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... Michelle Raven über Romantic, Thrill und das Genre

Michelle Raven ... Michelle Raven über Romantic, Thrill und das Genre

Auf Ihrer Facebook-Seite schreibt Michelle Raven über sich: »Ich stamme aus Hannover und arbeite derzeit als Bibliotheksleiterin in Niedersachsen. 2002 veröffentlichte ich meinen ersten Roman. Ich habe in diversen Bibliotheken in Hannover und Köln, sowie der Library of Congress in Washington, D. C. gearbeitet und recherchiere die Schauplätze meiner Bücher vor Ort im Westen der USA.«

Michelle Raven schreibt Liebesromane und ist da auch preisgekrönt. Dazu kombiniert sie für Lyx Liebes- und Spannungsroman. Über den »Romantic Thriller« an sich haben wir uns mal unterhalten...

 

Zauberspiegel: Romantic Thriller? Dat ist doch was Amerikanisches. Da stellen wir uns mal ganz dumm. Wat ist denn dat genau? Kannst Du uns einen kurzen Überblick geben?
Michelle Raven: Das Genre Romantic Suspense (von deutschen Verlagen teilweise Romantik Thriller, Ladythriller oder jetzt eben Romantic Thrill genannt)  kommt tatsächlich aus den USA und erfreut sich dort nach wie vor großer Beliebtheit. Wie der Name schon sagt, handelt es sich dabei um eine Mischung aus Spannungsroman und Liebesgeschichte. Wobei sowohl die Spannungshandlung als auch der Liebeshandlung jeweils nicht nur eine Zugabe darstellen sollten, sondern beide so miteinander verflochten sind, dass sie ohne die andere gar nicht funktionieren würden, und dabei eine überzeugende Geschichte entsteht. Es gibt verschiedene Ausprägungen, mal hat die Liebesgeschichte einen höheren Stellenwert und mal der Thriller, aber am schönsten finde ich persönlich es, wenn sich beide die Waage halten. Da die überwiegende Leserschaft dieser Romane aus dem Bereich Liebesroman kommt, sollte auch bei einem Romantic Thrill-Roman das Happy End nicht fehlen (egal wie viele Leichen sich zwischendurch aufgetürmt haben). Eine ausführliche Erklärung zu Romantic Suspense habe ich in einem Artikel für den Loveletter aus dem Jahr 2005 zusammengefasst.

Zauberspiegel: Wie ›amerikanisch‹ muss man sein, um Romantic-Thriller schreiben zu können? Und wie definiert sich dann dieses ›Amerikanisch‹?
Michelle Raven: Da ich als deutsche Autorin diese Romane schreibe, meines Wissens keine Vorfahren in den USA habe und dort auch nicht aufgewachsen bin, würde ich sagen: man braucht nicht amerikanisch zu sein. Allerdings war ich schon oft in den USA und ich denke, man sollte schon eine gewisse Neigung dazu haben und natürlich das Wissen über Land und Leute besitzen, wenn man Geschichten schreibt, die dort spielen. Wobei ein Romantic Thrill selbstverständlich auch in einem ganz anderen Land spielen kann. Was meines Erachtens viel wichtiger ist, ist der Schreibstil. Der sollte tatsächlich amerikanisch sein, denn sonst funktioniert so ein Roman nicht. Mit ‚amerikanisch’ meine ich in dem Fall spannend, mitreißend und trotzdem locker. Die Leser sollten gleich am Anfang in die Geschichte hineingeworfen werden und möglichst sofort mit den Charakteren mitfiebern können.

Zauberspiegel: Wie viele deutsche Romantic-Thriller AutorInnen gibt es? Das meiste was hier unter dem Label erscheint dürften doch US-Importe sein?
Michelle Raven: Seit ich 2002 mein erstes Buch veröffentlicht habe, bin ich mehr oder weniger die einzige deutsche Romantic Thrill-Autorin. Der überwiegende Teil der Romane in dem Bereich sind Lizenzen aus den USA. Ich habe den Eindruck, dass sich die deutschen Autoren nicht so ganz an das Genre herantrauen, vielleicht weil sie denken, dass Geschichten die in Deutschland oder Europa spielen bei den Lesern nicht so gut ankommen werden (ich kann übrigens auch nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es so ist, es könnte aber sein). Oder sie haben Angst, nicht beiden Teilen, also Thriller und Liebesroman, gerecht zu werden. Allgemein ist alles was mit Liebe zu tun hat bei vielen deutschen Autoren und auch Lesern verpönt, das könnte auch ein Grund sein. In den USA geht es da doch etwas offener zu.

Zauberspiegel: Die letzte Frage führt zu der Frage: Wie kommen Sie an das Genre? Gab es Schwierigkeiten, Romane zu veröffentlichen?
Michelle Raven: Als ich 1999 mit dem Schreiben begonnen habe, gab es für mich überhaupt keine Frage, welches Genre es sein sollte. Ich habe Romantic Suspense immer gerne gelesen und die Geschichte, die mir aus heiterem Himmel einfiel, war deshalb auch eine Mischung aus Liebesgeschichte und Thriller. Zuerst hatte ich tatsächlich keinerlei Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden (ich habe allerdings auch gar keinen gesucht), gleich meine erste Geschichte wurde beim Bertelsmann Club angenommen. Nach einigen Büchern musste ich aber feststellen, dass viele der großen deutschen Verlage ein Problem damit haben, wenn eine deutsche Autorin über Amerika schreibt. Und dann auch noch in einem Genre, das hierzulande nicht wirklich bekannt war. Leider muss ich sagen, dass sich diese Einstellung bei den meisten anscheinend immer noch nicht wirklich geändert hat. (Falls doch, lasse ich mich gerne belehren.) Glücklicherweise habe ich mit Lyx einen Verlag gefunden, der da keinerlei Berührungsängste hat.

Zauberspiegel: Wo liegt der Schwerpunkt bei einem Romantic Thriller? Auf Romantic oder Thrill?
Michelle Raven: Es sollte eine gesunde Mischung sein, am besten 50% Liebe - 50% Thrill. Wichtig ist dabei für mich, dass sowohl die Spannungshandlung als auch die Liebeshandlung jeweils nicht nur Zugabe darstellen, sondern beide so miteinander verflochten sind, dass sie ohne die andere gar nicht funktionieren würden, und dabei eine überzeugende Geschichte entsteht. Als Leserin mag ich am liebsten eben diese Mischung oder auch ein wenig mehr Thrill. Zu viel Liebe dagegen funktioniert für mich in den meisten Fällen nicht, weil dann die Spannung mehr wie eine Nebenhandlung wirkt, nicht wie ein wichtiger Bestandteil der Geschichte.

Zauberspiegel: Was braucht ein guter Romantic Thriller? Welche Elemente müssen vorhanden sein, dass der Roman als Romantic Thriller funktioniert?
Michelle Raven: So generell kann ich das gar nicht sagen. Auf jeden Fall müssen sowohl die Spannungshandlung als auch die Liebeshandlung in sich stimmig und in ihrer Verbindung glaubwürdig sein. Die Leser müssen mit den Hauptpersonen mitfiebern können. Die Spannung muss so angelegt sein, dass sie die Hauptpersonen bedroht und nur von ihnen zusammen gelöst werden kann (meist indem einer von beiden oder beide zusammen in Gefahr geraten und sich gerade noch retten können). Die Gefühle sollten echt herüberkommen, nicht zu kitschig, aber auch nicht zu sparsam gezeichnet. Und dann wäre da noch der Sex …

Zauberspiegel: Was ist der ideale Schauplatz für einen Roman dieses Genres?
Michelle Raven: Das können ganz verschiedene Schauplätze sein, es gibt nicht einen idealen. Es kommt immer ganz auf die Art der Geschichte an. Es gibt Romane, die spielen fast die ganze Zeit nur in einer Hütte, es gibt andere, wo die Protagonisten sich Verfolgungsjagden mit den Antagonisten liefern. Es gibt welche in Schnee und Eis. Es gibt welche auf einer tropischen Insel. Oder im Dschungel. Viele der Romane spielen in den USA, was durch die amerikanischen Autoren bedingt ist, die gerne ihre Geschichten im eigenen Land spielen lassen, aber es gibt auch welche, die in Europa, Kanada, Australien oder auch Afrika spielen.

Zauberspiegel: Sind die Schlösser, Burgen und Steinkreise der britischen Inseln nicht wesentlich romantischer als der amerikanische Kontinent und eignen sich daher besser als Schauplatz?
Michelle Raven: Da die Romane des Genres in der heutigen Zeit angesiedelt sind, wären die Schlösser Englands wohl nicht so geeignet. Was nicht heißt, dass dort nicht auch mal ein Romantic Thrill spielen könnte, aber in der Masse sicher nicht. Ich kann natürlich nicht für die anderen Autoren sprechen, aber ich persönlich mag besonders die Weite der amerikanischen Landschaft, die Wüsten und Wälder. Die Tatsache, dass man eben nicht nach einem kurzen Fußmarsch wieder in der Zivilisation ist. Außerdem ziehe ich die Natur bei weitem den Städten vor – das ist allerdings nur meine Marotte. Vor allem mag ich Gegensätze, d.h. ich brauche keine romantische Umgebung, um über Liebe zu berichten, sondern finde es gerade spannend, das in eher ungeeigneten Gegenden zu tun.

Zauberspiegel: Muss es ein »Happy End« geben oder darf es auch mal tragisch mit dem Tod eines Protagonisten ausgehen?
Michelle Raven: Nein, nein, nein! Kein toter Protagonist in einem Romantic Thrill, das geht gar nicht. Was nicht heißt, dass nicht nette Nebenfiguren sterben können. Aber das Hauptpaar muss überleben und sei es auch mit schwersten Verletzungen.

Zauberspiegel: Wer ist denn in der Regel der Held? Die Frau oder der Mann?
Michelle Raven: Das ist unterschiedlich, aber die größtenteils weibliche Leserschaft liebt natürlich starke, heldenhafte Männer. Die Frauen sollten aber auch keine Fußmatten sein und vor allem nicht TSTL (too stupid to live), was früher öfter mal vorkam. Inzwischen gibt es auch richtige Kick-Ass-Heldinnen. Ich nehme immer gerne starke Heldinnen, die nicht einem weiblichen Rambo ähneln, aber bereit sind, alles zu tun, um ihr Leben und manchmal auch das des Helden zu retten.

Zauberspiegel: Wie ist das Rollenbild in den Romanen? Haben Alice Schwarzer und die Feministinnen Jahrzehnte umsonst um Emanzipation gerungen?
Michelle Raven: Nein, absolut nicht. Ich glaube, in den Romanen fragt heutzutage gar keiner mehr, was Frauen alles können oder dürfen – sie tun es einfach. Die meisten Heldinnen sind absolut emanzipiert und wissen was sie wollen.

Zauberspiegel: Wie ist der Bösewicht gestrickt? Kann und darf der Übeltäter/die Übeltätrin auch Teil der Romanze sein, sprich eine Dreiecksgeschichte?
Michelle Raven: Das kann ich mir jetzt gerade nicht so richtig vorstellen. Aber ich glaube nicht, dass es bei den Leserinnen gut ankommt, wenn der Bösewicht der Liebhaber der Heldin wäre (Ex-Mann oder –Freund geht natürlich). Außerdem steht die Paarung meist relativ schnell fest, nur selten muss sich eine Heldin zwischen zwei Männern entscheiden. Der Bösewicht kann alles mögliche sein, Hauptsache er macht den Protagonisten ordentlich das Leben schwer. Auch die Motivation kann ganz unterschiedlich sein. Es war sogar in einem Romantic Thrill, wo ich den fiesesten aller Bösewichte gefunden habe (The perfect husband – Lisa Gardner).

Zauberspiegel: Wie detailliert dürfen Beschreibungen von Gewalt und Sex sein? Und wie groß ist überhaupt der sinnvolle Anteil von Gewalt bei einem romantischen Thriller?
Michelle Raven: Das ist sehr unterschiedlich. Bei manchen Romanen, die eher in Richtung Liebesroman tendieren sind meist die Bösewichte nicht wirklich so schreckenerregend. In anderen dagegen gibt es einen Serienkiller, der während der Geschichte unzählige Leute meuchelt. Aber auch da kommt es auf die Art der Beschreibung an. Zwar werden die Taten gezeigt, aber meist ist das dann deutlich weniger Blut spritzend als in einigen der heutigen Thriller. Der Sex dagegen darf sehr detailliert beschrieben sein, das ist von den meisten Lesern gewünscht. Allerdings muss man auch hier eine Linie ziehen: zuviel Sex in einem Romantic Thrill wäre dann eher ein Erotischer Thriller. Ideal sind zwei bis drei schöne Liebesszenen, bei denen vor allem auch die Gefühle rüberkommen sollten.

Zauberspiegel: Wer soll diese Romane lesen?
Michelle Raven: Möglichst jeder. Wink Zumindest jeder, der gerne mit Spannung und Gefühl unterhalten wird. Wer ein Problem mit zu viel Romantik oder zu detaillierten Sexszenen hat, sollte vermutlich eine andere Lektüre suchen. Ansonsten: einfach ausprobieren!

Zauberspiegel: Besten Dank für das Interview. Wir begegnen uns wieder, wenn es um einen konkreten Ghostwalker-Roman von Ihnen geht.
Michelle Raven: Bitte, gerne. Bis zum  nächsten Mal!

Kommentare  

#1 Gerd 2010-12-15 09:32
Na ja die romane sind nun mal nicht für jeden sondern für Liebesromanleserinnen, die auch mal etwas Spannung wollen. Es sind nun mal echte Liebesromane, mit entsprechender Erotik und Helden, und hier dann auch mit etwas Spannung versheen. Für männliche Leser ist das nicht konzipiert.
Leider stehen Michelles Romane denen ihrer amerikanischen Kolleginnen in vielem nach; letzt genannte "können" es einfach, Michelle eher leider nciht so da sie den typisch amerikanischen Ton nicht trifft.
#2 Advok 2010-12-15 13:50
Eine Anmerkung zu Gerds Kommentar (ohne dass ich jetzt die Romane kenne):
Die Aussage, den typisch amerikanischen Ton nicht zu treffen finde ich jetzt (wie gesagt, ohne jede sonstigen Kenntnisse zu diesem Genre) eher interessant und ansprechend. So wird das ganze doch vielfältiger, oder?
#3 Bettina.v.A. 2010-12-15 14:01
Damit (also mit dem Interview) ist für mich die Frage, was nun eigentlich "typisch amerikanischer Ton" ist, noch immer nicht beantwortet. Abgesehen davon, dass ich die Aussage, sie sei die Einzige, auch schon reichlich ... vermessen finde.
#4 Benrd 2010-12-15 15:09
Die Autoren ist halt Delia-geschädigt. Die haben da alle so ein paar Komplexe in dem Verein. Da muss man sich dann halt toll darstellen. Die haben da auch immer alle so einen Drang schön darzustellen nach außen wie hart sie doch arbeiten und "was darf, was nicht darf" in den Romanen (wie hier die Sache mit der Frage nach Happy End und so). Vergessen dabei immer dass die Romane, die irklich unvergessen bleiben, sich nicht immer nur an irgendwelche angeblichen Regeln halten. Denn die Wichtigste "Regel" ist doch die: Ein Autor darf alles, denn er ist der Schöpfer des Romans...
#5 McEL 2010-12-15 17:46
Zitat:
Nach einigen Büchern musste ich aber feststellen, dass viele der großen deutschen Verlage ein Problem damit haben, wenn eine deutsche Autorin über Amerika schreibt.
Ja, dieses Vorurteil existiert, um nicht zu sagen, es "grassiert". Als deutsche/r Autor/in muss man sich "rechtfertigen", wenn man einen Roman in den USA spielen lässt = erklären, welche "Kompetenz" man denn hat, um darüber schreiben zu "können" (z. B. oft dort gewesen/gelebt/gearbeitet etc.). Dabei kennt der/die deutsche Durchschnittsleser/in die USA in der Regel auch nur aus den bekannten Filmserien und Büchern amerikanischer Autor/innen, weil nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Leserschaft die USA aus eigener Erfahrung kennt.

Zitat:
Abgesehen davon, dass ich die Aussage, sie sei die Einzige, auch schon reichlich ? vermessen finde.
Ich auch! Allein im Sieben-Verlag tummeln sich etliche (deutsche) Autorinnen, deren Romane ich zweifelsfrei als Romantic Thriller einordnen würde, obwohl sie bei Sieben als "Dark Romance" firmieren.

Und was den "typisch amerikanischen Ton" betrifft: Ich behaupte, den gibt es so gar nicht. Ich lese die meisten Bücher amerikanischer Autor/innen ausschließlich im englischsprachigen Original (die Übersetzungen sind mir oft zu grauenhaft!) und finde, dass die Leute genauso unterschiedliche Stile pflegen wie deutsche Autor/innen. Wenn ich die (Krimis/Thriller) von z. B. Patricia Cornwell, Jeffrey Deaver und James Patterson mit einander auf "amerikanischen Ton" hin vergleiche, so komme ich zu dem Schluss, dass das einzig "typisch" Amerikanische an ihnen die Tatsache ist, dass die Handlungen in den USA angesiedelt und die Protagonisten Amerikaner sind. Vom "Ton" = Stil her sind sie komplett unterschiedlich, obwohl sie im selben Genre schreiben.

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