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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: In den Händen des Satans (Gaslicht-Krönung Nr. 425)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»In den Händen des Satans«
Gaslicht-Krönung Nr. 425 von Carol Hamilton Dyke

Da sind wir also wieder – vom Butler-Ressort zurück in den gaslicht-beflackerten Hallen mysteriöser Vorgänge und ich hoffe auf ein paar schattenumflorte Nächte. Ausgesucht habe ich – absichtlich – drei Übersetzungen, weil die deutschen Beiträge meistens sehr konfektionierten Nachgeschmack auf der Zunge hinterlassen hatten und nicht so vielfarbig waren.

Die Erste der drei ist von „Carol Hamilton Dyke“, die ihren „Hamilton“ auch hin und wieder mal in der Garage ließ, wenn sie etwas zu veröffentlichen hatte. Ihre Werke sind auch heute noch hier und da zu finden, dieses hier ist 1980 veröffentlicht worden und eines von ein oder zwei Dutzend Geschichten dieser Autorin, die aber nicht alle im deutschen Heftromanverband landeten.

Von der Autorin ist wenig zu erfahren, aber es spielt auch die Autorenroutine eine gewisse Rolle – und wie sich noch herausstellen soll, ist Miss oder Mrs. Dyke da durchaus zu brauchbaren Schmökern in der Lage, denn der Roman ist von brauchbarem Kaliber.

Er hat sogar einen wesentlich passenderen Titel in der deutschen Fassung abbekommen, denn der Originaltitel „The Last Days of Loving“ hat mit dem zentralen Okkultismuskonflikt nun so gar nicht zu tun.

Interessiert hätte mich vor allem noch der Umfang der erfolgten Kürzungen, die meiner Ansicht nach sehr grob und hastig und mit wenig schriftstellerischem Feingefühl vorgenommen wurden, aber auch dafür werde ich wohl keinen Beweis antreten können.

Darum wechseln wir jetzt erst mal in die walisischen Berge, wo in einsamen Häusern ein düsteres Unheil schwelt, very british in jedem Fall…


In den Händen des SatansWenigstens bin ich nicht häßlich…
Irgendwo in den recht zugigen Bergen von Wales: unsere Heldin Virginia kommt in unpassend dünner Kleidung wieder zu sich und hat sich offenbar ordentlich die Murmel eingedellt – sie weiß beim besten Willen nicht mehr, wer sie ist und wie sie heißt.

Doch Hilfe naht, denn ein sich nähernder Mann, verklausuliert ihr gleich mal von ferne, dass Flucht keinen wirklichen Sinn hat. Doch mit dem Blut an der Schläfe scheint er gleich viel behutsamer und vorsichtiger: als erfährt, dass ihr Gedächtnis vorerst perdu ist, stellt er sich als Max Averay, ihr getreuer Ehegatte vor. Auch ihren Namen hat er dabei: Virginia.

Da sie noch reichlich bräsig ist, lässt sie sich von ihm in ihr gemeinsames Häuschen in der Nähe mitnehmen, wo auch die recht hübsche Estelle residiert, die angeblich Schwägerin und Ärztin in einem ist. Bei der Versorgung schlägt die ihr Unbekannte jedoch einen ziemlich kühlen und resoluten Ton an und versorgt Virginia nur mit Bekleidung aus ihrem eigenen Fundus – wo Virginias Sachen sind, kommt nicht zur Sprache. Bald schon wandert die Gute ins Bett und ruht sich erst einmal aus.

Bei Wiedererwachen hat sie dann auch gleich ein unfreuliches Zusammentreffen mit Wachhund Lupe, der angeblich nur auf Max hört. Max klärt sie dann auch – meistens nur beschwichtigend – über die Umstände auf: angeblich war sie nur für einen Tag vorbei gekommen, weil Max gern in aller Einsamkeit seiner schreiberischen Tätigkeit nach ging und sie eine Stadtpflanze war. Man hatte sich vorgeblich gestritten, sie war weggelaufen und gestürzt. Von all dem lässt nur ihre Heimat – Brighton – bei Virginia eine Saite anklingen. Noch dazu gibt sich Estelle immer feindseliger.

Zwei Wochen später hat sich am status quo nichts geändert: Virginia bleibt – zur „Erholung“ - im Haus, ist isoliert und sieht auch keinen Arzt, überhaupt keine andere Seele. Da Max wegen einer für Weihnachten geplanten Gesellschaft (es ist November) noch eine Weile in den Bergen bleibt, hängt Virginia in der Luft, aber ihre Angstträume sagen ihr, dass die Sache nicht ganz koscher ist. Spaziergänge gibt es nur in Begleitung und ständig soll sie Tabletten nehmen, die jedoch eher für Betäubungszustände sorgen. Alles kommt ihr unecht vor, vor allem Max und Estelle.

Schließlich reißt sie über ein schmales Badezimmerfenster zu einem geheimen Ausflug aus und wandert zu einem grauen, aber größeren Gebäude in der Nähe, welches aber leer wirkt. Weil sie nach ihrer unbemerkten Rückkehr erzählt bekommt, es gäbe keine Nachbarschaft, wird ihr Fluchtreflex, gepaart mit ersten Flashbacks, immer stärker.

Beim nächsten Spaziergang trifft sie einen kleinen Jungen namens Greg Seward, dessen Mutter die Haushälterin in dem größeren Gebäude sein soll. Sie schleicht sich mit Greg hinein und stellt fest, dass sie das Haus bereits kennt – und erfährt, dass es Max Averay gehört.

Ihre Versuche, einen Tapetenwechsel herbei zu führen, werden allesamt abgelehnt, weswegen sie inzwischen nur noch so tut, als würde sie die Tabletten nehmen. Virginia stellt auch fest, dass sie gut tippen kann, für das sie doch angeblich kein Talent haben soll. Auch findet sie im Haus Bücher über Okkultismus, eins davon von Max. Dabei fällt ihr der Name „Jeannie Read“ ein, den sie aber nicht einordnen kann.

Einen Besuch in dem Hotel später lernt sie auch Mrs. Seward kennen , der sie ihre Amnesie gesteht und erzählt, dass sie als Besucherin schon mal in dem „Hotel“ gewesen ist. Mrs. Seward gefällt der Job als Köchin in dem Haus nicht sonderlich, weil sie sich von den Gästen fernhalten soll und der angekündigten „Weihnachtsparty“ sehr zweifelnd gegenüber steht. Bei dieser Gelegenheit begegnet beiden auch das leicht schwachsinnige Hausmädchen Lizzie mit einem Halstuch, das Virginia einem anderen Mädchen namens Lena Dawn zuordnen kann, welche vage ein schlimmes Schicksal erlitten hat.

Schließlich erzählt Virginia Mrs. Seward alles von ihrer verzweifelten Situation und erfährt, dass man die besagte Jeannie Read ermordet in einem Hotelzimmer in Brighton aufgefunden hat.

Auf dem Rückweg entdeckt sie diesmal Max, der sich ihr gegenüber jetzt auch feinselig und wütend zeigt, vor allem weil sie sich wegen der verschwiegenen Nachbarschaft beschwert. Daraufhin wird ihre Medikamentendosis noch mehr erhöht, seine Erklärungen klingen jedoch alle äußerst schwach. Parallel dazu entlässt er auch sofort Mrs. Seward aus ihrem Dienst und lässt sie abreisen.
Fortan wird sie eingeschlossen und noch stärker überwacht, doch sie stellt sich zu gegebener Zeit solange quer, bis die Überwachung wieder nachlässiger wird. Daraufhin schleicht sie sich wieder in das größere Haus und findet dort auf dem Dachboden den Koffer mit ihren persönlichen Sachen. So kehrt auch ihr Gedächtnis wieder: sie ist Virginia Jones.

Folgendes ist passiert: sie hatte sich bis vor einiger Zeit in einer sehr liebevollen Beziehung mit dem Gutsbesitzer Robin Romain befunden, wollte jedoch auch eine Karriere als Journalistin machen. Das belastete ihre Beziehung soweit, dass sie Robin verließ. Als die Karriere jedoch stockte, wollte sie einen richtig großen Wurf mit einer besonderen Story recherchieren und so beweisen, was in ihr steckte. Das Ziel ihrer Story war Max Averay.

Mit Hilfe einer fingierten Geschichte über Zahnschmerzen schafft sie es, zu einem Termin die nahe Stadt gebracht zu werden, während dessen sie Robin kontaktiert. Sie bittet ihn, zu ihr zu kommen und er will sich für den nächsten Tag auf den Weg machen, obwohl er wegen der aufgelösten Verlobung noch sehr ungehalten ist. Ein weiterer Zahnarzttermin bringt die beiden dann zusammen und Virginia erzählt ihm die ganze Geschichte.

Sie war durch Jeannie Read, eine alte Schulfreundin, auf Averay gekommen. Read hatte für Averay gearbeitet, dann aber Angst vor ihm bekommen. Virginia wollte sie in Sicherheit bringen, doch bevor sie das umsetzen konnte, fand man ihre Leiche. So entschied sie sich, Averay zu entlarven und diente sich selbst ihm als Helferin an. Auf diese Weise sammelte sie all das Material rund um die morbiden Gesellschaften des Okkulten, bei denen es um Teufelsbeschwörungen gegangen war. Als sie kalte Füße bekam, fiel sie unter Max‘ Bann und wurde Zeuge, wie dieser die renitente Lena Dawn erwürgte, die ebenfalls seine Assistentin gewesen war. In Panik floh sie – und verlor bei einem Sturz ihr Gedächtnis.
Nun will sie noch Beweise sammeln – und schweren Herzens stimmt Robin zu.

Schließlich ziehen Max, Estelle und Virginia kurz vor Weihnachten wieder in das Haus für die zu erwartende „Gesellschaft“. Dabei entdeckt sie auch einen schwarz ausgeschlagenen Raum, der für die schwarze Messe benutzt wird. Nach und nach treffen auch die anderen reichen Gäste ein und alle sind in erwartungsvoller Stimmung. Virginia hängt sich an eine ältere Dame namens Mrs.Whitney, die ihr erzählt, dass das Fest am Weihnachtsabend stattfinden soll.

Das gibt sie bei einem Spaziergang an Robin und die Polizei weiter – und erhält in der Nacht Besuch von Mrs. Seward, der die Sache zunehmend verdächtig vorkommt. Gemeinsam bestimmen sie „zufällige“ Treffen Virginias mit Greg als Informationsaustausch für die kommenden Tage. Bei so einem Treffen findet sie auch Lena Dawns vergrabene Leiche im Wald.

Trotz ihrer Bemühungen, das zu vermeiden, schafft es die Gesellschaft jedoch, sie wieder unter starke Drogen zu setzen, vorzugsweise durch Mrs. Whitney. Virginia ist so wieder in der Falle, denn das Fest findet nun schon am Heiligen Abend, einen Tag früher als sonst statt. Sie kann zwar Mrs. Seward im Delirium noch Robins Namen nennen, endet aber dann doch zur Heiligen Nacht zwecks Opferzeremonie in dem schwarzen Raum.

Doch im letzten Moment stürmt die Polizei den Raum und verhaftet alle Anwesenden, denn Mrs. Seward hatte neugierig solange herumgeschnüffelt, bis sie genug Infos hatte, um Robin zu informieren. Nun können Virginia und Robin endlich heiraten.

In den Händen des Satans»Yes, Virginia, there is a Santa Claus…!«
Das ging ja nun gerade nochmal gut, könnte man sagen, auch wenn bei solchen Geschichten eigentlich zumeist nie in Zweifel steht, das sie dann doch gut ausgehen.

Alles in allem kann ich über diese Geschichte auch nicht meckern, denn sie ist relativ rund und routiniert geschrieben und geizt weitestgehend mit Logiklöchern und dämlichen Handlungen, stattdessen entwickelt sich alles sehr organisch.

Das Unwirklichste an dieser Story ist seltsamerweise die Liebesbeziehung zwischen dem grummeligen Landwirt-Galan und der engagierten Jugendfreundin, die so gern Lois Lane wäre. Hier kommen dann auch ein paar sehr eckige Liebesschwüre geflogen, die nicht so gut funktionieren, aber immerhin hat der kantige Kerl nur wenige Auftritte und reißt nicht die Heldenrettung an sich.

Besser fällt da schon die Notlage der Heldin aus, die aufgrund ihrer Amnesie zunächst keine andere Wahl hat, als all ihre Zweifel hintenan zu stellen, später mit Flashbacks hadert, dann isoliert wird und als es richtig heiß wird, bei ihrer Ehre gepackt wird, einen Mörder zu überführen, der sie diverse Wochen als Opfer vorbereitet.

Was hier auffällt, ist jedoch die Bearbeitung dieses Werks von Carol Dyke, welches im Original als Taschenroman wohl 160 Seiten lang war und offenbar vom Serienkillerhausmeister mit der Kettensäge in Heftromanform gebracht wurde.
So wirkt die häppchenweise Aufklärung über Virginias wahre Identität und Geschichte mehr als sprunghaft und mühsam montiert, Verbindungen werden nicht verknüpft und Erkenntnisse ausgespart, bis die Heldin wieder vor ihrem Holden sitzt.

Besonders im Mittelteil provoziert das etwas Wirr&Warr, bis man die Schicksale von Jeannie Read und Lena Dawn endlich auf einen Nenner gebracht hat.

Auch das Ende wirkt wie mit der heißen Nadel gestrickt: das Schockpotential der Teufelsanbeter-Opferzeremonie geht flöten, weil Virginia dank der Drogen seit sechs Seiten eigentlich nur noch vor sich hin lallt; Details werden so ausgelassen, Beschreibungen erspart. Die Rettungsaktion wird praktisch nur per geschriebener Audiospur geschildert, was dem Antiklimatischen eine ganz neue abstrakte Bedeutung gibt.

Und als es dann endlich an die Erklärungen geht, kümmern sich alle mehr darum zu entscheiden, an wen denn der große böse, jetzt liebe Hund geht, als darum, den Leser über die Geschehnisse der wunderbaren Rettung zu erhellen. Das erledigt man dann kurz und schmerzhaft in den letzten beiden Absätzen.

Das ist schade, denn der Aufbau ist gut, die Bedrohung steigert sich exponentiell und alles könnte kraftvoll enden, doch es ist mehr ein „fade out“ denn ein richtiger Showdown.

Natürlich ist Max nicht in einer Szene unverdächtig, da genügt schon sein erster Satz, um den Finsterling dieser Geschichte klar und deutlich auszumachen und wer da noch Zweifel hatte, den lehrt die finstere Estelle mit ihrer luziferkalten Art Mores.

Aber das stört nicht, so fokussiert man sich besser auf die Heldin, die Miss Dyke so gut charakterisiert hat, dass man mitfiebert und sich nicht nur über sie aufregt. Dass die Story in der Jetztzeit spielt, macht die Sache noch genießbarer.

So gesehen also ein sehr guter „Gaslicht“ aus einer Zeit, als die Romane noch stärker durch Übersetzungen geprägt waren und man die professionellen Schmachtproduzenten aus England und den USA und ihre Werke anging. Mehr Freude für das nächste Heft.

Kommentare  

#1 Heiko Langhans 2017-09-26 07:13
Harantor ... die Bilder?? 8)
#2 Andreas Decker 2017-09-26 10:20
Zitat:
Auch das Ende wirkt wie mit der heißen Nadel gestrickt: das Schockpotential der Teufelsanbeter-Opferzeremonie geht flöten, weil Virginia dank der Drogen seit sechs Seiten eigentlich nur noch vor sich hin lallt; Details werden so ausgelassen, Beschreibungen erspart.
Es würde mich nicht überraschen, wenn gerade da nichts gekürzt wurde. Das sieht man oft bei Gothics aus der Zeit. Das Ende ist hastig gezimmert. Findet man oft auch in den deutschen Taschenbüchern.
#3 Harantor 2017-09-26 10:43
Jetzt sind es die richtigen Bilder. Was da los ist/war, fracht mich net ...

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