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Kürzlich angeschaut und für ... gut ... befunden: Es geschah am hellichten Tag

1Kürzlich angeschaut und für ...
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gut ... befunden
Es geschah am hellichten Tag

Die achtjährige Gretli Moser ist ermordet worden. Der Hausierer Jacquier wird der Tat bezichtigt. Dr. Matthei von der Kripo hält ihn für unschuldig. Seine Kollegen jedoch drängen ihn zu einem Geständnis. Schließlich nimmt er sich das Leben. Matthei bietet seinen Vorgesetzen den Fall noch einmal aufzunehmen. Der lehnt ab.


1Matthei quittiert darauf den Polizeidienst und macht sich auf eigene Faust auf die Suche nach dem brutalen Kindermörder, der bereits zuvor zwei Mädchen getötet hatte.

Matthei mietet eine heruntergekommene Tankstelle und stellt eine junge Frau als Haushälterin an, die eine Tochter im Alter von Gretli Moser hat. Da die Tankstelle an der viel befahrenen Straße von Chur nach Zürich liegt, glaubt Matthei den Mörder in eine Falle locken zu können. Nach Monaten beißt der an, doch die kleine Annemarie gerät in tödliche Gefahr.

Friedrich Dürrenmatt schrieb das Drehbuch aus dem er später den Roman "Das Versprechen" machte. Martin Held sollte zunächst die Hauptrolle spielen, für die Regie war Wolfgang Staudte gesetzt. Doch die Dreharbeiten verschoben sich und so kam es zu Terminproblemen bei Staudte und Held.

Heinz Rühmann wurde als Ersatz gewählt. Er sagte unter der Bedingung zu, daß Hans Jacobi am Drehbuch mitwirkte. Als Regisseur sprang Ladislao Vajda ein, der ebenfalls Hand am Drehbuch anlegte.

Dürrenmatt gefiel das fertige Drehbuch und der Film letztlich nicht so recht. Er wollte eher einen nachdenklichen und verbissenen Helden, der letztlich an sich selbst scheitert. In seinem  Roman "Das Versprechen" gibt es kein Happy-End und der Täter wird nicht gefasst. Anders als in diesem Film. Rühmann spielte eher einen weniger vebissenen, aber wesentlich erfolgreicheren Ermittler, als es Dürremnatt eigentlich vorsah.


2001 gab eine US-Verfilmung mit Jack Nicholson, die sich an die Originalvorlage von "Das Versprechen" hält. Dort also findet sich das Ende so, wie es von Dürrenmatt erdacht wurde. Die Drehbuchfassung von Dürrenmatt gefällt mir deutlich besser.

Alle weiteren Neuverfilmungen erreichen nicht die Klasse dieses Klassikers, der schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Genial in ihrer Darstellung sind Gert Fröbe und Heinz Rühmann. "Es geschah am hellichten Tag" zählt trotz der einfachen Geschichte zu den erfolgreichsten Kriminalfilmen der 50er Jahre und zeigt Heinz Rühmann in einer seiner wenigen ernsteren Rollen.


Es geschah am hellichten Tag
mit Heinz Rühmann, Siegfried Steiner, Gert Fröbe, Siegfried Lowitz u.a.
Regie:
Produktion:
Musik:
D/E/CH 1958/ 94 Minuten

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2014-10-22 10:09
Zitat:
Rühmann spielte eher einen weniger vebissenen, aber wesentlich erfolgreicheren Ermittler, als es Dürremnatt eigentlich vorsah.
Ich kenne das Buch nicht, aber 58 seinen Beamtenjob an den Nagel zu hängen und das Kind seiner Haushälterin Köder für einen Triebtäter spielen zu lassen ist doch eigentlich verbissen genug für eine Handlung ;-)

Trotzdem ist das ein mutiger Film, auch wenn er sich um viele Aspekte des Verbrechens herummogelt. Aber so etwas mit sexueller Gewalt an Kindern konnte man damals nicht öffentlich thematisieren.

Was - für mich - interessant ist, wie sich das Bild von Dingen verändert. Damals war Fröbe als der fette, sabbernde Onkel, der mit einer Tüte Bonbons das Kind in den Wald lockt, ein echt gruseliges Bild, das dem Problem ein Gesicht verlieh. (Es war fraglos sehr mutig von Fröbe, diese Rolle zu spielen. Zur Entstehungszeit hat die Öffentlichkeit ihren Schauspielern die ihrer Ansicht nach "falschen" Rollen ja unter Umständen sehr übelgenommen. Man erinnere sich an Karlheinz Böhm.)

Heutzutage ist es völlig irreführend und lenkt vom eigentlichen hauptsächlichen Täterkreis ab.
#2 Kerstin 2014-10-22 12:22
Zitat:

"Heutzutage ist es völlig irreführend und lenkt vom eigentlichen hauptsächlichen Täterkreis ab."

Die meisten Täter, die sich an Kindern vergehen, kommen aus dem unmittelbaren Umfeld, der Familie, der Nachbarschaft und dem Freundeskreis. Und noch heute ist es verdammt schwer, das zu kommunizieren, weil die Mehrheit dieses enge Umfeld eines Kindes unbedingt als heile Welt sehen will. Das macht es für die Opfer dann nur noch schwerer, über den Vorfall zu sprechen und ihn aufzuarbeiten. Statt dessen werden sie nur als Nestbeschmutzer und Lügner beschimpft.(Ja, ich weiß, dass diese zwei Vorwürfe sich widersprechen, aber genau das sagen die oberschlauen Sittenwächter dann.)

In den 50er Jahren hätte man bestimmt keinen Film drehen können, in dem ein Kind von Vater, Stiefvater oder Onkel missbraucht wird. Und ob ein Verlag selbst von Dürrenmatt so ein Manuskript angenommen hätte, bezweifele ich. Da hätte doch bestimmt einer gesagt: "Schön geschrieben, meinetwegen lassen Sie auch den Verdacht gegen den eigenen Onkel drin, aber das Ende müssen Sie noch mal umschreiben. So geht das nicht. Der tatsächliche Bösewicht muss doch ein Fremder sein."
#3 Andreas Decker 2014-10-22 15:21
zitiere Kerstin:
Und ob ein Verlag selbst von Dürrenmatt so ein Manuskript angenommen hätte, bezweifele ich. Da hätte doch bestimmt einer gesagt: "Schön geschrieben, meinetwegen lassen Sie auch den Verdacht gegen den eigenen Onkel drin, aber das Ende müssen Sie noch mal umschreiben. So geht das nicht. Der tatsächliche Bösewicht muss doch ein Fremder sein."


Ach, gerade Leute wie Dürrenmatt, der ja zig Preise gewonnen hatte und als kultureller Vorzeigedramatiker galt, als so etwas noch Wert hatte, hatten da schon mehr Gewicht als ein Jerry Cotton-Schreiber. Es ist eher zu bezweifeln, ob sich seine Ideen überhaupt in die Richtung Missbrauch entwickelt hätten oder ob das mit dem "Kindermord" als Codewort für das erwachsene Publikum bereits reichte.

Man unterstellt dieser Generation ja gern und schnell, dass sie so viele Dinge grundsätzlich unter den Teppich gekehrt hat, andererseits gibt es nichts Neues unter der Sonne und das "stillschweigende Übereinkommen" war weitaus ausgeprägter als heute.

Im Krimi konnte man solche Tabus noch am Ehesten brechen. Andererseits ist man heute so sensibilisiert, dass man nur staunen kann, mit welchem Unverständnis gerade die Herren Autoren von Trivialkultur zb das Thema Vergewaltigung locker und flockig abgehandelt haben. Selbst bei jugendgeschützten Verlagen wie Bastei, Pabel oder Kelter findet sich da Material, das heute in dieser Form eher undenkbar wäre. Aber damals galt das halt nicht anstößig.
#4 G. Walt 2014-10-22 16:27
In dem klassichen Krimi geht es ja ehe rum Morde aus Eifersucht, Rache, Geldgier oder Ähnliches. Kindermorde werden selten thematisiert. Dabei sind sie am realistischsten (leider). Man mus ssich da nur mal eine Ausgabe von Aktenzeichen XY anschauen. Auch das Sexualdelikt ist recht häufig. Im vorliegenden Film heißt es übrigens das man das Kind nicht vergewaltigt hat, sondern das der Mörder aus reinem Frauenhass handelt. Das widerum wäre sehr unrealistisch.
#5 Kerstin 2014-10-22 16:45
Zitat:

"Im vorliegenden Film heißt es übrigens, dass man das Kind nicht vergewaltigt hat, sondern dass der Mörder aus reinem Frauenhass handelt. Das widerum wäre sehr unrealistisch."

Bei Missbrauch und Vergewaltigung geht es weniger um sexuelle Triebe, sondern um Machtausübung.

Der Mörder im Film (Buch habe ich nicht gelesen) ist seiner Frau total unterlegen, er hat nichts zu melden und nicht mal die Kinder sind seine, sondern stammen aus ihrer ersten Ehe. Sie keift, demütigt ihn und hält ihn unter dem Pantoffel. Daraus ist ja angeblich der Frauenhass entstanden (meiner Meinung nach muss er schon vorher einen Knacks gehabt haben, sonst würde er sich das nicht gefallen lassen, auch nicht für ihr Geld) und bei den kleinen Mädchen kann er sich überlegen fühlen und an ihnen stellvertretend Rache nehmen.

Ob nun Vergewaltigung oder nicht, er vergreift sich an den Kindern, um sein Versagen in der Ehe und der realen Welt zu kompensieren: ein sehr häufiges Vergehen von Versagern, die sich noch Schwächere suchen, um diese in der einen oder anderen Weise zu quälen. Sogar das Mobbing auf dem Schulhof geht darauf zurück.
#6 G. Walt 2014-10-22 17:03
... dann müssten die Opfer aber nicht zwangsläufig nur Mädchen eines Typs und eines bestimmten Alters sein ... Das war der kleine Widerspruch.
#7 Andreas Decker 2014-10-22 17:15
zitiere G. Walt:
In dem klassichen Krimi geht es ja ehe rum Morde aus Eifersucht, Rache, Geldgier oder Ähnliches. Kindermorde werden selten thematisiert. Dabei sind sie am realistischsten (leider). Man mus ssich da nur mal eine Ausgabe von Aktenzeichen XY anschauen. Auch das Sexualdelikt ist recht häufig. Im vorliegenden Film heißt es übrigens das man das Kind nicht vergewaltigt hat, sondern das der Mörder aus reinem Frauenhass handelt. Das widerum wäre sehr unrealistisch.


In der Tat. Das wusste ich gar nicht mehr, dass da im Film so genau darauf eingegangen wird. Klingt aber eher merkwürdig. Sind doch eigentlich ganz unterschiedliche Fixierungen, die hier dann vermengt werden.

Na ja, entweder ist die Psychologie heute weiter oder man hat zu viele Krimis gesehen, wo es ja nichts anderes mehr gibt und man dem Zuschauer das Halbwissen und die Küchenpsychologie um die Ohren haut. Glaube nie einem Drehbuchautor :lol:

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