
Yani kam ihm entgegen.
„Du fährst am besten ins Hotel, Yani“, sagte er. „Ich habe einiges zu erledigen.“
„Ich will bei dir bleiben, Roy.“
„Nein“, sagte er entschieden. „Keine Widerrede. „Aber Roy, ich will...“
„Aus“, sagte er scharf. „Du bleibst im Hotel und verläßt das Zimmer nicht. Vielleicht setzt sich Paul Moran mit dir in Verbindung. Du läßt keinen Menschen ins Zimmer, nicht einmal den Etagenkellner. Verstanden?“
„Ja“, sagte Yani erschöpft.
Roy winkte ein Taxi her, und Yani stieg ein. „Ich melde mich bald bei dir, Yani.“
Das Taxi fuhr los und Roy hob den rechten Arm und winkte ihr nach.
„Roy deVoss?“ fragte ihn ein etwa fünfzig Jahre alter Mann, der graues Haar hatte und einen Kaugummi bearbeitete.
Roy nickte.
„Ich bin Steve Smith.“
„Freut mich, Mr. Smith.“
„Sagen Sie lieber Steve zu mir. Mir wird immer ganz übel wenn jemand auch nur Smith erwähnt.“
„In Ordnung, Steve“, sagte Roy lächelnd. „Ich will hinter die Bühne, um es genau zu sagen in die Garderoben. Können Sie mich hinbringen, Steve?“
Der Privatdetektiv grinste breit. Sein Gesicht war faltig, und beim Grinsen waren einige Goldkronen zu sehen.
„Nichts leichter als das. Folgen Sie mir.“
Sie schritten auf einen versteckten Seiteneingang zu.
„Ich kenne den Madison Square Garden wie meine Hosentasche. Wir haben oft da zu tun. Wir spielen Leibwächter für Künstler.“
Smith klopfte in einem bestimmten Rhythmus an der Tür. Ein paar Sekunden später wurde sie geöffnet. Der Mann, der ihnen entgegentrat, warf einen kurzen Blick auf Smith, trat zur Seite und sagte kein Wort.
Sie gingen endlos lange Gänge entlang, dann ging es ein paar Stufen hoch. Schließlich stiegen sie in einen Lift.
„Haben Sie den Mann im Chevrolet erkennen können, Steve?“
„Leider nein. Das Motel liegt abseits der Straße. Ich schlich vorsichtig hin, da fuhr der Chevrolet heran. Ich warf mich zu Boden. Der Winkel war aber so ungünstig, daß ich den Mann nur ein paar Sekunden von hinten sah. Er war ein Farbiger. Danach schlug ich einen großen Bogen. Ich wollte nicht zu nahe an das Motel heran. Ich schrieb die Wagennummer auf, dann beobachtete ich weiter. Eine Stunde lang tat sich nichts. Ich kehrte zu meinem Wagen zurück und telefoniert mit Alan. Als ich zurück beim Motel war, fuhr der Chevrolet gerade los. Ich konnte das Gesicht des Fahrers nicht erkennen, sorry.“
Der Aufzug blieb stehen und sie stiegen aus. Das Toben der Massen war noch immer zu hören, doch die Musik hatte aufgehört.
„Das ist die Tür zur Künstlergarderobe. Was haben Sie vor, Roy?“
„Ich will mir die Musiker ansehen.“
„Ansehen?“
„Ja“, antwortete Roy knapp und zog den Ring hervor, dessen Inneres noch immer grün leuchtete.
„Das ist ein äußerst merkwürdiger Ring, den Sie da haben, Roy.“
Der Magier nickte, hob ihn hoch und blickte Steve Smith an, Nichts geschah.
„Rechnen Sie mit irgendwelchen Schwierigkeiten, Roy?“
„Ehrlich gesagt: ich weiß es nicht.“
Smith öffnete die Tür. Der erste Raum war leer und sie gingen weiter. Smith drückt die nächste Tür auf.
Auf einer Couch lag der bewußtlose Gitarrist, vor ihm auf dem Boden kauerte ein blondhaariges Mädchen, da schluchzte.
„Wer sind Sie?“ fragte das Mädchen überrascht.
„Unsere Namen sind belanglos“, sagte Roy und hob den Ring hoch. Er wußte, daß der Musiker verhext war. Als er den Ring auf das Gesicht des Mädchens richtete, war der Totenkopf mit den Nadeln zu sehen.
„Gehen Sie zur anderen Tür und sperren Sie ab“, befahl Roy.
Smith gehorchte.
Nun stand das Mädchen auf.
„Was haben Sie vor?“ fragte sie ängstlich. Ihre Augen waren gerötet, das Make up verschmiert.
„Ich will Ihnen helfen“, sagte Roy einfach. „Irgend jemand hat sie verhext?“
„Woher wissen Sie...“
Sie brach ab und biß sich auf die Unterlippe.
„Mein Ring verrät es mir“, erklärte Roy. Rasch trat er an die Couch heran.
Dan Farleys Lider zuckten leicht, er stöhnte leise und sein Atem kam rasselnd.
„Ich bin Lucy“, sagte das Mädchen und blickte den Bewußtlosen an. „Seine Frau.“
„Wer hat Sie verhext?“ fragte Roy rasch.
„Wir wissen es nicht“, antwortete Lucy. Ihre Augen waren plötzlich voller Angst. „Es geschah in Haiti. Wir alle wurden gefangengenommen. Sie schnitten uns Haarsträhnen ab und Stücke der Finger- und Zehennägel. Und dann demonstrierte uns der Papaloa, wie sich der Zauberer nennt, seine magische Kraft. Es war grauenvoll. überall im ganzen Körper spürten wir Stiche... Ich kann es einfach nicht beschreiben... Es war entsetzlich.“
„Können Sie den Papalo beschreiben, Lucy?“
„Wir sahen ihn immer nur mit einer scheußlichen Holzmaske. Er ist ziemlich groß, seine Stimme ist tief. Er spricht ausgezeichnet englisch.“
„Sahen Sie seine Hände?“
„Er trug immer dünne Lederhandschuhe.“
„Dieser Papalo besuchte sie heute im Motel. Was wollte er?“
„Dan wollte nicht mehr mitspielen. Er hielt es einfach nicht mehr aus. Der Papaloa wandte einen weiteren Zauber an, denn plötzlich war Dan wie verwandelt. Er war heiter und vergnügt und freute sich auf das Konzert. Er benahm sich ganz seltsam.“
„Ist der Papaloa in der Halle?“
„Ich weiß es nicht. In den Garderoben ließ er sich nicht blicken.“
An der Tür wurde gerüttelt.
„Sperr auf, Lucy!“
„Das ist Jack“, flüsterte sie.
„Wen hat der Papalo verhext?“ fragte Roy leise, „Die ganze Band, den Agenten und Manager, und die Freundinnen der Musiker Cissy, Alicia und Myra. Und vermutlich noch viele andere auch.“
„Was ist denn los, Lucy!“ schrie Jake Elliott.
„Halten Sie ihn ein wenig hin.“
„Ich komme gleich!“ rief Lucy.
Roy überlegte fieberhaft. Er versuchte sich alles in Erinnerung zu rufen, was über Voodoo wußte. Er kannte einen Gegenzauber, und mit Hilfe des Zauberringes konnte er es vielleicht schaffen.
„Sperren Sie die Tür auf, Steve“, sagte Roy.

* * *

Hauptmann Marcel Blanche kehrte in die Polizeizentrale zurück.
Das Gespräch war höchst interessant gewesen, das er abgehört hatte. Er hatte wesentlich mehr erfahren, als er erhofft hatte.
In der Verkehrsabteilung war es dunkel. Marcel mußte nicht lange suchen, dann wußte er wer der Besitzer des Mercedes war: Philippe Rousset.
Er griff nach dem Telefonbuch. Kurze Zeit später fand er Philippe Rousset  und die Telefonnummer stimmte mit der überein, die Monique angerufen hatte.
„Nicht schlecht, gar nicht schlecht“, sagte Marcel zufrieden, als er die Verkehrsabteilung verließ und sein Büro betrat.
Er steckte sich eine Zigarette an, dann griff er zum Telefon und wählte die Geheimnummer des Innenministers.
„Nun, wie ist es gelaufen, Hauptmann?“
„Sehr gut. Ich will am Telefon nicht darüber sprechen.“
„Dann kommen Sie zu mir.“
Zwanzig Minuten später saß er dem Minister gegenüber, der sich schweigend die Bänder anhörte.
„Jean Pilloud ist also ein Spitzel“, sagte er nachdenklich.
„Das hätte ich nie geglaubt“, meinte Blanche.
„Vielleicht wurde er so wie Monique Mayoux gezwungen dem Papaloa zu gehorchen. Sie lassen sich natürlich nichts anmerken, daß Sie Pilloud nicht mehr trauen.“
Blanche nickte.
Der Minister kniff die Augen zusammen. „Dieser Papaloa strebt die totale Macht an. Das alles ist viel kritischer als ich vermutet habe. Und der Wagen gehört also Philippe Rousset.“
„Ja, und er ist der Bruder von Bernard Rousset!“
„Bernard Roussett ist unser Botschafter in New York!“
„Glauben Sie vielleicht, daß er der Papalo ist?“
„Möglich ist alles. Ich habe mich heute mit einem Voodoo-Fachmann von der Universität unterhalten. Vor etwa fünfzig Jahren soll es tatsächlich einige Papaloas gegeben haben, die echte Magier waren. Doch ihr Wissen schien in Vergessenheit geraten zu sein. Wir müssen von der Voraussetzung ausgehen, daß unser unbekannter Gegner tatsächlich über magische Fähigkeiten verfügt.“
„Hm, das ist eine Vorstellung, die mir überhaupt nicht behagt. Voodoo-Zauber.“
Sie schwiegen ein paar Minuten, jeder hing seinen Gedanken nach.
„Azarian muß bei einer Voodoo-Zeremonie zum Zombie verwandelt worden sein“, sagte schließlich Blanche. „In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag war lautes Trommeln zu hören, das von den Bergen herkam.“
„Vermutlich wurde da Azarian zum Untoten. Sollte Bernard Rousset der Papalo sein, dann muß er am Samstag in Port-au-Prince gewesen sein. Das kann ich leicht morgen überprüfen lassen. Hauptmann, Sie fahren zu Monique Mayoux, Sie soll Ihnen alles erzählen, was, sie weiß.“
„Ich fürchte, daß sie alles bestreiten wird.“
Der Minister lächelte. „Da bin ich nicht so sicher.“
„Wenn sie nichts sagt, was soll ich dann tun? Sie festnehmen?“
„Nein, auf keinen Fall. Drohen Sie ihr ruhig, aber keine Festnahme.“
„Gut, dann fahre ich morgen zu ihr.“
„Morgen? Sie gehen sofort zu ihr!“

* * *
    
„Wer sind die zwei Männer?“ fragte Jack Elliott mißtrauisch.
„Ich will Ihnen helfen“, sagte Roy.
„Die liebe süße Lucy hat ihr Zuckermäulchen nicht halten können“, knurrte Jack wütend.
„Ich weiß, daß ihre alle verhext wurdet. Ich kenne einen Gegenzauber.“
„Wer sind Sie, Mann?“
„Es ist besser, wenn Sie meinen Namen nicht wissen. Holen Sie die anderen Bandmitglieder, ihre Freundinnen, den Manager und den Agenten.“
„Das wird nicht so leicht sein. In der Halle geht es drunter und drüber. Die Polizei räumt den Saal.“
„Wir haben nicht viel Zeit, Jack. Euer maskierter Freund kann jeden Augenblick auftauchen.“
Jack nickte nachdenklich. „Was ist mit den fünf Voodoo-Musikern; sie sind begeisterte Anhänger des Papaloas. Soll ich sie auch holen?“
Nein, mit ihnen unterhalte ich mich später.“
Jack lief aus dem Zimmer.
„Steve, rufen Sie Alen an. er soll die Botschaft von Haiti überwachen lassen, und außerdem soll er sich Informationen über den Botschafter und alle Angestellten beschaffen.“
„Das zweite dürfte schwierig werden“, meinte Steve, ging aber zum Telefon.
„Sie können mir helfen, Lucy. Ich brauch Asche. Suchen Sie alles Papier zusammen, was Sie finden, Zeitungen, Programme, alles was brennbar ist, vielleicht auch ein paar Holzstücke.“
Während Steve telefonierte, durchsuchte Roy das Zimmer. Er fand ein paar alte Zeitungen. In einem Abstellraum entdeckte er zwei Eisenkübel. Er zerriß die Zeitungen und stopfte sie in die Kübel. Dann zündete er das Papier an. Immer wieder warf er neue Papierstücke hinein.
Lucy hatte auch ein paar Zeitungen gefunden und einen Strohsessel.
„Helfen Sie Lucy, Steve“, bat Roy, als der Detektiv das Telefongespräch beendet hatte.
„Was haben Sie vor?“ fragte Steve. „Ich kapiere das alles nicht. Dieses Gerede über den maskierten Zauberer. Das kann es doch nicht geben, oder?“
„Es ist aber wahr.“
Dicke Rauchwolken zogen nun durch das Zimmer. Roy öffnete die Tür zum leeren Nebenraum.
Dann warf er Strohstücke ins Feuer.
Die Musiker und ihre Freundinnen kamen herein, der Agent folgte ihnen. Dann tauchte auch der Manager auf.
Alle bestürmten Roy mit Fragen.
„Haltet den Mund“, sagte der Magier schließlich. „Steve, Sie gehen aus dem Zimmer. Ich sperre ab, und Sie lassen keinen Menschen herein. Notfalls ziehen Sie die Pistole.“
„Verstanden, Boß.“
„Nun zu euch“, sagte Roy. „Ich weiß recht gut über Voodoo Bescheid. Ich werde einen Gegenzauber anwenden.“
„Und wer garantiert uns, daß er auch helfen wird?“ fragte Joe Riddell.
„Ich kann überhaupt nichts garantieren. Aber es ist im Augenblick die einzige Möglichkeit, wie ihr dem Bann des Hexers entkommen könnt. Vielleicht kann er euch noch leicht quälen, aber eines kann ich euch versprechen, er kann euch keinesfalls mehr mit seiner Magie töten.“

* * *

Der Papaloa war sehr zufrieden.
Das Konzert hatte seine kühnsten Erwartungen übertroffen, Von der Musik waren die Leute rasend geworden.
Aber das war alles nur Spielerei für ihn. Eine Probe seines Könnens. Er würde die ganze Menschheit beherrschen.
Das Zimmer war ganz in Schwarz gehalten. Auf dem Tisch, der mit einem schwarzen Tuch bedeckt war, stand eine schwarze Kerze, die er bedächtig anzündete.
Aus einem Kasten holte er eine Voodoo-Puppe hervor.
Am rechten Fuß der Puppe hing ein Zettel, auf dem DAN FARLEY stand.
„Du wirst jetzt sterben, Dan Farley“, sagte er kichernd und holte aus der Tischlade eine zehn Zentimeter lange spitze Nadel hervor...

* * *

Alle redeten jetzt durcheinander.
Roy achtete nicht auf sie. Er holte die noch warme Asche aus den Kübel und begann seltsame Muster auf dem Boden zu bilden.
„Habt ihr euch endlich entschlossen, Leute?“ fragte Roy.
„Wir gehen das Risiko ein“, sagte Larry Owen. „Wir haben nichts zu verlieren.“
„Dann hört mir jetzt genau zu. Jeder schneidet sich ein paar Kopf- und Achselhaare ab, dazu kleine Stücke der Hand- und Fußnägel. Ihr legt euch rücklings auf den Boden. Danach drückt ihr die Haare und Nägelstücke auf eure Stirnen. Alles klar?“
Einige brummten, die anderen nickten.
Roy zog Dan den linken Schuh aus; Lucy reichte ihm eine Schere.
Fünf Minuten später lagen alle auf dem Boden. Roy hatte die Haare Nägelstückchen auf Dan Farleys Stirn gelegt.
In der linken Hand hielt er nun den Zauberring, der noch immer grün flimmerte. Mit der rechten holte er Asche aus dem Kübel.
„Schließt jetzt die Augen. Ich streue euch jetzt Asche auf die Stirn und das Gesicht. Bleibt ruhig liegen und bewegt euch nicht.“
Roy rannte hin und her. Schließlich waren die Gesichter aller mit Asche bedeckt.
„Versucht euch zu entspannen. Keiner spricht ein Wort.“
Roy war alles andere als so zuversichtlich, wie er sich den Anschein gab.
Er konnte nur auf die Hilfe des Ringes hoffen. Roy konzentrierte sich auf das grüne Flimmern im Inneren des Ringes.
„CHRAAY SEMAIJ FATHIY KUMAIJ“, sagte er laut. Das war einer der Zaubersprüche, die ihm der Meister des Dritten Auges im Traum gezeigt hatte.
Eine bestialisch stinkende Wolke stieg aus dem Ring auf; und dann schien die Welt unterzugehen.
Im Zimmer war es plötzlich dunkel. Nur das Glühen des Ringes war zu sehen.
Im Ring wurden derartig starke magische Kräfte wach, daß Roy zu wanken begann. Er kämpfte gegen die drohende Bewußtlosigkeit an.
Eine Flammenzunge zischte aus dem Ring hervor, die zur Decke raste und sich teilte. Zehn Blitze zuckten auf die mit geschlossenen Augen daliegenden Gestalten zu.
Die Blitze schlugen in den Stirnen der zehn ein. Die Haare und Nagelstücke verbrannten.
Das alles dauerte nur wenige Sekunden, doch für Roy war es eine Ewigkeit.
Völlig geschwächt ging er in die Knie.
Für ein paar Augenblicke nahm er die Umgebung nicht wahr. Er hörte nicht die Schreie, er merkte nicht, daß das Licht wieder aufflammte. und er sah auch nicht, daß das Glühen des Ringes erloschen war. Der Ring war kalt und tot, alle Kraft war aus ihm gewichen.
„Mister!“
Irgendjemand packte ihn an der Schulter. Langsam öffnete Roy die Augen.
„Es scheint geklappt zu haben“, sagte Lucy aufgeregt. „Dan öffnet die Augen.“
Roy fühlte sich entsetzlich müde.
„Wie fühlst du dich, Dan?“ fragte Lucy.
„Ich habe leichte Kopfschmerzen, sonst fühle ich mich aber recht gut. Was ist geschehen? Ich brach plötzlich zusammen.“
Dan Farley setzte sich verwundert auf.
„Wie seht denn ihr aus? Eure Gesichter sind ja ganz schmutzig und verschmiert. Wer sind Sie?“ wandte er sich fragend an Roy.
„Er verrät uns seinen Namen nicht. Nach seiner Aussprache ist er ein Ausländer“, sagte Jack. „Aber er hat eben einen recht eindrucksvollen Zauber hingelegt. Angeblich soll uns der Maskierte nicht mehr beeinflussen können.“
„Hoffen wir es“, sagte Dan leise.

* * *

Der Papaloa hielt die Nadel eine halbe Minute in die Kerzenflamme, bis die Nadelspitze warm geworden war.
Grinsend beugte er sich über die Puppe, die Dan Farley darstellen sollte.
Ruckartig stieß er zu.
Die Nadel durchbohrte den Wachskopf der Puppe und blieb im Leib stecken.
„Das wäre auch erledigt, sagte er und wartete, daß der Wachskopf zum Schmelzen begann.
Aber auf dem Kopf bildeten sich nur kleine Bläschen.
„Da stimmt doch etwas nicht“, brummte der Hexer wütend.
Er stieß nochmals mit der Nadel zu, doch der Kopf der Puppe schmolz nicht,
„Ein Gegenzauber“, flüsterte er. Irgendjemand hat einen Gegenzauber angewandt.
Der Papaloa richtete sich auf und stierte die Puppe an.
Ein mächtiger Gegner war aufgetaucht, den er unbedingt töten mußte.

* * *

Dan Farley trank ein Tonic.
Er stieß einen Schrei aus und ließ das Glas fallen. Er war totenbleich und griff sich keuchend mit beiden Händen an die Stirn.
„Er sticht zu“, wimmerte er. „Er will mich töten!“
Roy sprang auf den Musiker zu. Jetzt mußte es sich entscheiden, ob sein Gegenzauber wirksam war.
Alle hielten den Atem an und ließen ihre Blicke nicht von Dan Farley, der noch immer stöhnte.
Dan wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Es ist vorbei“, sagte er erleichtert lächeln.
„Der Schmerz ist vorbei. Ich lebe, Danke, Sir.“
Roy lächelte.
Nun brüllten wieder alle durcheinander.
Das Telefon läutete.
Larry Owen wollte den Hörer abheben.
„Einen Augenblick, Larry“, sagte Roy. „Ich vermute, daß der Papaloa anruft. Sollte er am Apparat sein, dann sagen Sie ihm, daß Dan eben tot zusammengebrochen ist.“
Larry nickte. Er hielt den Hörer so, daß Roy mithören konnte
„Larry Owen“, meldete sich der Agent.
„Ich bin sehr zufrieden“, sagte der Papaloa. „Das Konzert hat mich überaus beeindruckt. Leider bin ich zu beschäftigt, um Euch zu besuchen. Die Musiker und ihre Freundinnen sollen zurück ins Hotel fahren.“
„Papaloa“, keuchte Larry. „Etwas Entsetzliches ist geschehen. Dan Farley ist...“
Der Hexer kicherte. „Er ist tot. Das soll euch eine Warnung sein.“
Dann legte der Zauberer auf.
„Er hat tatsächlich versucht Dan zu töten“, meinte Lucy. „Wie können wir Ihnen jemals danken, Sir? Sie haben Dan das Leben gerettet.“
Roy schluckte, als ihm die junge Frau um den Hals fiel.

* * *

Sie versuchen mich zu täuschen, dachte der Hexer wütend.
„Dummköpfe“, knurrte er, „verdammte Dummköpfe.“
Eines war für ihn völlig klar: sein unbekannter Gegner mußte über Voodoo sehr gut Bescheid wissen - und er mußte auch über magische Kräfte Verfügen, denn sonst hätte der Gegenzauber nicht wirksam werden können.
Wußte sein unbekannter Gegner, wer er war?
Nein, das ist nicht möglich. Es gab nur einen Menschen, der wußte, wer sich hinter der Holzmaske verbaag, denn er hatte seinen Plan gewissenhaft schon vor drei Jahren entworfen und nichts dem Zufall überlassen.
Grübelnd ging er im Zimmer auf und ab und suchte nach einer Lösung.
„Ja, das könnte ich tun“, sagte er ein paar Minuten später.

* * *

Marcel Blanche blickte zur Villa der Schauspielerin.
Es brannte noch Licht. Drei Fenster im Erdgeschoß waren erhellt.
Unter anderen Umständen wäre er glücklich gewesen Monique Mayoux kennenlernen zu dürfen, doch heute war dies nicht der Fall.
Zögernd ging Blanche auf das Gartentor zu. Er rauchte hastig und seufzte, als auf den Klingelknopf drückte.
„Ja, wer ist das“ hörte er Moniques sinnliche Stimme aus der Sprechanlage.
„Entschuldigen Sie die Störung zu dieser späten Stunde, Madame.“
„Wer sind Sie?“
„Polizei. Hauptmann Blanche. Ich muß dringend mit Ihnen sprechen.“
„Hat das nicht Zeit bis morgen?“
„Leider nein.“
„Ich komme hinaus zum Tor. Halten Sie Ihren Ausweis bereit.“
Blanche holte seine Polizeimarke und Dienstausweis hervor.
Schritte näherten sich.
Er atmete tief durch, als Monique näherkam und ein paar Schritte vom Tor entfernt im Dunkel stehenblieb. In der rechten Hand hielt sie eine Pistole.
„Ich gehe kein Risiko ein, Hauptmann. Sie könnten auch ein Gangster sein.“
„Dann hätte ich wohl kaum geläutet.“
„Werfen Sie mir Ihren Ausweis zu.“
Marcel gehorchte. Die Schauspielerin hob den Ausweis hoch und trat zwei Schritte zur Seite ins Licht, damit sie besser lesen konnte.
„Marcel Blanche“, sagte sie. „Der Ausweis scheint in Ordnung zu sein. Treten Sie an das Tor heran, damit ich Ihr Gesicht sehen kann, Hauptmann.“
Wieder gehorchte er.
„Ich lasse Sie jetzt herein, Hauptmann. Aber eines kann ich Ihnen schon jetzt sagen, wenn Sie nicht einen triftigen Grund haben, mich um diese Zeit zu stören, dann werde ich mich beschweren.“
„Das ist Ihr gutes Recht, Madame.“
Er steckte den Ausweis ein, und sie schob die Pistole in eine Tasche ihres Hausanzuges.
Marcel beobachtete sie, als sie Tor abschloß. Sie reichte ihm bis ans Kinn. Monique war eine ziemlich hellfarbige Mulattin. Ihr pechschwarzes Haar war schulterlang, die Nase klein, der Mund sinnlich breit, aber am meisten war er ihren großen schönen Augen beeindruckt. Doch auch ihre Figur war beachtenswert. Ihre Beine schienen endlos lang zu sein, und deutlich zeichneten sich die vollen Hüften und der üppige Busen unter dem dünnen Hausanzug ab.
Monique war sich ihrer Wirkung deutlich bewußt. In ihrer Anwesenheit waren einige der gebildesten Männer zu lallenden Narren geworden. Aber sie wußte nicht, wie sie sich Blanche gegenüber verhalten sollte.
Schweigend betraten sie die Bibliothek, und nun wurde Marcel bewußt, daß sie nichts unter dem dünnen Hausanzug trug.
„Einen Drink, Hauptmann?“
„Gerne.“
„Haben Sie einen besonderen Wunsch?“
„Einen Bacardi mit viel Eis, bitte.“
„Nehmen Sie doch Platz, Hauptmann.“
Er setzte sich in einen bequemen Sessel, auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes Buch. Line Wand des Zimmers war total mit einem Bücherregal bedeckt.
In einer Ecke stand ein Fernseher, und gegenüber der Sitzgruppe war eine Bar in eine Nische eingebaut.
Marcel sah ihr zu, wie sie Bacardi, Zitronensaft, Grenadine und ein paar Eiswürfel in einen Mixbecher schüttete und ihn dann kräftig schüttelte. Aus dem kleinen Kühlschrank nahm sie zwei Cocktailgläser und füllte sie voll.
Monique kam hüftschwingend mit den Gläsern auf ihn zu, und als sie ein Glas auf den Tisch stellte, klaffte ihr Hausanzug plötzlich weit auf und gab den Blick auf ihre aufregenden Brüste frei.
Sie will mich total verwirren, dachte Marcel, und wenn sie so weitermacht, wird es ihr auch gelingen.
Langsam setzte sie sich nieder und schlug die Beine übereinander.
Er mußte sich zwingen, nicht ständig die herrlichen Beine anzustarren.
„Nun, was hat Ihr Besuch zu bedeuten?“
„Darf ich rauchen?“
Sie nickte huldvoll.
Ich komme mir ihr gegenüber wie ein kleiner, dummer Junge vor, sinnierte Marcel, als er die Zigarette anzündete.
„Nur ein paar Fragen, Madame“, sagte Blanche und blickte der Rauchwolke nach. Er vermied es die Schauspielerin anzusehen.
„Sie sind eine Mambo“, sagte er und blickte sie rasch an.
„Ja, das stimmt“, gab sie gelassen zu, „aber das ist doch nicht verboten, oder?“
„Ihr Gott ist Ogun Badgari.“
Sie kippte den Drink auf einen Zug hinunter. „Ja“, sagte sie leise.
„Vergangenen Samstag fand eine hübsche Zeremonie statt. Sie waren nicht zufällig dabei?“
Jetzt habe ich sie, dachte Marcel. Sie wird nervös.
„Ich warte auf Ihre Antwort, Madame.“
„Es finden immer irgendwelche Zeremonien und Feste statt“, wich sie aus.
„Es war eine besondere Zeremonie, Madame. Ein Voodoo-Priester namens Azarian, der schon ein paar Tage tot war, wurde zum Zombie.“
„Ich weiß nichts davon.“
Blanche beugte sich vor. „Sie waren dabei!“
„Wer behauptet das?“
Jetzt ließ er den Schreckschuß ab. „Philippe Rousset.“
Sie zuckte zusammen. Dieser Schuß hatte gesessen.
Hastig beugte sie sich vor und griff nach den Zigaretten. Marcel gab ihr Feuer.
„Philippe Rousset“, sagte sie und nickte mit dem Kopf. „Dieser Dreckskerl. Soll ich mich umziehen? Nehmen Sie mich fest, oder haben Sie einen Haftbefehl?“
„Ich werde Sie nicht, festnehmen. Ich will nur, daß Sie mir einige Fragen beantworten. Nicht mehr.“
Sie blickte ihn aufmerksam an. „Ich glaube Ihnen“, sagte sie einfach.
„Madame, wir wissen, daß Sie nicht freiwillig daran teilnahmen. Sie wurden dazu gezwungen. Aber Sie könnten mir vielleicht weiterhelfen.“
„Sie wissen, daß ich dazu gezwungen wurde?“ fragte sie verblüfft.
Blanche nickte. „Wer ist der Papaloa?“
„Das weiß ich nicht, vielleicht weiß es Rousset. Ich habe den Papaloa nur maskiert gesehen. Ich werde Ihnen alles erzählen, Hauptmann.“
Marcel trank einen Schluck. „Der Bacardi ist ausgezeichnet.“
Ungeduldig winkte sie ab. „Meine Eltern starben, als ich zwanzig war. Auf ihren Befehl war ich ein Mambo geworden. Als meine Eltern tot waren, zog ich sofort vom Voodoo-Kult zurück. Ich wollte von Voodoo nichts mehr hören und sehen. Sechs Jahre lang hörte ich nichts von ihnen. Vor etwa fünf Monaten bekam ich einen Anruf, daß ich an einer Zeremonie teilnehmen soll. Ich lehnte ab.
Am Abend begann dann der Zauber. Es war, als würde jemand tausend Nadel in meinen Körper stechen. Dahinter steckte der maskierte Verbrecher, wie ich später erfuhr. „Wissen Sie was ein „Topf des Kopfes“ ist?“
„Ja, bei den Aufnahmeriten werden Haare, Nägel und andere persönliche Dinge in einen Topf gegeben, den der Hugan oder die Mambo, die die Zeremonien leiten, irgendwo später dann verstecken.“
„Richtig. Irgendwie ist der Halunke auf meinen „Topf des Kopfes“ gestoßen und hat eine hübsche Voodoo-Puppe angefertigt und mit spitzen Nadeln hineingestochen. Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß es so etwas wirklich gibt. Voodoo-Zauber, das hatte ich immer für Unsinn gehalten. Aber der Kerl kann mich jederzeit töten. Vielleicht können Sie sich vorstellen wie angenehm diese Vorstellung für mich ist. Lehne ich mich gegen irgendwelche Befehle auf, dann kann das mein Tod sein.“
„Mir ist völlig klar, daß Ihnen keine andere Wahl blieb. Sie mußten einfach gehorchen. Wieviel Leute nahmen üblicherweise an den Zeremonien teil?“
„Zwanzig bis dreißig. Ich kannte nur drei.“
Blanche holte seinen Notizblock hervor.
„Sie wollen die Namen. Na gut. Philippe Rousset, aber das ist Ihnen ja bekannt Sylvie Levy, die Tochter des Plantagenbesitzers. Michel Bellefon, der bekannte Anwalt.“
„Haben Sie mit den dreien auch privat Kontakt gehabt?“
„Gelegentlich habe ich sie bei verschiedenen Veranstaltungen getroffen, aber wir haben nie über die Zeremonien gesprochen. Außer Rousset, für den ich gelegentlich ein paar Aufträge ausführte. Ziemlich einfach Dinge. Ich mußte Leuten unauffällig ein paar Fragen stellen. So wie heute. Ich sollte den Innenminister ausfragen. Aber er wußte sicherlich, daß ich eine Mambo bin, den er sagte, daß eine andere Gruppe hinter den Mord an Tournier steckt. Damit sollte wohl Phillipe sich in Sicherheit glauben. Gar keine schlechte Idee. Stammt die von Ihnen, Hauptmann.“
„Ja.“
„Dann wissen Sie auch, daß ich mit Phillipe heute gesprochen habe.“
Blanche nickte. „Nahm Roussets Bruder an den Zeremonien statt?“
„Ich kenne seinen Bruder nicht.“
„Sie haben auch keinerlei Vermutung, wer der Papaloa sein könnte?“
„Nein. Er hat etwa Ihre Größe, ist kräftig gebaut und stammt sicherlich aus einer guten Familie. Sein Französisch ist perfekt, und er spricht auch Kreolisch. Seine Stimme klang zwar verzerrt durch die Maske, aber ich bin sicher, daß ich den Mann vorher noch nie getroffen habe.“
„Irgendwelche Auffälligkeiten, vielleicht Narben, oder etwas Ähnliches?“
„Hm, warten Sie. Sein Körper war immer mit Farben beschmiert. Das sah fast wie Tätowierungen aus. Aber er hat eine Narbe. Ja, jetzt erinnere ich mich. Eine Zickzack-Linie auf dem linken Handrücken!“
„Sind Sie ganz sicher?“
„Ja, ich stand einmal direkt neben ihm. Da fiel mir die Narbe auf. Er hatte zwar Farbe darübergestrichen, doch sie war während der Zeremonie abgeblättert.“
„Beschreiben Sie mir ganz genau, was vergangenen Samstag geschah.“
Monique erzählte alles ganz genau.
„Sie haben mir sehr geholfen, Madame.“
„Was geschieht nun weiter?“
„Ich werde alles daran setzen, den Papaloa zu erwischen. Vergessen Sie meinen Besuch, Madame. Keinesfalls darf Philippe Rousset etwas davon erfahren.“
„Er ist aber ein begeisterter Anhänger des Papaloas. Haben Sie ihn nicht verhaftet?“
„Nein, das wäre zu früh.“
„Aber Sie sagten doch, daß Philippe zugegeben hat, daß ich bei der Zeremonie dabei war? Wie haben Sie das erfahren?“
„Wir haben andere Möglichkeiten.“
„Ich kann mir denken welche. Ein Telefon ist leicht abzuhören und Wanzen kann man überall anbringen.“
Blanche lächelte. „Philippe Rousset hat keine Ahnung, daß wir über ihn Bescheid wissen. Aber ich darf Ihnen versichern, Madame, daß es mir ein großes Vergnügen bereiten wird, wenn ich ihn verhafte.“
„Sie können sich kaum vorstellen, wie mich das erst freuen wird. Noch einen Bacardi?“
„Sehr gerne.“
Monique lächelte, als sie zur Bar ging.
„Wenn Sie den Papaloa und Rousset verhaftet haben, dann kommen Sie mich sofort besuchen, Marcel. Dann feiern wir den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch!“
Sie warf ihm einen Blick zu, der alles versprach.
„Das werde ich ganz sicher tun, Monique.“

* * *

„Jetzt beruhigt euch endlich“, sagte Roy. „Die Gefahr ist für euch noch immer nicht vorüber. Es ist möglich, daß der Papaloa gemerkt hat, daß ich einen Gegenzauber angewandt habe, dann ist er gewarnt. Wir müssen aber das Spiel weiterführen. Dan Farley ist tot. Larry Owen, Sie geben eine entsprechende Meldung an die Presse durch. Ihre alle versucht möglichst entsetzt und traurig auszusehen. Lucy, Sie heulen und schluchzen, daß es nur so eine Freude ist.“
Lucy nickte lächelnd.
„Dan, Sie gehen ins Nebenzimmer. Steve wird Sie in ein Hotel bringen. Los, gehen Sie schon. Ich werde mich gegenüber den Voodoo-Musikern als Arzt ausgeben.“
Lucy küßte ihren Mann.
„Wascht euch die Gesichter ab“, sagte Roy.
Er sperrte die Tür auf, und Steve blickte ihn an.
„Die fünf Burschen da wollten unbedingt ins Zimmer hinein“, sagte Steve und deutete auf die fünf Neger, die mit grimmigen Gesichtern herumstanden. „Ich musste die Pistole ziehen.“
„Kommen Sie herein, Steve.“
„So, nun werden wir unsere Show vor den fünf Voodoo-Brüdern abziehen. Wer hat üblicherweise mit ihnen gesprochen?“
„Das Vergnügen hatte ich“, brummte Larry Owen. „da ich halbwegs französisch spreche.“
Roy wandte sich an Steve. „Sie bringen Dan Farley in ein Hotel. Dann rufen Sie Alan an.“
Steve nickte und verschwand.
„Was wißt ihr über die Voodoo-Leute?“
„Nicht viel“, antwortete Rab Hagin. „Wir ignorierten sie. Sie blieben den ganzen Tag auf ihren Zimmer.“
„Hat einer der fünf irgendwann einmal telefoniert?“
„Nein. In den Zimmern im Motel gibt es kein Telefon.“
„Larry, sie sagen den fünf Burschen, daß Dan Farley tot ist. Lucy, Sie beginnen nun zu heulen.“
Larry und Roy gingen auf die fünf Voodoo-Musiker zu.
„Dan Farley, der Gitarrist ist tot“, sagte Larry auf französisch. „Gehirnschlag sagt der Arzt.“ Dabei zeigte er auf Roy.
Die Gesichter der fünf Neger blieben unbewegt. Lucys Weinen war zu hören. Die anderen versuchten sie zu trösten.
Sie ziehen eine gute Show ab, dachte Roy. Es hat vermutlich keinen Sinn,  wenn ich die Voodoo-Leute verhöre. Sie werden nichts verraten und wahrscheinlich wissen Sie nicht, wer sich hinter der Maske verbirgt.
„Wir fahren in zehn Minuten los“, sagte Larry. Sie kehrten zu den anderen zurück.
„Ich werde veranlassen, daß zwei Privatdetektive zu euch ins Motel kommen. Wir wollen kein Risiko eingehen.“
„Was werden Sie nun tun, Sir?“ fragte Jack Elliott.
„Ich verabschiede mich von euch. Sobald die Gefahr vorüber ist, melde ich mich.“

* * *

Yani umarmte Roy glücklich, als er das Hotelzimmer betrat.
„Fühlst du dich besser?“ erkundigte er sich besorgt.
„Viel besser. Im Fernsehen war ein Bericht über das Konzert zu sehen. Es gab über fünfzig Verletzte, und vor ein paar Minuten kam die Meldung durch, daß der Gitarrist starb. Paul Moran hat sich kurz gemeldet, wußte aber eigentlich keine Neuigkeiten.“
„Dan Farley ist nicht tot. Das ist eine Zeitungsente. Ich erzähle dir gleich alles, aber vorher muß ich Alan anrufen.“
„Die Botschaft wird überwacht“, sagte Alan, als ihn Roy erreicht hatte. Die Privatadresse des Botschafters habe ich auch. Sonst bin ich aber nicht weitergekommen.“
„Schicken Sie zwei Leute zum Motel, Alan. Ich fürchte, daß unser Gegner vielleicht mißtrauisch geworden ist. Und ich will kein Risiko eingehen. Steve Smith soll mich um sechs Uhr in der Hotelhalle erwarten. Ich will selbst die Botschaft beobachten.“
Roy legte den Hörer auf, dann gab er Yani einen kurzen Bericht über die Vorfälle. Sie hörte gespannt zu.
„Die Spur führt also in die Botschaft“, sagte sie nachdenklich.
„Das ist praktisch der einzige konkrete Hinweis, den wir haben.“
„Du hoffst, daß dir der Ringe zeigen wird, wer der Papaloa ist?“
„Darauf kann ich mich nicht verlassen. Im Augenblick ist der Ring tot. Aber wir müssen nur herausbekommen, wer den meergrünen Chevrolet am Nachmittag gefahren hat, denn haben wir den Papaloa.“
„Das muß nicht der Fall sein“, warf Yani ein. „Es könnte auch ein Strohmann sein. Vielleicht treten mehrer Männer unter dieser Maske auf.“
„Ach du meine Güte, das wäre natürlich auch möglich. Daran habe ich gar nicht gedacht.“
„Nehmen wir nur an, daß du den richtigen Papaloa findest. Wie willst du ihn bekämpfen?“
„Du stellst ziemlich ungemütliche Fragen Yani“, sagte Roy unbehaglich.
„Aber du mußt dich damit beschäftigen!“
„Ja, ich weiß es.“
Roy blickte auf die Uhr. „Ich könnte Jos van Noord anrufen. Er ist Ethnologe und von ihm stammt mein Wissen über Voodoo.“
Zwei Minuten später hatte Jos am Apparat, der geräuschvoll gähnte.
„Was gibt es, Roy?“ fragte Jos verschlafen. „Tut mir leid, alter Junge, daß ich dich aufgeweckt habe. Aber ich brauche dringend deine Hilfe. Ich stecke bis zum Hals in einer höchst unglaublichen Geschichte die mit Voodoo-Zauber zu tun hat.“
„Berichte mir alles, Roy.“
Der Magier erzählte detailliert alles was geschehen war und er wußte.
„Beschreibe mir die Maske, die der Papaloa trägt.“
 Cindy hatte nur eine höchst ungenaue Beschreibung gegeben, die er an Jos weitergab.
„Da gibt es keinen Zweifel“, sagte der Völkerkundler. „Ogun Badgari. Das ist der Kriegsgott. Ich sehe sofort meine Unterlagen durch, Roy, dann rufe ich dich an. Gib mir deine Nummer.“
Roy ging ruhelos im Zimmer auf und ab. Immer wieder gingen Yani und er die Geschehnisse durch.

* * *

Auch der Papaloa telefonierte.
Er sprach mit Philippe Rousset.
„Die Polizei ist völlig ahnungslos“, sagte Philippe lachend. „Sie glauben, daß eine Dumbala-Gruppe dahinter steckt.“
„Irgend jemand muß mir aber auf der Spur sein.“
„Monique war ziemlich frech. Ich will, daß sie endlich meine Geliebte wird. Das hast du mir als Belohnung versprochen.“
„Ja, das habe ich. Aber im Augenblick habe ich ganz andere Sorgen. Sei vorsichtig, denn ich befürchte, daß irgend etwas geschehen wird.“
„Du siehst Gespenster.“
„Ich melde mich morgen wieder.“
Der Papaloa hatte seine Macht in den vergangenen Stunden an verschiedenen Personen getestet, und die Betreffenden standen noch immer unter seinem Einfluß.
Er wollte noch einen weiteren Test durchführen. Rasch wählte er die Nummer des Motels in New Jersey.
„Verbinden Sie mich mit Mr. Owen.“
Naben seinem Telefon stand eine Puppe, die Larry Owen darstellte.
„Owen“, meldete sich der Agent.
„Wie geht es?“ fragte der Zauberer und stieß eine Nadel in die Brust der Puppe.“
„Es ist alles in Ordnung“, sagte Owen.
Der Papaloa legte den Hörer auf. Owen hätte normalerweise vor Schmerzen brüllen müssen. Vermutlich waren die anderen Musiker auch mit dem Gegenzauber behandelt worden. Aber sie mussten wissen, wer den Gegenzauber angewandt hatte. Er wählte eine andere Telefonnummer.
„Ja“, meldete sich eine Stimme.
„Mitch?“ fragte der Zauberer.
„Ja, was steht diesmal auf dem Programm?“
„Ist Sam bei dir?“
„Er ist hier.“
„Dann hör mir gut zu. Ihr fährt zu einem Motel namens Trail Inn in New Jersey, das ist in der Nähe von Rutherford. Ich beschreibe dir jetzt ganz genau wie ihr hinkommt und was ihr zu tun habt.“

* * *

Roy riß den Hörer hoch, als es läutete.
„Ich habe einiges herausbekommen, Roy“, meldete sich Jos van Noord. „Nimm einen Block und einen Bleistift zur Hand. Es wird einige Zeit dauern, bis ich dir alles erklärt habe.“
Roy griff nach einem Block und Yani reichte ihm einen Kugelschreiber.
Der Magier hörte aufmerksam zu. Gelegentlich stenografierte auch Yani mit.
Nach einer halben Stunde war Roy bereits deutlich erledigt, doch eisern konzentrierte er sich auf alles, was Jos ihm mitteilte.
„Hoffentlich merke ich mir das alles, Jos“, sagte Roy schließlich. „Sollte es klappen, dann bekommst du einen Scheck von mir, daß du ein paar Monate nach Haiti fahren kannst. Klappt es nicht, dann brauchst du mir keinen Kranz zum Begräbnis schicken.“
„Du wirst den Halunken besiegen, Roy. Schade, daß ich nicht rechtzeitig in New York eintreffen kann. Kopf hoch. Ich drücke dir beide Daumen.“
„Das werde ich auch brauchen, Jos. Danke für deine Informationen.“
„Ich erwarte deinen Anruf, Roy. Ich gehe heute nicht aus dem Haus.“
„Ich rufe dich an. Sollte es schiefgehen, dann wird sich Yani melden.“

* * *

David McKee saß in der Motelhalle und langweilte sich unendlich. Es war stockfinster und er trank eine Dose Bier. Vor ihm auf dem Tisch lag ein Walkie Talkie.
„David“, vernahm er die Stimme seines Partners Peter Thorne, der rund um das Motel seine Runden ging.
„Was ist los?“
„Ein Wagen nähert sich dem Motel. Die Scheinwerfer sind abgeschaltet. Es scheint ein alter Ford Galaxy zu sein. Versteck dich hinter der Rezeption.“
„Verstanden“, sagte David McKee, der augenblicklich hellwach war.
Er hockte sich hinter den Rezeptionsverbau und zog seine Pistole, lud durch und starrte die Eingangstür an, die sie absichtlich offen gelassen hatten.
„Zwei Männer steigen aus. Es dürften Profis sein, denn sie lehnten die Wagentüren nur an. Ich folge ihnen.“
Irgendjemand hantierte an der Eingangstür herum. Vorsichtig wurde sie geöffnet.
Eine Gestalt huschte herein, dann ein zweite. Eine Taschenlampe flammte auf.
„Rechts sind die Stufen, die hinauf führen“, sagte eine leise Stimme.
Der Lichtschein zuckte durch die Halle.
David McKees Hand lag auf dem Lichtschalter. Er drückte ihn nieder und das Licht ging an.
In diesem Augenblick betrat Peter Thorne die Rezeption.
„Nehmt brav die Hände in die Höhe, Freunde. Ich habe eine Schrotflinte auf euch gerichtet.“
Die beiden Männer gehorchten augenblicklich.
„Geht ein paar Schritte auseinander.“
Nun stand auch David McKee auf und richtete seine Waffe auf die beiden. Es waren ein Weißer und ein Farbiger.
„David, untersuche die beiden.“
Der Schwarze hatte einen Colt eingesteckt; der Weiße eine Luger.
David warf die Waffen zur Seite.
„Freundchen, beginnt nun hübsch zu plaudern“, sagte Peter Thorne fröhlich. „Ich will gerne eure Namen erfahren, außerdem interessiert mich, was ihr hier wollt, und ferner wäre ich neugierig, wer euch hergeschickt hat.“
„Das werdet ihr nie erfahren“, sagte der Weiße.
David fesselte den beiden die Hände auf den Rücken, dann durchsuchte er genauer ihre Taschen.
Doch er fand nur einen Schlüsselbund.
„Ich bewache die Kerle, David“, sagte Peter. „Sieh dir mal ihr Auto an.“
David nahm die Taschenlampe der Gangster und ging zu ihrem Wagen.
Zuerst sah er sich die Zulassung an, die auf der Innenseite der Windschützscheibe klebte. Im Handschuhkasten lagen nur zwei angebrochene Zigarettenpackungen und eine Tafel Schokolade. Auf dem Rücksitz lag eine alte Zeitung, die er mitnahm. Im Kofferraum fand er einen Werkzeugkasten und einen Reservereifen.
„Nach der Zulassung ist einer der beiden Sam Godden, aber vielleicht ist der Wagen gestohlen.“
„Wer von euch beiden ist Sam Godden?“ fragte Peter Thorne, doch er bekam keine Antwort.
David blätterte die Zeitung durch. Auf der fünften Seite entdeckte er eine Notiz.
„Hör dir das an, Peter. Unsere beiden Freunde sind ziemlich blöd. Irgendeiner der beiden hat folgendes notiert: Myra Levine, Zimmer 12. Darunter steht eine New Yorker Telefonnummer, die kein Privatanschluß ist, sondern eine Telefonzelle in Manhattan ist. Und daneben steht sechs Uhr. Was kombinierst du, Peter?“
„Die beiden sind Idioten. Sie hätten die Zeitung zu Hause lassen sollen. Sie wollten sich Myra schnappen, das ist die Freundin von Joe Ridell. Und um sechs Uhr wollten sie telefonieren. Ich habe euch überschätzt, Leutchen. Ihr seid keine Profis, sondern Idioten, Ruf Alan an, David.“
Die beiden Gefangenen schwiegen noch immer verbissen.

* * *

Roy schreckte hoch, als das Telefon läutete.
„Sorry, daß ich Sie wecken muß, Roy. Aber es ist äußerst dringend und wichtig.“
„Schießen Sie los, Alan.“
„Wir haben eine heiße Spur. Zwei Burschen wollten Myra im Motel schnappen, aber meine zwei Leute überwältigten die beiden. Sie fanden eine Zeitung mit einer wichtigen Mitteilung. Eine Telefonnummer, die sie anrufen sollten, nachdem sie das Mädchen entführt hatten.“
„Was ist mit der Telefonnummer?“ fragte Roy aufgeregt.
„Es ist eine Telefonzelle. Ecke Madison Avenue und 37. Straße. Die Zwei sollten um sechs Uhr dort anrufen. Jetzt ist es kurz nach fünf Uhr. In einer  Viertelstunde holte Sie Steve Smith ab.“
„Das ist ja wunderbar, Alan. Haben Sie die Polizei verständigt?“
„Nein, oder wünschen Sie es etwa?“
„Keinesfalls.“
„Sicherheitshalber postiere ich noch einen zweiten Wagen in der Nähe der Telefonzelle. Sicher ist sicher, da wir nicht wissen ob der Kerl mit einem Auto kommt oder zu Fuß geht.“
„Soll ich mitkommen, Roy?“ fragte Yani.
„Nein, du besorgst die Gegenstände, die Jos genannt hat. Sobald du alles zusammen hast, kehrst du ins Hotel zurück.“

* * *

Die 37. Straße war eine Einbahn in Richtung Osten, während die Madison Avenue eine Einbahn nach Norden war.
Roy saß in Steves Buick. Der Privatdetektiv hatte einen Parkplatz neben dem Curch House gefunden. Schräg gegenüber lag die Telefonzelle.
Es war zwei Minuten vor sechs Uhr.
Ein meergrüner Chevrolet mit CD-Kennzeichen fuhr an ihnen vorbei und blieb unweit der Telefonzelle in einer Parklücke stehen.
„Das ist unser Mann“, sagte Steve und griff nach dem Autotelefon. Er tippte eine Nummer.
„Henry“, sagte Steve. „der Kerl ist eingetroffen. Ein meergrüner Chevy, der in Richtung Fifth Avenue steht. Fahrt einstweilen los und wartet an der nächsten Ecke.“
„Okay, Steve.“
Ein hochgewachsener Farbiger ging auf die Telefonzelle zu.
„Gleich wird er fluchen“, sagte Steve grinsend.
„Und weshalb?“
„Irgendwelche Vandalen haben die Telefonschnur durchgeschnitten!“
Roy lachte trotz der nervlichen Anspannung.
Jetzt konnten sie den Farbigen deutlich sehen. Er trug einen eleganten Maßanzug. Sein Haar war extrem kurz geschnitten.
„Ich werde mal langsam die Rösser anwerfen, denn unser Freund wird bald verschwinden“, sagte Steve.
Roy wagte es nicht den Zauberring hervorzuholen, doch er spürte, daß er langsam warm wurde.

* * *

Marcel Blanche stand kurz nach sechs Uhr auf. Er hatte von Monique geträumt, und es waren überaus aufregende Träume gewesen.
Er zündete eine Zigarette an und telefonierte mit dem Innenminister.
„Wie ist es bei Monique gelaufen, Hauptmann?“
„Sie hat mir alles erzählt.“
„Haben Sie etwas erfahren, das uns weiterhilft?“
„Der Papaloa trat immer maskiert auf. Sie weiß nicht, wer er ist. Aber eines ist interessant. Unser Gegner hat eine zickzackförmige Narbe auf dem linken Handrücken.“
„Verdammt, dann kann es nicht der Botschafter sein. Kommen Sie sofort zu mir ins Büro.“
Naja, dachte Marcel, es wäre wohl zu schön und einfach gewesen.

* * *

Der Farbige betrat die Telefonzelle, verließ sie aber schon nach wenigen Sekunden und ging auf seinen Wagen zu.
Um diese frühe Stunde war erst wenig Verkehr auf den Straßen.
Der Chevrolet fuhr los.
Steve folgte ihm. Sie fuhren die 37. Straße entlang und überquerten die Fifth Avenue, dann blinkte der Chevrolet. Der Farbige suchte offenbar einen Parkplatz.
Steve überholte ihn. Er fuhr etwa hundert Meter weiter und blieb im Halteverbot stehen.
Das Autotelefon läutete, und Steve hob ab.
„Ich sehe den Farbigen ganz genau“, meldete sich Henry. „Er sieht ziemlich mißvergnügt aus. Jetzt betritt er ein Haus. Es ist die Nummer 18. Ein achtstöckiger, schmaler Bau. Bob ist hinter ihm her. Ich melde mich wieder, wenn er zurück ist.“
Roy wurde immer nervöser.

* * *

Marcel Blanche war nur kurz beim Innenminister. Nachdem er seinen Bericht erstattet hatte, reichte ihm der Minister eine Aufstellung.
„Das ist die Liste vom Zollamt. Es sind alle Ein- und Ausreisen der letzen vier Wochen verzeichnet. Sehen Sie sich die Liste genau an, vielleicht fällt Ihnen etwas auf.“
„Das werde ich tun. Nun werde ich mich ein wenig näher mit Philippe Rousset beschäftigen. Ich glaube, daß, er uns weiterhelfen kann.“
„Seien Sie vorsichtig, Hauptmann.“

* * *

Wieder meldete sich Henry.
„Bob ist zurück“, sagte er. „Unser Bursche wohnt im obersten Stockwerk, das ist ein Penthouse. Es wird von einem Didier Dalger bewohnt.“
„Sehr gut“, sagte Steve. „Du wartest weiterhin. Wenn dieser Dalger das Haus verläßt, dann verfolge ihn.“
„In Ordnung, Steve.“
„Didier Dalger“, murmelte Roy. Dieser Name sagte ihm überhaupt nichts.
„Was nun, Roy?“
„Wir müssen abwarten. Im Augenblick kann ich nichts unternehmen. Ich brauche ein paar Gegenstände, die Yani besorgt.“    
„Sie wollen sich wahrscheinlich in der Wohnung ein wenig umsehen wenn der Kerl verschwindet, nicht wahr?“
Roy nickte. Darauf baute sein ganzer Plan auf.
„Ich war einmal im Einbruchdezernat der Polizei von Chicago beschäftigt“, sagte Steve. „Da lernt man einiges, Es gibt keine Tür, die ich nicht innerhalb von zwei Minuten offen habe.“
„Das höre ich gern.“
„Dieser Dalger wird nun in der Wohnung von Sam Godden anrufen“, stellte Steve. fest. „Das ist einer der Burschen, die ins Motel eindrangen. Doch unser Freund wird da mich kein Glück haben.“
Roy blickte den Privatdetektiv fragend an.
Steve lachte. „Einer unserer Leute nahm sich den Schlüsselbund und fuhr zu Goddens Wohnung‚ deren Adresse auf der Zulassung des Wagens stand, und sah sich ein wenig um. Unglückseligerweise stolperte er dabei über das Telefonkabel und riß es aus der Dose.“
Roy schüttelte den. Kopf. „Es ist wirklich unglaublich an was alles Alan Crawford denkt.“

* * *

Marcel Blanche saß in seinem Büro. Er hatte einige Telefongespräche geführt und erwartete nun bald die Ergebnisse.
Er blätterte aufmerksam die List durch, die er vom Minister erhalten hatte.
Einige der Namen waren ihm bekannt, doch die meisten sagten ihm gar nichts.
Das Telefon klingelte.
„Hier spricht das Fernamt, Hauptmann. Wir haben die Ferngespräche von Philippe Rousset überprüft. In den vergangenen Wochen rief er zehnmal in New York an. Sechsmal unsere Botschaft, viermal einen Didier Dalger, der in der 37. Straße wohnt. Einmal telefonierte er mit London, da rief er ein Hotel an. Wollen Sie noch mehr wissen?“
„Danke, das genügt.“
Didier Dalger. Dieser Name war ihm auf der Liste aufgefallen.
Er nahm die Aufstellung zur Hand und suchte den vergangenen Samstag.
Didier Dalger war mittags mit einer Maschine der KLM aus New York eingetroffen, und am Sonntag zurückgeflogen.
Eine Viertelstunde wußte Marcel mehr.
Didier war der Sekretär des Botschafters in den Vereinigten Staaten.
Im Paßamt bekam er die erhoffte Antwort. Besondere Kennzeichen von Didier Dalger: Eine zickzackförmige Narbe auf dem Handrücken.
Didier Dalger war der Papaloa!

* * *

Kurz nach acht Uhr verließ der Sekretär das Haus. Henry und Bob verfolgten den Chevrolet.
Zehn Minuten später rief Henry an. „Dalger hat die Botschaft betreten.“
„Beobachtet das Gebäude weiter. Sobald Dalger herauskommt, rufst du mich sofort an, Henry. Ich werde etwa eine Viertelstunde nicht zu erreichen sein.“
Steve suchte einen anderen Parkplatz.
Das Haustor war nicht abgesperrt. Roy und Steve betraten den Aufzug.
Und der Privatdetektiv hatte nicht übertrieben, denn es dauerte kaum eine Minute, dann hatte er die Tür zu Dalgers Penthouse geöffnet.
Rasch blickte sich Roy in der hypermodern eingerichteten Wohnung um. Er entdeckte aber nichts besonders Interessantes. Eine Tür war jedoch abgesperrt.
Schon beim Betreten der Wohnung hatte der Zauberring zu glühen begonnen.
Als Steve auch diese Tür öffnete, wurde der Ring plötzlich glühend heiß.
Der Raum war fensterlos. Die Wände, die Decke und alle Einrichtungsgegenstände waren schwarz. Auf zwei Wänden sah Roy magische Voodoo-Zeichen. Eine Statue, die den Kriegsgott darstellte, stand auf einem kleinen Tischchen.
Roy holte den Ring hervor und blieb vor einem kunstvoll verzierten Kasten stehen. Das Ringinnere funkelte grün und begann zu flackern. Der Schrank war ebenfalls versperrt.
„Steve, treten Sie wieder in Aktion.“
Steve öffnete den Kasten und blickte hinein. Ein unterdrückter Schrei kam über seine Lippen.
Roy schob Steve zur Seite, und für einen Augenblick hielt er den Atem an. Dann stieß er einen Pfiff aus.
„Das gibt es doch nicht“, flüsterte Steve. „Ich habe ja schon viel in meiner Laufbahn erlebt, aber so etwas noch nie.“
Der Schrank war vollgefüllt mit Voodoo-Puppen.
An ihren Beinen waren Namensschilder befestigt.
„Ich werde die Namen notieren“, sagte Roy.
„Ich gebe Ihnen mein Diktiergerät, Roy, da geht es rascher.“
Roy schaltete das Diktiergerät ein. Er sprach ein paar Namen in das Mikrophon, dann schaltete er das Gerät aus.
„Gehen Sie einstweilen zurück zum Wagen, Steve. Schreiben Sie sich Dalgers Telefonnummer auf. Sie rufen mich sofort an, sobald er die Botschaft verläßt. Geben Sie mir Ihre Telefonnummer.“
Roy und Steve gingen in das Wohnzimmer, wo das Telefon stand. Steve notierte die Nummer, dann reichte er Roy eine Karte.
Roy rief im Hotel an und ließ sich mit Yani verbinden.
„Hast du alles besorgt?“ fragte er.
„Ja, ich habe alles bekommen.“
„Dann nimm dir sofort ein Taxi und bringe alles zu mir.“
Er nannte ihr die Adresse, dann kehrte er in das schwarze Zimmer zurück und sprach die Namen in das Diktiergerät, die auf den Schildern standen.
Zufrieden schob er das Gerät in seine Rocktasche. Überlegend blickte er sich um.
Dalger war gewarnt da war sich ganz sicher, als er die verformte Voodoo-Puppe von Dan Farley genau betrachtete. Der Papaloa mußte wissen, daß er einen Gegner hatte.
Trotzdem blieb Roy keine andere Wahl. Er würde Didier Dalger eine Falle stellen, und er konnte nur hoffen, daß der Hexer so reagierte, wie er es erhoffte.
Zwanzig Minuten später traf Yani ein, die ihm bei den Vorbereitungen half.
Roy handelte genau nach den Anweisungen, die er von Jos van Noord erhalten hatte.
Immer wieder zog er seine Notizen hervor. Hoffentlich klappt alles so, wie er es sich erwartete.
Einmal kam er nicht weiter, da rief er Jos in Rotterdam an.
„Warum gehst du dieses Risiko ein, Roy?“ fragte Yani. „Verständige doch einfach die Polizei.“
„Die Polizei würde mir kein Wort glauben. Glaube mir, Yani, es ist die einzige Möglichkeit die wir haben. Es muß klappen.“

* * *

Marcel Blanche fuhr vor der Villa von Rousset vor.
Er hatte herausgefunden, daß Didier Dalger keine Wohnung in Port-au-Prince besaß. Der Hexer hatte immer bei Philippe gewohnt, wenn er in Haiti gewesen war.
In diesem Augenblick waren auch andere Polizisten unterwegs, die verschiedene Angehörige des Voodoo-Kultes festnehmen sollten.
Marcel ging kein Risiko ein. Fünf mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten befanden sich in seiner Begleitung.
Es war kurz vor zehn Uhr, als ein Polizist das Gartentor aufbrach.
Sofort liefen sie auf das Haus zu. Zwei Polizisten blieben im Garten stehen.
Die Haustür war nicht versperrt.
Ein Polizist stürmte die Stufen hoch, die ins erste Stockwerk führten, eine zweiter blieb neben der Tür stehen.
Ein weiterer Polizist begleitete Blanche.
Sie mußten nicht lange nach Philippe Rousset suchen.
Er hockte im Speisezimmer im Erdgeschoß, und ein Diener servierte ihm eben das Frühstück.
„Guten Tag“, sagte Blanche fröhlich. „Hände in die Höhe!“
Die beiden gehorchten augenblicklich.
„Der Diener soll sich an die Wand stellen“, sagte Blanche. „Bei der geringsten Bewegung seid ihr mit Kugeln durchlöchert.“
„Was soll dieses Eindringen, Hauptmann?“ frage Rousset empört. „Das wird Sie Ihren Kopf kosten, das garantiere ich Ihnen.“
Er war ein untersetzter Neger, der zur Fettsucht neigte.
Blanche zog einen Stuhl heran, setzte sich gemütlich nieder und brannte sich eine Zigarette an. „Da haben Sie den Haftbefehl, Rousset.“
Er holte ihn hervor und warf ihn Rousset zu, der ihn auffing.
„Weshalb wollen Sie mich verhaften, Hauptmann?“
„Sie wollten den Präsidenten ermorden.“
Rousset lachte. „Das ist doch Unsinn.“
„Wir wissen über alles Bescheid, Rousset. Im Augenblick sind zwei Beamte des Geheimdienstes nach New York unterwegs. Sie werden Didier Dalger erledigen!“
Nun begann Rousset zu zittern.
„Der Papaloa hat ausgespielt, Rousset. Ihnen kann niemand mehr helfen.“
Rousset sackte zusammen.
Ein Polizist betrat das Zimmer. „Im Stockwerk befindet sich niemand.“
„Legt den beiden Handschellen an. Und ab mit ihnen in die Zentrale.“
Die beiden leisteten keinen Widerstand.
„Fouchet, Sie kommen mit mir mit. Wir werden uns das Haus näher ansehen.“
Aber sie fanden weder im Stockwerk noch im Erdgeschoß etwas Interessantes.
Doch als sie die Kellertür aufbrachen und die Stufen hinunterstiegen, lief es Marcel kalt über den Rücken.
Auf einem Holzgestell standen über fünfzig Voodoo Puppen, an deren Füßen Namenszettel befestigt waren.
Marcel mußte nicht lange suchen, bis er die Puppe fand, die Monique Mayoux darstellte.
„Gehen Sie hinauf, Fouchet. Zuerst rufen Sie den Innenminister an. Das soll er mit eigenen Augen sehen. Dann fordern Sie die Leute der Spurensicherung an.“
Marcel nahm die Voodoo-Puppe, an deren Fuß der Zettel mit Moniques Namen fast liebevoll in die Hand. Er lächelte zufrieden.

* * *

Roy war mit den Vorbereitungen fertig. Er schickte Yani zu Steve, der nun Dalger in der Botschaft anrufen sollte. Steve würde sich als Polizist ausgeben und berichten, daß in Dalgers Penthouse eingebrochen worden war.
Dann würde es sich entscheiden, ob Didier Dalger in die Falle lief.
Noch einmal betrat Roy das schwarze Zimmer, das nun völlig anders aussah. Sollte alles so verlaufen, wie es der Magier erwartete, dann war der Papaloa verloren.
Roy ging unruhig auf und ab immer wieder warf er einen Blick auf die Uhr.
Er zuckte zusammen, als das Telefon läutete.
Roy hob den Hörer ab, meldete sich aber nicht.
„Dalger ist eben eingetroffen“, sagte Steve. „Er kommt in fünf Minuten herauf!“
Nun war es so weit. Plötzlich war der Magier völlig ruhig. Den Ring hatte er im schwarzen Zimmer gelassen.
Langsam ging Roy ins Vorzimmer.
Er hörte das Summen des Aufzuges. Der Papaloa war unterwegs.
Didier Dalger drückte die Tür auf. Sein dunkles Gesicht war recht hübsch, es erinnerte Roy ein wenig an Sidney Portier. Deutlich war auf Dalgers linkem Handrücken eine Narbe zu sehen. Deshalb hat er immer Handschuhe getragen, schoß es Roy durch den Kopf.
„Ich bin Detektiv Roy deVoss“, sagte der Magier.
„Didier Dalger. Wurde etwas gestohlen?“
„Das kann ich nur schwer beurteilen, aber eines ist seltsam. Ein Zimmer ist ganz in Schwarz gehalten, und dort steht ein Schrank drinnen, der aufgebrochen wurde. Der Kasten ist völlig leer.“
Dalger verlor nun die Nerven. Er rannte an Roy vorbei und stürmte wie ein Verrückter auf das Zimmer zu. Der Magier folgte ihm.
Dalger riß die Tür auf und erstarrte.
Roy stieß den Hexer mit aller Kraft ins Zimmer, dann ergriff er den Zauberring, der sofort zu glühen begann.
Die Voodoo-Muster hatten Roy und Yani mit weißer Leuchtfarbe übermalt. Es waren neue Voodoo-Muster entstanden, die Agwee den Gott des Meeres huldigten, der als größter Gegner des Kriegsgottes gilt.
Die schwarze Kerze, das Tischtuch und Statue Ogun Badgaris hatte Yani mitgenommen.
Der Zauberer stieß einen tierischen Schrei aus, als er die Muster an den Wänden erblickte.
In einer Ecke des Zimmers hatte Roy eine Voodoo-Puppe aufgestellt, in die er kleine Stücke von Anzügen und Unterwäsche Dalgers hineingesteckt hatte. In Dalgers Bett hatte er ein paar Haare gefunden, und im Badezimmer einen Rasierapparat. Diese Haare hatte er in den Wachskopf der Puppe gedrückt.
Der Boden war mit seltsamen Muster aus Magnesiumpulver bedeckt, die etwa einen Zentimeter hoch waren. Eine Linie des verwirrenden Musters führte genau auf die Voodoo-Puppe zu, die Didier Dalger darstellte. Die zweite Linie führte in Windungen auf den Schrank zu, in dem die Puppen standen.
Wimmernd richtete sich Didier Dalger auf. Schweißperlen liefen über seine Stirn. Sein Gesicht war verkrampft und eingefallen.
"Dein Spiel ist aus, Papaloa", sagte Roy mit fester Stimme.
Das magische Muster auf dem Boden, und die Zeichen der Weißen Magie an den Wänden machten den Hexer rasend.
Das Innere des Zauberringes war eine Feuerlohe. Roy bückte sich, und eine Flammenzunge rast auf das aus Magnesiumpulver gebildete magische Muster zu.
Nun ging alles blitzschnell, der Voodoo-Hexer hatte keine Chance zu entkommen.
Zischend entzündete sich das Pulver. Blendend weiße Flammen rasten über den Fußboden.
Roy schloß die Augen, doch sogar durch die geschlossenen Lider sah er, wie sich das Feuer rasend schnell weiterfraß, wie es die Voodoo-Puppe in der Ecke erreichte und sie in Flammen aufging. Eine andere Feuerzunge schoß auf den Schrank zu, dort hatte Roy einen Berg Magnesiumpulver aufgerichtet, der nun zischend brannte. Die Flammen stiegen hoch, kletterten in das Schrankinnere und erfaßten die Puppen, die eine nach der anderen verbrannten.
Nun war das Zimmer in blendend weißen Rauch gehüllt.
Der Papaloa wand sich wie in Krämpfen auf dem Boden.
"Hat es geklappt?" hörte Roy Yanis Stimme.
"Ich hoffe es", antwortete er. Er öffnete die Augen, konnte aber nichts sehen, so geblendet war er noch immer vom grellen Licht. "Habt ihr die Feuerlöscher mit?"
"Ja", sagte Steve
Der Zauberring fühlte sich eiskalt an. Die Macht des Voodoo-Hexers war gebrochen.
Yani und Steve drangen in das Zimmer ein. Kurze Zeit später war der Brand gelöscht.
„Tragt den Kerl ins Wohnzimmer.“
Roy konnte noch immer nichts sehen.
Ohne Jos van Noords Ratschläge hätte er vermutlich den Papaloa nicht besiegen können.
Der Gegenzauber war durch die magischen Muster ausgelöst worden. Die in den Voodoo-Puppen gesammelten bösen Kräfte waren frei geworden und, hatten sich gegen den Papaloa gewandt.
Langsam konnte Roy wieder sehen. Er blickte den bewußtlosen Dalger an, der röchelnd atmete. Langsam schlug der frühere Papaloa die Augen auf, die völlig leer und tot waren. Er gab lallende Laute von sich.
Sein Gehirn war leer, er hatte die Erinnerung vollständig verloren. Er konnte nicht mehr sprechen und nicht mehr denken.
Didier Dalger stellte keine Gefahr mehr dar.
„Der Spuk ist vorbei“, sagte Roy. „Wir bringen Dalger in die Botschaft.

* * *

Ungeduldig wartete Marcel Blanche auf Nachrichten. Endlich läutete das Telefon,
„Ein amerikanischer Privatdetektiv lieferte Didier Dalger in der Botschaft in New York ab“, sagte der Innenminister. „Dalger hat den Verstand verloren.“
„Weiß man etwas Näheres?“
„Noch nicht. Angeblich stellte ein Magier Dalger zum Kampf und besiegte ihn. Dabei schnappte der Papaloa über. Er wird noch heute nach Port-au-Prince gebracht. Was ist mit Philippe Rousset?“
„Er singt wie ein Vogel“, sagte Blanche vergnügt. „Vor ein paar Jahren fand Dalger einige uralte magische Schriften, die er genau studierte. Er eignete sich das Wissen der alten Hexer an. Vor ein paar Jahren faßte er den Plan seine Kenntnisse anzuwenden.Er wollte die Welt mit seiner Magie beherrschen. Dalger zwäng einige Priester ihm zu helfen, freiwillig hat eigentlich nur Rousset mitgetan, der sich einiges von Dalger erhoffte.“
„Sie haben gute Arbeit geleistet, Hauptmann, Der Präsident ist höchstzufrieden. Er wird Sie morgen empfangen. Ich darf es Ihnen ruhig verraten: Sie sind ab morgen der neue Polizeichef von Port-au-Prince!“
„Vielen Dank.“
„Nun gehen Sie schön nach Hause und schlafen Sie sieh ordentlich aus.“
„Das werde ich tun“, sagte Marcel, doch er dachte nicht daran es zu tun.

* * *

Nun machte sich die Anspannung bei Roy bemerkbar.
„Ich will nur schlafen, Yani“, sagte er, als sie zum Hotel fuhren. „Bitte verständige Jos, dann rufe die Musiker an. Wir werden heute abend mit ihnen feiern. Später werden wir einen Bericht für die Polizei von Haiti verfassen. Sicherlich hat Dalger auch viele Leute in Haiti verhext. Der Voodoo-Zauber soll endgültig ausgeschaltet werden.“
Die Augen des Magiers brannten. Er war unendlich erschöpft und jeder Gedanke fiel ihm schwer.
Als sie das Hotelzimmer erreichten, schlief er schon halb. Er warf sich in Bett und schlief augenblicklich ein.
„Ein bemerkenswerter Mann“, sagte Steve. „Ich möchte nur zu gerne wissen, was tatsächlich los war.“
„Das werden Sie heute bei unserer Feier erfahren, Steve.“
Yani beugte sich über Roy und drückte ihm einen zarten Kuß auf die Stirn, dann ging sie ins Nebenzimmer und setzte sich vor den Telefonapparat.

* * *


Marcel Blanche drückte auf den Klingelknopf.
„Ja?“ hörte er Moniques sinnliche Stimme.
„Hier ist Marcel Blanche.“
„Kommen Sie herein, Marcel.“
Der Türschnapper summte. Blanche betrat den Garten und schritt rasch auf das Haus zu. Monique kam ihm entgegen.
Sie trug wieder nur einen dünnen Hausanzug, der diesmal aber fast durchsichtig war. Und bei Tageslicht sah Monique noch schöner aus.
Marcel hielt in der linken Hand eine große Tasche.
„Ich habe Ihnen ein hübsches Geschenk mitgebracht, Monique“, sagte er, als sie die Bibliothek betraten.
„Sie haben doch nicht…“
„Rousset ist verhaftet, und der Papaloa ist unschädlich. Er war ein Botschaftssekretär namens Didier Dalger.“
Er stellte die Tasche auf den Tisch.
„Darin ist Ihr Geschenk, Monique.“
Vorsichtig öffnete sie den Reißverschluß. Sie holte die Voodoo-Puppe hervor, an deren rechten Fuß ein Zettel hing, auf dem MONIQUE MAYOUX stand.
Ganz behutsam stellte die Schauspielerin die Puppe auf den Tisch. Dann drehte sie sich Marcel zu, und Tränen hingen in ihren schönen Augen.
„Eigentlich wollte ich die Puppe für mich behalten“, sagte Marcel breit lächelnd, „aber da Sie mir versprochen. haben, daß wir den ganzen Tag und die Nacht feiern werden, brauche ich die Puppe nicht.“
Sie schmiegte sich eng an ihn, und als er ihre bebenden Lippen unter den seinen spürte, ahnte er, daß es eine lange Nacht werden würde...

E N D E

© by Kurt Luif 1982 + 2018

 





 

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