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"A day called christmas" - Wie Weihnachten nach Amerika kam

Auswanderung"A day called christmas" -
Wie Weihnachten nach Amerika kam
 
Die Bräuche und Sitten, die Weihnachten in den USA heute formen, sind eine bunte Mischung aus den unterschiedlichsten Einflüssen, die Einwanderer aus der ganzen Welt mit sich gebracht haben. Weihnachtsbaum und Santa Claus, Rentiere und Stockings, Weihnachtskarten en gros oder die Weihnachtselfen. Im 19. Jahrhundert entstand aus jenen Impulsen, die Einwanderer einbrachten, jenes "amerikanische Weihnachten",  und entwickelten sich zu dem, was sich wieder zurück nach Europa bewegt hat.

 Jede Gruppe an Einwanderern brachte ihre ganz eigenen Vorstellungen mit und gab sie in den großen "Melting Pot", als den sich die USA gerne bezeichnen.

Glaube und Kommerz

Fanny Kemble schrieb in ihr Tagebuch (1832)1:

Christmas day is no religious day and hardly a holiday with them. New-year´s day is perhaps a little more, but only a little more so. As for Twelfth-day, it is unknown.

Sie schreibt später, dass es für das Verständnis um diese “Abwesenheit” von Weihnachten notwendig sei sich bewusst zu machen, dass die ersten Siedler in Amerika Puritaner waren, Quäker oder Baptisten, die aus religiösen Gründen Feierlichkeiten (noch dazu solche zweifelhafter Herkunft) nicht schätzten. Da es keinen biblischen Beweis des wahren Tages der Geburt Jesu gab, hatten sie auch keinen Tag, den sie feiern konnten.

Der Begriff "a day called christmas" aus dem Titel ist der Begriff, den die Quäker in Pennsylvania für Weihnachten hatten. 

 
Aus amerikanischen Quellen weiß man, dass Puritaner und Presbyterianer versuchten, sich gegen Weihnachtsbräuche und deren Einsickern in die sich neu bildende Gesellschaft zu wehren, während gerade die Anglikaner versuchten, das religiöse Verständnis um das christliche Weihnachten mit den festlichen Aspekten und dem Gemeinschaftsgefühl zu verbinden, das aus den (heidnischen) Weihnachtsbräuchen sprach.
 
Schließlich war es jene Church of England mit Weihnachten als ihrem wichtigsten Fest, die Puritaner dazu brachte, das Land zu verlassen und in die Neue Welt zu gehen. Vor allem die Mitglieder der konservativen Tories waren  Mitglieder der anglikanischen Kirche, die zur Zeit der Auswanderung der puritanischen Glaubensgemeinschaften damit nicht nur religiös sondern auch politisch die tonangebende Grupppe war. Dies machte alles, was die anglikanische Kirche vertrat, zu einem Beispiel der "established order" - etwas, gegen das die Puritaner entschieden eingestellt waren. Nachdem die Puritaner 1647 mit einem Versuch des Verbots von Weihnachten (sowie Ostern und Pfingsten) gescheitert waren, gingen sie 1659 in "ihren" Amerikanischen Kolonien sogar so weit ein Gesetz zu erlassen, durch das jeder bestraft werden sollte, der Weihnachten feierte:
 

(...) anybody who is found observing, by abstinence from labor, feasting, or any other way, such days as Christmas day, shall pay for every such offense five shillings.

 
 
Eines der Ergebnisse war die Tatsache, dass in Amerika auch an jenen Tagen gearbeitet wurde, die in den Heimatländern vieler Einwanderer als Feiertag galten. Übrigens hielt sich das Gesetz nicht sehr lange - 1681 wurde es wieder außer Kraft gesetzt.
 
Dies erklärt unter anderem auch, warum die Sitte vieler nordischer Länder und Einwanderer, die "Raunächte" (engl. "Twelve night") zu feiern pflegten, sich in Amerika nicht halten konnten. In mehreren Büchern, die sich mit nordischer Einwanderung in die USA beschäftigen, wird mehrfach erwähnt, dass die Einwanderer gerade darunter litten. War doch diese Zeit in der Regel jene Periode, während der man sich in seinem Heimatland besuchte, beisammen saß und feierte.
 
Buchcover Shoemaker - Christmas in PennsylvaniaAlfred Lewis Shoemaker, Autor von „Christmas in Pennsylvania: a folk-cultural study”, stammte aus einer Emigratenfamilie aus Deutschland und der Schweiz. Er wurde 1913 in Lehigh Country, Pennsylvania geboren, in eine Familie, die zuhause als erste Sprache Pennsylvania Dutch sprachen. Er studierte an der University of Illinois Germanistik und schrieb 1940 eine Dissertation über Pennsylvania Dutch.
 
Nach dem Studium kehrte er nach Pennsylvania zurück, lehrte dort Deutsch und gründete das erste akademische Programm für Amerikanische Folklore in den Vereinigten Staaten. In seinem Buch vergrub er sich tief in den historischen Schriften, historischen deutschen und englischen Zeitschriften und suchte dort nach Hinweisen über Weihnachten. Shoemaker verstand die Pennsylvania Dutch als eine eigene ethnische Gruppe, mit einer eigenen Kultur.

Tatsächlich war es auch in Pennsylvania so, dass man bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein Weihnachten im Grunde nicht kannte. Pennsylvania war das Land der Puritaner, der Quäker und Mennoniten – jener Einwanderer Neu-Englands, bei denen der Glaube eine vorrangig spirituelle Sache war.
 
1810 fragte die Zeitung „Democratic Press“:

Shall we have holidays?


Der größte Teil der Bewohner Pennsylvanias würde solche Dinge wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Allerseelen und so weiter nicht feiern. Warum sollte man also Feiertage brauchen? Puritanisches Leben orientierte sich nicht an solchen Dingen.
 
Die Siedler in Pennsylvania stammten von den Britischen Inseln oder dem Kontinent und wurden dominiert von drei ethnischen Gruppen: Den Engländern und Walisern (zumeist Quäker), schottisch-irischen Siedlern (überwiegend Presbyterianer) und den sogenannten Pennsylvania Dutch, die sich aus deutschen und schweizerischen Gruppen zusammensetzten. Jene (anderen) Gruppen, die ihr Jahr um christliche Jahreskreise gestalteten (z.B. Katholiken, Reformierte oder Lutheraner), feierten natürlich Weihnachten als ein Teil des Jahreskreises.
 
Dies macht zweierlei deutlich: Zum einen die Tatsache, dass es mehr oder weniger deutlich ausgeprägte Unterschiede zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen aus aller Herren Länder gab, die eine Fläche von etwa 119.000 km2 besiedelten (etwa 1/3 der Fläche der Bundesrepublik), zum anderen warum sich eine eigene amerikanische Kultur entwickelte, in der sich die verschiedenen Einflüsse zu verbinden suchten.


Nur einen Staat weiter, in Virginia, größtenteils erstbesiedelt durch englische Einwanderer, wurde  Weihnachten gefeiert - mit den Worten eines presbyterianischen Predigers „almost intoxicated. Christmas & New Year holly days, are seasons of wild mirth & disorder there“.
 
Jene puritanischen Gruppen (Quäker oder Presbyterianer), konnten sich nur schwerlich anfreunden mit den Bräuchen der in der Folgezeit kommenden Siedlern, Bauern und einfachen Landmenschen, die häufig vorchristliche Gebräuche mit sich brachten.
 
Die Zeit nach dem Ende der arbeitsreichen Monate von Frühling, Sommer und Herbst war für die Bauern der alten Welt immer eine besondere Zeit der Feier gewesen: Es gab weniger Arbeit und (wenn alles gut gegangen war) Nahrung in Hülle und Fülle. In manchen Ländern gibt es Überlieferungen, dass man sich (in einer regelrechten Faschingslaune) verkleidete, sich die Gesichter schwärzte, als Tiere oder Menschen des anderen Geschlechts auftauchte, und – im wahrsten Sinne des Wortes – die bekannten Regeln auf den Kopf stellte (siehe Lord of Misrule). Man zog von Haus zu Haus, bevorzugt verkleidet, „shouting, singing, blowing penny-trumpets and long thin horns, beating on kettles, firing cracker, hurling missiles, etc.“ (ein zeitgenössischer Bericht).
 
In Ehen, bei denen die Eheleute aus unterschiedlichen Traditionen stammten, vermischten sich oft Bräuche, die altgewohnten und liebgewonnen Riten, die Familien aus ihren Herkunftsländern mitgebracht hatten, veränderten sich oder verschwanden. In vielen Familien versuchte man mit dem neuen Land auch ein vollkommen neues Leben zu beginnen. Nicht wenige warfen die Unterlagen und Erinnerungen an die Heimat weg – nun war man Amerikaner.
 
 
Von (anglikanischen) englischen Einwanderern ausgehend, die an Zahl stetig zunahm, ging auch jene Sitte aus, Weihnachten nicht (wie beispielsweise in Deutschland) am Abend des 24. Dezember zu feiern, sondern am 25. Dezember, dem klassischen (heidnischen) Midwintertag, der auf den britischen Inseln ein zentraler Festtag war.
 
Santa ClausDie Geburt von Santa Claus
 
Gerade in New York, dominiert von niederländischen Siedlern, wurde - im Gegensatz zu einigen Neu-England-Staaten - anders mit der (Vor-)Weihnachtszeit umgegangen. Am Weihnachtsmorgen wurden Gottesdienste abgehalten, während der Weihnachtszeit waren kommunale Behörden geschlossen, und man feierte neben dem eigentlichen Weihnachtsfest sogar den 6. Dezember als Nikolaustag (Erinnerung: In Holland gab es den Sinterklaas). Sicherlich war dies dem Erfinder von "A Visit from St. Nicholas" nicht unbekannt.
 
In dem neuen Staat begann sich eine Mittelschicht herauszubilden, gekennzeichnet eher als Bildungs- und Finanzbürgertum, das sich von den sehr ländlichen und bodenständigen Vorstellungen der (heidnischen) Weihnachtsbräuche entfernt hatte.
 
Aus dieser Gruppe von (neuen) Amerikanern entstand in New York eine konservative Gruppe reicher Amerikaner, die sich selbst die „Knickerbockers“ bezeichneten. Sie hatten den Plan, ein „neues“ Weihnachtsfest zu formen, das man zuhause im Kreis der Lieben feierte, stilvoll, gemütlich, unter Einbeziehung aller Familienmitglieder (also auch der Kinder, in bäuerlichen Kreisen eher ungewöhnlich). Wenn man sich die Tatsache vor Augen führt, dass Clement Clark Moore, der niemand anderes ist als der Schöpfer eines der bekanntesten Gedichte aller Zeiten zum Thema Weihnachten „A Visit from St. Nicholas“, Mitglied eben dieser Gruppe war, wird sehr deutlich, wie es zu der Entwicklung der Form des „Familienweihnachten“ in Amerika kam.
 
Charles DickensZur Erinnerung: Zu dieser Zeit verfasste Charles Dickens seine Weihnachtsgeschichte. Im Gegensatz zu der Darstellung von St. Nicholas betonte Dickens eine wahre christliche Tugend, nämlich die der Großzügigkeit gegenüber den vom Schicksal weniger Begünstigten und machte deutlich, wie wichtig die soziale Komponente des aufkommenden Humanismus war. 
 
Illustration aus "A Christmas Carol" - ErstausgabeEs ist dem immensen Siegeszug von Charles Dickens Weihnachten in den USA zu verdanken, dass das "Christmas Carol" bis heute weltweit eine der bekanntesten und beliebtesten Geschichten ist. Mit den Kulturimporten aus den USA nach dem 2. Weltkrieg kam sie auch zu uns.
 
Was Dickens Geschichte in Amerika so beliebt machte, wird bis heute von Literaten und Professoren beleuchtet und bedacht. Die "Carol philosophy" (ein durchaus offizieller Begriff) traf im 19. Jahrhundert einen Nerv: Die Wirtschaft war in einer problematischen Phase, es gab wirtschaftliche Krisen, und sozial gelang es dem Staat nur eingeschränkt, mit den Herausforderungen einer wachsenden Nation umzugehen.
 
Die Zeit der Landnahme endete 1890, als die USA ihr Programm beendete, neue Siedler für Regierungsland anzulocken. Wer zu diesen Zeiten auswanderte, tat dies in aller Regel nicht um als Bauer Land zu erwerben und zu siedeln. Es waren Arbeiter, die in die Städte und die Industrien zogen, um dort zu arbeiten. Dies führte zu nicht unerheblichen Spannungen. In den Städten war ein Proleariat entstanden, das nur mit Mühe für sich selbst sorgen konnte. Es gibt Fotografien aus jener Zeit, die in nichts dem nachstehen, was wir aus Berliner Zillebildern oder Fotos aus Berlin, dem Ruhrgebiet etc. jener Zeit kennen. Ich denke, dass die Tatsache, dass das Land so groß war, die Menschen in den Ballungsräumen nicht interessierte. Die Einwanderer kamen dort erst einmal an, wollten Arbeit, hatten sie doch oft kein Geld um direkt weiter zu reisen - und wussten oft nicht einmal wohin es gehen sollte.
 
Hinzu kam der Bürgerkrieg 1861-65, der die Wirtschaft und sozialen Systeme aus der Bahn warf. 
 
Hier war "A Christmas Carol" eine tröstliche Geschichte und einen Hinweis auf einen möglichen Grund für soziale Probleme: Menschliche Gier und die Abwesenheit von echter Menschlichkeit.
 
Der Wandel zu einer zunehmenden Kommerzialisieriung begann in dieser Zeit und wuchs mit wachsendem Wohlstand des Bürgertums unweigerlich weiter an. Werbung begann damit, sich in der Vorweihnachtszeit völlig auf den Kauf von Weihnachtsgeschenken auszurichten und sich auf Feiern und Schenken zu konzentrieren.
 
Aus „marodierenden Banden“, die (vergleiche Halloween) um die Häuser zogen und Geld erbettelten, wurde der gutmütige Mann, der ins gemütliche Zuhause kam und die Familien beschenkte. Aus dem christlichen Bischof, dessen Auftrag nicht nur im Belohnen des Guten sondern auch in der Verkündigung von Gericht und Strafe (aber auch Vergebung) der Verderbten bestand, wurde ein netter Mann, der sogar Knecht Ruprecht hinter sich ließ.
 
Weihnachtsbaum und Kris Kringle

 

Weihnachten in einer Pennsylvania Dutch-Family, ca. 1815 Eine ähnliche Geschichte ist der Einzug des Weihnachtsbaums in die amerikanische Weihnachten.  Deutsche Siedler waren es, die irgendwann zwischen 1810 und 1820 den Weihnachtsbaum, bis zu dem Zeitpunkt eine überwiegend deutsche Sitte, bei ihrer Siedlung in Pennsylvania mit sich brachten. Es dauerte nochmals ein paar Jahrzehnte, bis er sich in Amerika ausgebreitet hatte.
 
Die Abbildung zeigt eine Pennsylvania Dutch Familie, die Weihnachten feiert. Auffallend sind einige "Versatzstücke", die als "typisch deutsch" galten, eben der Weihnachtsbaum beispielsweise. Hier steht der Baum auf dem Tisch, ist geschmückt und erhebt sich über einer Krippenszene, die von einem kleinen Zaun umgeben ist. Das Gemälde stammt von dem Maler John Louis Kimmel, der als einer der ersten Genremaler der USA gilt. Auf dem Tisch stehen außerdem Kekse und Geschenke.
 
Queen Victoria I. von England und ihr Gatte Albert an Weihnachten Dieses Bild erinnert ein wenig an die Abbildung von Queen Victoria I. von England und ihrem Gatten Albert an Weihnachten. Dieses Bild gilt als eine der allerersten Abbildungen eines englischen Weihnachtsbaums. Ursprung des englischen Baums war die Tatsache, dass Victorias Mann Albert aus Deutschland stammte und diesen Brauch des geschmückten Baum von dort mitbrachte.
 
Aus dem Jahre 1835 wird von dem deutschstämmigen Professor für Deutsch in Harvard berichtet, einem Charles Follen, der aus Hessen stammte, und der einen Weihnachtsbaum in seinem Zuhause aufgestellt hatte. Der Baum war mit „seven dozen wax tapers, gilded egg cups, paper cornucopiae filled with comfits, lozenges and barley sugar“.
 
Ein Bericht von einer Weihnachtsfeier 1747 in Bethlehem, Pennsylvania enthält folgende Beschreibung des Weihnachtsbaums (übersetzt):
 

Für diese Gelegenheit waren verschiedene kleine Pyramiden und eine große Pyramide aus grünen Nadelzweigen vorbereitet worden, alle mit Kerzen dekoriert, die große mit Äpfeln und hübschen Versen/Sinnsprüchen.

 

Santa Claus in der Zeitschrift Harper's BazarFollen selbst soll den Weihnachtsbaum als eine “postreformatorische deutsche Tradition“ bezeichnet haben, die das Christkind darstellen sollte. Der Siegeszug des Weihnachtsbaum kann über die Jahre interessanterweise durch Amerika verfolgt werden: 1832-1851 wird er in Philadelphia, Rochester und Cleveland erwähnt.

Innerhalb weniger Jahre wurde Weihnachten in Amerika ein festes Element der Kultur und wurde zu einem Feiertag erklärt. In der Zeit zwischen den 40er und 70er Jahren des 18. Jahrhunderts (1840-70) bildeten sich Rituale und Symbole heraus. Zeitschriften wie Harper’s, die ab 1850 zunehmend populär wurden (mit der Erstarkung des Bürgertums), trugen dazu bei, Weihnachten als DAS Fest der Familie zu etablieren.

Dank Harper’s wurde der Weihnachtsbaum das Symbol von Weihnachten – Cover mit einer glücklichen Familie, die sich um den Baum versammelt hat.

Weihnachtskarten von Prang In diese Zeit fiel auch der zunehmende Brauch der Weihnachtskarten, der verschwenderisch gerade in den USA genutzt wird. In Norwegen gibt es den Begriff der “Amerikabrev”, dies sind jene Briefe, die von den Auswanderern (vor allem an Weihnachten) in ihre ehemalige Heimat geschickt wurden. Oftmals war Weihnachten die einzige Zeit im Jahr, zu der Briefe den Atlantik überquerten. Vermutlich schwingt ein bisschen davon mit. Louis Prang, ein amerikanischer Drucker und Herausgeber mit schlesischen Wurzeln, eroberte rasend schnell den Weihnachtskartenmarkt in Amerika.

Sie waren unglaublich beliebt, nicht nur aufgrund der hervorragenden Qualität für die damalige Zeit, sondern auch wegen der Motive. Die Vorliebe der Amerikanier für Weihnachtskarten blieb nicht unbemerkt. Bald begann man von Deutschland aus, einem Zentrum der Produktion von Papierartikeln jener Zeit (z.B. eben Karten, aber auch PaperDolls, aber auch Adventskalender etc), Karten in großem Stil und nach amerikanischem Geschmack zu importieren.

1894 erschien am 23. Dezember ein Artikel in der New York Tribune, der sich mit der (Un-)Sitte der um sich greifenden Geschenkehysterie beschäftigte:

The modern expansion of the custom of giving Christmas presents has done more than anything to rob Christmas of its traditional joyousness. (…) Most people nowadays are so fagged out, physically and mentally, by the time Christmas Day arrives that they are in no condition to enjoy it. (…) As soon as the Thanksgiving turkey is eaten, the great question of buying Christmas presents begins to take the terrifiying shape it has come to assume in recent years.

Die erste bekannte Anzeige, in der für Weihnachtsgeschenke geworben wurde, ist in einer Zeitung in New York City 1820 erschienen, 14 Jahre später findet sie sich in einer Zeitung in Hartford, Connecticut. 

Geschenke waren eigentlich unüblich, dies nicht nur in armen Familien, sondern durchaus auch im Bürgertum. Kinder erhielten teilweise Kleinigkeiten als Sinnbild des Geschenkes der Geburt Jesu, der Schwerpunkt der Feiern/Feiertage lag aber eindeutig auf den Feierlichkeiten, festlichen Dekorationen (Efeu, Stechpalme und Misteln - als englischer "Import"), der Besuch des Christkindes (aus dem protestantischen Deutschland als "Antwort" auf den Weihnachtsmann) das sich in den Kris Kringle weiter entwickelte. 1841 wurde daraus ein riesen Event, als ein Kaufmann in Philadelphia einen Mann anheuerte, der als Weihnachtsmann "Criscringle" verkleidet am Kamin hochklettern sollte - was für eine Werbung. Angeblich gelang es ihm "thousands of children" in sein Geschäft zu ziehen - der Weihnachtsmann am Haus war geboren.

Auch jene "Evening Parties", in Amerika ausgesprochen populär, nahmen in diesen Jahren im Bürgertum der Neuen Welt massiv zu. Gerade in der Vorweihnachtszeit fanden ständig Empfänge oder Parties statt, bei denen sich die Tische unter den edelsten Speisen wie Austern und Champagner, Eiscreme oder Schildkrötensuppe bogen.

Während dieser ganzen Zeit kam es weiter zu (verbalen) Auseinandersetzungen in den einschlägigen Magazinen (den puritanischen auf der einen, den bürgerlichen auf der anderen Seite). Die Annährung wuchs langsam, indem beispielsweise die Quäker zwar weiterhin Weihnachten als Feier der Geburt Jesu ablehnten und übermäßigen Konsum und Beschenken ebenfalls, den Tag jedoch als Familienfest aufnahmen und es in ihren Gemeinden zum Anlass nahmen, zu feiern. In dem Buch "The American Christmas: a study in national culture" wird Richards  genannt mit ihrer Theorie, dass die großen Einwanderungswellen deutscher Siedler - mit den Bräuchen und Gewohnheiten, die pro-weihnachtlich eingestellt und einen durch Feiern und Jahrestage gegliederten Jahreskreis gewohnt waren.

Titel der Zeitschrift Brother JohnathanIn der Zeitschrift "Brother Jonathan", ein Magazin der bürgerlichen Intelligenz jener Zeit, in der auch Walt Whitman veröffentlichte, in der auch Geschichten von Charles Dickens erschienen, und die sich schon durch ihern Namen "Brother Johathan" deutlich als ein amerikanisch-nationales Blatt darstellte, wird 1842 eine weihnachtliche Szene aus der Gegend um New York City beschrieben, die schon sehr viel wiedergibt von dem, was wir heute als "amerikanische Weihnachten" kennen:

Tomorrow will be Christmas, jolly rosy Christmas, the Saturnalia of children. Ah, how the little rogues long for the advent of this day; for with it comes their generous friend Santa Claus with his sleigh, like the purse of Fortunatus, over-flowing with treasures.

 

.. und da dem wenig hinzuzufügen ist ... Merry Christmas!

Quellen (unter anderem):

1 Kathleen Stokker - Keeping Christmas: Yuletide traditions in Norway and the new land, Minnesota Historical Society Press, 2000

mehr über Fanny Kemble: http://ocp.hul.harvard.edu/ww/people_kemble.html (Harvard University Library)

Alfred Lewis Shoemaker, Don Yoder - Christmas in Pennsylvania: a folk-cultural study, Pennsylvania Line Series, Stackpole Books, 1999

http://www.bemyoswald.com

Clement A. Miles - Christmas customs and traditions, their history and significance, Dover books on anthropology, Courier Dover Publications, 1976

Arnold Schrier - Ireland and the American emigration, 1850-1900, University of Minnesota Press, 1958

Thomas Kibble Hervey - The book of Christmas: descriptive of the customs, ceremonies, traditions, superstitions, fun, feeling, and festivities of the Christmas season, Wiley & Putnam, 1845

 

 

 

Kommentare  

#1 a3kHH 2009-12-24 09:19
Schöner Artikel.
Frohes Fest
Alfred
#2 Pisanelli 2009-12-24 10:35
Sehr schöner Artikel! Auch von mir nochmal "Frohes Fest"!
#3 Laurin 2009-12-24 13:47
Übrigends, laut meiner Information soll das aussehen des Weihnachtsmann (roter Anzug und rote Mütze mit weißem Bart) aufgrund der Coca Cola - Werbung entstanden sein.
Stimmt das und weiß jemand etwas genaueres darüber?
#4 Pisanelli 2009-12-24 14:21
@Laurin:
bei Wikipedia findet man folgendes dazu:

"Bereits die Darstellung des Nikolaus im weltweit verbreiteten Struwwelpeter, der 1844 entstand, ist dem heutigen Bild des Weihnachtsmannes recht ähnlich.

Der deutsche Auswanderer Thomas Nast, der im Jahr 1846 nach New York ausgewandert ist und in den USA als Karikaturist bekannt wurde, stellte den Weihnachtsmann auf ähnliche Weise dar. Weihnachten 1863 zeichnete er während des Amerikanischen Bürgerkrieges für das Magazin Harper's Weekly einen alten, bärtigen Mann, der vom Schlitten herab die Soldaten der Unionstruppen beschenkt. Nasts Vorstellung vom Weihnachtsmann ging auf den pfälzischen ?Belznickel? zurück, eine regionale Pelz tragende Weihnachtsmannfigur aus dem 19. Jahrhundert, die er noch aus Kindheitstagen kannte. Als er später dazu aufgefordert wurde, seine Zeichnung zu kolorieren, wählte er die Farben rot und weiß. [5]

In den 1920er-Jahren setzte sich mehr und mehr die rotweiße Robe des Weihnachtsmanns durch, wie wir sie heute oft sehen. Die New York Times schrieb 1927: ?Ein standardisierter Santa Claus erscheint den New Yorker Kindern. Größe, Gewicht, Statur sind ebenso vereinheitlicht wie das rote Gewand, die Mütze und der weiße Bart?.

Dieses Bild wurde von dem amerikanischen Grafiker und Cartoonisten Haddon Sundblom aufgegriffen, der 1931 für die Coca-Cola Company im Rahmen einer Werbekampagne den Weihnachtsmann zeichnete; nach eigenen Angaben in Gestalt und Aussehen seines Freundes und älteren Coca-Cola Auslieferungsfahrers Lou Prentiss. Nach dessen Tod soll Sundblom sein eigenes Gesicht mit Hilfe eines Spiegels abgemalt haben. [6] Er zeichnete jedes Jahr bis 1966 mindestens einen Weihnachtsmann für die Coca-Cola-Werbung und prägte so nachhaltig die Vorstellung dieses ?modernen? Weihnachtsmannes. Diese Werbung war so erfolgreich, dass dieses Aussehen des Weihnachtsmannes fälschlicherweise Coca-Cola zugeschrieben wird, obwohl es regional bereits mehrere Jahre vor Beginn der Werbekampagne bekannt war. Allerdings dürften die alljährlich wiederkehrenden Werbefeldzüge des Limonadenkonzerns auf jeden Fall zu seiner weltweiten Verbreitung beigetragen und dieses Bild dabei gründlich geprägt haben."

Diese Darstellung dürfte in etwa korrekt sein.
Ganz ursprünglich war der Nikolaus (oder Weihnachtsmann) natürlich der Heilige St. Nikolaus im Bischofsgewand - purpurnes oder goldenes Gewand und mit einer hohen Tiara. Der Bart bedeutete das Zeichen von Weisheit, obwohl man in der Antike, als Nikolaus lebte, eigentlich lange keinen Bart trug, das war aber regional unterschiedlich.
#5 Laurin 2009-12-24 17:43
Danke dir Pisanelli,
nun bin ich wieder etwas schlauer :-)
#6 BettinaM. 2009-12-25 12:37
*verneig vor der Wissenden*
Kasi hat mal wieder vollkommen Recht.
Eine Ergänzung zu dem Thema, die ich leider gerade erst gefunden habe, ist folgender Link -- ein sehr guter Abriss über den derzeitigen Wissensstand übe die Entwicklung des "Santa Claus" und mit einigen seltenen Abbildungen:
www.stnicholascenter.org/Brix?pageID=35
#7 Laurin 2009-12-25 12:56
Wie Pisanelli schon schrieb, KelpiE, kannte ich den Nikolaus von Bildern als ganz kleiner Junge (so zirka 5 cm zwischen Kopf und Tischplatte groß :lol: ) nur mit Bischofsgewand und hoher Tiara. Also genau so wie auf einem der ersten Bilder, die bei der durchsicht deines Links auftauchen. Erst etwas später tauchte in meiner Erinnerung dann der Zipfelmützen - Santa Claus auf (da lief ich als kleiner Bub aber schon mit dem Kopf die Tischkanten rund ;-) ).
#8 Mikail_the_Bard 2009-12-25 17:41
Leider habe ich den Link nicht mehr gefunden wo der Artikel steht das Santa Claus eigentlich der Teufel ist, da man Santa in Satan umdrehen kann und eigentlich Thor sein Soll (fliegende Schlitten stammen aus Asgard). War sehr interessant.

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