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... Andreas Gößling über »Lichtich«, »Dunkeldu« und Traditionslinien

Andreas Gößling ...Andreas Gößling über »Lichtich«, »Dunkeldu« und Traditionslinien

Andreas Gößling wurde 1958 geboren, ist Südhesse und teilt die Heimatstadt Gelnhausen mit dem bekannten 400-m-Hürdenläufer Harald Schmid. Andreas Gößling lief und hüpfte nicht über die Tartanbahnen der Welt. Er studierte Deutsche Literaturwissenschaft, Publizistik und Politikwissenschaft und macht seinen Dr. phil über Thomas Bernhard bzw. dessen Romane.

Seit Jahren publiziert er genreübergreifende Romane und sein neuester Streich »Der Ruf der Schlange« (Hobbit Presse) führt ihn zur Fantasy. Ein guter Grund, ihn mal zu befragen...
  

Der Ruf der SchlangeZauberspiegel: Herr Gößling. Sie haben mit »Der Ruf der Schlange« einen der ungewöhnlichsten und interessantesten Fantasyromane des Herbstes vorgelegt. Er weicht von gewohnten Konventionen ab.
Da stellt sich mir als erstes die Frage: In welcher Beziehung stehen Sie zum Genre Fantasy? Sprich: Haben Sie sich von gängigen Konventionen bewusst abgegrenzt oder kannten Sie die womöglich gar nicht?

Andreas Gößling: Das Lob eines so kompetenten Kritikers mundet mir wie Purpurinennektar. Ich bin bestimmt kein großer Kenner des Fantasy-Genres, aber Klassiker wie den „Herrn der Ringe“ kenne ich natürlich auch. Einige für mich vielleicht noch wichtigere Traditionslinien sind die ältere deutschsprachige Fantastik – etwa Gustav Meyrink oder auch Leo Perutz;  noch etwas weiter zurück außerdem die so genannte Schauerromantik, die gothic novel, zu der ich als späte Blüte auch Lovecrafts Dark-Fantasy-Universen zählen würde. Auch VanderMeers Ambra-Prosa spielte für mich bei der Kreation meiner Romanwelt eine gewisse Rolle. Insgesamt also ein ziemlich breites Spektrum – und dabei habe ich außerfantastische Einflüsse noch gar nicht erwähnt.

Zauberspiegel: Was ist für Sie Fantasy? Und wie sind Sie zu dem Genre gekommen?
Andreas Gößling: Fantasy im engeren Sinn des Genres habe ich bis jetzt nur im Umfang von Erzählungen geschrieben. Wenn ich mich in ein Roman-Genre begebe, läuft es eigentlich jedes Mal darauf hinaus, dass ich die jeweiligen Grenzen überschreite. Schon mein Roman-Erstling „Irrlauf“, bereits Anfang der 1990er erschienen, war ein realistischer Thriller mit fantastischem Drall. Meine historischen Romane haben alle einen mehr oder weniger starken magisch-fantastischen Einschlag – das gilt nicht erst für „Faust, der Magier“ (2007) oder den zweibändigen Jugendroman „Opus“, der dieses Jahr bei Boje erschienen ist. In diesen Romanen habe ich „reale“ historische Welten um fantastische Komponenten angereichert. Im „Ruf der Schlange“ habe ich umgekehrt eine fantastische Welt mit einer historischen und pseudo-realistischen Dimension versehen. Damit verfolge ich aber nicht etwa ein Programm. Unsere Welt und mein eigenes Erleben sind eben in diesem Sinn bipolar: real-rational und fantastisch-magisch zugleich.

Zauberspiegel: Das Setting des Romans möchte ich mal ›Post-Steampunk‹ nennen. Eine Welt nach den Maschinen, in der die Magie regiert.
Wie bewusst ist dieses Szenario, das sich ja von den bekannten Fantasykulissen mit einer Art ›hollywoodartigen‹ Mittelalter deutlich unterscheidet, gewählt? Bei anderen (konventionellen) Welten ist die Herkunft klar. Aber bei Ihnen hoffe ich, dass Sie uns einen Einblick in das Entstehen ›ihrer‹ Welt geben?

Andreas Gößling: Alles begann mit einem Traumbild: Die Wirbelsäule einschließlich Stammhirn als verzauberte, versklavte Schlange. Andere begeben sich nach so einem Traum in eine Nervenkurklinik oder gründen eine esoterische Sekte – ich habe lieber ein Exposee daraus entwickelt. So entstand die Roman-Idee: ein Schöpfungszauber, durch den die heutigen Kreaturen einschließlich des Menschen entstanden sind – und der sich natürlich auch wieder umkehren lässt, wenn jemand die alten magischen Glyphen entziffern kann. Von hier bis zum Thriller-Plot ist es nur noch ein kleiner Schritt: Wer diesen Umkehrzauber beherrscht, besitzt ein enormes Erpressungspotenzial – er ist so etwas wie ein magischer Superterrorist.
Anfangs hatte ich darüber nachgedacht, diesen „magischen Thriller“ im heutigen Berlin spielen zu lassen – analog zu Lukjanenkos magischem Moskau in den „Wächter“-Romanen. Aber dann wurde ziemlich schnell klar, dass Berlin – oder eigentliche jede heutige westliche Großstadt – so ziemlich das Gegenteil eines magischen Ortes ist. Viel zu banal und nüchtern einerseits, andererseits von werbeästhetischer Pseudomagie durchseucht. Ich hätte es im Roman also dauernd mit diesem doppelten Verdacht zu tun gehabt: Magie gibt’s doch gar nicht. Und: Es gibt sie – aber als faulen Zauber.
Also hieß die logische Folge: Weg mit Berlin. Raus aus der Realität, sei es die jetzige oder eine historische. Was ich brauchte, war ja eine Welt, in der Magie zwar glaubwürdig vorkommen konnte, aber doch kein selbstverständlicher, allgemein akzeptierter Bestandteil (mehr) war. Diese Welt musste ich kreieren, da es sie so, wie ich sie brauchte, nie gegeben hat; andererseits gab es durchaus ein historisches Vorbild, aus dem ich die eine oder andere Komponente adaptieren konnte, zumal ich mich gerade mit dieser Epoche ausführlich beschäftigt und eine ganze Reihe von Romanen zu dieser Zeit geschrieben habe: die Umbruchzeit um 1500 in Europa, also zwischen Mittelalter und Renaissance; die Zeit von Dürer, Luther, Paracelsus – und dem berühmt-berüchtigten Faust.
Ich habe das Ganze also nicht von den Genres her komponiert – ausgehend etwa von der Idee, welches Crossover es vielleicht noch nicht gegeben hat –, sondern mich einfach von der Frage leiten lassen, in welcher fiktiven Umgebung sich meine Schlangenzaubergeschichte glaubhaft erzählen lässt. Die Zeit um 1500 war auch in der damaligen Realität durch genau diesen Konflikt zwischen rationalem und magischem Denken geprägt. Paracelsus heilte seine Patienten teilweise noch mit „magischen Rezepturen“; gleichzeitig ist es die Epoche von Leonardo Vinci und vielen anderen Vordenkern der Natur- und Ingenieurswissenschaften. Wenn man einige der Schieß-, Fahr- und Flugapparate, die damals auf dem Papier bereits erfunden waren, in der spätmittelalterlichen Realität vorkommen lässt, dann hat man zumindest in einigen Grundzügen schon die Welt meines Dunibischen Königreichs im 8. Jahrhundert nach der Flut.

Andreas Gößling 2010 auf der Buchmesse Franktfurt Zauberspiegel: Manche Muster entstammen dem Thriller. Da sind der Serienkiller und sein Jäger. Wie schwer ist es derartige Muster in das Fantasygenre zu transponieren? Worauf haben Sie geachtet?
Andreas Gößling: Schon bevor mir die Idee mit dem Schlangenzauber von Naxoda kam, hatte ich angefangen, über die Figur eines Ermittlers oder Agenten mit magischen Fähigkeiten nachzudenken. Eben eines solchen Detektivs wie Samu Rabov, der bei seltsamen Verbrechen ermittelt, die es eigentlich nicht geben kann oder für die es jedenfalls keine konventionelle Erklärung gibt. Der Detektiv sollte herkömmliche Ermittlungsmethoden mit Magie kombinieren, also die beiden Seiten, um deren Mit- und Gegeneinander es mir letzten Endes immer geht. Ratio und Fantasie, Logik und Traum, Kausaldenken und Magie, „Lichtich und Dunkeldu“. Und als ich den Naxoda-Plot entwickelte, wurde mir ziemlich schnell klar, dass jetzt die große Stunde für meinen magischen Ermittler geschlagen hatte. Probleme bei der Kombination von Fantasy und Thriller habe ich nicht wahrgenommen – ich sehe das Ganze wie gesagt mehr in der Tradition der Prager Fantastik – Perutz u.a. –, und dort hat es derlei Grenzüberschreitungen ja häufig gegeben. Oder denken Sie an Lovecrafts verrückte Wissenschaftler und einzelgängerische Magie-Tüftler – das sind gewissermaßen auch Ermittler in fantastischen Welten.

Zauberspiegel: Die Frage drängt sich auf: Werden Sie ›ihre‹ Welt in weiteren Romanen erkunden und werden wir dabei Leuten wie Rabov wieder begegnen? Kurzum: Gibt es bereits Pläne für Fortsetzungen?
Andreas Gößling: Es gibt in der Tat Pläne. Ein weiterer „mysteriöser Fall“ für Samu Rabov ist ebenso denkbar wie eine weitgehend davon unabhängige Geschichte. Für beides habe ich schon die eine oder andere Idee.

Zauberspiegel: Sie legen die Sprache der Bewohner Phoras und der Welt sehr modern an. Bisher galt es in der fantasy als Prinzip Begriffe wie Geheimpolizei  zu verbrämen oder blumig zu umschreiben. Sie nennen Dinge oft beim Namen. Wie muss Ihrer Ansicht nach die Sprache in einem Fantasyroman beschaffen sein? Gibt es da so was wie ein »Richtig« oder »Falsch« überhaupt?
Andreas Gößling: Es gibt sicherlich Lesererwartungen, aber die ändern sich ja auch und lassen sich teilweise durch neue, überzeugend umgesetzte Ideen ändern oder jedenfalls erweitern. Da mein Roman eine moderne oder zumindest neuzeitliche Komponente hat, wäre es seltsam gewesen, wenn die Figuren alle ungebrochen wie in den Pseudo-Mittelalterwelten vieler herkömmlicher Fantasy-Romane gesprochen hätten. Es ist eine Welt im Umbruch – und das schlägt sich auch in der Sprache nieder, die teilweise noch vortechnisch ist, aber gleichzeitig in der Lage sein muss, technische Neuerungen und neuartige Denkweisen zu artikulieren.

Zauberspiegel: Wie entstehen Ihre Charaktere? Können Sie uns am Beispiel Rabovs einmal schildern? Wie entwickelt man einen Geheimpolizisten in einer Fantasywelt?
Andreas Gößling: Über diese Figur hatte ich wie gesagt schon eine Weile vor dem aktuellen Projekt immer wieder mal nachgedacht. Rabovs wesentliche Charakterzüge ergeben sich, finde ich, aus seiner speziellen „Bipolarität“, im Roman genannt „Lichtich“ und „Dunkeldu“. Rabov hat – wie ursprünglich jeder – zwei Persönlichkeitsseiten; nur hat er seine magische Seite erhalten und weiterentwickelt, während sie bei den meisten Menschen mit dem „Vernünftigwerden“ verloren geht – nicht nur bei den Dunibiern übrigens.

Zauberspiegel: Besten Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg.
Andreas Gößling: Vielen Dank.

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