Leit(d)artikel KolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles

Die Monster sind überall

Die Monster sind überallDie Monster sind überall

Weit aufgerissene Glubschaugen heften sich unerbittlich auf das Opfer, das sich das seltsame Wesen auserkoren hat. Der Mensch, der nichtsahnend auf dem Sofa sitzt, eine Schüssel Popcorn im Arm, neben sich auf dem Boden eine Kollektion leerer Bierdosen (wahlweise auch Weinflaschen, Weintetrapacks Marke Pennerglück), einen kippeligen Stapel vor sich hingammelnder Pizzaschachteln neben dem überquellenden Aschenbecher, ist im Versuch des Eskapismus in einen Monsterfilm versunken.  Jedoch ... die Monster sind hier.

Monster des Alltags - Das ChaosWie so viele andere "Halbfremdwörter" der deutschen Sprache entstammt auch das  Wort Monster aus dem Lateinischen und steht dort für "Mahnzeichen". Es ist ein lateinisches Lehnwort für "monastere" - "zeigen" bzw. "monere" - "mahnen".

Der Begriff des Monsters umfasst wenig verwundernd - der eifrige Filmschauer oder Leser ist natürlich mit Monstern der unterschiedlichsten Ausformungen bestens vertraut - ein Ding, (Lebe)wesen, das sich "durch Größe, Stärke, aber auch Hässlichkeit auszeichnet" (Wiktionary).

Eine Suche bei der bevorzugten Suchmaschine bringt nicht weniger als 213.000.000 Ergebnisse, der weit überwiegende Teil von ihnen beschäftigt sich mit Filmen, Büchern, Comics oder Fangeschichten.

Obligatorisch lande ich bei der Wikipedia. Das Weiterlesen bei Wikipedia ist interessant, denn es wird zu einer Diskussion um die Unterscheidung zwischen den beiden Begriffen "Monster" und "Ungeheuer" aufgerufen.

Das Ungeheuer, (...) 1. Ein Ding, welches wegen seiner Größe Furcht und Entsetzen verursacht, in welchem Verstande man sehr große und ungewöhnliche Thiere, einen ungewöhnlich großen Menschen u.s.f. Ungeheuer zu nennen pflegt. Der Nebenbegriff der Furcht und des Entsetzens ist dem Hauptworte noch wesentlicher, (...)daher man Dinge, welche wegen ihrer Größe nur Bewunderung erwecken, z.B. die Himmelskörper, nicht Ungeheuer nennen kann. 2. Ein Ding, besonders ein lebendiges Geschöpf, welches wegen seiner Ungestaltheit, Wildheit, Grausamkeit, (...) Ekel, Abscheu, Furcht und Entsetzen erwecket. So nennt man eine Mißgeburt, welche wenig Ähnlichkeit mit einem Menschen hat, ein Ungeheuer. Nero, Caligula, Damien, waren Ungeheuer, wegen ihrer Laster und Verbrechen.1

Einen wirklichen Unterschied zwischen den beiden Begriffen kann ich nicht entdecken. Wäre eine Diskussion zu diesen Begrifflichkeiten auch für andere interessant oder nur für mich als Pseudo-und-Möchte-gern-Etymologin?

Und wie so oft gerate ich spätestens jetzt ins Forschen und will einfach mehr wissen über den Begriff und die geschichtliche "Benutzung" des Monsters. Die folgenden Betrachtungen sollen keine vollständige Erfassung des Monsters in Literatur und Film darstellen, dies ist mehr als ein Artikel umfassen kann. Ich will einige Haltepunkte und Gedanken darstellen, die mir beim Stöbern unter die Finger gekommen sind - und die ich in dieser Hinsicht interessant fand.

In der deutschen Lyrik des Mittelalters - und danach - werden oftmals Heiden als Monster bezeichnet oder zumindest in deren Nähe gerückt. In einem Bericht wird deren Haut aus einer Art Horn in grüner Farbe geschildert und als Wesen, die sich durch eine bellende Sprache auszeichnen2.

Bis in den Beginn des 19. Jahrhunderts werden Farbige in die Nähe von Monstern gerückt3.

Beide Beispiele illustrieren sehr deutlich in welchem Maß sich der Begriff des Monsters im deutschen Sprachgebrauch verbreitet hatte und mit welchem Bedeutungsinhalt er teilweise gefüllt wurde.

Quer durch die Jahrtausende, durch die unterschiedlichsten Kulturen und Religionen ziehen sich Vorstellungen von menschlichen oder nichtmenschlichen Kreaturen, die durch ihr Agieren oder ihr bloßes Vorhandensein Angst und Schrecken verbreiten.

In chinesischen Schriften, so zum Beispiel der der Geschichtensammlung Yuewei caotang biji von Ji Yun (1724–1805) wird von vielen Wesen berichtet, die nur als Monster bezeichnet werden können. Ji Yun war ein hochrangiger Beamter, der damit begann Geschichten aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis zu sammeln und aufzuzeichnen.  Die meisten Geschichten stammen aus dem Nordosten Chinas. Vielleicht kann man ihn - mit einigen Unterschieden - als eine Art chinesische Brüder Grimm bezeichnen, deren Geschichten ja ebenfalls neben einer Geschichtensammlung auch Darstellung der damaligen Kultur und Gesellschaft waren. Oftmals handelt es sich bei dem Monstern in den  chinesischen Geschichten um Mischwesen, die sich von Menschen in Monster verwandeln können. In diesen Erzählungen leben diese Wesen oft in gebirgigen Gegenden. Und ähnlich den mittelalterlichen Vorstellungen des monströsen Fremden oder Heiden sind auch im chinesischen Bereich Fremde als unzivilisierte Völker dem schier monströsen zuzurechnen. Ihnen ist (fast) alles zuzutrauen4.

Das Fremde, und das zieht sich durch die Erzählungen aller Kulturen, ist das Monströse. Es wird als bedrohend empfunden und damit als etwas, das bekämpft, zumindest aber gemieden und gefürchtet empfunden wird. Überlegungen zum Thema Fremdenfeindlichkeit und deren Ursachen drängen sich mir unwillkürlich auf - die Angst vor dem Fremden und Unbekannten.

In einer Arbeit zum Thema Star Trek zeichnet der Autor eine hervorragende Linie der "Monsterliteratur". Er erwähnt einen anderen Hintergrund zu Monstergeschichten der damaligen Zeit: "So handeln die meisten phantastischen Romane dieser Zeit auch von einem – manchmal symbolischen, mitunter auf konkrete historische Ereignisse zielenden – Vernichtungskampf zwischen dem „aufgeklärten“ (weißen) Europäer und einem barbarischen „Untermenschen“, im günstigsten Falle ein Vertreter des Exotischen"5. Dies ist natürlich zweifellos Ausdruck des Gefühls von Übermacht und der überragenden Stellung des Weißen gegenüber den zu bekehrenden und zu errettenden "Wilden", aber ebenso auch eine Demonstration der Unfähigkeit sich mit dem "Anderen" auseinander zu setzen, das eben dann etwas monströses erhält.

In der Literatur zieht sich die Gestalt des Monsters durch alle Zeiten und Literaturstile. Frankensteins Geschöpf sowie eine Vielzahl anderer Geschichten aus dem Bereich der Gothic Novels oder der "Golem" von Gustav Meyrink von 1916 aus dem Bereich der "deutschen Schauerromantik". Bei Tolkien und H.P. Lovecraft sind Monster ebenso Spannungs- und Ekelträger wie bei Ende, in Science Fiction und im Bereich der Fantasy oder - natürlich der Paradebereich - Horror, Grusel und der "Dark Fantasy". Über das "Monster der Woche" im Heftroman bis hin zu den Riesensaueriern von Ray Bradbury oder dem Monster in Gestalt eines Riesensaueriers, das Larry Brent erlegt, tauchen Monster immer wieder auf.  

Eine sehr interessante Dissertation aus Berlin behandelt die weibliche Lesekultur im Spanien des 19. Jahrhunderts - spannend da dies ähnlich dem deutschen Heftroman preiswerte Literatur in großem Stil anbot - dies hier für die weibliche Leserschaft6. Die in Spanien "literatura de cordel" genannte Gattung umfasste die klassischen Themen der Frauenheftromane, darunter die unvermeidlichen Liebesgeschichten oder Präsentation exotischer Landschaften und kurioser Geschehnisse - und eben auch Geschichten über Monster.

 
 

Unvermeidlich sind Monster neben der Literatur auch im Spielbereich, da vor allem natürlich im Bereich der Computer- und Konsolenspielen. Sei es Jump-and-Run, Simulationen, Shooters ... Monster sind sehr gut geeignete Wesen in solchen Spielen7. In WoW macht es einfach Spaß - ich gebe es zu - sich mit den verschiedensten Wesen anzulegen und sich so vom Frust eines Arbeitstages zu befreien oder die Tatsache zu verdrängen, dass man eigentlich noch anderes zu tun hätte. In "Black & White" kann man selbst über ein Monster gebieten - das dort als "Gehilfe" firmiert und je nach Behandlung durch seinen Gottherren freundlich oder biestig wird. Quer durch alle pädagogischen und medialen Ebenen ziehen sich die Diskussionen über den Sinn oder Unsinn solcher Spiele, die potenzielle Gefährdung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen durch diese Spiele. Das Stichwort der "Senkung der Hemmschwelle" gegenüber Gewaltanwendung mag genügen. Lara Croft oder Lord of the Rings, Diablo oder Doom - es wird sie weiter geben. 

In seiner universalen Nutzung erinnern die diversen Monster fast schon ein bisschen an den "Deus ex Machina", der im klassischen Theater eingesetzt wurde wenn die Protagonisten nicht weiter kamen. Anders als der Deus dienen die Monster jedoch nicht dazu eine Situation zu klären, zu lösen und zu entwirren, sondern bewirken in der Regel genau das Gegenteil.

Ich will mich nicht blamieren und versuchen das Monster im Film zu benennen. Hier auf unseren Seiten tummeln sich mehr als genug Kenner, die sich viel besser als ich damit auskennen *motivierender Blick zu Norbert und Ingo - wollt ihr nicht etwas zu dem Thema sagen?* Bei Monsterfilmen im Stil eines Godzilla schalte ich ab, Jurassic Park macht mich "so gar nicht" an, bei Drachenfilmen "kriegt" man mich schon eher vor den Bildschirm oder die Kinoleinwand, bei Hellboy II fange ich an zu jaulen und ärgere mich über die Tatsache, dass man noch bis Oktober warten muss. Dies umfasst so in etwa mein Interesse an Monsterfilmen :-).

Abbildung: Monster des AlltagsUnd dann gibt es noch diese alltäglichen Monster, denen man jederzeit begegnen kann und die einfach überall lauern können - damit sei dann wieder der Bogen zum Beginn des Artikels geschlagen. Seit Jahren kursieren diese "Monster des Alltags" - durch sie kam ich überhaupt erst auf die Auseinandersetzung mit dem Monster an sich.

Als Postkarten kannte ich sie schon lange, als Bücher fielen sie mir heute in die Hände - und damit die Frage, was denn nun eigentlich genau ein Monster überhaupt ist.

Christian Moser schreibt im Vorwort zu seinen beiden Bänden:

"Der Mensch als freier Geist, als Herr seines Denkes und Handelns ist leider nur eine schöne Illusion. (...) Vergessen Sie Ich, Über-Ich und Erbsünde, Archetypen, Karma und den Teufel: Hinter unseren Zwängen und Trieben, unserem Sein und Tun steckt niemand anderes als die Monster des Alltags!"8

Abbildung: C. Moser und ein Monster des AlltagsDer Tatendrang als erstes Monster - interessant, dass dieses Viechlein als Erstes auftaucht - führt in die Monsterriege ein. Nicht wenige Male saß ich da, ein Grinsen im Gesicht, dann runzelten sich meine Augenbrauen und dann war ich am Nachdenken darüber ob das konkrete Monster mich eventuell schon im Griff hat (das Chaosmonster neben der Überschrift habe ich beispielsweise hinter Horsts Bildschirm an die Wand gehängt - ein Schelm wer Arges dabei denkt!)

Mit Schalk im Augenwinkel, einem Zaunpfahl versteckt hinter dem Rücken begegnet man in den Büchern so manchem seiner eigenen Monster. Damit hat man nicht nur eine geniale Entschuldigung für so ziemlich jede Unzulänglichkeit im eigenen Leben.

Historisch, literarisch, cineastisch ist man damit "voll up to date".

Quellen:

Abbildungen: Christian Moser

Wiktionary

Wikipedia

 

Zeno.org

 

1 Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 856.

 

2 Andrea Frölich M.A., Bad Segeberg, 2006: Herrschaftsstrukturen und Herrschaftslegitimation in der Literatur:Der Thüringer Landgrafenhof unter Hermann I. (1170-1217)

 

3 Meiner, 1811: "Untersuchungen über die Verschiedenheiten der Menschennaturen (die verschiedenen Menschenarten) in Asien und den Südländern, in den Ostindischen und Südseeinseln, nebst einer historischen Vergleichung der vormahligen und gegenwärtigen Bewohner dieser Continente und Eylande" - gefunden bei Barbara Riesche, 2007:Schöne Mohrinnen, edle Sklaven, schwarze Rächer, Schwarzendarstellungen und Sklavereithematik im Dt. Unterhaltungstheater (1770 – 1814)

 

4 Clea Walford, Hamburg, 2006: Zwischen Himmel und Unterwelt : der Mensch und sein gesellschaftliches Umfeld in der Geschichtensammlung Yuewei caotang biji von Ji Yun (1724–1805)

 

5 Sven Merzbach, Hamburg, 2005: Voortrekking Utopia, Geistesgeschichtliche Bezüge, Soziokulturelle Phänomene, Pädagogische Aspekte der Fernsehserie STAR TREK

 

6 Gisela Díez Istúriz, Berlin: Weibliche Lesekultur als Spiegel der sozialen und kulturellen Entwicklung in Spanien im 19. Jahrhundert

 

7 vgl Britta Neitzel, Weimar: Gespielte Geschichten -Struktur- und prozessanalytische Untersuchungen der Narrativität von Videospielen

 

8 Christian Moser, Carlsen Verlag, "Monster des Alltags", Band 1 und 2

 

 

 

 

Gäste sind momentan nicht mehr berechtigt Kommentare zu schreiben, da täglich bis zu 200 Spamkommentare gelöscht werden mussten.

Bitte registriert Euch beim Zauberspiegel. Wir suchen nach einer Lösung.

Leit(d)artikelKolumnenPhantastischesKrimi/ThrillerHistorischesWesternAbenteuer/ActionOff TopicInterviewsHintergründeMythen und WirklichkeitenFictionArchivRedaktionelles