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Klaus Störtebeker – der Echte? - aus: Yo-Ho Piraten

LeseprobeKlaus Störtebeker – der Echte?
aus: Yo-Ho Piraten

Ostsee. Strahlendblauer Himmel liegt über einer ruhigen, glatten, im Sonnenlicht spiegelnder See. Irgendwo kurz vor Eckernförde in einem kleinen Dorf. Viele Touristen schlendern durch die Fußgängerzone, die Eiscafés sind belegt und weiter Richtung Strand steht eine kleine Bühne. Fünfzig Stühle unter einem dreieckigen Sonnensegel, das leicht in der Brise flattert.
Marc Hamacher (Hrsg.) Yo-Ho PiratenEin Plakat mit dem rekonstruierten Gesicht von Klaus Störtebeker: »Die einzig wahrhafte Geschichte über Klaus Störtebeker - Ein Gefolgsmann des weltberühmten Seeräubers erzählt die einzig wahre Geschichte über Klaus Störtebeker.«

Die ersten Zuhörer kommen an, nehmen Platz. Darunter viele Kinder.

Ich dränge mich durch die Angekommenen, die noch Plätze suchen, Stühle verrücken und ihren Kindern Apfelschnitze und Kekse reichen, damit sie beim Unterhalten unterhalten werden. Gehe zu dem Klappstuhl auf der kleinen Bühne. Sechs zusammengeschobene Bierkästen und darüber eine Spanplatte. Und warte. Nach einer knappen Viertelstunde ist der Platz gefüllt, die ersten applaudieren.

»Lass doch den Lütten da vorne mit hinsetzen«, rufe ich einem Vater zu, der seinen Jungen umständlich versucht auf sein Knie zu setzen.

Gut – alles im Griff.

»Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kinder. Ich erzähle Ihnen, Euch, nun an dieser Stelle die einzig wahrhafte Geschichte über Klaus Störtebeker. Ich selbst bin viele Jahre mit ihm gefahren und war ihm ein getreuer Gefolgsmann. Dass ich heute hier lebe – überhaupt lebe – ist die Grundlage für diese Erzählung. Also …

…  wir stechen in See. Irgendein kleiner Hafen östlich der Insel Rügen. Verpflegung ist gebunkert, die Männer sind guter Dinge. Es geht ja auf Kaperfahrt. Alle versprechen sich diesmal den Reichtum, auf den wir schon lange warten. Eine Hanse-Kogge soll aufgerieben werden.

Ich bin der Jüngste an Bord. Bei einem Überfall auf ein Küstendorf hat mich Klaus Störtebeker vor dem entscheidenden Hieb des alten Finn bewahrt. Niedergekniet vor Finn erwartete ich meine letzten Sekunden in diesem Leben. Finn hatte schon mit dem alten Schwert ausgeholt, um mich zu köpfen, als Störtebeker »Halt ein!« rief. Er kam auf mich zu, rotes Haar, roter dichter Bart, zog mich am Arm hoch und sagte zu mir: »Du gefällst mir Junge. Hast keine Angst vor dem Tod. Du sitzt hier so ruhig, als würde dir der Pfaffe die Beichte abnehmen. Ich brauche einen Moses auf meinem Schiff. Aber – ich verschon dich nur heute – wenn du nichts taugst …«, dabei zeigte er auf Finn.

Finn brummte noch etwas unverständlich in seinen dicken Bart, zog sich die Mütze in die Stirn und ging weg.

So kam ich zur Mannschaft von Störtebeker und wurde persönlicher Leibdiener des Kapitäns.

Tagelang kreuzten wir in der baltischen See. Kein Schiff begegnete uns. Weder Kogge noch ein anderes Handelsschiff. Die Mannschaft wurde unruhig. Es gab Streitereien, bei denen immer häufiger auch Blut floss.

Wir segelten gerade an einem Landstrich vorbei, den wir nicht kannten, als der Ausguck rief: »Da vorne ist ein Dorf – das holen wir uns!«

Der Steuermann brachte unsere Plünder-Kogge soweit ans Land, wie dies der Seeboden zuließ. Dann wurde ein Beiboot ausgesetzt und mit zehn unserer besten Männer besetzt. Bewaffnet bis an die Zähne. Schon ihr Aussehen machte Angst. Wir waren überzeugt, dass uns kein Widerstand entgegenschlägt.

An Land war alles sehr enttäuschend. Die Anwohner waren auf den Feldern arbeiten, nur in der Kirche stellte sich uns der Pfaffe in den Weg. Ganz in Schwarz, ein Bär von einem Mann. In der rechten Hand hielt er einen Knüppel, mindestens fünf Fuß messend und aus bestem Eichenholz. Er rief uns etwas zu, aber keiner hörte auf ihn und dann gingen unsere Männer auf ihn los. Einen schlug er noch zu Boden. Kay blieb mit zerschmettertem Schädel liegen. Aber die anderen hatten ihn dann doch recht schnell unter Kontrolle. Ein Schlag mit dem Säbelgriff hinters Ohr ließ ihn ins Reich der Träume senden. Wir fesselten ihn, um ihn aufs Schiff zu bringen. Männer dieser Kategorie ließen sich gut als Sklaven oder Legionäre verkaufen.

Die Beute selbst belief sich auf ein kleines Kreuz vom Altar, vielleicht Silber, und einem Abendmahlsbecher mit einer schönen Verzierung. Also hatten wir nur Lebendbeute gemacht.

Wir brachten alles aufs Schiff, Störtebeker musterte den Pfaffen und fragte ihn, ob er sich uns anschließen wolle. Schließlich wurde er als ein unerschrockener Kämpfer angepriesen. Und Klaus war der Letzte, der sofort nach Strafen rief. Der Pfaffe nickte, dann wurden ihm die Fesseln abgenommen. Im selben Moment schlug er mit der blanken Faust Harm gegen die Stirn, dass dieser tot vor uns niedersank. Wir legten den Gefangenen wieder in Seile und Störtebeker zuckte nur mit den Schultern, was soviel bedeutete wie  macht, was ihr wollt, und ging in seine Kammer. Wir entschieden einstimmig, dass Bestrafung sein müsse. Schließlich gingen schon zwei unserer Kameraden auf sein Konto. Wir entschieden uns für Kielholen, und zwar von Bug nach Heck.

Alles war für die Bestrafung vorbereitet, der Pfaffe an Händen und Beinen gebunden. Bevor wir ihn vom Bug aus ins Wasser ließen, verwünschte er noch alle, die auf diesem Schiff dienten und das Schiff dazu. Auf allen sieben Meeren in Teufels Namen. So stießen wir ihn einfach ohne Seil vom Bug und ließen ihn in Fesseln untergehen.

In der Nacht darauf kam ein Sturm auf. Meterhohe Wellen ließen uns über die See reiten. Am Morgen zeigte sich keine Sonne. Dichter Nebel lag um uns. Von Bug und Heck aus sah man nicht mal mehr den Hauptmast. Die See rollte. Das Wetter hatte schon drei unserer Kameraden gefordert. Wir kämpften gegen Wasser, Sturm, Wellen und der Gefahr über Bord zu gehen. Angst stand jedem ins Gesicht geschrieben.

Der nächste Tag war nicht besser. Nochmals fehlten zwei unserer Kameraden.

Als der dritte Tag ebenfalls keine Besserung versprach, im Gegenteil noch ein richtiger Wirbelsturm über das Schiff tobte und einige Segel zerriss, wurde es auch Störtebeker unheimlich. Er nahm den Fluch des Pfaffen ernst und befürchtete, dass unsere Kameraden Mann bei Mann vom Neptun abgeholt werden würden. Und dies war das erste und einzige Mal, dass ich unseren Kapitän beten sah. Er rief alle Schutzheiligen der Seefahrt zusammen und versprach, nur noch Gutes zu tun, sollte die Mannschaft verschont bleiben. Und siehe da. Als wir die Köpfe hoben, war es still, der Himmel blau, das Meer ruhig. Wir lobten unseren Kapitän und ließen ihn hochleben.

Aber was war das? Am Horizont sah ich ein Schiff, länger und höher was ich je gesehen. Es hatte keine Masten und Segel. Am Bug standen riesige, gleichgroße Kisten. Bunt. Rot. Blau. Braun. Gelb. Ein lautes lang gezogenes Signal war zu hören, dann verschwand das Gebilde in der Ferne.

Uwe zeigte aufgeregt in den Himmel. Über uns flog etwas, das keinem Vogel glich. Groß. Silbern. Ohne erkennbare Bewegung. Aber es zog geradeaus über uns. Und dann kam ein Lärm dazu. Ein gleichmäßiges Dröhnen. Lange noch, auch als das Ding aus der Sicht war. Wir schauten uns alle an und jedem sah man an, dass er Furcht aufkommen ließ.

Störtebeker war still geworden. Er schaute geradeaus Richtung Land. Dort erhoben sich Gebäude. Hoch. Weiß. War das eine Stadt? Wie war sie gebaut? Welche Stadt? Wir schauten mit offenen Mündern in die Richtung. Aus dem dortigen Hafen lief gerade ein Schiff aus. Groß und wuchtig. Es kam direkt auf uns zu. Es kam schnell. Unser Steuermann hatte zu kämpfen, uns aus dem Weg zu lotsen. In zügigem Tempo fuhr es in geringer Entfernung an uns vorbei. Eine schwere Bugwelle vor sich herschiebend, die uns wiederum ins Rollen kommen ließ. Ein lautes Signal ertönte dreimal. Menschen auf diesem Schiff winkten uns zu.

»Was zur Hölle ist das alles?«, fragte Störtebeker. Wir alle waren sprachlos.

Aus Vorsicht kreuzten wir den ganzen Tag in Sicht des Landes und gingen bei Einbruch der Dunkelheit näher um zu ankern. Als wir alle auf Deck zusammen saßen, um zu beratschlagen wie es weitergehen sollte, fiel uns ein Licht auf, das vom Vorsteven kam. Es blinkte in allen Farben und wir gingen vorsichtig hin. Auf dem Balken saß die Meerfee. Keiner hatte sie je gesehen, aber alle wussten, dass es sie gibt und wie sie aussieht.

Sie sah uns an. Ein kleines zartes Geschöpf, langes blondes Haar und ein meergrünes Kleid an. So saß sie auf dem Holz und lächelte uns an.

»Ihr seid hier in der Zukunft«, sprach sie in unsere verblüfften Gesichter. »Es ist heute der 12. Juni des Jahres 2012. 620 Jahre später, als ihr rechnet.«

Störtebeker hatte sich zuerst gefangen und fragte: »Und jetzt? Wie kommen wir zurück? Hat uns der Pfaffe verhext?«

»Ja, der Pfaffe war es. Ihr wisst doch, dass ein Pfaffe nichts auf einem Schiff verloren hat. Er hat euch dies Unglück eines Zeitsprungs im Wirbelsturm herbeigeflucht.« Sie macht eine längere Pause, wobei sie uns der Reihe nach verschmitzt lächelnd anschaut. »Aber ich kann euch helfen, zurückzukommen.«

»Wie? Wir werden alles erfüllen, was in unserer Macht steht!«

»Gut. Zuerst zu dir, Klaus Störtebeker. Man wird dich in absehbarer Zeit verhaften, zum Tode verurteilen und mit deiner Mannschaft zusammen köpfen. Eure Köpfe werden um ein Hafenbecken aufgestellt zur Abschreckung gegen die Piraterie. Jahre später in der Zukunft wird man dein Antlitz neu schaffen, dir die Totenruhe nehmen und dich im Museum ausstellen. Willst du das?

Nun zu dir, Lasse Federson, auch Moses genannt. Du bleibst hier in dieser Zeit. Als lebendes Beispiel, der Piraterie abgeschworen. Als Untoter, Unsterblicher. Du wirst ruhelos von Ort zu Ort ziehen, die einzig wahrhafte Geschichte vom Störtebeker erzählen. Sie werden dich dafür bezahlen, dass du ihnen etwas aus der alten Zeit erzählst, aber keiner wird sie glauben. Dein Leben ist nur Schein. Willst du das?

Wenn ihr beide einverstanden seid mit diesem Los, werdet ihr eure Kameraden retten. Dazu muss ich die Mannschaft warnen. Alle, die mit ihm, Klaus Störtebeker, gehen, werden mit ihm sterben.«

Wir schauen uns beide an, Störtebeker kommt ein sofortiges »Ja« über die Lippen; ich schließe mich an.

Die Meerfee verneigt sich, sagt »So sei es!« und verschwindet.

Mir schwindelt. Ich sehe alles noch verschwommen. Und spüre Sand und Wasser unter mir. Ich wache auf, liege am Strand der Ostsee. Alles ist neu für mich. Ich ziehe ins nächste Dorf, werde als Bettler angesprochen und führe künftig auch dieses Leben. Jemand vergleicht mich mit meinen roten Haaren und dem dichten langen Vollbart mit Klaus Störtebeker und so beginnt meine Geschichte, Geschichte zu werden.

Ich habe vor kurzem meinen Kapitän im Museum in Hamburg besucht. Er ist ihm fast nicht ähnlich.«

Die Anwesenden lachen über meinen Schlusssatz und applaudieren. Einzelne lassen sich von mir ihre Eintrittskarte signieren, bedanken sich und wünschen mir noch viel Erfolg.

Ich gehe.

Und keiner bemerkt, wie ich langsam wieder mit meiner Umgebung eins werde und zu meinen Geistern zurückkehre.

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