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Die etwas andere Art der phantastischen Welt - Funtastik

FuntastikDie etwas andere Art der phantastischen Welt
Funtastik

Gewiss, wenn ihnen ein Drache liebevoll in ein Ohr pustet, dann dürften ihre Probleme mit dem Ohrenschmalz ein jähes Ende gefunden haben. Ob sie damit allerdings glücklicher sind, wage ich mal zu bezweifeln. Auch legt man Zombies nicht an die Leine und kann mit ihnen ungestraft Gassi gehen.

So oder ähnlich kann man die Sicht der Dinge ebenfalls literarisch verarbeiten.


FuntastikFUNTASIK ist, um mal direkt mit der Tür ins Haus zu fallen, eine Anthologie. Für alle die, die lieber einen Bogen um unmögliche Fremdworte machen, kann ich das auch als ein Buch voller Kurzgeschichten übersetzen.

Die geneigte Leserin bzw. der ebenso geneigte Leser kann sich bei diesem Taschenbuch aus dem Leseratten Verlag zumindest schon mal auf eine schöne Bandbreite phantastischer Welten und Geschichten freuen, die es irgendwie alle in sich haben. Sie werden hier auf Gauner jeglicher Art genauso treffen wie auf feurige Drachen. Auf seltsame Begebenheiten als Mensch auf einem Raumschiff oder sie werden in die tiefen Geheimnisse weiblicher Vampire eingeweiht. Fliegende „Luftschiffe“ und ihre Abenteuer zählen allerdings genauso dazu, wie Königreiche, denen so ziemlich alles abhanden gekommen ist, was noch irgendwie nach Abenteuer riechen könnte.

Für die ganz Harten aus Nachbars Garten gibt es dann noch gar grässlich anzusehende Weibsbilder, die als Hauptberuf „Killer“ eine mächtige Streitaxt schwingen und so ziemlich jeden Kopf der im Wege ist, rollen lassen. Aber auch die jungfräuliche Prinzessin gehört dazu, die sichtbar verwöhnt ihre Zicken macht, ihre Jungfräulichkeit aber gleich beim erstbesten galanten Auftragsmörder faktisch von der Bettkante schubst wie einen ungeliebten Mühlstein. Und das man mit Zombies kegeln kann, lernt man in einer weiteren Kurzgeschichte von einer recht durchgeknallten hübschen Schönheit auch. Die Regeln sind auch nicht schwer, jedoch benötigt man hierzu ein noch fahrbares Automobil das einen guten Aufprall locker wegstecken kann.

Jedem dieser Geschichten ist im übrigen ein kleiner Text zur jeweiligen Autorin bzw. dem jeweiligen Autor voran gesetzt, damit man zumindest in wenigen Sätzen schon mal weiß, wer da gerade sie als Leser wieder mit einem gehörigen Rundumschlag in eine weitere, neue und mitunter recht seltsame phantastische Welt wirft.

„Das höre ich gerne. Die Admiralität bietet ihnen mit dieser Mission die einmalige Chance auf Wiedereingliederung in den regulären Flottendienst. Sie haben sicher keine Sehnsucht nach ihrer Aggressionsbewältigungsgruppe.“

(Funtastik: Seite 103 / Das Feuersturm-Fiasko – Schwer gestört und gut frisiert)

FuntastikHier dazu also schon mal die jeweiligen Kurzgeschichten mit Seitenangabe und der jeweiligen Nennung der Autorin oder dem Autor der Kurzgeschichte in der richtigen Reihenfolge des Buches FUNTASTIK:

  • Vorwort – Seite 3

  • Das Herz des Drachen – Seite 6. / Lea Baumgart

  • Ordnung muss sein – Seite 28 / Michael Edelbrock

  • Blumentöpfe und ähnliche Missverständnisse – Seite 53 / Renee Engel

  • Zombielein ging allein... Seite 81 / Marie Braun

  • Das Feuersturm-Fiasko – Schwer gestört und gut frisiert – Seite 100 / Thomas Heidemann

  • Der Tod, die Steuern und noch viel Schrecklicheres – Seite 139 / Jürgen Höreth
    Leseprobe im Zauberspiegel

  • Die Prophezeiung – Seite 169 / Ju Honisch

  • Ein (fasst) perfekter Plan – Seite 185 / Alisha Pilenko

  • Die beeindruckenden Uhrgeheuer des Meistermechanikers Lord Rumknut – Seite 207 / Christian Reul

  • Die Omega-Strategie – Seite 226 / Patricia Rieger

  • Abenteuermangel im Abenteuerland – Seite 258 / Frank Sawielijew

  • Schrödingers Vampir – Seite 283 / Corinna Schattauer

  • Speckled Eggs – oder wie gefleckte Eierschalen eine Welt verändern können – Seite 313 / Martina Schiller-Rall

  • Schön oder nicht schön, das ist hier die Frage – Seite 345 / Christina Wuttke

Das man die jeweiligen Geschichten nicht so ganz ernst nehmen sollte, kann man meiner bescheidenen Meinung nach schon an den meisten Titeln ablesen. Als reines Kinderbuch würde ich dieses Taschenbuch allerdings auch nicht verordnen. Dafür dürfte doch manches etwas zu heftig für die lieben Kleinen sein. Na ja, nicht extrem heftig, aber verlorene Jungfräulichkeiten (erklärt das mal einer Zehnjährigen ohne feuerrot an den Ohren zu werden), rollende Köpfe und auch so mancher Text an sich zeigen doch schon recht gut, dass man sich hier an ein Publikum von sagen wir mal geschätzte Dreizehn bis Dreiundneunzig wenden will, um auch mal einen Blick in die Vielfältigkeit der Phantastik zu werfen, die nicht alles wirklich zu ernst nimmt.  

Gelangweilt malte ich mit dem Zeigefinger Herzchen auf die staubigen Überreste eines zersprungenen Schaufensters. Der ausgebrannte Verkaufsraum erinnerte mich an ein offenes Maul, das drohte, alles zu verschlingen. Oh ja. Es war eine dunkle Zeit. Aber wir waren unschuldig. Nicht alle, aber ein Großteil der Bevölkerung.

(Funtastik: Seite 82 / Zombielein ging allein...)

Das ganze FUNTASTIK hatte ich mangels Freizeit gleich mit zur Arbeit genommen und in gut etwas mehr als einer Woche in den Frühstückspausen und den jeweiligen Mittagspausen gelesen. Das klappte bei den Längen der jeweiligen Geschichte auch recht gut, so das es auch geeignet ist für Menschen, die täglich eine gewisse Zeit in der Bahn verbringen müssen oder mal wieder in einer überfüllten Arztpraxis ihre sauer verdiente Freizeit erschlagen müssen.

Ich will jetzt auch nicht zu jeder der Geschichten meinen Senf dazu geben, denn jeder dürfte rein nach seinen Interessen die jeweiligen Geschichten wiederum anders gewichten. Doch einige kleine Anmerkungen seien mir hier doch gestattet:

Was mich wirklich beeindruckte...
...war die Geschichte ZOMBIELEIN GING ALLEIN von Marie Braun. Nicht etwa, weil es da um Zombies geht. Die kommen zwar darin vor, sind aber bei weitem nicht die Stars der Geschichte an sich. Da ist z.B. ein Mann, der gerade versucht, aus dieser Hölle der Stadt noch entfliehen zu können. Schließlich weiß er das die Stadt von außen völlig abgeriegelt wurde und ihr Schicksal in einem atomaren Feuersturm wohl bald bereits besiegelt sein wird. Man will schließlich verhindern das sich die Zombie-Plage unkontrolliert ausbreitet. Und dann trifft er auf eine junge, hübsche Frau die durchgeknallter nicht sein könnte und darüber hinaus noch Spaß daran hat, Zombies zu erledigen, wo sie diese antrifft. Doch weil sie wie gesagt durchgeknallt ist und dies auch weiß, will sie die Stadt nicht verlassen, denn unter den „normalen“ Menschen würde es ihr denkbar schlechter gehen als unter den Zombies.

Für mich hatte diese Geschichte echt etwas und ich hätte gerne mehr - viel mehr davon gelesen. Die junge Frau ist einfach schon goldig in ihrer ziemlich schrägen Art, die Welt um sich herum zu sehen und das Umfeld ist einfach perfekt gewählt, auch wenn ich kein wirklicher Fan von Zombies in Romanen mehr werde. Und irgendwie nachdenklich stimmt das ganze dann doch am Ende etwas und wirft die Frage von Toleranz auf, ohne dabei mit dem erhobenen Zeigefinger herum zu wedeln.

Die Kombination aus Mord und Steuern...
...dürfte mehr als einen herzhaften Lacher in der Geschichte DER TOD, DIE STEUERN UND NOCH VIEL SCHRECKLICHERES von Jürgen Höreth beinhalten. Jedenfalls ging es mir so. Man sieht zumindest in dieser Fantasy-Story, dass der Beruf als Auftragskiller auch nicht das ist, was man sich bekanntlich darunter vorstellt. Zumindest kann man nicht beim Spiel und im Bordell ständig Übergebühr einen finanziell auf dicke Hose machen. Denn ehe man sich versieht, wird einem die Misere der eigenen Finanzlage vor Augen geführt und man ist gezwungen, in seinem Job einen Partner zu akzeptieren, will man wieder auf einen grünen Zweig kommen. Und da fangen die Probleme dann auch schon an sich zu verselbstständigen.

Leute, dass ist glatt ein Angriff auf die Lachmuskeln wie ich ihn liebe. Schon die Vorstellungsgespräche der möglichen Partner, die einigen Raum in der Geschichte einnehmen, haben es in sich und lassen kein Auge trocken. Bitte nur lesen vor dem Schlafen, wenn man alleine im Schlafzimmer liegt, denn mit den Lachern dürfte man seine Partnerin bzw. den Partner schlicht den ersehnten Schlaf rauben.

Leider ziemlich vorhersehbar...
...ist die Geschichte ABENTEUERMANGEL IM ABENTEUERLAND von Frank Sawielijew. Hier in dieser Fantasy-Story macht der Zoll die Welle selbst bei verzauberten Socken. Doch was macht man nicht alles für ein Abenteuer der Spitzenklasse. Vandalen erschlagen, Hexen jagen, Monster verfolgen oder Drachen töten. Alles das möchte unsere Reisende hier erleben. Das Problem ist nur, dieser viel frequentierte Abenteuertourismus in dieses schöne Land hat nicht mehr viel übrig gelassen an Vandalen, bösen Hexen, Monstern oder Drachen. Das Geschäft damit geht also vor Ort eher denkbar schlecht und so kommt unsere Heldin und ein ansässiger Hotelinhaber auf eine Partnerschaft, die bald wieder den Tourismus ankurbeln soll.

Die Story ist nicht schlecht, mitunter auch witzig, aber leider auch recht schnell durchschaubar. Da wäre weit mehr drin gewesen wenn man den gängigen Pfad der Handlung etwas verlassen hätte und die eine oder andere skurrile Wendung eingebracht hätte. Wie gesagt kein Spitzenreiter bei mir, aber doch durchaus lesbar zum schmunzeln.

Interessant hingegen...
...dürfte wiederum für Fans der Vampire die Story SCHRÖDINGERS VAMPIR von Corinna Schattauer sein. So erfährt man hier, dass man keine neuen Vampire erhält, wenn man Menschen beißt und ihnen eine Art Blutsaugervirus verpasst, wenn man sie gerade aussaugt. Neue Vampire schafft man – aber na ja, ich will hier nicht in Sachen Reproduktion einer Gattung vorgreifen. Ihr wisst schon wie so etwas geht und wenn nicht, lasst euch von der hübschen Vampirin mit dem rollenden „R“ in der Stimme mal erklären, wie man blutsaugenden Nachwuchs erhält. Vorab jedoch muss man der eigenen Gattung zuliebe einen Menschen finden, der einem den Vampirjäger  Han Velsing vom Hals schafft. Nur die alte Königin der Vampire schlägt … nun ja, nicht nur mächtig Falten, sondern auch höchst skurrile Einfälle vor, um dieses Ziel zu erreichen.

Die Story hat von allem etwas wie ein Überraschungsei. Was zum schmunzeln, was zum lachen und einige verdammt interessante Wendungen die richtig Spaß machen. Selbst wer von der bisherigen Vampir-Welle schlicht übersättigt ist, darf hier einen Blick riskieren, ohne es zu bereuen. Man kann die Story irgendwo zwischen Bildern aus den Hammer Studios und vielleicht der Tollpatschigkeit eines Woody Allen verordnen.

Etwas dahinter liegt dann z.B. die Science Fiction Story DAS FEUERSTURM-FIASKO – SCHWER GESTÖRT UND GUT FRISIERT von Thomas Heidemann. Zumindest sind hier die Aliens gezwungen, einen Menschen in ihrer Besatzung aufzunehmen, was irgendwie keine gute Idee darstellt und die Kommandantin mitunter in einige Wutausbrüche führen könnte. Das ganze hat zwar seinen Reiz, wirkt aber an sich schon etwas zu skurril und überfrachtet an seltsamen Besatzungsmitgliedern. Etwas weniger wäre hier durchaus mehr gewesen. So ziemlich weit hinten landete dann z.B. die Story SCHÖN ODER NICHT SCHÖN, DAS IST HIER DIE FRAGE von Christina Wuttke. Diese Fantasy-Story driftet leider doch ziemlich stark in Richtung Kinderbuch-Niveau ab. Da aber hat die Story dann durchaus ihr Potential und kann ohne große Bedenken den lieben kleinen vor dem Schlafengehen vorgelesen werden. Auch die Kleinen (Monster) zeigen sich für fantasievolle Geschichten schließlich recht Dankbar. Das Schlusslicht bildete für mich allerdings dann die Story DIE BEEINDRUCKENDEN UHRGEHEUER DES MEISTERMECHANIKERS LORD RUMKNUT von Christian Reul. Damit wir uns nun nicht falsch verstehen – jedem anderen Leser mag diese Geschichte wohl besser gefallen als mir, denn Geschmäcker sind ja bekanntlich vielfältiger Natur. Die Schreibe ist auch recht flüssig und gut und an Phantasie mangelt es auch nicht. Nur hatte diese Story es bei mir insgesamt recht schwer, weil ich mit der Richtung Steampunk in der Phantastik wirklich so gar nicht warm werde. Das viktorianische Zeitalter und manch futuristische Erfindung, dass ging bei mir noch nie und wird in diesem Leben wohl auch nicht mehr dafür sorgen können, dass ich hier irgendwie einen Gefallen daran finde. Deshalb habe ich mich bei dieser Story besagter Modegattung der Phantastik eher leidlich durch die Seiten gequält um das Buch fertig zu bekommen (ich hatte diese Story wegen der Genre-Ausrichtung ja bis zuletzt vor mir her geschoben). Wer aber mit dieser Dampf-Phantasie etwas mehr anfangen kann als ich, der dürfte an dieser Geschichte bestimmt mehr Freude haben als ich. Wie gesagt, die Geschichte ist gut geschrieben, nur Steampunk ist leider absolut nicht meine Welt.

Mein Fazit:
Ich könnte wie gesagt zu jeder Story meinen Senf abgeben, doch selber lesen macht bekanntlich mehr Spaß. Das schöne an Anthologien ist auch, dass man nicht das Buch in einem Rutsch durchlesen muss, sondern sich die eine oder andere Geschichte aufheben kann für Momente, in denen man eben weniger Zeit hat und so die eine oder andere Geschichte locker einschieben kann. Zumindest liebe ich diese Art der Möglichkeiten bei Kurzgeschichten sehr, auch wenn Anthologien auf dem deutschen Buchmarkt wohl eher stiefmütterlich gehandhabt werden und die Verkaufszahlen hier durchaus besser sein könnten.

Wer darüber hinaus auch mal die eine oder andere Story aus dem Reich des Phantastischen lesen möchte, die eben nicht dem sprichwörtlichen Ernst der Sache entspricht und eher zum schmunzeln bis lachen anregt, der wird hier wirklich bestens bedient. Was den flüssigen Schreibstil und die damit einher gehenden Bilder im Kopfkino angeht, werde ich hier mal bei allen Autorinnen und Autoren den Hut ziehen, denn Talent ist wirklich ein hohes Gut, dass ich in diesem Band aus dem Leseratten Verlag auf wirklich jeder Seite angenehm geliefert bekam.

Von mir daher gute vier von fünf Sternchen und eine volle Leseempfehlung.

FuntastikFuntastik
(phantastische Kurzgeschichten)

mit Geschichten von  Lea Baumgart, Marie Braun, Christian Reul, Alisha Pilenko, Corinna Schattauer, Martina Schiller-Rall u.a.
Genre: Phantastik allgemein (Fantasy, Science Fiction u.a.)
Seitenanzahl: 360 Seiten
Ausführung: Taschenbuch
Preis: 15,00 Euro
ISBN: 978-3-945230-16-9
Ersterscheinung: Juni 2016
Leseratten Verlag

Kommentare  

#1 Jürgen Höreth 2016-07-20 14:59
Besten Dank, Konrad, für diese äußerst wohlwollende Rezi :lol:
Ich soll von Marc anfragen, ob Du die Rezi auch auf Amazon machen könntest, wäre super
#2 Laurin 2016-07-20 16:09
Nichts zu Danken, Jürgen Höreth, hat wirklich Spaß gemacht zu lesen.
Was Amazon angeht, da mache ich allerdings seit langem keinerlei Rezensionen mehr, seit ich weiß, wie seltsam dort mitunter die Sache gehandhabt wird und hier handelt es sich ja um eine exklusive Rezension für den Zauberspiegel.
#3 Jürgen Höreth 2016-07-21 09:12
alles klar, trotzdem danke für Deine ausführliche Arbeit, Konrad

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